Ausgabe 
19.4.1913
 
Einzelbild herunterladen

242

Manz verlegen verbeugte er jidj, i während Hildegard die Tante vorstellte, mit ein paar Worten erklärte, warum fi», in einer anderen Begleitung komme.

Mit einer Erregung, die er kaum zu beherrschen ver­mochte, schob er den Renaissancestuhl, den Tisch mit den Photographiemappen, die er zum Ansehen hergerichtet, für die schöne Frau zurecht, und immer wieder glitt sein Blick mit pinem Ausdruck verblüffender Bewunderung- über die vornehmen Züge, die der leise Schimmer der Trauer nur unk so anziehender, um so interessanter machte.

Er mußte alle Selbstbeherrschung aufbieten, um die nötige Ruhe und Sammlung für seine Arbeit zu finden und fich mit voller Aufmerksamkeit dem jugendlichen Mädchen- köpf zuzuwenden, den er vor einigen Tagen mit soviel Eifer zu malen begonnen hatte.,

-Meine Skizze gefällt mir nicht mehr!" rief er un­geduldig, nachdem- er seine Leinwand eine Weile ver­gleichend betrachtet.Ich will von neuem beginnen."

O, ich finde die Studie fehr gut!" meinte die Baronin. -Hildegard sieht zuweilen so strahlend fröhlich aus, so übermütig jung!" |

Sie schaute mit Interesse gilt, tote der Maler mit wenigen Kvhleustrichen die Umrisse des hübschen Gesichtes ausz-eich- uete, wie die Stirn, die Brauen, die Angen aus dem Grau der Untermalung herauswuchsen, Farbe, Leben bekämen.

Eine Weile blieb es ganz still in dem Atelier.

Dann unterbrach Mariannens leise Stimme das Schwei- geu: I

-Ich denke eben darüber nach-, daß doch jeder Mensch ein gutes Porträt von sich zurücklassen sollte," sagte sie. Das ist förmlich wie ein Fortleb-en über seine Existenz- hinaus. Mein kleiner Paul wird ja jetzt noch wenig Ver­ständnis für ein Bild feiner Mutter haben. Aber ich will mich doch für ihn malen lassen, so lange ich noch nicht ganz alt bin. Würden Sie Zeit haben fiir ein Bild von mir, Herr Grönberg?" |

Der Künstler legte die Palette, die Pinsel einen Mo­nte ut weg. |

-Seine Augen glänzten, eine warme Blutwdlle durch- slutete seine Wangen, als er sich lebhaft zu ihr wandte:

^Gnädige Frau, ich möchte in diesem Augenblick wirklich an die Macht eines heißen Wunsches glauben. Seit ich Sie hier eintreten sah, habe ich kaum anderes zu denken ver­mocht, als das eine: Wenn ich versuchen dürfte, dieses Ge­sicht zu malen! Wie soll ich es wagen, um diese Gunst zu bitten? lind nun sprechen Sie selbst das erlösende Wort. Sie haben keine Ähnnng, tote diese Aufgabe mich lockt!"

-Sie lächelte ruhig und gelassen. -

Sie sah den Blick nicht, den er über ihre Gestalt gleiten' ließ, diesen bewundernden Blick, in dem mehr lag!, als künstlerische Begeisterung.

Sie hatte die Augen gesenkt und betrachtete die schöne Reproduktion eines Ban Dyk in einer der Mavpen, die sie durchblätterte.

,-,Jch möchte ein einfaches Bilch ganz schlicht. Kein prunkhaftes KostüM So wie eine gute Mama ausschien üruß, die ihrem Sohn in lieber Erinnerung bleiben will," sagte sie.

Ein Schatten flog über ihre Stirn.

Er hatte sie in Gedanken in kostbare Gelv-änder gehüllt, er hatte sie vor sich gesehen, strahlend, in königlicher, sieghafter Haltung.

Eine so wehmütige, müde Resignation klang durch ihre Stimme.

Dieses Weib, das geschaffen schien, um Leidenschaft M Decken, nm zu lieben und- geliebt zu lverden,- wollte! Mr Muttter sein, nur für den Sohn sollte ihre Schön- HM festgehalten werden! Nicht 'für den Gatten? Nicht für den Wann, der sie doch glühend bewundern mußte!

So sprach keine Glückliche. i

Das Interesse an ihrem Schicksal schürte noch die Flamme, die ihr Anblick in ihm geweckt/

Verwirrt, erregt mit dem Vorgefühl, daß etwas Ereig- msvolles, Unvergeßliches mit dieser Frau in sein Leben gekommen,/ verabschiedete er sich von den Damen.

Als inan im Flur die Schritte, die Stimmen hörte, wurde die angrenzende Ateliertür geöffnet, und der ernste, graue Kopf des nachbarlich wohnenden Malers' kam zum Vorschein. ,

-Hildegard begegnete wieder den düsteren, flehenden.

herzbewegenden Augen, die sich so traurig auf ihr Ge­sicht hefteten.

Obwohl das Anstarren sie verlegen machte, weckte das Gesicht, in das das Leben starke Leidensfpuren gegraben, ihr doch warme Sympathie, und- sie nahm sich vor, den Maler Grönberg um das Schicksal des Mannes zu. fragen, der etwas so Scheues, Rätselhaftes in seiner Haltung und seinem Mick hatte.

Als des Llbcnds Hildegards Droschke bei Flassans hielt, schritt eben auch Leutnant Schmidt auf das Haus zu.

Er h-alf ihr aus dem Wagen und begrüßte sie mit solcher Freude Und solcher Liebenswürdigkeit, daß sie doch tn ganz heiterer Stimmung mit ihm die breite, teppich­belegte Treppe emporstieg und es momentan vergnüglich fand, einenVerehrer" zu haben.

Eine junge hübsche Person, die erst seit kurzem bei der Baronin war, öffnete die Tür.

Grüß Gott, Auguste," sagte Hildegard, die gegen Untergebene immer einen freundlichen Ton anschlug, mit einem Lächeln.

Wie verwirrt das Mädchen den Leutnant anblickte.

Wie verlegen er plötzlich war.

Auguste, die sonst so gut geschult und gewandt 6cim! Anziehen half, nahm- ihr nicht einmal den Mantel ab.

Sie hastete davon und ließ sie stehen, ohne auch dem Offizier behilflich zu sein.

Es war unverkennbar, daß sie über sein Erscheinen voll­ständig die Fassung verloren hatte.

Er hatte gar nicht dergleichen getan, als iväre sie ihm bekannt, er hatte über sie hinweggesehen, als sei sie eitel Luft. Aber ganz behaglich schien es ihm auch nicht zumute, und er zögerte einige Augenblicke vor dem hellbeleuchteten Spiegel im Flur, ehe er sich wieder mit ruhigem Gesicht dprn Fräulein z-nweudete.

(Fortsetzung folgt.)

Zur Vaugeschichte von Rodheim a. d. Meder.

Ein Mahn wort zur Erhaltung des Alten.

Bon Hugo H e y m a n n.

Zu Rvdheinl an der Bieber wird seit einiger Zeil eilt ziemlich hartnäckiger Kampf geführt um das Recht des kleinen Mannes, sich auszudehnen. Nennen ivir's mit einem vornehm klingenden Namen: um ein Ortsbaustatut. DaS ist so, wie die Rodheimer Verhältnisse liegen, eine ziemlich zwecklose Sache. Des­halb glaube ja keiner, ich wolle in dieser Hinsicht Besserungs- Vorschläge machen. Fallt mir nicht ein: ich habe nicht die Ab­sicht, mir die Finger zu verbrennen, denn es hat absolut keinen Zweck.

Ich möchte als Freund des Alten unseren Blick in die Ver­gangenheit richten. Nun soll aber wieder niemand meinen, ich wolle von längst gewesenen Dingen reden, dafür interessiert sich ja doch kein Mensch, höchstens ein paarAltertümcrsucher", von denen man sagt: Na ja, es mutz auch solche Narren geben! Nein, ich will, soweit das möglich ist, untersuchen, wie das heutige Rod heim entstanden ist und dabei einige Anregungen zur Erhaltung alten B a u g u t e s gebens Anregungen, die-----auf steinigen Boden fallen werden! Doch

das tut nichts zur Sache!

Tie Bauart Rodheims ist bedingt durch das langgestreckte Tal der Bieber, das Baumaterial durch die umgebenden Wälder und den fetten Lehmboden. Die alle Sage wird wohl recht haben, wenn sie uns Späteren verkündet, die alten Nod­Heimer hätten sich nm die Adelshöse angesiedelt. Aber von diesen ältesten Edelhöfen sowohl, wie von den ältesten Baneru- hülten steht nichts mehr. Außer der' Kirche ist wohl kein Ge­bäude älter als 300 Jahre, d. h. auS der Zeit vor 1600 haben wir nichts mehr.

Tie ersten Ansiedelungen geschahen naturgcmätz auf dem Hügel, der vom Bach aus langsam sich erhob, auf dem die Kirche mit den umliegenden Gehöften steht, llud in der Tat drängen sich um die Kirche auch jetzt noch die ältesten Gebäude,: eS ist der K'ern des alten Rodheim. Da wären als älteste Hos- ftätten zu neunen: der rote Hof = die alte Schule. (Ver­setzen wir uns drei Jahre zurück.) Der schwarze Hof, int ge­teilten Besitz von Jakob Bechtold V., Wilhelm Moos, Wwe., und Ludwig Schmidt. FernerKralles Hob"; weiter das Anwesen von Joh. Georg Wagner, das von Kaspar Stork, der Ravenauische Hof, der Pfarrhof und Ludwig Weils Haus in der Pfarrecke. Bevor wir das Alter zu beftiminen suchen, noch eine allgemeine Bemerkung: Man findet in R. viel weniger als beispielsweise in den Dörfern des Hinterlandes, daß- die Baucrn- hauser mit reichen Verzierungen und Schnitzereien ausgestattet sind. Etittge Ausnahmen kommen weiter unten zum Wort. Das lag zweifellos an den gedrückten Verhältnissen, unter denen un-