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' Kein Uruß, dein Wörtchen, das sie Vicht mich einem Wildfremden hätte schreiben können!
Und sie war abgereist! Um seinetwillen abgererst!
Die schlaue junge Wirtin, die ihn so prüfend ansah, ahnte das vielleicht.
Er wußte, es! . , . _ f
Diese Flucht war eine deutliche .Antwort auf sein Sehnen, Hoffen und Träumen. .
Ein Lästiger, ein Zudringlicher schien er ihr, dem ste eiligst den Rücken drehte. .
Am liebsten hätte er ihr sofort ein Telegramm nach- geschickt: „Kehren Sie nur zurtick. Ich werde Ihren Weg nicht mehr kreuzen." . . „ , ..
Nur um die neugierige Wirtin nichts merken zu lauen, daß er dem Wiedersehen mit der gnädigen Fran entgegen»- geharrt, daß er nun nichts mehr zu erwarten habe, blreb er noch ein paar Tage, in der düstersten, trübseligsten Gemütsverfassung, die er in seinem ganzen Leben noch gehabt, trotz des hellen Himmels und des milden sonnen-«
1 Nachdem er tagelang gänzlich hoffnungslos lind stumpfsinnig in die blauen Wellen gestarrt und geglaubt hatte, daß er sich nie wieder aus dieser lähmenden Niedergeschlagenheit herausreißen würde, regte sich plötzlich wieder die Sehnsucht nach der Arbeit in ihm.
Schaffen wollte er, Großes, Bedeutendes! Erfolg, Ruhm wollte er erringen!
Das Kapitel Liebe war zu Ende. .
Nun sollte nur Mehr der Ehrgeiz sein Blut rn Wallung bringen, nur seine Kunst ihn berauschen und begeistern.
Vielleicht war es gut so.
Er hatte sich seiner Freiheit begeben und ins Phtlrster- landi übersiedeln wollen, er wäre einem Paar schöner Augen gefolgt in das tiefste Spießbürgertum der Familie, die sich doch Ummer als tmverdrcmgbäre Macht erwiesen hätte.
Vielleicht wäre er auch dick und faul und bequem geworden! c .
Nun stand er ja wieder allein, heimlos und frei!
•« Er Mußte vorwärts, vorwärts, mußte ringen, kämpsen und schassen, wenn er nicht unterliegen sollte!
Finster und ernst, aber mit stolzem Kraftbewußtsein und einem brennenden Verlangen, sich kopfüber in die Arbeit zu stürzen, kehrte er zurück in fein lang verlassenes Atelier.
18.
Zwei Jahre wären vergangen, seit Hildegard und Emanuel in der kleinen Dorskirche getraut worden wären.
„Jahre des Glücks!" hätte der junge Gatte wohl mit warmer, voller Neberzeugung gesagt und mit leuchtenden Augen auf seinen kleinen Sohn geblickt, der schon ganz lebhaft das Köpfchen hob, mit warmer Liebe sein blühendes Weib! angelächelt.
j„Ja, es waren Jähre des Glücks!" hätte Hildegard wohl wiederholt, wenn auch mit einem ernsteii Nicken, mit einem leisen, ganz leisen Seufzer.
Sie hatte viel lernen, sich in viele kleine Entbehrungen fügen müssen.
Sie hatte nicht geahnt, wie stark sie doch von den Bern- hoblerschen Anschauungen und Lebensgewohnheiten durchdrungen war. !
Die Wohmmg war die erste Enttäuschung gewesen.
Das Häuschen lag -ja allerdings int Grünen, in einem ziemlich verwilderten jGarten, den ihr Matm und ihr Vater so Malerisch fanden, daß sie gar nicht bemerkten, wie heruntergekommen die Fassade, wie häßlich der Eingang, wie verwahrlost die Treppe war. Die Zimmer hatten kahle, getünchte Wände, alte, abgetretene Böden. „O, da kommen mit der Zeit Teppiche darauf. Und die Wände werden ivir bemalen," tröstete Emanuel sie lustig. Daß die Küche finster war, daß >es an Nebenräumen fehlte, daß Oefen, Fenster, Schlösser seit Jahren nicht mehr hergerichtet, verbessert worden, das genierte ihn weiter nicht.
~ Die beiden Herren, Kater und Schwiegersohn, hatten guck die wunderlichsten Mnkäufe für die Einrichtung! gemacht. . »
Der eine entdeckte bei einem Altertumshändler einen Mtzückenden Renaifsaneeschrankz der andere begeisterte sich
für ein Stück prachtvollen Gobelins; voll Glück und Stolz brachten sie ihre Errungenschaften nach Hause und- hatten ein kindliches'Vergnügen an dem neuen 'Besitz, wenn auch der Schrank im Munde- ganz unpraktisch war, weil er nur winzige Schubfächer hatte, und der Gobelin sich auf den kahlen Wänden recht vereinsamt ausnahm. Es gab! in der Wohnung dann eilt sonderbares Gemisch von dem Prunkvollsten und Aermlichsten, von stilvollen alten Stühlen, die in ein Schloß gepaßt hätten, und bescheidenem angestrichenen Möbeln, die recht nach billiger Trödlerware aussahen, die aber doch nicht entbehrt werden konnten.
Allerdings verstanden es die beiden Maler auch wie- ber, mit ein bißchen Oelfarbe, mit Pappendeckel und einigen alten Stossen und Zinnkrügen aus den Ateliers, in dem Eßzimmer eine ganz reizende Ecke herzurichten, in der es sich höchst gemütlich saß, und der auch eines der Prunk- 'tücke, ein schmiedeeiserner Lüster, besonderen Glanz verlieh.
Tas übrige sollte später dazu gestimmt werden. Bisher hätte es 'aber an Lust und Zeit gefehlt.
Im kleinen Besuchszimmer war vorläufig nur ein hübscher Perserteppich und ein Marmortisch aus dem siebzehnten Jahrhundert vorhanden.
Bei Papa Holst sah es aus, wie in einer wüsten Ein- siedlerklause, und die Einrichtung von Hildegards altem Mädchenstubchen, die nun das Schlafzimmer der jungen Leute füllte, nahm sich! in ihrer bürgerlichen Korrektheit und modernen Eleganz recht seltsam aus neben den paar Habseligkeiten aus Emanuels Junggesellenzeit und- neben dem bescheidenen Bettchen, das für das Kind beschafft worden war.
Hildegard schalt sich kleinlich, engherzig, spießbürgerlich, wenn sie sah, wie gut es ihrem Gatten, ihrem Vater bei ihnen gefiel, wie vortrefflich ihnen das zweifelhafte Essen schmeckte, das das billige „Mädchen für alles" kochte. Sie selbst sah immerfort das Mangelhafte, Unfertige, das den Herren gar nicht auffiel, sie hatte sich unwillkürlich hundert Bedürfnisse angewöhnt; sie vermißte überall die ordnende Hand der geschickten Babett' und die Sorgfalt der wohlgeschulten BerNhoblerschen Köchin, und sie seufzte oft:
„Ach Schatz, es wäre viel besser gewesen, mein Vater hätte mich mit sich genommen auf Reisen, mich als rechten Wildling aufwachseit lassen, statt mich in dieses Münchener Capua bei Bernhoblers zu stecken. Tann gefiele mir unsere jetzige Zigeunerwirtschaft so gut wie ihm!"
„Es ist doch wunderschön bei uns!" lachte ihr Mann fo vergnügt und- zufrieden, daß sie vor seinem- sonnigen! Gesicht die kleinen Sachen vergaß und sich schämte, über so Winziges zu klagen, wie eine schlecht gebügelte Wäsche oder einen verdorbenen Braten. .
Sie waren ja glücklich; und lustig, abwechselungsvolh interessant war ihr Leben Lei aller Einfachheit.
„Was in München doch fo viel Hübsches los ist!" rief sie immer wieder in neuem Staunen.
Das liebe, vergnügte, geistig und künstlerisch bewegte München war ihr eine neue Stadt, die sie erst jetzt kennen! lernte. Jeden Abend schlug! Emanuel ihr noch irgend eine Anregung, eine Unterhaltung vor:
„Heute ist ein Vortrag, Liebste. — Magst du ins Volks- Sympyouiekonzert. Liebling? — Gehen wir wieder einmal ins Theater? Aber nicht in die vornehme Loge, in der du damals gesessen hast, als ich dich- zum erstenmal sah. Ganz ob-en, auf -der Galerie, Ijiört man auch prächtig!"
Und im Karneval, was wären da für originelle Feste im Künstlerkreis!
Wahrhaftig Hildegard erfuhr erst so recht, was Jugendübermut, was Faschingstollheit heißt, Wieviel ausgelassener Mutwillen in ihr selbst steckte, als sie mitthrem Mann'auf dem „Bänernbäll der Küristakademtker" tamstH sie als Sennerin, er als Tiroler Schafhirte in einem KostüiN von schauderhafter Echtheit.
Auch in der gemütlichen Ecke in ihrem MohnKirnmA waren sie oft so unglaublich vergnügt,
(Fortsetzung folgt-j


