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Einige Geisteskrankheiten und ihre Zahl ist bis heute im Wachsen begriffen machen davon eine Ausnahme. So findet man bei angeborenen Geistesstörungen, die zu der Gruppe der Schwachsinnznstände, der Idiotie und Imbezilli­tät gehören, schwere Veränderungen des Gehirns, oft gerade­zu Mißbildungen. Auch bei dem Greisenschwachsinn sind in neuerer Zeit pathologisch-anatomische Merkmale beschrieben worden, die ihre Ursache in einer auf Verkalkungserscheinun­gen beruhenden Unterernährung haben. Ebenso ist die pro­gressive Paralyse eine organische Geisteskrankheit nach einer Infektion. Auch das paralytische Gehirn zeigt bestimmte Ab­weichungen von den normalen. Wenn nun auch derartige mikroskopische Forschungen fortgesetzt werden und gewiß noch viele Erfolge versprechen, so ist doch die Hoffnung, vermit­telst ihrer zu einem tieferen Verständnis der Geisteskrank­heiten zu gelangen, wohl allgemein ausgegeben. Umsomehr wendet sich das wissenschaftliche Interesse einer ganz neuen Methode zu, die der physiologischen Chemie an­gehört. Jedes Organ macht während seines Lebens Verände­rungen durch, die im Ab- und Aufbau seiner Elemente be­stehen. Man nennt dies bekanntlich Stoffwechsel. An der Art und Größe des Stoffwechsels kann man erkennen, ob das betreffende Organ gesund ist. Krankhafte Störungen wer­den durch eine Veränderung des Stoffwechsels offenbar. Diese kann Dank der Feinheit der Untersuchungsart unter Um­ständen viel früher erkannt werden, als wenn man die Krank­heit pathologisch-anatomisch festzustellen imstande ist.

In der Psychiatrie spielt eine solche funktionelle Dia­gnostik seit einigen Jahren eine große Rolle. Sie dient zur genauen Unterscheidung der Paralyse von anderen Stö­rungen. Zunächst hat man erkannt, daß der Körper des Para­lytikers an einer für das Gehirn außerordentlich wichtigen phosphorhaltigen Substanz, dem Lecithin, verarmt, indem es mehr ausscheidet, als es die Norm ist. Weiterhin lassen sich noch andere Stoffwechselstörungen nachweisen. So ist die Flüssigkeit, die von den Hirnhöhlen ausgeschieden wird, patho­logisch verändert. Endlich liegen auch der bekannten Wasser- mannschen Reaktion Stosfwechselveränderungen zu Grunde, indem es zur Bildung bon neuen chemischen Körpern kommt, die im Blute kreisen. Es ist im einzelnen noch nicht aufgeklärt, was der sog. positive Ausfall der Wassermannschen Reaktion d. h. die Aufhebung des Blutauflösungsvermögens bedeutet. Der Entdecker war zunächst geneigt, dies dem Entstehen von Schutz- oder Antikörpern gegen die giftigen Stoffwechsel­produkte der Spirochäten auf Rechnung zu setzen. Es mag dahingestellt bleiben, ob diese Anschauung in diesem Falle zutreffend ist. Daß eine Bildung derartiger Schutzstoffe oder Mbwehrkörper im lebenden Organismus kein seltenes Ereig­nis ist, wissen wir von den Infektionskrankheiten und der aus ihnen entwickelten Jmmunitätslehrc her. Inwieweit auch bei geistigen Erkrankungen überhaupt derartige Ab­wehrkörper erzeugt werden, ist ein Problem, das den letzten Jahren angehört und das durch die geniale Arbeitsmethode des Hallenser Physiologen Prof. Emil Abderhalden auf das energischste gefördert worden ist. Wenn nicht alle Zeichen trügen, stehen wir im Beginn einer an Aufschlüssen und Ueberraschungen reichen Periode, die gleich befruchtend auf die verschiedensten Gebiete der Biologie wirken wird.

Wir müssen etwas weiter ausholen, um zeigen zu können, worum es sich hier handelt. Wenn man früher von dem Kampf ums Dasein sprach, so dachte man in erster Linie an die wirklichen Kämpfe der Tiere gegeneinander, in denen der Sieger seinen Platz behauptete, während der Besiegte das Leben lassen mußte. Der Kampf ums Dasein ist aber viel allgemeiner, er bricht überall da aus, wo Leben mit Leben zusammenstößt. Schon die niedersten Wesen sind mit Waffen ausgerüstet, ihrer Gegner sich zu entledigen. Wie aber der Organismus des höheren Tieres und des Menschen nichts anderes als eine große Zellkolonie ist, so besitzt jedes Glied dieses Staates, wenn es auch sonst seine In­dividualität eingebüßt hat, die _ Fähigkeit, Schädlich­keiten von sich abzüwehren. Diese Feinde brauchen durchaus nicht lebendige Wesen zn sein. Es genügt, daß sie aus organischer Substanz, aus organischen chemischen Verbindungen bestehen, wie es in erster Linie die Eiweißbil­dungen sind. Auch die lebende Zelle ist eine solche Eiweißbil­dung, aber sie ist von Art zu Art, von Individuum zu Indi­viduum, ja von Organ zu Organ verschieden. Tritt eine fremde Eiweißverbindung zu einer Zelle, so entsteht ein Kampf zwischen den chemischen Krästen beider, bei dem ent­weder die Körperzelle oder das fremde Eiweiß geschädigt wird.

Die Hilfsmittel, die dabei dem Körper zur Verfügung stehen, sind groß. Schon bei seinem Eindringen in den Organismus wird das körperfremde Eiweiß im Verdauungskanal auf- gelöst, abgebaut, entgiftet und dann erst assimiliert. Schließ­lich besitzt oder bildet die einzelne Zelle noch Schutzstoffe, die, wenn fremdes Eiweiß zu ihr gelangt, es abbauen können. Außerhalb des Verdauungsapparates ist das Eindringen auf dem Wege der Blutbahn möglich. So kreist das Bakterien­eiweiß im Blute. Die Abwehrstoffe werden gegebenenfalls auch gegen körpereigenes Eiweiß gebildet, wenn eine neue Eiweißart im Körper entsteht. Dies ist z. B. bei der Schwan­gerschaft der Fall. Hier besteht die Placenta aus einem neuen Eiweißkörper. Und flugs erkennt man, wie im Blute Abwehr­körper entstehen.

Aber was haben derartige Ueberlegungen mit der Entste­hung der Geisteskrankheiten zu tun, wird man mit Recht fra­gen können? SindGeisteskrankheiten etwaJnfektionskrankhei- ten? Man muß darauf antworten: Nein und Ja. Nicht als ob ein lebendiger Körper von außen eindränge und sich im Gehirn wie die Spirochäten bei der Paralyse einnisten. Es gibt aber im Körper eine ganze Anzahl von Organen, über deren Fnnktion man lange nichts wußte und die man des­wegen für überflüssig hielt. Es sind dies die sog. Drüsen mit innerer Sekretion, die ihre Produkte nicht wie andere Drüsen nach außen, sondern in den Kreislauf des Blutes abgeben. Dazu gehören vor allem Schilddrüsen, Ne­bennieren, Zirbeldrüse und Hirnanhang. Auch die Geschlechts­drüsen bilden neben ihrem Hauptprodukt, den Keimzellen, besondere Sekrete,. Die Wirkungsweise dieser Drüsen ist noch nicht in den Einzelheiten sichergestellt. Soviel aber ist gewiß, daß sie für den normalen Verlauf aller möglichen Körper­vorgänge von größter Wichtigkeit sind, wie z. B. für das Wachstum, den Fettansatz, den Blutdruck und den Stoff­wechsel. Schon eine kleine Veränderung der Zusammensetzung des Sekrets, beruhend auf einem falschen Funktionieren der Drüse, kann schwere Störungen herbeiführen. Die krankhaf­ten Sekrete, die nun in dem Körper kreisen, wirken wie frem­des Eiweiß. Der Organismus bildet Abwehrkörper, welche die veränderten Produkte aübauen sollen. Dieses geht allmählich vor sich, aber unterdessen bilden sich Zwischenkörper, die schwere Gifte für die Gehirnrinde darstellen. Unter dem Ein­fluß solcher Vergiftungserscheinungen entfalten sich die Gei­steskrankheiten. Man beginnt dadurch zu verstehen, warum' Geisteskrankheiten sich vererben können: wenn nämlich die krankhafte Funktion der Drüsen mit innerer Sekretion ver­erbt wird.

Bei diesen Betrachtungen handelt es sich keineswegs nur um Hypothesen, denen jeder reale Boden fehlt. Die Vermu­tung wird durch den biologischen Versuch bestätigt. Es ist das Verdienst des Leiters der Jrrenabteilung am Stuttgarter Bürgerspital Dr. Famers unter Beistand von Abderhal­den die ersten Versuche in dieser Richtung unternommen zu haben. Der Nachweis erfolgt auf die folgende Weise. Das Blut der Geisteskranken wurde mit den drüsigen Organen zusammengebracht, und deren Abbau beobachtet. Bei einer Reihe von Geisteskrankheiten verlief die Reaktion negativ. Es sind dies die funktionellen Störungen der M a n i e, Me­la n ch o l i e und H h st e r i e. Anders jedoch bei dem Jugend­irresein, das bisher ebenfalls als funktionelle Störung galt. Hier wurden reichlich Abwehrkörper im Blute gefunden, und zwar gegen Schilddrüse, Geschlechtsdrüsen und Hirnrinde; d. h. das Blutserum der Schwachsinnigen verdaute das Ei­weiß der Drüsen zu einem niedrigeren Eiweißabbauprodnkt, dem Pepton. Ferner ermittelte man bei Geistesstörungen, die sich im Anschluß an eine Schilddrüsenerkrankung wie Krops oder Basedowsche Krankheit entwickelten, Abwehrkör­per gegen die Schilddrüse. Auch einige praktische Resultate hat die neue Erkenntnis bereits gezeitigt. Zunächst gelang es, die Differential- und Frühdiagnose des jugendlichen Irreseins zu sichern. Dann aber wurde auch Besserung und Stillstand der Krankheit durch Darreichung von Schilddrüsentabletten erzielt, indem so der Manpel an unverändertem Schild­drüsenmaterial gedeckt wurde.

Wie weit sich die Abderhaldensche Lehre von den Abwehr­körpern für die Psychiatrie und speziell für diejenigen Psycho­sen, die wir heute noch funktionell nennen, fruchtbar wird machen lassen, ist eine Frage der Zeit. Das aber ist schon heute gewiß, daß sie nur ganz neue Wege gehen gelehrt hat.