Ausgabe 
20.1.1913
 
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ivinb dahin ich in der Mitte, Despienne zu meiner Rechten, und Tremean, als der Schwerste von uns, ein wenig zurück.' Der Tausend, wie flogen wir dahin! Laut dröhnend schlugen die zwölf Hufe auf der festen, ebenen Straße aus; Meile um Meile nichts als schwarze Schatten und Streifen silbernen Mionden- fcheins; vor uns unsre eigenen Schatten, hinter ung dichte Staubwolken. Wir hörten, wie in den Hütten, an denen wir vorüberdonnerten, knarrend Riegel zurückgeschoben und Fenster­läden aufgerisfen wurden, aber ehe die Leute sich recht besinnen tonnten, waren wir schon weit davon.

Es war schon Mitternacht, als wir nach Corbail hinein- rasten, aber doch bemerkten wir einen Stallburschen, welcher, zwei Eimer in den Händen, nach« Wasser ging.

Drei Reiter?" keuchte ich ihn an,durchgeritten?"

Hab' eben ihre Pferde getränkt; sollte meinen"

Weiter, weiter, meine Freunde!" Und fort gings, daß das Pflaster Funken fprühte. Ein Gendarm wollte uns anhalten, aber seine Stimme verhallte in dem Gerassel und Geklapper. Jetzt lag die Häuserreihe hinter uns, und wir befanden uns fwieder auf der Landstraße und wußten, daß wenigstens 20 Meilen uns noch von Paris trennten. Wie hätten die frechen Räuber uns entkommen können, uns, auf den bestell Pferden in Frankreich? 'Alle drei noch vollkommen frisch, aber Violetta immer den anderen um Kopfeslänge voraus.

Dort, dort!" rief plötzlich Despienne.

Wir haben sie!" schnarrte Tremean.

Vorwärts, Kameraden, vorwärts!" spornte ich an.

Weit vor uns sprengten auf-der fast taghell erleuchteten Straße drei Reiter dahin, die Köpfe tief auf die Hälse ihrer Pferde geneigt. Mit jeder Minute rückten wir ihnen näher, trat ihr Bild schärfer vor unser Auge. Jetzt sah man schon ganz deutlich, daß die Reiter zu beiden Seiten in Mäntel gehüllt waren und Äranne ritten, während der in der Mitte die Uniform der Jäger trug und einen Schimmel hatte. Tie drei ritten zwar nebeneinander, aber es war unschwer zu sehen, daß das Tier in .der Mitte das frischeste war. Sein Herr mochte wohl der Führer sein, denn er drehte sich von Zeit zu Zeit um, wie um die Entfernung zwischen uns zu messen.

Je näher wir kamen, desto klarer traten die Züge des Mannes hervor, und als wir den Staub von ihnen zu schlucken bekamen, da vermochte ich, ihm sogar seinen Namen zu geben.

Halt, Oberst de Montluc, Halt! Im Namen des Kaisers!"

Ich kannte den kühnen Offizier, aber charakterlosen Men­schen schon seit Jahren, und seitdem er meinen Freund Treoille bei Warschau erschossen, hatte er es gehörig bei mir auf dem Kerbholz; munkelte man doch, fein Finger sei am Drücker ge­schäftig gewesen, bevor noch das Tuch zu Boden gefallen.

Kaum war jener Zuruf meinem Munde entflohen, so wen­deten sich zwei der Männer gegen uns und feuerten ihre Pistolen auf uns ab. Despienne stieß, einen entsetzlichen Schrei aus, und in demselben Augenblick zielten wir beide, Tremean und ich, auf denselben Mann; er wankte und seine Arme fielen schlaff an den Seiten seines Pferdes nieder. Sein Gefährte sprengte auf Tremeau los, und ich hörte noch, wie ein starker Hieb von einem iwch stärkeren pariert wurde, nahm mir aber nicht die Zeit, meinen Kopf nach der Seite zu wenden, sondern gab Violetta zum erftenmat die Sporen und flog dem Führer nach. Der Umstand, daß er seine Kameraden im Stich ließ, und das Weite suchte, versetzte mich in die Notwendigkeit, ebenfalls die meinigen zu verlassen und ihn zu verfolgen.

Die paar hundert Schritt Vorsprung, welche er hatte, glich meine kleine, gute Violetta aus, ehd wir iwch am zweiten Meilen­stein vorübergeflogen waren. Mochte er sein Pferd peitschen und antreiben, wie der Artillerist, welcher auf aufgeweichtem Wege mit seinem schweren Geschütz vorwärts kommen muß es half ihm alles nichts, die Hufschläge hinter ihm dröhnten doch lauter und immer lauter an sein Ohr. Jetzt flog ihm durch die rasche Bewegung der Hut davon, -er jagte weiter, und fein kahler Kopf schimmerte hell im Mondlicht. Nun lagen kaum noch 50 Schritt zwischen ihm und mir, schon berührten sich unsere beiden Schatten da wandte er sich plötzlich im Sattel um, stieß! leinen Fluch aus und feuerte beide Pistolen ans Violetta ab.

Ich selbst bin so ost verwundet worden, daß ich mich besinnen muß, wie oft es -berat nun eigentlich gewesen ist. Flinte und Pistole, Bombe, Bajonett, Lanze, Säbel alles hat sich an mir versucht, ja, sogar einmal ein Spitzbohrer, und das letztere war das Schmerzvollste Bon allem. Was war aber das alles im Vergleich zu benr Schmerz, der mich durchbohrte, als diese arme, stumme, geduldige Kreatur unter mir wankte und strauchelte? Ja, in diesem Augenblick kannte meine Wut keine Grenzen; ich riß das zweite Pistol aus der Halfter und schoß! den ,%erl gerade zwischen seine breiten Schultern. Erst meinte ich, das Ziel ver­fehlt zu haben, denn er peitschte wütend auf die Flanken seines Pferdes los, bald aber gewahrte ich, Ivie das rote Blut feine örütte Jägeruniform färbte, wie er im Sattel zu wanken begann imb endlich niedersank. Ein Fuß blieb im Steigbügel hängen, und das ermüdete Pferd schleppte ihU noch etliche Schritte weiter, bis meine Hand endlich den schaumbefpritzten Zügel ergriff und das Tier zum Stehen brachte. Nun gab- auch der Steigbügel nach, und der Körper fiel schwer zur Erde,

Die Papiere her !" rief ich, schnell aus dem Sattel springend, schnell, her damit!"

Ich hatte gut schreien; als ich mich zu dem Manne nieder­beugte, bemerkte ich, daß das Leben den Körper schon verlassen hatte. Meine Kugel hatte fein Herz durchbohrt, und nur fein eiserner Wille hatte ihn so lange im Sattel aufrecht gehalten. Wie er sich das Leben nicht leicht gemacht, so ergab er sich auch dem Tode nur schwer.

Aber die Papiere, die Papiere, wo mochten die sein! Ich knöpfte seinen Waffenrock auf, ich durchsuchte fein Hemd, unter­warf Halfter und Säbeltasche einer genauen Prüfung, ja, schließ­lich zog ich ihm sogar noch die Stiefel aus, forschte unter dem Sattel nach, ließ, nicht das kleinste Eckchen unbesehen alles umsonst. Die Papiere waren eben nicht da.

Das war ein harter Schlag! War es ein Wunder, daß die Verzweiflung die Oberhand in mit gewinnen wollte? Schien doch das Schicksal selbst gegen mich zu fein, und das ist ein Feind, welchen auch ein tapferer Soldat fürchten darf, ohne erröten zu müssen. Den Arm am Halse meiner armen, verwundeten Vio­letta, stand ich da und sann unb sann. Daß der Kaiser keine besondere Meinung von meiner Geschicklichkeit hatte, war mir längst klar geworden; adfc daß ich ihm doch ben Beweis liefern könnte, wie unrecht -er bamit getan! Montluc hatte die Papiere nicht soviel war ganz sicher. Aber er hatte ja doch seine Ge­fährten im Stich gelassen, um zu entfliehen; wie reimte sich das zusammen? Nun, wenn er sie nicht hatte, so waren sie jeden- falls im Besitz, eines seiner Kameraden. Der eine von ihnen war gewiß tot, und wenn der andere Tremeaus Hieben entronnen toar, mußte er an mir vorüberkommen. Das alles unterlag keinem Zweifel unb demnach mußte meine Aufgabe hinter mir liegen.

Ich lud meine Pistolen wieder, steckte sie in die Halfter zurück und machte mich nun daran, meine kleine Mähre.zu untersuchen, Tas brave Tier schüttelte dabei den Kopf und spitzte die Ohren, als ob sie sagen wolle:Was nracht sich berat sott alter Soldat, wie ich., aus son Paar Rissen!" Unb allerdings hatte der erste Schuß, auch nur ihre Schulter gestreift unb eine unö-ebeutenbe Hautabschürfung hinterlassen, während- der zweite schon etwas derber g-eEomm'en war, indem er eine Muskel ihres Halses durch­drungen hatte aber die Wunde hatte bereits wieder aufgehört zu bluten. Sollte es ihr zu viel werden, so konnte ich ja immer noch Montlues Schimmel besteigen dachte ich unb führte ihn einstweilen neben mir her, denn das- schöne Tier war unter Brüdern feine 1500 Franks wert, und wer hatte wohl ein größeres Anrecht darauf als ich?

Nun brannte ich vor Ungeduld, wieder zu den anderen zu kommen unb hatte eben Violetta die Zügel schießen lassen, als- ntein Auge auf etwas Glanzendes am' Wege fiel. Das war ja der Hut, der Montluc bei seinem eiligen Ritt vom Kopfe ge- te war! Ich stutzte. Doch eigentlich recht sonderbar, daß Hut mit seinem schweren Zierat von Metall dem Träger nicht einfach vom Kopse gefallen war! Der lag ja wenigstens' feine 15 Schritt vom Wege entfernt im Felde drin! _ Nun, natürlich hatte ihn der Eigentümer von sich- geworfen, als ich ihm so nahe auf bett Leib gerückt war. Aber warum berat das? Weiter kam ich in meiner logischen Betrachtung nicht; ich sprang vom' Pferde, während mein Herz Sturmlauf' markierte. ,

Ja, ja, ganz recht, diesmal hatte ichs getroffen! Trium­phierend zog ich die Rolle aus dem Hut hervor und führte bann sofort im Mondlicht einen Freudentanz auf freiem Felde auf. Endlich einmal ein Beweis für ben Kaiser, daß er recht barart tat, feine Aufträge dem Brigadier Gerard auzuvertrauen!

(Fortsetzung folgt.)

Das neue Bremer Rathaus

Von Werner Kropp.

Das neue Bremer.Rathaus, das beute eröffnet wurde, ist das Werk des Münchener Altmeisters Gabriel p. Seidl/ der ans der zweiten engeren Konkurrenz um"ben Ban, an der sich mehrere unserer namhaftesten deutschen Architekten beteiligten, als Sieger hervorging. Es war keine ganz leichte Aufgabe, die gewaltige Banmasse, die in der Front eine Länge von 40 Metern, eine Gesamtgrundfläche von 2000 Quadratmetern ausweist, so zu disponieren, daß sic sich dem unmittelbar daranstoßenden Rathaus, dem architektonischen Kleinod der Stadt, würdig an- fchloß, ohne es durch Masse oder überreiche Formenentwicklung zu beeinträchtigen. Und es ist wohl nicht zu bezweifelt!, daß neben der meisterhaften Anordnung der Jnnenräume, die den Charakter des üblichen Verwaltungsgebäudes mit seinen lang­gestreckten Korridoren auss glücklichste vermeidet, gerade dte ge­lungene Lösung dieses Problems für die Preiserteilung entscheidend gewefen ist. Während die Mauerflächen aus Hartbrandstetnen her- gestellt sind, hebt sich davon das helle geblichc Grau der äußeren Werksteinarchitekttirteile aus bayerischem Muschelkalk wirksam ach Ein zweistöckiger Erker an der Marktseite mit den Statuen Morgen, Mittag, Abend und Nacht: im ersten Stock als Karyatiden und einem bekrönenden Baldachin mit der Zuschrift in GoldbuchstabenSalus reipublicae suprema lex", ein zweiter dreistöckiger Erker mit einem zweifenstrigen Giebel, an der dem