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Die schlacht bei Bautzen.
(20./21. Mai 1813.)
Bon Hauptmann Greeven- Düsseldorf.
-,,'Zum Teufel, Sie kriechen iaV' so fuhr Napoleon einen seiner Generale bei der Verfolgung der Verbündeten nach der mühsam gewonnenen Schlacht von Groß-Görschen an. Tie französischen Truppen hatten jedoch auch nur zwei Lungenflügel und nur am 5. Mai bei dem nördlich Chemnitz an der Mulde gelegenen Colditz gelang cs der Vorhut des Vizekönigs Eugen, die vom russischen General Milvradowitsch befehligte Nachhut zn einem ernstlichen Gefecht zu stellen. Aber an dem hartnäckigen Widerstand der Brigade Steinmetz vom Korps Borck zerschellte der Übermächtige Ansturm der Divisionen des Vizekönigs.
So überschritten unter ständigen Nachhutgefechten die Preußen Unter Blücher bei Meißen und die Russen unter Wittgenstein bei Dresden am 7. Mai die Elbe. Während nun die letzteren ihren Rückzug über Bischofswerda aus das hinter der Spree gelegene Bautzen fortsetzten, bog Blücher von Meißen aus nach dem direkt in nördlicher Richtung liegenden Großenhain ab, um sich später wieder östlich der Spree mit den Russen zu vereinigen. Auch etlva 11000 Mann russischer Reserven unter Barclay de Tolly näherten sich von Thorn her der Bautzener Stellung. Da nun Napoleon vermutete, daß die Preußen zum Schutze ihrer Hauptstadt weiter nach Norden zurückgehen ivürden, setzte er den Marschall Ney mit seinem eigenen 3. und dem 5. Korps Lauriston, einschließlich der 10 000 am 11. Mai in Torgau zu ihm. stoßenden Sachsen etwa 66 000 Mann, nach der Mark in Bewegung. Mit seiner Hauptarmee — der Garde, dem 4. Korps Bertrand, dem 6. Marmont, dem 11. Macdonald und dem 12. Oudinot sowie dem 1. Kavalleriekorps Latour-Maubourg — überschritt Napoleon vom 11. Mai ab in mehreren Kolonnen bei Dresden die Elbe. Zu derselben Zeit nahmen die Preußen und Russen dicht östlich der Spree auf dem Höhengelände oberhalb und unterhalb Bautzen eine Verteidigungsstellung ein, deren linker Flügel sich an das böhmische Grenzgebirge, also an das Gebiet des schon bedenklich nach den Verbündeten hinncigenden österreichischen Nachbarstaates, anlehnte.
Abgesehen von den bereits erwähnten Sachsen, die zusammcil mit der Division Durutte das 7. Korps unter Rehnier bildeten, hatte Napoleon inzwischen noch weitere erhebliche Verstärkungen erhalten. Die bayerische Division unter General v. Raglovich stieß'zum 12. Korps Oudinot, die württembergische unter General Franquemont zum 4. Bcrtraud und die westfälische unter General v. Hammerstein zum 6. Marmont. Hierdurch sowie durch frische Garden erhielt die Hauptarmee Napoleons einen Zuwachs von 34 Bataillonen, 23 Schwadronen und 14 Batterien, so daß sich ihre Gesamtstärke auf etwa 110 000 Mann belaufen mochte. Erst am Abend des 15. Mai erhalt Napoleon Gewißheit darüber, daß die Blüchersche Armee nicht ans Berlin, sondern nach Bautzen abgebogen ist. Sofort erhält der etlva auf der Mitte zwischen Berlin und Bautzen bei Kalan angelangte Ney den Befehl, unverzüglich mit seinem und dem Lauristonschen Korps über Senftenberg und Hoyerswerda auf Bautzen abzmnarschiercn, während Marschall Victor mit einem an der Elbe in der Bildung begriffenen neuen Korps die zur Deckung von Berlin bestimmten Truppen des preußischen Generals von Bülow beschäftigen soll.
Erst am 18. Mai erfahren die Verbündeten durch eine auf- gefangene Depesche von Napoleons Generalstabschef, daß das Korps Lauriston, gefolgt von Ney, an diesem Tage in Hoyerswerda, also etwa 27 Kilometer von der rechteil Flanke der Stel- hing der Verbündeten entfernt, eintreffen werde. Noch am späten Abend wird General Barclay de Dolly mit zwei russischen Dioi- ftonen und dem Aorckschen Korps in Marsch gesetzt, um durch einen Vorstoß gegen Hoyerswerda die dreifach überlegene Neysche Armee ausznhakten. Zwar gelingt ein am 19. Mai unternommener Uüberfall auf die französische Vorhut, doch werden die Anssalltruppen trotz heldenhaften Widerstandes' der ost- und fvestpreußischen Regimenter Horcks in dem blutigen Waldgefecht .bei Königswartha—Wcißig gegen die Spree zurückgedrängt.
Schon seit dem 12. Mai hatten die mit den unterwegs befindlichen Reserven Barclays etwa 97 000 Mann zählenden Verbündeten auf dem Ostufer dieses Flusses in der Höhe des dicht an der Spree gelegenen Städtchens Bautzen und weiter rückwärts ihre durch Geschützeinschnitte und sonstige Erdarbeiten verstärkte Stellung eingenommen. In dem vorderen Abschnitt auf den llferhöheu der in nordöstlicher Richtung fließenden Spree stand zwischen dem 3 Kilometer nordöstlich Bautzen gelegenen Dörfchen Burk und dem auf dem linken Ufer unterhalb des 'Gottlobs- Berges liegenden Nieder-Gurig der preußische General von Kleist mit etwa 2700 Preußen und ebensoviel Russen. Bautzen selbst tmd die südwestlich bis Doberschau sich hinziehendm Höhenzüge batte General Milvradowitsch mit dem tapferen russischen Korps des Herzogs Eugen von Württemberg und einem schwachen slie- Lendcn Korps besetzt. Ettva 4 Kilometer hinter diesen vorgeschobenen Truppen zog sich die über zwei Meilen lange Hanptstel- luna der Verbündeten hin. In großem Bogen von. den fast bis tzn die Spree vorstoßenden Kreckwitzer Höhen (7 Kilometer nordöstlich Bautzen) bis zu dem ebensoweit südöstlich der Stadt schon W der WM des Grenzgebirgcs gelegenen. Mehltheuer standen
nacheinander die 23 000 Preußen Blüchers, bas 'Korps des Fürsten Gortschakow und die aus russischen Garde- und Greuadier- Regimcutern bestehenden Reserven unter dem Großfürsten Konstantin. Von den dem Marschall Ney entgegengerückten Truppen hatte General Barclay de Tolly mit etwa 13 000 Russen den am meisten gefährdeten rechten Flügel der Stellung, die int Anschluß an die Kreckwitzcr Höhen vorwärts der Dörfer Preititz und Gleina gelegenen, von Seen umgebenen Bergrücken gegen den übermächtigen Stoß seines Verfolgers zu halten, während das auf 4700 Preußen zusammcngeschmolzeue Korps Uorck bei dem südöstlich Kreckwitz liegenden Litten bereitgestellt mär.
. .Seit dem 18. Mai, dem Tage, an dem der mit Wasfen- sttllstandsvorschlägen Beauftragte General Canlaincourt schon bet den Vorposten der Verbündeten zurückgewiesen loitd, ist der große Schlachtenkaiser damit, bcschäfsigt, die Korps seiner Hauptarmee zuui Angriff auf diese Stellung seiner Gegner zn entfalten. Gleichzeitig reitet er selbst an diesem und dem folgenden Tage unermüdlich bei seinen Vorposten hin und her, um bei Tage mit bent Fernglase und bei Nacht aus der Lage der Biwakfeuev die Ausdehnung und Stärke der Verbündeten zu erspähen. Als er die Ueberzeugiing gewinnt, daß Ney mit seiner Armee am 21. Mai in der Lage ist, gegen beit rechten Flügel des Gegners vorzustoßen, beschließt er, noch am 20. bie Bortruppen der Verbündeten auf ihre Hauptstellimg zurückzuwerfen, nm am folgenden Tage diese mit übermächtiger Umfassung durch Ney von Norden her anfzurollei!.
Mm Vormittag des 20. Mai schiebt Napoleon seine Angriffskolonnen gegen die Spree vor. Schon gegen Mittag, nachdetst Marschall Soult mit dem 4. Korps Bertrand und der Kavallerie die Verbindung mit deut von Nordwestcn anrückenden Ney auf- genommeit, geht das 12. Korps Oudinot mitsamt der bayrischen Division Raglevich südlich Doberschau über den Fluß. In kräftigem Anrennen werden die dort postierenden Bortruppen des russischen Korps Gortschakow binnen weniger Stunden auf ihre Hauptstellung zwischen Mehltheuer unb der von Bautzen in ost- südöstlicher Richtung nach Hochkirch führenden Straße jurüife geworfen. Etwas später geht das 11. Korps Macdonald oberhalb Bautzen über die sonderbarerweise unzerstörte Steinbrücke', kann aber weder nach Osten noch gegen die West- und Südseite von Bautzen Gelände gewinnen. Erst als gegen 1 Uhb das 6. Korps Marmont mitsamt der westfälischen Division unter kräftiger Wirkung der Artillerie unterhalb Bautzen das rechte Sprceufcr gewinnt und mir stürmender Hand von der Nordseite her die Stadt in Besitz nimmt, gelingt es den vereinten Anstrengungen dieser beiden Korps, auch die östlich her ..Stadt stehenden Vortruppen vom Korps des Herzogs Eugen von Württemberg zurückzudrängen. Doch leisten die Russen dabei einen derartig hartnäckigen Widerstand, daß General Milvradowitsch erst gegen 6 Uhr diesen ihm anvertrauten größeren Teil der Vorstellung endgültig räumen läßt.
Ein weit härteres Stück Arbeit hat Marschall Soult gegen das nördliche Drittel der Vor-Stellniig. Erst gegen 6 Uhr abends', als der Gottlobs-Berg durch die Württembergische Division Fran- quemont genommen wird, kann das 4. Korbs Bertrand das' rechte Ufer gewinnen. Mit eiserner Zähigkeit behaupten die Preußen unter Kleist noch eine Stunde lang die Uferhöhelf, dem pommerschen Regiment Kolberg gelingt es sogar, das verlorene Dörfchen Burk den Franzosen mit dem Bajonett wicdex zu entreißen. Erst als Soult das schon im Rücken, der Pommern liegende Niedcr-Kaina erstürmt, geht Kleist nach dem in der Nähe von Kreckwitz gelegenen Litten auf die Hauptstellung zurück.
Gegen Abend entbrennt der Kampf nochmals kurze Zeit auf den beiden äußeren Flügeln. Auf dem linken gelingt es einem auf Befehl des Kaisers Alexander unternommenen Vorstoß der Russen, die Franzosen aus Mehltheuer.und einigen benachbarten Dörfern wieder herauszuwerfen. Aus dem rechten setzen sich die Bortruppen Neys unter General Kellerruaun in beit Besitz des von den russischen Jägern Barclays unter General Tschaplitz besetzten wichtigen Spreeüberganges bei Klix. Schon gegen 4 Uhr nachmittags hatte Napoleon seine Garden dicht östlich Bautzen auf- gestellt. Um 9 Uhr schlug et im bischöflichen Palais sein Hauptquartier auf und verbrachte in besonders zufriedener Stimmung fast die ganze Nacht damit, die Befehle für den kommenden Tag an seine Marschälle auszufertigen.
Beim ersten Tagesgrauen beginnt am 21. Mai der Kampf auf dem südlichen Teil des Gefechtsfeldes. Wieder machen die Russen auf dem linken Flügel einen Vorstoß gegen das! 12. Korps Oudinot. Doch vergeblich. Sie müssen sogar die am Abend vorher eroberten Dörfer vor einem energischen Gegenangriff dieses und des 11. Korps Macdonald wieder herausgeben. Aber nur für einige Stunden. Gegen 11 Uhr treffen, von Kaiser Alexander abgeschickt, 12 russische Grenadier-Bataillone mit 24 Geschützen bei Miloradoivitsch eilt und entreißen den beiden französischen Korps die so heiß! erkämpfte Beute wieder. Stakt der wieder- holt und dringend erbetenen Unterstützungen tröstet Napoleon den Marschall Oudinot damit, um1 3 Uhr werde die Schlacht gewonnen sein. Während dieser Kümpfe auf dem rechten französischen Flügel spielt sich in der Mitte des Schlachtfeldes beim ,6. Korps Marmont und dem .4. Bertrand .unter. Soult nur


