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sich von einem sonst geschätzten Manne nur wegen seiner niederen Herkunft hochmütig abwenden zu müssen glaubten!
„Herr Staatsanwalt!" tönte die Stimme Frau Maras auf seiner anderen Seite, „ich mochte mit Ihnen anstoßen und Ihnen unseren Dank sagen für Ihre freundliche Mühewaltung. Hoffentlich finden Sie nun wieder öfter den Weg zu uns, auch wenn nicht so verdrießlicher Anlaß Ivie diesmal vorliegt." 1 ,
Sie ließ ihr Glas mit dem seinen zusammenküngen nnb traut den Rest ihres Rotweins aus; auch sie hatte, durch den Gatten belehrt, in ihren: Herzen mit dem Staatsanwalt längst Frieden geschlossen. Sie trug ihm die Duellgeschuhte nicht mehr nach, da sie aus den Mitteilungen ihres Kurt die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß dieser ganz allein die Ursache der feindlichen Begegnung gewesen war.
Rach dem Frühstück begab sich Tell, der sich eine der vorzüglichen Brankschen Zigarren hatte anzünden müssen, mit Ellen in den Gärten. Eine grelle, angenehm wärmende Sonne lag auf den sturmzerzausten Sträuchern und verwüsteten Blumenbeeten; die Wege waren schon Meder sauber geharkt, aber auf den Rasenpartien sand das Auge noch hier und da einen vom Orkan gebrochenen und zur Erde nteder- gewirbellen Baumzweig. Stille war es in der herbstlichen Natur, und kein Zwitschern und Jubilieren tönte mehr aus den Hecken; dafür leuchtete das Laub in Farbenabstufungen vom Eigelb bis zum Dunkelbraun, und eine erquickend reine Lust schmeichelte den gierig atmenden Lungen.
Die beiden, jedes auf seine Art stolzen Menschenkinder schritten nebeneinander her und erreichten endlich die beiden hohen Linden am Seeufer.
Lieblich und friedlich lag das Wasser gebreitet; drüben am Dobeuer Ufer spiegelte seine glatte, dunkle Fläche die Bäume und Gehöfte in phantastischer Umkehrung wider; in der Mitte erregte ein leiser Lufthauch einen stumpfen, zitternden, bleifarbenen Windspiegel, und am diesseitigen Ufer flimmerte das kristallfarbene Naß von zahllosen sprühenden ßicfytieflejen.
„Welchen Wunsch haben Sie an mich zu richten?" hob Teil endlich an, nachdem beide eine Zeitlang schweigend über den See geblickt hatten, der hier, wie überall in der Mark, der Landschaft nur einen melancholischen Reiz mehr verlieh. „Ich stehe zu Ihren Diensten." ,,
„Daß Sie sich nicht allzu eifrig dieser Etnbruchsge- schichte widmen."
„Warum soll ich das nicht tun?" fragte er überrascht, beinahe erschrocken. Ahnte sie etwa, wohin ihn seine Nachforschungen führen würden? Wußte sie mehr, als sie zu wissen sich den Anschein gab?
„Sie sollten sich mehr schonen. Nehmen Sie's mir nur nicht übel, Herr Staatsanwalt, wenn ich Ihnen unaufgefordert diesen Rat gebe; aber ich denke, wir sind alte Freunde^ Sehen Sie, ich habe Sie vorhin beobachtet, wie Sie drinnen das Zimmer durchstöberten; Sie waren ganz Feuer und Flamme und sahen förmlich aufgeregt und erhitzt aus. Müssen Sie denn alles, was Sie ergreifen, gleich mit solcher Leidenschaftlichkeit ergreifen? Warum denn die Kräfte, mit denen man haushalten soll, so verschwenderisch verausgaben? Warum sich unnötig so überstürzen? Sind Sie denn wirklich ein so eingefleischter Streber, daß Sie nicht schnell genug auf der Höhe ankommen können? Bedenken Sie, es ist nicht immer die Höhe, wo das Glück wohnt; meist siedelt es sich eigenartig im verborgenen Tale an."
Er sah sie zweifelhaft an.
Das, was sie da sagte, war ja teilweise richtig, und er hätte für die Sprge, die ihm zu widmen schien, ihr dankbav die Fingerspitzen küssen mögen; und dennoch hatte er das Gefühl, daß dies alles nur Redensarten waren, hinter denen sie ihre Meinung verbarg.
„Sie wollen nicht mit der Sprache herausrücken, ich merke es Ihnen an, Sie verschweigen mir den eigentlichen Grund." Und wie sie mit dem Kopfe schüttelt, ergriff eti ihre Hand und sagte warm: „Fräulein Ellen, ich danke Ihnen, daß Sie mir so viel Anteil schenken. Aber nun beweisen Sie mir auch Ihr Vertrauen und sagen Sie mir ohne Rückhalt, warum ich mich mit dieser Einbruchssache gewissermaßen nur so ohnehin beschäftigen soll?"
Er hatte sich zu ihr herabgebeugt und sein Antlitz dem ihren genähert, sie fühlte den Druck seiner leise bebenbei) Hand und den heißen Hauch seines Odems. Wenn sie sich diesem Zauber länger überließ, dann war es um sie und ihren Widerstand geschehen, bann gestand sie, was sie ge
sehen hatte, und unberechenbar und durch keine Reue Wiede« gut zu machen würden die Folgen sein, die daraus entstehen mußten. Fast heftig entzog sie ihm ihre Hand und einen Schritt zurücktretend, sagte sie mit dem absichtlichen Ton eines gewissen Hochmutes: „Ich wüßte nicht, was ich Ihnen zu verschweigen hätte. Ich meine nur, es lohnt sich gar nicht, daß Sie sich an einer Sache so abmühen, die doch ziemlich gleichgiltig sür uns alle ist. Mein Papa kann die paar tausend Taler wirklich ganz gut entbehren, er wird wegen solcher Lappalie nicht zugrunde gehen."
Wie ein Sturz Eiswasser wirkte diese Erklärung auf Teils entflammtes Empfinden. Er hatte sich also doch nicht geirrt. Sie war im Grunde ihres Herzens ebenso übermütig und protzenhaft wie nur irgend ein verwohntes Dämchen ihres Standes; sie konnte nicht begreifen, daß ein armer Staatsanwalt sich wegen der Aufspürung des Diebes einer so geringfügigen Summe so viele Umstände machte. Mit einem solchen Fräulein, er glaubte es jetzt schmerzlich einzu- sehett, hatte er doch nur wenig geistige Berührungspunkte, ihr Wesen konnte ihm nie jene Ergänzung bieten, die der liebende Mann von der Geliebten zu erwarten ein Recht hat.
Enttäuscht, verletzt und sofort sich trotzig aufbäumend gegen den Hochmut dieser Vertreterin einer bevorzugten Klasse, richtete er sich stolz auf, warf das Haupt in den Nacken nnb versetzte mit schneidender Ironie: „Sie haben ganz recht, mein gnädiges Fräulein, dem Freiherr:: von Brank bedeutet sein Verlust nicht mehr, als wenn mir zum Beispiel ein Markstück ins Wasser gefallen märe. Warum soll man sich da noch besonders bemühen? Daß es freilich noch einen anderen Standpunkt gibt, der das Materielle ganz außer Beachtung läßt und nur deshalb nach dem Täter forscht, um dem gekränkten Rechte eine Genugtuung zu verschaffen, daran haben Sie freilich nicht gedacht; das kümmert auch eine Dame nicht. Mir aber müssen Sie schon diesen philiströsen Standpunkt gestatten, er ziemt sich für den bürgerlich-dunklen Beamten, der keine Rittergüter und keine Ahnen hat."
Sein verwundetes Herz war von Bitterkeit erfüllt, und dennoch fühlte er sich gleichzeitig von einem Alp erlöst; Ellen hatte osfenbar feine Ahnung von dem wirklichen Täter.
Wie er auflodert, dachte Ellen, im gerechten Grimm gegen meinen geheuchelten Dünkel. Aber ich will lieber unschuldig leiden unter dem Vorwurf, den er mir macht, als daß ich dieser leidenschaftlichen Empfindlichkeit reinen Wein eingeschenkt hätte. Doch konnte sie sich nicht enthalten, mit sanfter, wie um Verzeihung bittender Stimme zu sagen: „Sie zürnen mir, ich habe Ihnen nicht wehe tun wollen, Herr Staatsanwalt."
„Natürlich nicht!" gab er höhnisch zurück, „wir leben nur in so verschiedenen Welten, daß wir einander kaum verstehen."
Sie hatte Tränen im Auge, als sie neben dem Schweißenden dem Schlosse zuschritt. Aufs neue hatte sich eine tiefe Kluft zwischen zwei Wesen geöffnet, die doch gern einander in die Arme gestürzt wären.
(Fortsetzung folgt.)
Die chemische Grundlage der Geifterkrankhetten.
Neue Bahnen der Jrrenheilkunde.
Von Dr. meb. vanTroy.
Wenn Seelenstörungen wirklich beit Namen von Krankheiten verdienen, so müssen sie gerade wie die anderen Krankheiten des Körpers auf einer bestimmten materiellen Grundlage sich abspielen. Da man als solche die nervöseSubstanz des Gehirnes amusehen hat, lag es unter Einwirkung der von Rudolf Virchow eingeführten pathologisch-anatomischen Anschauungen nahe, die Geisteskrankheiten für Gehirnkrank- heiten anzusehen, und der Wunsch wurde rege, über ihre Art, ihr Wesen und ihre Abgrenzung etwas aus den krankhaften Veränderungen der Zellenbestandteile erfahren zu wollen. Aber die pathologisch-anatomische Forschung, die anderwärts die größten Triumphe feierte, hat hier fast vollständig versagt. Obwohl die Mikroskope immer schärfer wurden, obgleich die mikroskopischen Färbemethoden eine immer bessere Ausbildung erhielten, und immer feinere Einzelheiten ber Struktur an ben Tag brachten, ließ sich mit all diesen Hilfsmitteln bet den Geisteskrankheiten nichts ausrichten. Sie blieben „funktionelle" Störungen, d. h. solche, bei denen man wohl die Wirkung, nicht aber die Ursache kannte.


