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tvär's, wenn Sie beide zu mir kämen? Ich telephonrere Noch an Professor Burger und fahre nach Tisch zu dem alten Fräulein Seiden... dann wäre es am Ende doch Noch eilt Halbwegs fröhlicher Weihnachtsabend für uns alle! Ja? Wollen Sie?"
Ob er wollte! Er war entzückt.
„Es wird der schönste Heilige Abend sein, den ich jemals erlebte!" rief er feurig.
Angesichts seiner Ueberschwenglichkeit bereute Meta fast die Einladung. Eigentlich war es doch ein wenig seltsam Und überstürzt von ihr.
Aber es blieb ihr keine Zeit zu weiterer Ueberlegung.
„Es wird großartig werden! Der alte Papa Burger muß uns Klavier Vorspielen, wir singen alle zusammen ein Wethnachtslied wie brave, fromme Kinder, schläfern Kon-- radchen ein und dann braue ich eine Ananasbowle..... Gnädige Frau, Ihre Idee ist einfach erhaben! Ich will nur rasch nach Hause eilen und Tante Ada verständigen. Auf dem Rückwege nehme ich die Ananas mit. Punkt fünf Uhr sind wir hier. Haben Sie sonst noch Befehle, Majestät, für Ihren allergetreuesten Diener?"
„Nein."
Mit sehr gemischten Empfindungen blickte ihm Meta nach- „Da habe ick) am Ende recht was Törichtes getan," dachte sie beklommen. „Es scheint, als sei er doch noch ein wenig der alte Montelli?"
Dann warf sie den Kopf trotzig zurück.
Ach was! Wozu immer bedenken und fürchten? Unter Umständen muß man auch ein wenig flott sein können. Auf alle Fälle würde doch der Abend nicht so trostlos sein ...
VII.
Nun strahlte der Baum in hundertfältigem Lichterglanz und sein Tannendust erfüllte den Raum.
Meta stand, das Kind im Arm, davor und spähte erwartungsvoll in das runde Gesichtchen mit den großen, blauen Augen, die noch größer erschienen durch das Erstaunen, mit dem sie weit aufgerissen wurden.
Es war zweifellos, daß die Lichterflut, das Bunte, Funkelnde, Fremde einen Eindruck auf Konradchen machten. Und das war ja schon viel für die an Enttäuschungen gewöhnte Mutter.
Montelli trieb dann allerlei Unsinn mit dem Kinde, und die Stiftsdame mit ihren schneeweißen Seitenlöckchen und kohlschwarzen Augen beschäftigte sich auch mit ihm, ohne daß indessen der Kleine Notiz davon genommen hätte. Er starrte immer noch unverwandt auf die Lichter des Baumes.
Meta setzte ihn endlich in fein Sesselchen, rückte dieses' so, daß er den Baum gerade vor sich hätte und 'trat dann zur Baronin Minori.
In diesem Moment klangen leise Töne durch das Gemach. Der Professor hatte sich an das Klavier gesetzt und präludierte mit weichem Anschlag, leise, fast zaghaft die Melodie suchend, welche ihm in den Sinn kam.
Er war kein Virtuose, aber jeder, der ihn einmal gehör, hatte, kannte den Zauber, welcher in seinem Spiel lag. Das war kein rauschender Reigen von Tönen, sondern das leise Klingen eurer in allen Kämpfen des Lebens rein und kinder- gleich gebliebenen Seele.
Und plötzlich spielte er eine alte, einfache Weise -— „Stille Nacht, heilige Nacht"... klang es feierlich durch den Raum. Halblaut sang er die Worte mit. Und wie auf iBerabredung fielen die anderen ein.
Montelli mit seinem schönen Tenor, Meta in klangvollem Alt, die Stiftsdame und Fräulein Selben mit ihren hellen, vom Alter dünn und unsicher gewordenen Stimmen.
Eine tiefe Rührung hatte alle ergriffen und bebte in dem Gesang mit. Sie waren alle einst frohe, erwartungs- polle Kinder gewesen und hatten das Lied unter dem Weihnachtsbaum gesungen mit junger Kehle...
Dann geschah ein Wunder. Wenigstens erschien es allen als ein solches.
Konradchen hatte bei den ersten Tönen lauschend den Kopf erhoben, patschte nun in die Händchen und krähte plötzlich aus Leibeskräften mit.
Es kam so gänzlich überraschend, daß der Gesang der Erwachsenen unwillkürlich wie ein Schreck verstummte.
Da wurde auch das Kind wieder still und blickte verwundert, wie suchend um sich. Aber aus seinem runden Gesichtchen blieb ein Lächeln liegen.
Burger hatte sich erhoben und war näher getreten. Krampfhaft packte Meta feinen Arm.
Professor — ,was war das?" flüsterte sie außer sich, mit feuchtem Blick.
Selber gerührt, klopfte der alte Herr ihre Schulter.
„Ein Weihnachtsgeschenk der allgütigen Mutter Natur für Sie, Frau Meta! Nun haben wir, so Gott will, den Schlüssel, der diesen lang verschlossenen Schrein öffnen soll — die Musik!"
„O Gott, o Gott!" Mehr brachte Meta nicht über die Lippen. Aber sie faltete unwillkürlich die Hände.
Dann fiel sie der Stiftsdame weinend um den Hals.
„Welch selige Weihnacht! Welch selige Weihnacht!"- stammelte sie.
Montelli fand, daß die Sache zu sehr ins Sentimentale überschlug. Er setzte sich ans Klavier und spielte einen lustigen Marsch, den er einmal bei einer ungarischen Zigeunerkapelle gehört hatte. Feurige Rhythmen, die un- willkürlich in die Glieder fuhren.
Und das Kind reagierte auch darauf wieder. Es fing wieder an zu krähen und bewegte sich lebhaft, genau dem Rhythmus entsprechend.
Meta rief die Wärterin herein und Fräulein Olga Ländeke, die Wirtschaftsmamsell. Am liebsten hätte sie das ganze Haus zusammengetrommelt, damit alle das Wunder sehen könnten. „
Immer neue Versuche wurden gemacht, alle mit dem gleichen Erfolg.
Endlich waren die Weihuachtskerzen am Weihnachts- bauin so abgebrannt, daß man sie ans löschen mußte. Fräulein Ländeke mahnte daran, daß das Souper fertig fei, und Professor Burger fand, daß Konradchen nun unbedingt Rübe brauchte und zu Bett gebracht werden sollte.
Seufzend übergab Meta das Kind der Wärterin. Sie hätte so gern die ganze Nacht über sein lächelndes Gesichtchen gesehen. Dann begab man sich hinüber in den Speisesaal.
(Fortsetzung folgt.)
Abenteuer der Brigadier Gerard.
Von C. Doyle.
Wie der Brigadier vom Teufel versucht w u r d e.
(Fortsetzung.)
Diese Nachricht traf uns wie ein Donnerschlag; aber dergleichen Momente bilden auch den Glanzpuntt meines Lebens. „Bleiben Sie hier," sagte ich zu meinen Gefährten, „und wenn drei Reiter vorbeikommen, so halten Sie sie auf, komme, was da wolle! Ich bin sogleich zurück!" Nun jagte ich mit Violetta nach Fonteblean hinein, sprang vor dem Palast ab, stürmte die Treppen hinan, stieß die Lakaien, welche mich aufhalten wollten, zurück und stürzte in das Arbeitszimmer des Kaisers.
Bleistift und Zirkel in der Hand, saß Napoleon mit Macdonald vor einer großen Karte und blickte bei meinem hastigen Eintritt unwillig auf, wechselte aber, sobald er meiner ansichtig wurde, die Farbe. „Lassen Sie uns allein, Marschall," sagte er, und dann zu mir gewendet: „Was ists mit den Papieren?"
„Fort, Sire!" antwortete ich und erzählte in wenig Worten den Vorgang.
„Gerard, Sie müssen sie wiederschaffen, es gilt die Znknnst meiner Dynastie! Schnell, schnell, zu Pferd!"
„Wer ists, Sire?"
„Ich kanns nicht sagen; bin ich doch auf allen Seiten von Verrätern umgeben! Aber eins weiß ich: man wird sie nach Paris bringen und ®u wem wohl sonst, als zu dem Schurken Talleyrand? Ja, ja, die Räuber reiten auf Paris zu: vielleicht gelingt es Ihnen, sie einzuholen. Nehmen Sie meine drei besten Pferde, und —"
Ich hörte nichts weiter, denn ich llapperte schon die Treppe hinunter. Keine fünf Minuten waren verstrichen, da galoppierte ich auf Violetta zur Stadt hinaus, in jeder Hand, die Zügel eines arabischen Pferdes ans dem Marstall des Kaisers. Ich sollte durchaus drei nehmen, aber wie hätte ich Violetta je wieder in die Augen blicken können? Es muß ein großartiges Schauspiel gewesen fein, als ich so im hellen Mondlicht auf meine Kameraden zusprengte und meine Rosse so Plötzlich hatten ließ«, daß sie kerzengerade in die Lust fliegen.
„Niemand vorbei?"
„Niemand!"
„Daun sind sie bereits! auf Paris zu! Schnell, aufgesessest und ihnen nach!"
Die mutigen Soldaten ließen sich das nicht zweimal sagen; wie der Blitz schwangen sie sich auf des Kaisers Pferde 'und ließen ihre eigenen am Wegrande zurück. Nun ging's wie der Sturnr-


