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Dies Anstands gefüh-l und der Korpsgeist dieser einfachen Leute, der in so wohltuendem Gegensatz zu dein skrupellosen Geschäftssinn der Großstadt stand, nötigte Gottliebe Achtung «bl Tas mußte man auch respektieren.
„Sie haben ganz recht, Toni," entschied sie sich. „Dann muß unter allen Umständen der Regierungsrat mit ans den Ortler."
Und sie trat zurück zum Gletscherhang, um nach den andern Ausschau zu halten. Auch der Spängler trat dorthin; ein Weilchen blickte er wie sie auf Bessow nieder, der sich eben mit hochrotein Gesicht, räsonierend und krampfhaft am Seil Stadlers haltend, durch das Geröll des letzten Wegstücks heraufquälte. Dann sagte er halblaut:
„Ich glaub' nit, daß. der Herr viel Lnst zum Ortler haben wird."
Auch Gottliebe fiirchtete es. Aber gerade, weil so wenig Aussicht darauf vorhanden tvar und damit ihr Wunsch durchkreuzt zu werden drohte, reizte es sie um so stärker, ihren Willen durchzusetzen.
„Er muß einfach!" entschied sie leise, aber so sicher, daß der Spängler sie verwundert anschautc. Wie wollte sie das wohl machen?
Gottliebe verstand die stumme Frage, und der Schalk sprühte ihr plötzlich wieder aus den Hellen Augen.
„Wollen wir wetten, Toni, daß er mitkommt?"
Der Regierungsrat unter ihr war gerade zum Verschnaufen stehen geblieben und blickte, sich den Schweiß von der Stirn trocknend, zu ihr auf, ahnungslos, daß er der Gegenstand der ihm nicht verständlichen Unterhaltung da droben war. Die Situation erzeugte Gottliebe ein diabolisches Prickeln.
„Er wird, passen Sie auf, Toni! — Lassen Sie mich nur machen!" Und sofort an die Ausführung ihres Planes gehend, den sie im Moment entworfen hatte, beugte sie sich zu Bessow hinunter.
„Nun, da sind Sie ja auch! Nur ein paar Schritt noch, dann lohnt Sie eine herrliche Aussicht für alle Strapazen!"
„Ob das wirtlich ein Aequivalent für das eigenartige Vergnügen dieser Promenade sein soll, ist mir ziemlich zweifelhaft!" Verärgert gab es Bessow zurück. Er glaubte, daß ihre Worte eben ihn nur obendrein hatten verhöhnet sollen. Und er verwünschte den „hahuebüchnen Blödsinn" dieser Bergfahrt grade schon genug. Daß er sich doch bloß nicht von der Tante gestern hätte breitschlagen lassen!
„Sie werden anders denken, wenn Sie erst hier oben sein werden," versicherte Gottliebe, und ihr Ton klang diesmal wirklich ernst. „Sie sind doch übrigens sehr gut gegangen für das erstemal. Nicht wahr, Toni?" Und unbemerkt zupfte sie ihren Führer am Aermel. Der verstand nun ihre Taktik.
„Aber gewiß!" bestätigte er ernsthaft. „Der Herr sind schon ganz schön gangen."
Bessow, jetzt nur noch wenige Schritte unterhalb des G-ipfels, sandte einen schnellen mißtrauischen Blick hinauf.
„Sie trauen mir doch nicht zu, daß ich Ihnen das glauben soll," gab er an Gottliebe die Antwort zurück.
„Wer warum nicht? Im vollsten Ernst: Sie sind doch wirklich nicht schlecht gegangen. Natürlich, aller Anfang ist schwer, und das nächste Mal wird's besser gehen. — Na einstweilen: Willkommen auf der Geisterspitze! Ich freue mich, Sie hier oben begrüßen zu können."
Scherzend hielt sie ihn: die Hand hin, als er seinen Fuß auf das Plateau setzte.
Bessow nahm ihre Rechte, aber während er hochaufatmend Posto auf dem Gipfel faßte, seukte er abermals seinen Blick prüfend in den ihren. Sonderbar! Was sollte er von ihr hätten? Es schien ihr doch wirklich Ernst zu sein; ja, ihr Ton war sogar fast warm! Woher aber dieser Wandel?
„Es wäre an mir, Ihnen mein Kompliment zu machen." Noch immer vorsichtig wog er die Worte ab. „Sie sind ja wahrhaftig auf den Berg hinaufgeschwebt!"
„O!" wehrte sie lachend ab. „Sah nur so aus! Der Toni hier weiß besser Bescheid — nicht? Wenn der mich nicht so fest ins Schlepptau genommen hätte! — Na, niemand ist schließlich ein großer Bergsteiger vor seinem Führer, glaub' ich. — Ueb rügens, soll man wohl nicht leicht steigen, wenn man bloß so ein paar Pfund zu tragen hat wie ich leichtes Persönchen? Sie haben doch ein ganz anderes Gewicht yer-- nufzu s chaffen geh ab t."
Und sie sah auf seine große, stattliche Figur hin.
Bessow leuchtete das Argument wirklich ein, und schnell! griff er nach diesem Grunde, der ihn sogar vor sich selbst wieder etwas rehabilitierte. _ .
„Es ist ja richtig: hundertsiebzig Pfund sind immerhin ein Gewicht. Und ich bin absolut nicht mehr im Training." Er tupfte sich mit dem seidenen Tuch Stirn und Wangen ab. „Ich glaube aber wirklich: Es ist das Steigen nur Sache der Hebung."
„Aber ohne jeden Zweifel!" Aufs lebhafteste pflichtetet sie ihm bei. „Das nächste Mal spüren Sie gar nichts mehr. Ich bin- fest davon überzeugt. Glicht wahr, Stadler?" Und! sie winkte heimlich mit den Augen dem Alten zu. „Und nun haben wir unser Examen gut bestanden! Jetzt gehn Sie mit uns auf den Ortler, nicht?"
„Nun, vorläufig wollen wir uns mal unseres ersten Erfolgs freuen/; lenkte sie Bessow von ihren allzu weit vorauseilenden Plänen ab. „Wie wär's mit einer Meinen! Siesta hier? Wir haben uns doch eigentlich eine Ruhepause wohl verdient."
„Das will ich meinen!" Und schon saß Gottliebe auf einem Felsblock. „Kommen Sie. Es ist Platz für zwei." Sie machte Bessow Raum neben sich, ihr Kleid eng zusammenraffend.
Der Regierungsrat ließ sich in der besten Laune neben ihr nieder. Sie war ja einfach entzückend heute! So liebenswürdig kameradschaftlich, ohne jede Ironie und.Hohn, hatte er sie überhaupt noch nie gesehen. Wenn das die Einwirkung der Bergfreiheit, der Höhenluft fern von gesellschaftlicher Konvention war — und sie war es doch offenbar! ■ so hatte sich das Opfer dieser fatalen Kraxelei hier hinauf doch gelohnt.
„Sie haben recht," beeilte er sich, auch ihr Angenehmes zu sagen. „Auf der Höhe beurteilt man die Sache doch anders: Es ist wirklich großartig hier oben!"
„Sehen Sie! Sie bekommen Geschmack au der Sache. Sie werden noch ein ganz wilder Gipfelstürmer! Darauf wollen wir einmal trinken." Dankend nahm sie Flasche und Becher, die Toni, ihr zu Füßen auf dem Fels sitzend,' ihr zugereicht hatte, schenkte sich den roten Wein ein n.nd neigte den Glasbecher zu Bessow hin. „Auf den Alpinisten in Ihnen!" Und sie tat einen herzhaften Schluck, dann den Becher dem Regierungsrat zureichend. . .
Ter Spängler-Toni sah mir steigendem Mißfallen, wie der andere das Glas nahm und, mit langem Blick zu ihr hinüber, fast andächtig von derselben Stelle trank, wo eben ihre Lippen geruht hatten. Das Glas mußte ja noch tvcirm von ihrem Munde sein. Ein geheimer Neid auf den Re- gieruugsrat wallte in ihm aus. Daß grad der — dieser; inißschaffene Stadtmensch ohne «ast und Kraft, dafür aber um so voller an Hochmut — solcher Auszeichnung teilhaftig wurde! Ueberhaupt, daß sie nun immerfort so herzlich zu ihm sprach! Er vergaß ganz, warum es geschah, daß alles nur kluge Diplomatie von ihr war, um jenen für die Ortl'er- tour zti gewinnen und gerade ja seinetwegen in letzter Linie — er sah nur ihre strahlenden Augen, die jetzt den anderen anblitzten, und das machte ihn traurig und zornig in einem.
(Fortsetzung folgt.)
Hermann Vahr, der Mrszigjährige.
(Zum 19. Juli )
Von Dr. Paul Lauda u.
Zu seinem 40. Jahr hat sich Bahr selbst gratuliert: „Voriges Jahr Hauptmann, Schnitzler und Maeterlinck, Heuer ich, aufs Jahr Hartleben und d'Annunzio! Aber noch immer heißen wir die Jungen, es sind noch keine neuen da. . . Wenn ich denket vor 20 Jahren oder selbst noch vor 10 — war denn das wirklich derselbe Mensch? Ich lache ja jetzt über ihn, aber doch ein bißchen neidisch. Und wenn es menschlich ist, so sich unablässig immer wieder zu verwandeln, was wird daun erst in 10 Jahren noch alles aus mir geworden sein?"
Heute kann sich unser Literatur-Proteus darauf die Antwort geben, ober er braucht cs nicht mehr selbst zu tun, denn zu seinem 50. Geburtstag regt sich so manche andere Feder. Ist er uns doch heute schon fast historisch geworden, der ewige „Manu von Morgen", lind gäbe er selbst die Antwort, so ivüroe sie wohl ganz anders lauten als vor einem Jahrzehnt. Bahr liebt es nicht mehr, den steten Wechsel seines Wesens, sondern den ruhenden Punkt in der Flucht seiner Anschauungen zu betonen. Früher war ihm der Gedanke schmeichelhaft, „daß zwischen Wolga und Loire, von der Themse zum Guadalquivir heute nichts empsuit- den wird, daß ich nicht verstehen, teilest und gestalten könnte,


