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feine Spur von einem' Feind entdecken. Als ich naher wtg, sah ich da- Hans, ein langes, niedriges Gebäude mit «ner Beraiida Auf dem Weg davor spazierte ein Mann auf und ab. Ich schlich mich näher und betrachtete ihn. Vielleicht wars der verdammte Hudson Lowe. Welch ein Triumph, tvenn ich den Kaiser nicht nur befreien, sondern mich rächen könnte! Doch wars wohl wahrscheinlicher, daß es eine englische Wache war. Ich kroch noch etwas näßer, nnd der Mann blieb vor dem- erleuchteten Fenster stehen, so daß ich ihn genauer sehen konnte. Nein, es war fern Soldat, sondern ein -Geistlicher. Ich wunderte mich, was etit solcher Mann nachts um zwei Uhr hier tun möchte. War er ein Engländer oder ein Franzose? Wenn er ins Haus gehörte, so durfte ich ihn ins Vertrauen ziehen. W-enn er aber ein Engländer war, wurde er alle meine Pläne zerstören. Ich schlich noch immer ’n bißchen naher, und in diesem Augenblick ging er ins Haus hinein. . isefet hatte ich freie Bahn, und ich Ivar mlir bewußt, daß ich kerne Sekunde verlieren dürfte. Gebückt lief ich schnell vorwärts an das erleuchtete Fenster. 'Ich hob den Kopf in die Höhe und guckte durch — vor mir lag die Leiche des Kaisers !
Weine Freunde, ich stürzte bewußtlos auf den Kiesweg, als ob ich einen Schuß durch den Kopf bekommen hatte. Mein Schreck war so groß, daß ich -mich heute noch wundere, ihn iioenebt zn haben. Nnd trotzdem hatte ich mich nach einer halben Stunde wieder Mfgerafft und stand, an allen Gliedern zitternd und mit den Zähnen klappernd, an der Wand und stierte mit den starren Blicken eines Wahnsinnigen in das Zimmer des Toten.
Er lag auf einer Bahre mitten im Zimmer, ruhig, friedlich, majestätisch, sein Gesicht zeigte jene geheime Macht, die unsere Herzen leichter machte am Tage der Schlacht. „ Seme bleichen Lippen waren zu einem ganz unmerklichen Lächeln verzogen, seine Halbgeöffneten Augen schienen auf mich gewandt. Er war stärker als damals, wo ich ihn bei Waterloo zum letzten Male gesehen hatte, und in seinem Gesicht lag ein sanfter Zug, den ich im Men nie bemerkt hatte. Zu beiden Seiten brannte eine R-erhe Kerzen, unb das war das Licht, das uns auf der See erfreut, das Mich über das Wasser geleitet, und das ich als den Stern meiner Hoffnung begrüßt hatte! Dunkel sah ich allmählich, daß viele Menschen niederknieten: der kleine Hofstaat, Männer und Frauen, die sein Geschenk geteilt hatten, Bertrand, seine Gemaplin, der Geistliche, Montholon — alle waren sie da. Ich hätte gerne auch gebetet, aber das Herz war mir zu schwer und gu weh. Und doch mußte ich Abschied nehmen, aber ich konnte ihn nicht verlassen, ohne ihm ein Zeichen zil geben. Ohne Rücksicht, ob ich gesehen werden möchte oder nicht, stellte ich mich aufrecht vor meinen entschlafenen Heerführer hin, nahm die Hacken zusammen und erhob meine Hand zn einem letzten Salut. Dann machte ich kehrt nnb eilte hinweg durch die dunkle Nacht, das Bild der bleichen, lächelnden Lippen und der starren grauen Augen vor nur.
Mir war's, als ob ich nur eine kurze Weile weggewesen sei, aber der Mann im Boot sagte mir, es seien Stunden. Erst als er davon sprach, bemerkte ich, daß sich der Wind erhoben hatte und daß die Wellen rauschend an die Felsen schlugen-. Zweimal versuchten wir unser Boot abzustoßen, und zweimal wurde es vom Meere zurückgeworfen. Das drittemag schlug eine starke Welle, den Boden durch. Hilflos warteten wir daneben, bis der Tag anbrach, doch zeigte er uns nur eine wütende See. Von dem „Schwarzen --Schwan" war keine Spur zu sehen. Um weiter blicken zu können, klommen wir den Hügel hinauf, aber im weiten Umkreis schimmerte kein Segel auf dem Ozean. Er war fort. Ob er gesunken oder von seiner englischen Besatzung wieder genommen, oder was sonst für ein seltsam-es Schicksal ihm beschieden gewesen sein mag, weiß ich nicht. Auch Kapitän Fourneau habe jich nie wieder gesehen, uM ihm das Resultat meiner Mission zu erzählen. Ich selbst übergab mich den Engländern, mein Bootführer und ich behaupteten, daß wir die einzigen Ueberlebendüu eines untergegangenen Schiffes wären. Bei ihren Offizieren fand ich die großmütige Gastfreundschaft, die ich immer getroffen habe, aber »es verstrich manch' langer Monat, ehe sich eine Gelegenheit zur Rückreise bot nach dem teueren Land, außerhalb dessen es für einen wahren Franzosen, wie ich es bin, keine wirkliche Glückseligkeit gibt.
Nachdem ich Ihnen nun erzählt habe, wie ich mich von meinem Herrn und Meister verabschiedet habe, will ich mich nun auch von Ihnen verabschieden, meine lieben Freunde, die Sie so geduldig den langatmigen Geschichten eines allen, gebrochenen Soldaten zugehört haben. Rußland, Italien, Deutschland, Spanien, Portugal und England, durch alle diese Länder sind Sie mir gefolgt, und durch meine trüben Augen hindurch haben Sie etwas -von dem Funkeln und dem Glanz jener großen Zeit gesehen, und ich habe Ihnen einen schwachen Schatten gemalt von jenen Männern, bei deren Tritt die Erde zitterte. Bewahren Sie's in Ihrem- Herzen und übertragen Sie's auf Ihre Kinder, denn die Erinnerung an ein großes Zeitalter ist der kostbarste Schatz, den eine Nation nur besitzen kann. Wie der Baum sich von seinen eigenen abgefallenen Blättern nährt, so mögen auch diese Toten und diese entschwundenen Tage eine neue blühende Epoche hervorbringen tion Helden, Herrschern und Weisen. Ich ziehe nun nach der Gascogne, aber meine Worte bleiben hier in
Ihrem Andenken, und wenn Etienne Gerard lange vergess«! ist, wird sich vielleicht noch Manchmal ein Herz erwärmen, oder ein -Geist stärken durch irgendein schwaches Echo der Worte, die et hier gesprochen hat. Messieurs, ein alter Soldat salutiert und sagt Ihnen Adieu!
Bachertisch.
— „Dic Plastik", illustrierte Zeitschrift für die gesamte Bildhauerei und Bildnerei und ihre Beziehungen zu Architektur und Kunstgewerbe. Herausgeber: Alexander H e i l m e y e r. Verlag Georg D. W. Call weh, München. Mit der modernen: Renaissance des Porzellans, der Kammerkunst der Keramik, ist auch die Freude und das Interesse an den Werken der Kunsttöpferei wieder erwacht. Wenn das Porzellan als Kleinplastik unserer allernächsten Umgebung, im Zimmer auftritt und uns dort durch die elegante Schönheit des Materials und durch reizvolle Darstellungen erfreut und entzückt, so gebührt auch den größeren Werken der Keramik wieder ein bestimmter Platz int und am Hause. Die italienischen Majoliken sind so beliebt, daß wir Wgüsse davon in unzähligen Häusern finden. Sie sind aber Gips und entbehren vollständig des farbigen Reizes echter Majolika. Nr. 1 der ihren 3. Jahrgang beginnenden „Plastik" bringt in 10 Kunstdrucktafeln überraschende Schöpfungen neuer Keramik. Die Bilder stellen in ihrer Auswahl nicht nur fachlich, fonbern auch gegenständlich interessante Plastiken, Putten, Ktnderfriese, Vögel, Figuren und .Büsten dar. Man gewinnt einen Ueberblick über die künstlerischen Tendenzen nrtb Richtungen im keramischen Schaffen der Gegenwart und erhält zugleich noch durch die wertvollen Erläuterungen des Herausgebers einen Einblick in die Werkstätte des Keramikers.
— Des Kindes Fibel, herausgegeben von Wilhelm Kotz.de, mit Mlderu von Arpad Schmidhamnter. In Seinen gebunden 3 Mk. Verlag von Jos. S ch o l z in Mainz. Eine Fibel, wie sie der deutschen Jugend noch nicht geboten wurde! Mit rund 120 farbigen Bildern von Meister Schmidhammer! Doch alle Lust und Freude an Bildern würde nicht genügen, wenn der methodische Ausbau dem kleinen Leser zu große Schwierigkeiten bietet, Tiefen Mangel so Mancher modernen Bilderfibel hat der Verfasser zu vermeiden gewußt. Der Verfasser ging nicht von vorgefaßten Ideen aus, fonbern ließ die lebendigen Bedürfnisse des Kindes Maßgebend sein, er achtele vor allem darauf, daß auch dem weniger begabten Kinde das Lesen- und Schreibenlernen erleichtert werde. So ist eine Fibel entstanden, die ans dem Bedürfnis des Kindes erwachsen ist. Zu dem in liebevoller, jahrelanger Arbeit gewonnenen Text tritt ein Bildschmuck, der unübertrefflich ist. Arpad Schmidhammer gilt seit langem als unser bester Kinder- Wnstler und Humorist. Die Fibel wird zunächst all den Kindern hochwillkommen fein, die im Einzelunterricht in die Anfangsgründe eingeführt werden sollen. -Für alle anderen Kinder wird sie ein herrliches Bilderbuch von seltener Fülle fein, das den Schulunterricht unterstützt. Und manche Schule wird den Wunsch haben, sie zu benützen.
— „De r BortruP p", Halbmonatsschrift für das Deutschtum Unserer Zeit. Die soeben erschienene Nummer 6 des 2. Jahrganges trägt zunächst mit einer Arbeit von Dr. Otto Mensendivck der Erinnerilngsfeier an Friedrich Hebbel Rechnung. „Tie deutschen Landerziehungsheime" würdigt Dr. Trusen. Auch in „Was andre sagen" bietet die vorliegende NuMmer des „Vortrupp" dazu einen wertvollen Beitrag. Eine Betrachtung „Zur Umfrage über das Rechtsstudium" von Werner Jungfer soll für eine sehr wichtige Frage das Urteil der öffentlichen Meinung wecken. Energisch und unter Anführung sachlichen Materials nimmt Friedrich Wilhelm Fulda die Wandervogelbewegung gegen den Vorwurf „Flurschaden" zu verursachen, in Schutz, lieber die Kunst des „Schilaiiss" plaudert der Mitherausgeber Hans Paasche und zum Kinderrufe „Märchen erzählen!" macht Walther_ Kluge sehr beherzigenswerte Ausführungen. Unter der ständigen Abteilung „Rund nm uns" bietet Heinrich Scharrelmann „Oster- gebanten", Gustav Temme „Einen neuen Weg in der Arbeit für Volkswohlfahrt" und „Zur Breslauer Jahrhundertfeier" äußert sich eine Reihe studentischer Vereinigungen.
Charade.
Steigt leuchtend die äiactete auf. Bleibt Eins nicht aus, verlaß dich d'raus. Zwei-Trei lebt fro[) in Busch und Wald, Ist bunt und zierlich von Gestalt.
Das Ganze ist ein Bild des Fleißes. — Wer's nicht erraten kann, den beiß' es!
Auslösung in nächster Nummer.
Auflösung des magischen Dreiecks in voriger Nummerr AGNES GRAN NAB E N 8
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS»Buch« und Steindruckerei. B. Lange, Gieße»


