443
itnb daß bie europäische Seele keine Geheimnisse vor mir hab" Er bemühte'Goethe („Der veränderte Freund"), uni auch in seinem Leben jenes Motto seines Meisters Barres nachzuweisen, das er seinen „Studien zur Kritik der Moderne" vorletzte: „Es gibt nur eine Sache, die ich der Schönheit vorziehe: das ist der Wechsel." Aber nun hat er seinen Wahlspruch geändert. Er lautet nicht mehr: „Niemals derselbe", sondern: Niemals und immer derselbe." „Das kam aber nämlich so. Mir war inzwischen eines Tages eingefallen, daß ich ja nun auch schon 50 Jahre werde. Dies sieht einen kurios an, erst will man es gar nicht glauben. . . Und dann denkt man zurück. Und in mir wurde da plötzlich gefragt: Was ist dir davon treu geblieben?- Und indem ich es nachzurechnen begann, vom Kind auf bis zum heutigen Tag, erschrak ich. Ich erschrak, wieviel mir treu geblieben ist." Und nun findet er sich stets als den Gleichen wieder: in seinem Oestreichertum, das bereits in der Heimat des romanischen barocken Salzburg „welsch ausgeprägt" wurde, und, wie er in der „Dalmatinischen Reise" schön sMührt, Byzantinisches und Slawisches, Italienisches und Deutsches umfaßt, in seiner Lust am „Sinnieren und Spekulieren", die wirklich etwas mit dem Lebensphilosophicren des so ganz andersartigen und doch stammverivandten Rosegger gemein hat, ja selbst in seinem Impressionismus, den er einmal selbst treff« lich mit den Worten gekennzeichnet: „Mich treibt es, die Fülle der Noten, den Schwall und Strudel ihrer gischenden Flut, ihren bunten Sturm zu formen; nicht eine einzelne reizt mich, sondern das Flirren und Flackern ihrer bewegten Menge nur, wie sie sich berstend streifen, stoßen und reiben; in den Grund will ich keiner dringen, aber die ganze Fläche dieser breiten Zeit möchte ich fassen, den vollen Taumel aller Wallungen aus den Nerven und Sinnen."
Und dennoch ist Bahr heut nicht mehr derselbe, als der er einst in die Literatur cintrnt und ein ganz unvergleichlich solgen- reiches Wirken entfaltete. Aus fcem geschwinden Vermittler aller internationalen Moden, der die Wortkunst der Goneourts wie die Bühnenkunst Antoines, den Mystizismus Paladans wie den Maeterlincks, die dekadente Romantik eines d'Annunzio wie die Ekstatik der Düse und unzähliges andere bei uns einführte, ist ein demütiger Verehrer der heimischen Götter geworden, der die Größe Grillparzers wie Stifters, die urwüchsige Lyrik des geniale» Vagabunden Stelzhamcr, die Erzählerkunst der Ebner- Esck>enbach und Saars preist. Aus dem frivolen Skeptiker, der in den schwarzen Messen tzuysmann wie in der ästhetisierenden Askese Hellos seine Sensationen suchte, ist ein „Gottesdicner" geworden, der in einem Königsberger Hotelzimmer plötzlich seiner Religion sich bewußt ward, und Dom Tode in schwerer Krankheit gezeichnet, in diesem einen lieben Gefährten findet: „denn daß es mit dem Tode nicht aus ist, Ivar mir stets gewiß, jetzt aber weiß ich, daß es mit dem Tod erst wahrhaft anfängt. Und ich weiß seitdem, daß ich das Leben habe, um mich würdig zu machen für den Tod." Heimat, Glauben, Natur und Menschenliebe, Anbetung des Gesunden und Körperlich-Starken, Freude an der Jugend und am Sport, das sind die Geisteskreise, in denen Bahr, der Fünfzigjährige, lebt, und sie fangen an, neue Frucht zu tragen in seinen letzten Werken, in jenem großen Romanzyklus, iu dem er „die alten und neuen Mächte des Lebens" schildern will.
Fast scheint cs, als würde uns dieses so unheimlich üppige Nnd bisher allzu rasch zeugende Dasein nun erst seine reisen Früchte bescheren. Bisher war seine Entwicklung von universaler Bedeutung, weil sie so typisch wie keine andere die einzelnen Stadien verkörperte, die die moderne Seele im letzten Vierteljahrhundert zurückgelegt. Als Sozialist hat er begönnert und Marz „Kapital" war sein Lebensbuch, als er mit seinen amüsanten Briefen über „die Einsichtslosigkeit des Herrn Schäfsle" „die Aussichtslosigkeit der Sozialdemokratie" widerlegen und sich die nationalökonomischcn Sporen verdienen wollte, lind dann war er Naturalist vom reinsten Wasser, sang das Loblied der freien Liebe in den „Neuen Menschen" und übertrumpfte in der „großen Sünde" den Ibsen des „Volksfeindes", den „Großmeister des modernen Dramas", dem er sein Stück „in ehrfürchtiger Liebe" widmete. In Paris' aber ist er rasch und gründlich geheilt von fcem „nordischen Uebelwcsen". Nun sucht er die koloristischen Wunder der „eeritüre artiste", die phantastischen Ticsen einer sinnlichen Syrnbolistik in seine Sätze zu bannen, und es entsteht bie „gute Schule", dieser tolle wüste Roman mit dem rosigen Lachs' in der grünen Kräutcrsauce als Mittelpunkt, der so. viel Unheil in Herzen und Hirn eines jungen Malers anrichtet. In dem hastig geguälten Rhythmus, in dem farbensatten Wortprunk dieses Buches hat Bahr ein bizarres Stilmuster aufgestellt, bas in uttfTrm Schrifttum lange nachgewirkt hat, bis zu Wasser- Utanns „Renate Fuchs" und Heinrich Manns ersten Romanen, ein Suchen nach frentbcit und bizarr gewundenen Schnörkeln, das ohne französische Brocken zunächst gar nicht auskommt, eilte Lust an wunderlichen Vergleichen, „um den Duft der heimlichsten Nuancen zu gewinnen". In seiner „russischen Reise", da er, „in einem Taumel der Verzückung den Ruhm der Düse nach Deutschland schreit", ist der Höhepunkt dieses impressionistischen Stils erreicht. Aus Petersburg eilt er 1892 nach Wien.
Bahr hat einmal — in seinem Essayband „Bildung" — menschlich warm geschildert, wie ihn in dem wilden und ge
waltsamen Paris eine entsetzliche Unruhe, eine Sehnsucht nach Hause ergriff, wie allmählich in ihm der Gedanke entstaub, „eine Literatur in Oesterreich zu begrünbcn". Diese „fixe Jbcc" ist dann im letzten Jahrzehnt bcs 19. Jahrhunderts zur Wirklichkeit geworden, nicht etwa, wie er selbst stets betont, durch Bahr und seine einflußreiche Wochenschrift „Die Zeit" aus bei» Boden gestampft; aber er hat den Dichtern und Malern Jung-Ocstcrreichs die Wege geebnet, das widerspenstige Publikum für sie gewonnen. Alle sind sie an seiner Hand in bie Literatur eingetrctc», Schnitzler und Peter Altenberg, der junge „Loris", aus dem bald Hugo von Hosmannsthal wurde, und der frühvcrstorbene Leopold An- drian, Dörmann und mancher andere. Und fast noch mehr hat er für bie bildende Kunst getan, als er mit Hcvesi zusammen lange ganz allein für bie Wiener Sezession focht unb ihr mit seinen temperamentvollen Aussätzen den Sieg erkämpfte. Auch, hier hat er durchaus an bie alte Trabition angeknüpft, Ruboli von Alt unb Theobor von Hörman als erster verherrlicht, Otto Wagners modernes Barock gcwürbigt, unb neben Klimts überragender Größe, die er am stärksten feiert, bie andern tüchtigen Talente nicht vernachlässigt. Auch das Wiener Kunstgcwerbe, in dem die Bewegung vielleicht ihr Bestes geleistet, erhielt durch sein Auftreten einen starken Impuls. „Wenn wir erst auf besseren Sesseln sitzen, werden wir auch zu besseren Menschen," schrieb er und ließ sich von Olbrich, den er so sehr geliebt, fein Haus auf dem Hügel zu Obcr-St. Beit bauen. Und an dieser Arbeit für Kunst und Kultur seiner Heimat wuchs er zum leidenschaftlichen Oestcrrcicher auf, zum echten Wiener „Raunzer", der. fein Vaterland züchtigt, weil er es lieb hat; mag er eine große geschichtliche Entwicklung barstellen, wie in seinem kühn unb groß gezeichneten Buch „Wien", ober einen Feberkrieg gegen bie k. k. Post führen, weil seine Briese „schlgeleitct" werben. Aus diesem zornig-süßen Heimatsgefühl find dann auch seine besten Dichtungen entsprungen, „Der Krampus", die entzückende Altcwicner Rokoko-Komödie unb bie Tragödie „Sanna", beides Beiträge zur „Naturgeschichte des Hofrats", in dem Bahr den Totengräber Oesterreichs haßt, die warmherzig kräftigen Lebensbilder aus dem Leben Stclzhamers „der Franzl", einige Wienerische Komödien unb ber großzügig-soziale Roman „Drut".
Tic Blütczeit ber stilistischen Kunststücke, bie Sucht zu „blus- fcn" hatten während dieser Wiener Zeit allmählich aufgehört. Bahr nahm .nun die Maske des „Meisters" vor, des abgeklärten Weisen und schrieb einen Stil, der mit fabelhafter Geschicklichkeit die Briefe aus Goethes Spätzeit unb bie -„Wanderjahre" nachahmtc. Bis dann schließlich sein echtes heißes Mensck>en- tum ganz rein und natürlich hcroorbrach in einigen seiner innerlichsten und herzlichsten Bücher, in dem prächtigen „Buch der Jugend", der ergreifenden fcelifchcn Wrcchnung „Inventur", ber bas österreichische Problem aus großer Perspektive schaucubcn „Dalmatinischen Reise" unb dem Bckcnntnisromau „O Mensch!". So sehen wir an seinem 50. Geburtstag den Ewig-Jungen in einer neuen hoffnungsvollen Wandlung begriffen, vielleicht erst zu dem Dichter sich gestalten, den mir bisher trotz seiner vielen Werke nur ahnten und mehr instinktiv fühlten. Bahr hat entschieden eilt starkes dramatisches Talent. Das bewies schon sein erschütterndes Drama „Die Mutter" (1891); das zeigten vielleicht am besten einige seiner Einakter, wie „Der arme Narr ober die „Grotesken"; zuletzt offenbarten cs glänzende Theaterstücke, wie ber geistreiche „Star" und das seine „Konzert". Emer wirklichen großen Dichtung müssen wir noch Harren, und so danken wir diesem genialen Anreger auf ber Lebenshöhe etnes halben Jahrhunderts doch in erster Linie für den reichen Gctstes- samen, den er, ein guter Kultursäemann, immerdar ausgestreut hat unb ber heute in dem fruchtbaren Boden, auf den er bez allen Mitlebenden gefallen, vielfältige Frucht trägt.
Aus meiner Gymnasialzeit.
Erinnerungen von Pfarrer Werner, Nidda.
Diese habe ich int „alten goldenen" Mainz zugebracht. M war mir zuerst Angst gemacht worden: Wie kommst du nach Mainz, dieser cr'zkatholi scheu Stadt, mit diesem katholischen Gymnasium ? fragte man mich oft zu Hanse. Ich muß offen gestehen,. daß mich dort niemand meines Glaubens halber angefochtM hat und am wenigsten meine Lehrer ulnb Mitschüler. Alle Vergünstigungen, die von feiten der reichen Fonds katholischen Schülern zuteil wurden, bekam auch ich, so z. B. Befreiung vom Schulgeld als Lchrerssohn und nncntgcltlichc Benutzung ettter besonderen Bibliothek. Wir waren damals 3 evangelische Theologm in der Klasse, außer mir die noch Lebenden: Kirchenrat Gvofch-Kast« und Pros. a. D Weihrauch-Darmstadt. Tas Gymnasium hatte acU Klassen, bie beiden untersten hatten noch ParallelabteilungM, bie Nummern liefen von VIII—I. Bekanntlich zählt man in Süddeutschlanb anbcrs, man nennt bie unterste Klasse I und die oberste VIII, weshalb der bekannte Schriftsteller Hansjakob einmal sagte: „Tic Preußen zäunten den Gaul beim Schwanz auf. Ich trat in die V. (jetzt Obertertia) ein. Nlc Lehrer, außer dem Turnlehrer, waren katholisch. Trotz einer Religion waren sie aber nicht eines Sinnes. Zwischen dem Direktor Tr. ©tiefer, ei nein würdigen tüchtigen Manne, und dem Professor Kl. z. B„ von uns wegen seiner derben Manieren nur der „Gaul" ge-


