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fere Vorfahren jahrhundertelang seufzten. Sonst unterscheidet sich die Bauart der alten Rodheimer Häuser nicht von deni hessischen Bauernhaus: hohe, steile Dächer, niedere Stockwerke, der zweite Stock übergebaut, reich gegliedertes Fachwerk (Brustriegel, wilder Mann, Betonung der Gebälkslagen zwischen den Stockwerken) Nun zum Alter der frühesten Häuser. Die alte Schule gehörte in ihren: ältesten Bestandteil Wohl dem ersten Drittel des 17. Jahrhunderts an. Mr früherer Name „rotes Haus" rührte wohl von dem roten Menniganstrich des Gebälkes her.
Der gleichfalls ehemalige Leschische benachbarte „schwarze Hof" rst gebaut, wie eine vor etwa 8 Jahren entfernte Inschrift lehrte, in den ersten Jahren des 30 jährigen Krieges. Ich möchte dieses alte Haus mit seinem hohen Giebel eine Art Wahrzeichen von Rodheim nennen. Denn von drei Seiten her fällt cs auf. Man mag von Gießen Herkommen, oder von Bieber, oder auch den Launfcheidsberg heruntersteigen, stets sieht einem das ragende alte Haus ins Auge. Von Kralles Hof steht kein Gebäude mehr aus der Zeit vor 1700. Davon in der nächsten Periode. Dagegen möchte ich Ihnen Georg Wagners Haus noch dem 17. Jahrhundert zuweisen. Die eine zu seinem Hof gehörige Scheuer stammt aus der Zeit kurz nach dem dreißigjährigen Krieg. Man beachte nur cinuial den reichlichen Aufwand von Holz an diesem Gebäude (längs der Straße, der Post gegenüber). Wenn das Haus vom Verputz befreit wäre, könnte man Genaueres über >em Alter sagen. In dieselbe Bauperiode gehöre:: dem Stil nach Kaspar. Storks Haus und Ludwig Weils Haus der Marrecke. Die mündliche Ueberlieferung läßt beide von den: gleichen Merster gebaut sein. Das kann leicht möglich fein, da d:e Schnitzereien an den Balken der Mittellage große Aehntich- re:t aufweisen. Derselben Zeit endlich möchte ich das alte 'Gebäude zuwelsen, das im' geteilten Besitz, von Christian Strackbein II. unö Karl Becker ist. Wenn man nur einmal herauskriegte, was eS mit der alten Sage auf sich hat, das sei früher ein Pfarrhaus geweien. Eine besondere Bewandtnis hat es mit den: hochgelegenen Haus von Ludwig Gerlach. Auf diese Besoiiderheit bin ich anderweitig eingegangen. Das ist ein prächtiger Fachwerkbau: man betrachte sich einmal die Hofseite! Tic dazu gehörige Scheuer, letzt im Besitz von Jakob Schlierbach, ist 1651 erbaut, gleichzeitig HW Wohl das Haus. Das wäre so ziemlich alles, was aus dem 17. ^aorhuudert noch erhalten ist, höchstens ist das Gebäude der mooheimer Mühle jenen: Zeitalter zuzurechnen. Tainit wäre daun jene erste Periode schon erschöpft,, die Zeit vor 17 0 0.
Einen reichhaltigeren Stoff bietet die zweite Periode, das 18. Jahr h i: iid er t. Da. hat im Anfang des 18. Jahrhunderts, um 1710 herum ein Zimmermann gelebt, der eine besondere Eigenart an sich hatte. Er scheint außerordentlich gut Bescheid gewußt zu haben im Buch der Sprüche. Denn mehrere Gebäude, die noch von ihm erhalten sind, tragen Inschriften aus jenem alttestameiitlichen Buch voll handfester, nüchterner Lebensweisheit. Bestimmt von jenem Mann stammt Ludwig Rums Wohnhaus und die Scheuer von Karl Bender an der neuen Schule. Aber auch das Nachbarhaus von L. Rinn, cs gehört Karl Schlierbach am Eingang der Mühlecke, weist einen ganz ähnlichen Baustil auf.
Ungefähr um die gleiche Zeit wirkte ein anderer Handwerks- meiftcr, der eine andere bauliche Eigenart an sich hatte. Tie Erscheinung des wilden Mannes wiederholt sich bekanntlich an den Seitenflächen der Gebäude, abgesehen von dem Eckbund. Ter ivilde Mam: kommt in der Hauptsache dadurch zustande, daß zwei schiefe Streben sich an einen. Mittelpfosten anlehnen. Diese beiden Streben nahm nun jener Zimmermann auseinander und stellte sic einander gegenüber. Ohne Zeichnung ist's nicht zu erklären: man gehe deshalb hin und betrachte sich die Sache. Tie erhaltenen Gebäude sind das Hofhaus von Koalles Hof, Kaspar Steinmüller und Ludwig Schlierbachs Witwe neben Her Post. Das letztere Hans ist auch das älteste in Rodheim, das eine Durchfahrt hat. Wenn die mündliche Ueberlieferung recht hat, daß nämlich diese Torfahrt ihre Entstehung bem' engen Raum verdanke, daun wären die benachbarten Häuser, die Post und Ludwig Krauskopfs Haus, älter. Viel älter als das der Witwe Ludwig Schlierbach können sie nicht gut fein. So um 1710. Ich wollte, diese beiden Häuser wären von ihrem häßlichen^ Putz befreit! Hierbei gleich noch eine Bemerkung ein» geflochten. Das Rodheimer Bauernhaus ist ein Arme-Lente- Haus. Man erkennt deutlich, daß die früheren Rodheimer kleine Bäuerchen waren, wie auch heute noch. Sie waren besitzlose unfreie Leibeigene, denen eine drückende Adelsherrschast kein freieres Atemholen gestattete. Und das zeigt sich auch in den Häusern und Höfen,. die dies gedrückte Geschlecht baute. Gerade wenn man sich die weitläufigen Gehöfte, die oft reich verzierten Wohnhäuser der hiesigen Gegend, am Fuße des Vogelsberges, betrachtet, fällt t®., ungc, wie arm unsere alten Rodheimer gewesen sein wusseii. Aber trotzdem hat im ganzen 18. Jahrhundert eine rege co^utatigkelt geherrscht. Das beweisen die erhaltenen Urkunden der Markerschaft, bereit Wald das Holz lieferte. Das beweisen die noch vorhandenen Gebäude selbst. Ich will mich begnügen nut der Aufzahcung der Wohnhäuser, die jener Periode entstammen, außer den bereits erwähnten. Ludwig Pausch, Georg Schaubs Witwe, Konrad Jung, Georg Schmidts Erben (Posteck), Johannes Bodenbcnder, Wilhelm Strackbein, Christian
Dönges, Karl Bender (Schmied), Philipp Steinmüller, Karl ^ung (FriechPeters), Isaak Rosenbaum, Andreas Pcpplers Witwe, Christian Platts Witwe -Mühlbach), Georg Philipv Gerlach (des vorigen Nachbar) Ludwig Lapp, Ludwig Weil (oberste Ecke), Georg Feiling Wilhelm Lapp, Johannes Schlierbach, Ludwig Bender -Schmied), Karl Schlierbach (Klanhannese), Phil. Schmidt, Joh, Georg Schmidt (Peterhannjer), Andreas Dönges (?), Ludwig -öenber '-Anllerschütze), -Jakob Pfeifer, Hermann Rosenbaum, Georg Pepplcr, Konrad Failing, Ludwig Schneider III., Karl Schlier- baaj (Hamiams), Jakob Schlierbach, das Haus des ehemaligen Rabenau,chen Hofes, Andreas Steinmüller, Hirsch Rosenbaum. Kleinere Hauser, in deren Bauart sich nichts Charakteristisches auspragt, stnd weggelassen. , Ter Kundige sicht sosort, daß Rod- heiin nn 18. Jahrhundert eine bedeutende räumliche Ausdehnung erfahren ha, Es ist zweifellos nicht nur so, daß anstelle abgängig geworbener Gebäude Ersatz geschaffen wird. Es muß trotz der mancherlei Widerwärtigkeiten eine ziemlich bedeutende Be- vollerungs'vermehrung stattgefunden haben, die eine größere Ausdehnung bedingte. Und da ist cs merkwürdig, daß diese Ausdehnung nicht nach der Seite hin geschah, die uns heute die natürlichste scheint, nach Osten, nach Gießen zu. Man wählte die entgegengesetzte Richtung. Zwei Gründe scheinen mir diese Entwicklung herbeigeführt zu haben. Es ist Charakteristikum der oberhessijchen Dörfer, daß die Häuser in dichtem Komplex auf- eiiiandcr hockten. Es gewährte ein Gefühl größerer Sicherheit, wenn die Dorfbewohner möglichst nahe beieinander saßen/ Das ist nn Rodheimer Unterdorf der Fall. Ausschlaggebend war ein anderer Grund: der Grund und Boden an der Straße nach Gießen hin war in den Händen der adligen Großgrundbesitzer, und denen fiel es natürlich nicht ein, ihr teures Laiid herzugeben, bloß weil ein armes Bäuerlein ein Haus darauf bauen wollte. — Es geht , die Sage, daß ähnliche Dinge sogar heute noch Vorkommen sollen. — In jenen Zeiten wurden ausgebant: die Mühl- vach- samt der oberen Ecke, die Erbsengasse, die Linsengasse.
Wir kom'nicn zu der dritten Periode, dem 19. Jahr- hu n d cr t. Diese Zeit möchte ich wieder in z w ei Ab schnilt e teilen — vor 1870 und na ch 18 7 0. Tie geplagten Rod- fieim'er Bauern atmeten erlöst auf, als der Leibeigenschaft ein Ache gemacht wird. Sie machen sogar große, anerkennenswerte Anstrengungen, den hemMendstcii Pfahl in ihrem Fleisch zu bc- seitlgen — die großen Güter. Zum üeit ists ihnen gelungen. Ihr Rodheimer könnt euren Vätern und Großvätern dankbar sein, daß sic solches geleistet haben. Die neugewonnene Bc- wegungSfreihcil zeigt sich in einer äußerst gesteigerten Baulust. L>0 um 1800 1820 haben die Rodheimer eifrig gebaut — trotz der napoleonischen Kriegsjahre. Ta verdient der damalige Zim- inermetfter rühmende Erwähnung, der eilte große Anzahl von Gebäuden errichtet. In dem Riegel über der Haustüre hat er jedesmal die Erbauungsinschrift angebracht. Er ist der letzte gewesen, der beit zweiten Stock etwas über beit Unterstock über» ragen ließ. Ein Musterbeispiel für seine Bauart ist Lubwig ftubenhofcrs Hans. Es ist nicht mehr wie recht und billig, baß jener Zimmermann, Philipp Schmidt hieß, er, weiterlebt in den: Torsnamen ferner Nachkommen: Zeammermanns.
, etwas mehr Wohlstand in Rodheim eingezogen, war, zeigt sich auch darin, daß man die Toreinfahrt der Höfe etwas reicher gestaltete. Es entstanden in den zwanziger und dreißiger Jahren die schonen Torhäuser, die wohl im Hüttenberg ihre Vorbilder hatten. Besonders schön sind die von Christian Platt Erben und Euristiau straccbein I. Daneben sind zu nennen: Tie Tore von Georg Bender II., Andreus Steinmüller, bas Tor zu, Kralles Hof. efch deute hier nicht an Tordurchfahrten, die sind zu verschiedenen Seiten gebaut.
Ms in den dreißiger Fahren die Märkerschast sich auflöste, die den Leuten das Bauholz geliefert hatte, setzte eine für Robhcim- uicht sehr ehrenvolle, aber trotzdem denkwürdige Bewegung ein Tos war nämlich der — Holzdiebstahl. Ter Atzbacher Berg mit seinen Erchen lag auch zu verführerisch vor den Blicken der Rodhermer. Ta half alles nichts, selbst der sagenberühmte Wald- schütz Puhl nicht: In Rodheim steht manche Scheuer aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, „bei der der Ätzbacher Berg zum Eulenloch heransguckt", wie sich einmal ein alter Mann ausbrückte. Tas ist auch ein Stück 'Rodheimer Kulturgeschichte, dem die Rodheimer nebst vielen Scheuern auch ihren Spitznamen verdanken. Ticweilen sie sich nämlich nicht damit begnügten, kleine Lasten Holz zu holen, sondern gleich ganze Bäume — Raitel requirierten, deshalb nannte man sie die „Raat".
Ausgebaut wurden in der Zeit vor 1870 weiter die Mühlbach-, Erbsen- und Lmscugasse und als neues Baugelände kaut die Schäfers Hohl hinzu, zunächst bloß die rechte Seite. All die Gebäude ans jener Zeit weisen deutlich den empfiudlichci: öcangel an Eichenholz auf. Tie Balken sind sehr schmal, die Innenwände und das Tachwerk bestehen nur noch aus Tannenholz, sodann ist jegliche Kunstübung aus deut Zimmermannshandwerk geschwunden. Philipp Schmidt war der letzte, der nicht bloße Zweckbauten errichtete, sondern auch auf gefälliges, künstlerisch gestaltet^ Aeußere sah. Nur eins ist aus jener kunstlosen, nüchternen Bauperiode hervorzuhcben: Tic anheimelnden kleinen T-ächer über der Haustüre, deren eine Anzahl erhalten ist. Es W sehr zu begrüßen, daß man jetzt auf diese schöne Sitte in Rodheim wieder zurückgreist.


