1915 - Nr. m
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Lsurrnblut.
ßontan von Gerhart v. Amyutor (Dagobert v. Gerhardt).
(Nachdruck verboten.)
(Sortierung.)
Die Erkundigungen des Kriminalbeamten bewegten sich nun in anderer Richtung, und Teil, der seine Befangenheit um jeden Preis verbergen mußte, entzog sich der Unterhat-- tung und fing noch einmal an, das Zimmer zu durchforschen; dabei bückte er sich absichtlich so oft und tief, um unter die Spinden und Diwans zu spähen, daß ihm das Blut wreder zu Häupten stieg und die fahle Bläffe von fernen Wangen fcbcucbte.
In dieser Verfassung fand ihn Ellen, die auf der Schwelle der Tür zum benachbarten Saale erschien, um die Herren zu einem kleinen Frühstück einzuladen.
Der Kriminalkommissar und der Staatsanwalt sahen einander an, wie inn sich zu fragen, ob sie genug gesehen hätten, dann nickten sie sich zu und folgten der Einladung Ellens, hinter der nun auch die Schloßfrau erschienen war.
Es ist merkwürdig", hob der Kriminalbeamte bei Tische an, 'daß diesmal die Herren Spitzbuben auch uicht die geringste Kleinigkeit zurückgelassen haben, kem vergessenes Werkzeug, keinen Fetzen ihrer Kleidung, nicht einmal einen Rock- oder Westenknopf; es müssen schlaue Halunken gewesen sein, die sich kaltblütig alle Zeit genommen haben.
Tell fühlte, wie ihm die verräterische Glut wieder bis in die Ohrläppchen schoß, und Ellen merkte an seinem schweigsamen und. gezwungenen Wesen, daß ihn irgend etwas be drücken mußte. Sie überlegte, was es fein konnte. War er durch irgend eine Entdecknng auf die rechte Spur geleitet worden? Hatte er eine Ahnung davon, daß unter den Einbrechern auch der gewesen war, den sie heute nacht rmScheme des zuckenden Blitzes ganz deutlich erkannt hatte? Wenn ,er es nicht wußte, und wenn sie jetzt von ihrer Entdeckung hier an der Tafel öffentlich erzählte, wie wurde er sich winden unter den Tantalusqualen dieser vermeintlichen Entehrung! Denn sie kaniite ihn: die Verwandtschaft mit emem Verbrecher mußte für sein hochgesteigertes selbstbewußtseur geradezu tödlich sein. Ihre Pflicht war also, zu schweigen, wenn sie den so leicht Verletzbaren und gerade gegen die höheren Stände mit so viel Mißtrauen und Abgunst Erfüllten Nicht zweifach schmerzlich verwunden wollte. Andererseits hatte sie ihn aber gern gewarnt, die schwebende Sache doch Nicht gar so peinlich zu untersuchen; er hätte j,a sonst doch entdecken können, was sie wußte, und was er niemals zu wissen brauchte _ wie sollte sie das aber anfaugen, ohne ihre eigene Kenntnis von dem Sachverhalt zu verraten?
Sie sind so still, Herr Staatsanwalt", hob sie endlich slüsternd an, indem sie zu ihm (er war ihr rechter Nachbar) in unverkennbarer Teilnahme aufb^ickte; „wo ist ^ghr Humor von früher geblieben?"
Tell fuhr zusammen und lächelte schmerzlich: „Mein Humor: Ja, ja! Der ist, wenn Sie mir diesen etwas derben Ausdruck gestatten, zu allen Teufeln gegangen.
„Warum denn?"
„Meine Tätigkeit macht mich innerlich arm und ver- "chlossen, ein Humorist muß reich und mitteilungsbedurstig ein; er muß die Perlen und Diamanten feiner paradoxen Einfälle wie ein Verschwender mit vollen Händen unter die Leute streuen."
„So seien Sie meinetwegen ernst, Sie brauchen deshalb noch lange kein Trappist zu sein!"
„Es ist die höfliche Rücksicht, wenn die Männer von heute neben einer jungen Dame nur den Zuhörer spielen; wir haben der schönen Weiblichkeit fast nichts mehr zu bieten, da wir unser bißchen Intelligenz meist in politischem Tages- klatsch vergeuden."
„Zu solchen gehören Sie nicht! Und wenn Sie Ihre Tätigkeit arm macht, so geben Sie sich ihr doch nicht so ausschließlich hin — es gibt ein anderes Glück und anders Totenbett **
„Ein Amt ist wie der leibhaftige Gottseibeiuns, wir bieten ihm einen Finger, und es packt uns bald bei der ganzen Hand."
„Ich hätte aber doch den Wunsch. . •" Sie stockte. Um Gotteswillen, bei einem Haare hätte sie sich verschnappt; so unmittelbar durste sie auf ihr Ziel nicht losgehen.
„Was ist es für ein Wunsch, den Sie haben, gnädiges Fräulein?" . . ,'
„O, nichts, nichts — ein andermal — wir sprechen ent andermal davon!" , B
„Nein, so entkommen Sie mir nicht! Sie waren draus und "dran, mir einen Wunsch auszusprechen, und plötzlich verstummen Sie und scheinen sich die Sache anders, über- legt zu haben. Trauen Sie mir nicht zu, wein gnädiges Fräulein, daß Ihnen irgend einen Wunsch zu erfüllen, mir große Freude bereiten würde?"
Seine Stimme hatte leicht gebebt, es war ein Ton darin gewesen, der Ellen an vergangene, glückliche Stunden ge- mat) ©it'en» Mick wurzelte "fragend ein paar Herzschläge lang in seinen großen, blauen, aber leicht umwölkten Augen, dann schaute sie wieder aus ihren buntbemalten Teller und hauchte leise: „Nachher... im Garten."
Ellen wollte sich wirklich ein Herz fassen, sie wollte ihm sagen, was sie wußte, und ihn beschwören daß er die Sache kaltblütig nehmen möchte, denn was tn alter Welt konnte er denn dafür, daß er der Stiefbruder eines schlechten Men- ^^"Den? Staatsanwalt schwoll das Herz vor Wonne, daß sie ihm so vertraulich ^geflüstert hatte, daß sie eiuGe- heimnis mit ihm teilen wollte. So war er ihr doch nicht so gleichgültig, wie er in seiner Verbitterung vermutet hatte! lliid sie war keine von jenen blaublütigen Sensitiven, bi9


