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„Student-philheNene-Musttant."
Von Walter v. Molo (Wien).
Memoirenbücher sind jetzt Mode. Vollste Vorsicht ist daher Geboten. Die „Irrfahrten des Daniel Elster" muß man aber passieren lassen. Mit gezogenem Hut und salutierendem Degen! Der Degen muß dabei sein; denn diese neu bearbeiteten und von Hanns Martin Elster, nach mehr als siebzig Jahren, wreder herarw- aeaebenen Memoiren*) sind voll Lärm und Streit, voll Mang und Saug, voll Mut und Treue. Ein deutsches Abenteurerleben, das kühn und knorrig aus den Bubenbeinen, durchs Gymnasium zur Universität wächst, wo das Lcbeii gierig auf den Biirscheu wartet Au Leipzig wird Daniel Elster Frankone, später Thururge, als Delegierter der Leipziger Landsmannschaften zieht et, zum Wartburgfest der Jenenser. Eigenart rührt sich, Duelle kommen, der Senior wird kouleurmüde; der rohe Ton und die rein äußerlich« Altertümelei der Burschenschaftler, die scholl in diesem Zeitpunkt das Jahr 48 zur Blutreinigung brauchten, stoßen ihn ab; der Mediziner, der erst Theologe dem Namen nach war, entchstießt sich tzum Studium; er will zum Doktor promovieren. Weder -der Water, der dem kraftgenialen Sohn zürnt, noch der vergebenv ersehnte Schwiegervater schießen das nötige Geld vor; er bununelt neuerlich, verkommt und entschließt sich, mit anderen, als schtsv, grenzenlos ideal-schwärmerisches Kind seiner tatgierrgen, äußerlich untätigen Zeit (Biedermeierzeit), den südamerikaniscyen Provinzen im Freiheitskampf tvider Spanien beizusteheu. Er durchwandert Deutschland, Holland und Frankreich, seine Musik schenkt ihm manchen Gewinn; er zieht, lveil das knappe Geld seines Freundes bald ausgcht, als eine Art akademisch-musizierendcr Vagabund. So kommt er nach Paris, immer auf der Suche nach, den Anwerbern der jungen Republiken. Ein Seesturm, ein räuberpcher Ueberfall, die jeder für sich als dauernde, Erzählungsgeftel eines Spießbürgers fungieren würden, werden inr Borübergehen abgemacht; zu Paris verhaftet man die Obdachlosen, die ut der Esplanade des Invalides zu schlafen ftichen, als gefährliche, Königsmord wälzende Demagogen und stellt ihnen, kurz entschlossen, als Beweis ihrer Königstreue frei, sich für französische Dienste anwerben zu lassen. Daniel Elster greift zu, er ist in, ine Fremdenlegion eingekleidet; der Leipziger Senior als gemeiner französischer Soldat! Nun beginnt erst das schauerliche Schicksal des Tapfern!
Härte und Roheit werden sein Umgang, Saubohnen seine Nahrung, Krankheit und Tod seine allernächsten Widersacher. Auf dem Schiffe, das die Armen nach Korsika bringt, sterben täglich sieben oder acht Mann; Daniel Elster, der zügellose Stiident, entsinnt sich feiner Medizin, er hilft und fühlt zum erstenmal, daß jedem ein Platz im Leben angewiesen ist; er muß blotz wollen! Tagelange Märsche, Fluchtversuche, Kämpfe mit Gendarmen folgen; Elster wird endlich musikalischer Lehrer der Frau Olmstm, die sich für ihn verwendet; so avanciert er zum Amanueusts des Regimentsarztes und wird, mittels einer angeblichen Krankheit, vom Militärdienst losgeschwindelt und entlassen. Elsters deutsches Heimweh erwacht; er eilt heim, zum Vater und zur Geliebten; in Würzburg will er sein Studium zu Ende bringeii, von neuem greift des Schicksals verfluchte Tatze ins Räderwerk seines Lebens: er muß einer provozierenden Forderung genügen, sein Gegner fällt, Elster wird flüchtig, man verfolgt ihn, die Hatz geht über Heidelberg nach Mannheinl, in Stuttgart werben die Griechenvereine für das alte Land der Hellenen Freiheitsstreiter wider die Türken! Elster, mit der Heimat und allem zerfallen, lvird Phil-
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Durch die Schweiz geht's zum Mittelmeer, zur Ueberfahrt nach Griechenland. Sturm, Meuterei, Krankheit geben das Geleite; Franzosen und Deutsche geraten, trotz des gemeinsamen Zieles, hart aneinander. Die Feuertaufe ist unblutig! Nun hetzt ein Erleben das andere: Korinth, Argos, Akrokorinth, Thermo- pylen und eine Liebesgeschichte, zusamt griechischer Untreue und griechischen Greueltaten, Sonderpläne, Diebstähle, Intrigen, Mord, Fahneneid, Wahrsagungen, schreckliche Gewitter, in großer Laud- schaft, griechischer Nationalgesang, Landung, Tod der Freunde, Hunger, Reiterangriff, Proviantmangel, Duell, Verrätereien, Räuber, eine weibliche Freiheitskämpferin, Streifzüge und Gefechte, Schlacht, neuerlicher Verrat, Heldenmut, „Wir haben alles verloren, nur unsere Ehre nicht!" Weiter schlingt sich der Hexensabbat des Erlebens und Erleidens: Schwindler, Seuchen, Spitäler, Meutereien, Undank, abenteuerliche Seefahrten, Schatzgrä- bereien und eine tragische Liebesstunde beenden des bettelarmen Abenteurers Griechenfahrt. Nun greift die Kultur wieder ein. Elster gibt im Orient, in den ihn das Schicksal verschlug, Konzerte: er verdient Geld, er erlebt neuerlich Ungeheures und gelangt endlich fieberkrank nach Marseille zurück. Er beginnt Künstlerfahrten durch Frankreich, wird schweizerischer Musiklehrer, später Professor. Briefe aus der Heimat rufen und locken; Daniel Elster findet seine Liebe und wird glücklich.
*) „Die Irrfahrten des Daniel Elster, Student-Philhellene- Musikant", neubearbeitet und herausgegeben von H. M. Elster, 8 Bände (Memoiren-Bibliothek Robert Lutz in Stuttgart).
Der hetzende Rhythmus des Lebens liegt in den zwei umfang» reichen Bänden gefesselt, er hallt und schreit auä' jeder Zeile- aus jedem Wort, das der kraftvolle Mann niederschrieb, der ein wackerer Lebenskämpfer war. Blitzartig erhellen sich iöcite Strecken deutscher Entwicklung, unerahnte Einblicke in vergangene Zeiten frember Völker ergeben sich. Was hundert Kulturgeschichten nicht vermitteln: konkrete Kulturbilder, gesehen mit dem .Auge /ines Mitkämpfenden — Daniel Elsters Irrfahrten bieten sie! Wen das Leben zu solchem Erleben aussucht und daraus errettet, |)en liebt es und: den das Leben liebt, nur der kann uns Wertvolles geben! Daniel Elsters Irrfahrten, die sein Nachfahre.liebevollgenau und verantwortungsvoll bearbeitet, herausgab, sollten in jedes Mannes Herz und Kopf ziehen; denn diese Memorien sind von einem Reinen, Festen, von einem Idealisten geschrieben, der stets Mann und Mensch blieb, der die edlen Keime der Menschenseele in sich trug und sie im harten Ringen, auf der Schaubühne des Seins, nicht dorren ließ, sondern sie zum ragenden Baume großzog, was letzte und höchste Daseinsverpflichtung ist und Jets sein wird!
Büchertisch.
— Handbuch derKun st Wissenschaft. Herausgegeben von Privatdozent Dr. F. Burger- M ü n ch e n in Verbindung mit den Univ.-Professoren Curtius-Erlangen, Egger-Graz, Hart- mann-Straßburg, Herzseld und .Wulfs-Berlin, Neuwirth-Wien, Pinder-Tannstadt, Singer-Dresden, Graf Vitzthum-Kiel, Wackernagel-Leipzig, Weese-Bern, Willich-München und Oberbibliothekar Leidinger-München. Mit ca. 3000 Abbildungen. In Lieferungen ä 1,50 (Akademische Verlagsgesellschast Athenaion, Ber- lin-Neubabelsberg) Lieferung 10: Burger, Deutsche Malerei Heft 5. Die Schöpfung dieses großartigen Werke-, der ersten Kunstgeschichte, die den modernen Bestrebungen und den allerneuesten Forschungsergebnissen gerecht wird, war eine sehr glückliche. Idee. Dse Kunstentwickelung wird hier als aus der Kulturgeschichte herauswachsend geschildert, außerdem kommt in .dieser Kunstgeschichte, an bereit Schaffung die kompetentesten Fachgelehrten mitwirken- überall das rein Künstlerische zu Wort. Ein eigenes künstlerisches Urteil soll der Leser getoutneit. Daher ist hier zum ersten Male auch die Methodik des Vergleiches angewandt. Durch das Werk, das mit einer übergroßen Fülle von Abbildungen geschmückt ist, wird das Auge geschult und eine selbständige persönliche Erkenntnis ermöglicht. Der Leser vermag selbst die Kunstwerke auf ihre Bedeutung und ihren Wert zu schätzen und lernt sie aus ihren eigenen Lebeusbedingungen heraus begreifen. Das wahrhaft prunkvoll ausgestattete Handbuch, das die bestillustrierte Kunstgeschichte der Gegenwart bildet, ist daher für jeden, der sich mit dem Studium der Kunst beschäftigt, ein ebenso notwendiges wie unentbehrliches und brauchbares Werk: alle Kunstepochen werden hier in überaus geistvoller, anziehender und interessanter Darstellung behandelt. Die vorliegende Lieferung übertrifft alles au Pracht, was bisher durch das Handbuch geboten wurde; es enthält eine so große Zahl köstlicher farbiger wie Textillustrationen, daß mau staunend das Heft durchblättert. Bedeutsame Schätze der deutschen Malerei, die bisher in dem köstlichen illuminierten Codices dem Laieuauge verborgen schlummerten und die in Gold- und Purpurglauz nur wenigen Eingeweihten Kunde.von einer herrlichen Kunst unserer Vorsahren geben, werden hier in dem prächtigen Farbenglanz der Originale der Allgemeinheit zum ersten Male zugänglich gemacht. Der Opfermut des Berle.gers, der zu einem geradezu staunenswerten billigen Preise eine solche enorme Fülle von Illustrationen neben dem glänzenden Texte bietet, ist picht Hoch genug anzuschlagen.
Buchstabenrätsel.
a, bei, e, ge, ki, li, I, lo, ol, ma, nie, lin, po, rn, ter, ver, veil, z.
Ans vorstehenden Silben und Buchstaben sollen fünf Wörter gebildet und derart untereinander gesetzt iverdeu, daß die Anfangsbuchstaben von oben nach unten und die Endbuchstaben von unten nach oben gelesen, den Namen eines Operetten-Komponisten ergeben. Es bezeichnen aber die einzelnen Wörter der Reihe nach folgendes:
1, Ein Längenmaß.
2. Weiblieben Vornamen.
3. Fremdländische Münze.
4. Englische Stadt.
5. Sternbild.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Rösselsprungs in voriger Nummer: Vieles kaufen, was entbehrlich, Ist bedenklich, ja gefährlich.
Früher schrankenlos int Kausen, Wirst du, wenn die Fonds verlausen, llnentbehrliches vermissen, Und wohl gor verkamen müssen.
Redaktion: kk. N e u r a t h. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheii Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R, Lauge- Gieß«»


