Zwei Welten.
Roman von Emma Mer?.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) 5.
An dem Morgen, an dein Hildegard zur Porträtjitzung kommen sollte, klagte Frau Bernhobler über einen „verdorbenen Magen" und behauptete, es sei ihr unmöglich, anszn gehen.
Vielleicht verschlimmerte der Gedanke an jenes Atelier, die Erinnerung an die unerwartete Begegnung, die sie dort gehabt hatte, ihr tlebelbefinden.
Hildegard wollte eben ein Absagebillett an Grönberg schreiben, als Marianne von Flassan zu ungewohnt früher Stunde zu Besuch kam.
Bernhobler war nicht mehr zu Hanse. Ihn rief eine heilige Pflicht: der erste Salvatorbier-Ausschank, die Probe dieses frühjährlichen Labetrunkes, bei der er als hervorragender Kenner des „Stoffes" nicht fehlen durftet
Seit dem vorgestrigen Abend bei der Großmutter herrschte eine recht ungemütliche Stimmung.
Hildegard ivurde von dem Papa mit einer brummigen, von der Mama mit einer trübseligen Miene gestraft.
Da sie unter diesen Verhältnissen von Herzen gern fortgegangen wäre,'rückte sie sofort mit der Bitte heraus: „Ach Tante Marianne. Wenn du in das Atelier des Malers Grönberg mitgehen könntest! Er hat doch mein Bild angefangen. Er erwartet mich. Es ist ihm gewiß, ärgerlich, wenn im letzten Moment die Sitzung abgesagt wird, gleich das erstemal! O, bitte, tu mir den Gefallen!" „Geh, was fällt dir ein?" rief Mali dazwischen, die ihren Einfall, d-ie Tochter malen zu lassen, längst ver- wünschte. „Die Mariair wird gleich Zeit haben, sich da hinz'setzen und Langweil blasen. Es pressiert ja nicht!" Aber Marianne hatte Zeit und war gern bereit.
Es schien fast, als hasche sie nach einer Gelegenheit- Mit der Richte allein zu sprechen.
Sie hatte eine Einladung für Hildegard für den Abend gebracht. i
,,Mein Mann will ein paar Bekannte bei sich sehen, er hat mich beauftragt dich aufzufordern,",hatte sie mit.ihrem müden, traurigen Gesicht gesagt, mit einem Ton, der ein heimliches Unbehagen über diese Bestellung verriet.
Als die beiden Damen dann allein auf der Straßp waren, faßte die Tante plötzlich die Hand des jungen Mädchens und flüsterte mit ihrer leisen Stimme, durch die eine merkliche Erregung gitterte: i ■
//Ich möchte dich warnen, Kind. Mein Mann scheint eine bestimmte Absicht zu haben,. wenn er dich mit diesem Leutnant Schmidt einladen will. Diu sollst wissen, daß, ich in seine Pläne nicht eingeweiht bin, haß ich nicht big
Samstag, den Rpril
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Hand im Spiele habe, mich nur schweigend füge, wie immer." !
Es klang so hart und bitter, daß Hildegard mit verwunderten Augen in das ernste, schöne Gesicht aufblickte.
"Die Worte ergäben ihr einen erschütternden Einblick in das Herz dieser Frau, die sonst niemals von sich sprach, die für das junge Mädchen immer etwas so Unnahbares hatte, daß sie nie wagte, über das Geheimnis dieser seltsam zusammengewürfelten Ehe nachzusinnen.
>,Jch danke dir, Tante," sagte sie warm. „Aber sei ganz unbesorgt. Ich lasse mich nicht so leicht einfädelch wie die Großmutter zu meinen scheint. Vorgestern habe ich es gleich erraten, daß dieser Leutnant meinetwegen eingeladen war. Es ist ja sehr wunderlich, daß sich nun auch Onkel Flassau seiner annimmt. Aber ich habe viel zu viel Widerspruchsgeist, um mich nicht gegen jede Beeinflus- sung und Bevormundung zu wehren." ;
l,Ach, Kind," erwiderte Marianne mit einem Seufzer. „Es ist ja schwerer als du glaubst, klare Augen und ein scharfes Urteil zu bewahren, wenn,ein Mann sich Mühe gibt, nns zu gefallen. Da drinnen in unserem Herzen ist ein Flämmchen, das brennen Mil; Der erste, der es entzündet, scheint uns so leicht der Rechte. Die schöne Wärme in uns wiegt uns in Illusionen."!
Man fühlte wohl, es war ihr eigenes Herzensschicksal, das sie erzählte.
Hildegard wagte Tein Wort zu erwidern.
Schweigend gingen die beiden eine Weile in der Sonne dahin, die heute so warnt schien, daß der Schnee taute und es von allen Dächern tropfte.
Schmutzige Straßen, aber heller Himmel — immerhin eine erste Frühlingsahnung.
Plötzlich stieg dem jungen Mädchen eine Blutwelle in die Wangen.
Aus einem der Häuser, ganz in der Nähe des Gröu- bergschen Ateliers, trat ein junger Mann, kant ihnen entgegen. ■ |
Ihr -unbekannter Freund ans dem Theater.
Ha das war wieder das leuchtende Gesicht, das mit so warmem Interesse zu ihr aufgeblickt hatte.
Sie sah, wie auch ihn die Freude durchzuckte Wer das Wiedererkennen. I
Ihre Augen begegneten sich einen Moment. Es war wie ein heimlicher Gruß zwischen ihnen. |
Roch lange nach der raschen Begegnung durchrieselte! sie ein Glücksgefühl, eine Heitere Regung, die lote ein Sonnenblitz in ihre gedrückte Stimmung hereinfiel.
Grönberg hatte die Damen erwartet und kam bei ihrem Klopfen an hie Türe, uni sie zu empfangen.
Er prallte zurück in staunender Ueberraschnng, als statt der biederen Frau Bernhobler i die stolze, elegante Gestalt Mariannens über die Schwelle trat.
-Einen Moment lang verließ ihn völlig seine heitere Gewandtheit.


