Ausgabe 
19.7.1913
 
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Firnknraulch.

Roman von Paul Grabern.

'Nachdrtick verboten.) (Fortsetzung.)

Sind Sie den n noch immer nicht müde, Toni? Ruhen Sie sich doch mut aus!" mahnte Gottliebe. Aber der Späng- ter drehte sich nur lächelnd um.

»? Dös. wär schlimm, Fräula! Von dem btssel Stufenschlagen? Da muß man gar manchmal ganz anders arbeiten!"

Und schon hob er zu neuen Streichen aus. Er mußte wirklich Arme von Stahl haben! Bewundernd dachte es Gvttl'iebe. t

Eine halbe Stunde ging es so hinauf, dann trat der kahle Fels der Spitze aus der Eishülle; Geröll und Blöcke erschwerten diesen letzten Aufstieg. Ein paarmal war Gott­liebes Fuß. auf einem nur lose liegenden Stein ausgeglitten, der dann in großen Sprüngen den Hang hinuntersetzte.

Nehmen S' lieber meine Hand, Fräula" und der Spängler reichte ihr seine Rechte.Es geht sich hier schon mt Gottliebe folgte seiner Mahnung. Sie hatte den Woll­handschuh längst abgestreift, es war ja so herrlich warm hier oben im Sonnenstrahl; so legte sich ihre bloße Hand in seine harte, sonnengebräunte Rechte. Sie dachte in diesem Augenblick nicht daran, wie oft sie überästhetische" Hände gesprochen hatte, und daß ihr eine ungepflegte, ansgearber- tete,proletarische" Hand geradezu widerlich erschienen war, hinreichend, ihr einen Mann vom ersten Moment zu ver­leiden. Sie empfand jetzt nur, wie angenehm solche starke Manneshand, auf die man sich so herrlich stützen konnte, und wie aufmerksam-zart dieser einfache Mensch war. Sorg­sam spähte er nach jedem unbequemen Stein auf dem Wege aus, räumte ihn mit seinem breiten Nagelschuh fort und leitete sie so bequem und sicher zuin Gipfel hinauf, bei starker Steigung sie mit einem sanften Ruck zu sich hinaufziehdNd.

So da wär'n wir halt oben!"

Wirklich, die Spitze war erreicht, da stand sie nun neben dein Begleiter ans einem kleinen, wenige Quadrat­meter umfassenden Felsplateau, hinter ihr der Hang des Gletschers, vor ihr der steile Felsabsturz der Spitze hin­unter zu einem neuen gewaltigen Gletscherfeld. Ringsum aber ein endloses Gipfelmeer, von den Schneehäuptern der Berninagruppe an bis hinüber zur Weißkugel des Oetz- tals, wie gigantische Wellen, in einem Augenblick furcht­barer Erdwehen der Urzeit zu Stein erstarrt und dann mit Schnee und Eis äbergosseu.

Wortlos genoß Gottliebe das grandiose Schauspiel. Um besser zu sehen, trat sie dicht an den Rand des Absturzes. Der Spängler sprach kein Wort der Warnung, aber er trat ihr nach, io daß, er sie. wenn nötig, mit festem Griff

gehalten hätte. In stiller Freude blickte er von der Seite her auf ihr Gesicht, irr dem sich ihre Bewegung spiegelt.

Plötzlich fuhr sie in ihrer impulsiven Art schnell heruur und streckte ihm die Rechte entgegen:

hDas ist der gewaltigste Augenblick meines Lebens! Ich danke Ihnen, Toni!"

Verwundert fast drückte der Spängler ihre Hand. Wo- für dankte sie ihm? Er hatte doch nur berufsmäßig seine Schuldigkeit getan, daß er sie hierher hinaufgeleitet hatte, und es war ja eine Spielerei gewesen.

Da bvaucht's keinen Dank, Fräula," lehnte er bescheiden ab.Aber gratulieren tu ich Jhna zu Ihrer ersten Spitzen. Und vortrefflich sind S' gangen ganz ausgezeichnet!"

Lächelnd entzog sie ihm die Rechte, die er kräftig ge­drückt hatte. .

Wirklich, Toni? Hab ich mich gut gehalten?" Sem Lob machte sie stolz; sie freute sich aufrichtig dieser ersten Kraftprobe.

Ganz vortrefflich!" beteuerte der Spängler noch ent- mal.Das hab' ich Jhna gar nit zutraut, als ich Jhna das. erste Mal g'schaut hab' drunten norm Trafoi-Hotel."

Wahrhaftig?" Sie lachte ihn mit Hellen Augen an.

Was haben Sie denn da von mir gedacht, Toni?"

Er wurde ein bißchen verlegen.

Na, nur heraus mit der Sprache!" drängte sie über­mütig.Sie Hielten mich wohl für eilte richtige Zimper- lie e, die keine zehn Schritt weit gehen kann?"

Ah na, das schott nit! Nur Sie schauten halt so fem und zart aus." Tonis Blicke glitten unwillkürlich an ihrer schlanken Mädchenerscheinung hinab.Da hab' ich mir's halt net denken könnt, daß Sie gar so brav steigeti taten."

Na, nun wissen Sie's ja besser, Toni gelt? Und nun kann ich auch auf den Ortler, nicht wahr?"

Aber ganz gewiß. Der macht Jhna schon ntx." ,

, Famos!" frohlockte Gottliebe.Toni, ich freu' nnch ja wie ein Kind. Auf den Ortler juchhe, auf den Ortler!" Und in ihrer Herzensfreude stieß sie einen helleit melodischen Juhschrei aus. Dann aber wandte sie sich rasch wieder zu ihm; es fiel ihr etlvas ein:

Aber sagen Sie mal, Toni, lute ist das denn? Eigent­lich hab' ich doch neulich schon den alten Stadler für dre Ortlerpartie angenommen!"

Toni nickte langsam, und in seinen offenen Mienen spie­gelte sich leise eine Betrübnis.

Jo freilich, Fräula. Wenn der Herr nit etwan wieder mitgeht, müssen Sie schon mit dem Stadler gehn."

Wie dumm!" Auch aus Gottliebe sprach das Bedauern. Wir haben uns nun schon so nett miteinander eingegangen. Geht's denn wirklich nicht, Toni? Eigentlich hab' ich ja doch noch gar nichts Bestimmtes mit dem Stadler abgemacht!"

Nit gut," gestand der Spängler ehrlich, wenn es ihm auch nicht leicht fiel.Das ist nun schon mal so bei uns. Man darf sich die Herrschaften nit einander abspenstig machen."