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„Entschuldigen Sie, Herr Kapitän," sagte er. Wissen Sie eigentlich, welchen Kurs der Mann am1 Ruder steuert?"
„Direkt südlich," antwortete der Kapitän.
„Und direkt östlich sollte er steuern!"
„Woher wissen Sie das?"
Der Maat brum'mte zornig etwas in den Bart. ..
„Ich habe keine bessere Ausbildung gehabt, Herr Kapitän/ sagte er dann, „aber ich kann Ihnen sagen, ich fahre in bieten. Gewässern, seitdem' ich ein Bengel von zehn Jahren war, und rch Weift, wann wir die Linie passieren, und weist, wann wir in den Kalmen sind, und weist, Ivie man nach den Oelflnssen fährt. Wir sind jetzt südlich der Linie und wir müßten direkt östlich, statt südlich steuern, wenn wir in den Hafen kommen wollen, wo uns die Reeder hingeschickt haben." . _
„Entschuldigen Sie, Herr Gerard. MerkenSie, daß rch am Ausspielen bin," sagte der Kapitän, indem er die. Karten hinlegte. „Kommen Sie an die Karte, Herr Burns, ich will Ihnen eine Lektion in praktischer Navigation erteilen. Hier ist die Region des Südwest-Passats, und hier ist die Lsirie, rind hier in diesen Hafen wollen wir, und hier ist ein Mann, der sein Schiff nach seiner Weise lenkt." Während er noch sprach, erwischte er den unglücklichen Maaten an der Kehle und würgte ihn, bis er fast besinnungslos war. Der Steward Kerouan war inzwischen mit einem Tau herbeigeeilt, womit sie ihn knebelten und banden, dast er vollständig machtlos war.
„Am Steuer ist einer von unseren Franzosen," sagte der Steward. „Den Maat werfen wir am besten über Bord."
„Das ist das sicherste," Meinte Kapitän Fourneau.
Doch das war mehr, als ich ertragen konnte. Niemals würde ich mich dazu bereden lassen, zum Mord eines wehrlosen Menschen meine Einwilligung zu geben. Sehr ungnädig erklärte sich der Kapitän schließlich damit einverstanden, ihm das Leben zu schenken. Wir trugen ihn nach hinten in einen Raum unter der Kajüte, wo er zwischen Ballen von Manchestertuch gelegt wurde.
„Es ist kaum der Mühe wert, dast man erst die Luke wieder schließt," sagte Kapitän Fourneau. „Gustav, geh' zu Herrn Turner und sag ihm, daß! ich ihn sprechen mochte."
Der ahnungslose zweite Maat trat in die Kajüte nnd wurde auf der Stelle ebenso traktiert, wie sein Kollege Burns. Er wurde dann gleichfalls 'nuntergetragen und neben ihn gelegt. Tie Luke wurde bann wieder zu gemacht.
„Der rothaarige Hund hat uns zu raschem' Eingreifen gezwungen," sagte der Kapitän, „und ich must eher losschlagen, als ich wollte. Doch, es schadet weiter nichts und wird meine Pläne nicht ernstlich gefährden. Kerouan, du kannst der Mannschaft vorn ein Fäßchen Rum bringen und ihnen sagen, daß es ihnen der Kapitän schickt, damit sies aus Anlaß des Passierens der Linie auf sein Wohl austrinken. Sie werdens nicht besser haben wollen. Unsere eigenen Leute bringst du dann ’nunter in deine Pantry, damit wir sicher sind, dast sie alle zur Tat bereit sind. Nun, Oberst Gerard, können wir, Wenns Ihnen recht ist, unser Eearlß weiter spielen."
Cs War dies eine Lebenslage, die man nicht leicht vergißt- Dieser Kapitän War ein Mann mit eisernen Nerven, er mischte und hob ab, gab Karten nnd spielte, als ob er in seinem Caf6 säße. Von nuten hörten Wir die unartikulierten Laute der beiden Maate, die durch- die Taschentücher, die sie im! Mund hatten, ziemlich abgeschwächt waren. Draußen knarrte und ächzte in Der starken Brise, die uns flott vorwärts trieb, das ganze Holz- Ünd Segelwerk unseres Fahrzeugs. Durch das Rauschen der Wellen und das Pfeisen des Windes drang das wüste Jnbelgefchrei der englischen Matrosen, die dem Rnmfäß.chen zu Leibe gingen. Wir machten ein Dutzend Spiele, und dann erhob sich der Kapitän und fagte: „Ich glaube, jetzt sind sie so weit". Er nahm ein Paar Pistolen ans einer Schublade und händigte mir eine ein.
Aber wir brauchten keinen Widerstand zu fürchten, denn es war kein Mensch- zum Widerstand da. Dxr Engländer jener Zeit, ph Soldat oder Matrose, war ein unverbesserlicher Säufer. Wenn er nichts zu trinken hatte, war er ein braver und guter Mensch. Hatte -er aber zu trinken, so gebärdete er sich wie ein Wahnsinniger ’ Maß halten kannte er nicht. In dem! trüben Licht des Loches, worin sie hausten, fanden wir fünf Besinnungslose und zwei Wahnsinnige, die schrien, fluchten und fangen — das war die derzeitige Bemannung des-„Schwarzen Schwans". Der Steward schleifte die nötigen Taue herbei, und mit &üfe. der zwei Franzosen (der dritte war am Steuerrad) fesselten Wir die Betrunkenen und banden sie so fest, dast sie weder sprechen noch sich rühren konnten. Sie wurden in den entsprechenden Raum im Vorderschiff gelegt, wie ihre Vorgesetzten im hinteren, und Kerouan bekam die Weisung, ihnen zweimal täglich Essen und Trinken zu bringen. So befand sich denn der „Schwarze Schwan" vollständig in unserem Besitz.
Wenn schlechtes Wetter eingetreten wäre, so weist ich nicht, was wir hätten anfangen sollen, aber wir sichren vergnügt weiter; per Wind war stark genug, uns rasch südlich zu treiben, aber Nicht so stark, dast er uns beunruhigte. Am Abend des dritten Tages traf ich Kapitän Fourneau auf dem Oberdeck und merkte, daß er scharfen Ausguck hielt. Plötzlich rief er: „Gerard, sehen Sie Port, dort!" und zeigte Über den Bugspriet des Fahrzeugs hinweg.
Ueber der tiefblauen See erhob sich der hellblaue Himmel, und in ganz weiter Ferne, wo sie zusammenstietzen, sah ich etwas Schattenartiges wie eine Wolke, aber mit deutlicheren Umrissen.
„Was ist das?" fragte ich.
„Das ist Land."
„Was für ’n Land?"
Ich War gespannt auf die Antwort, und doch wußte ich schon, wie sie lauten würde.
„Es ist St. Helena!"
Das war sie also, die Insel meiner Träume! Das war also der Käfig, wo unser großer Kaiser eingesperrt war! All jene Tausende von Meilen Wasser hatten Gerard nicht von seinem Herrn zurückzuhalten vermocht. Dort war er, dort auf jener Wolkenbank über dem dunkelblauen Meer. Wie sie meine Blicke verschlangen! Wie Meine Seele dem Schiff vorauseilte ■— weiter unb weiter, ihm zu sagen, baß er nicht vergessen sei, daß nach langer Zeit endlich ein treuer Diener an seine Seite geeilt sei! Jeden Augenblick wurde der schwarze Fleck auf dem Wasser größer und deutlich-er. Bald konnte ich ernennen, daß es wahrhaftigem bergiges Eiland war. Tie Nacht senkte sich nieder, aber ich lag noch immer auf den Knien, meine Augen in der Dunkelheit auf die Stelle gerichtet, wo ich wußte, daß mein großer Kaiser sei. Wir fuhren eine Stunde und noch eine, als uns plötzlich ein kleines, goldenes, funkelndes Licht direkt von vorne entgegeuschim- M-erte. Cs kam- aus dem Fenster von irgendeinem Haus — vielleicht von feinem Hause. Es konnte höchstens ein bis zwei Meilen entfernt sein. O, wie ich meine Hande danach ausstreckte! f— es waren nur die Hände Etienne Gerards', aber für ganz Frankreich waren sie ausgestreckt.
An Bord unseres Schiffes' waren sämtliche Lichter ausgelöscht, und unter Anleitung des Kapitäns Fourneau zogen wir alle an einem der Taue, wodurch- sich eine der Raan über uns 'rumdrehte und das Schiff zum stoppen kam. Dann bat er mich, mit in die Kajüte zu kommen.
„Sie werden jetzt alles begreifen, Oberst Gerard," sagte er zu mir, als wir unten waren, „und Sie werden mir verzeihen, dast ich Sie nicht vorher vollkommen ins Vertrauen gezogen habe. In einer Sache von einer derartigen Wichtigkeit mache ich- jedoch niemanben zum Vertrauten. Ich habe bie Befreiung bes Kaisers schon sehr lange geplant, unb mein Verbleiben in England, Wie mein Eintritt in ihre Handelsflotte geschah nur zu diesem Zweck. Es ist alles gegangen, wie ichs erwartet hatte. Ich habe mehrere erfolgreiche Reisen nach der Westküste Lffrikas gemacht, so baßes keine Schwierigkeiten bereitete, auch dieses Kommando zu bekommen. Nach unb nach gewann ich. diese alten französischen Marinematrosen zur Besatzung. Sie habe ich- mitgenommen, weil ich gerne einen erprobten Streiter iml Fall des Widerstandes haben wollte, unb auch auf der langen Heimreise einen passenden Geführten für den Kaiser. Meine Kajüte ist schon zu diesem Zweck hergerichtet. Ich hoffe zuversichtlich-, dast er vor Tagesanbruch drin ist, und wir außer Sicht sind von dieser verfluchten Insel."
Sie können sich denken, mes amis, wie mich diese Worte bewegten. Ich umarmte den braven Fourneau und flehte ihn an, mir zu sagen, wie ich ihm behilflich sein könnte.
„Ich, 'muß Ihnen alles überlassen," sagte er. „Ich Würbe gern der erste fein, ihm meine Ehrfurcht zu bezeugen, aber es würde nicht ratsam für mich sein, das Schiss zu verlassen. Tas Wetterglas fällt, das bedeutet Sturm, unb wir haben das Land unter unserer Leeseite. Außerdem kreuzen drei englische Kriegsfahrzeuge um die Insel 'rum, die jeden Augenblick auf uns stoßen können. Ich muß also das Schiff bewachen, und Sie müssen den Kaiser bringen."
Ich erzitterte bei diesen Worten.
„Geben Sie mir Ihre Weisungen!" schrie ich.
„Ich kann Ihnen nur einen Mann ablassen, denn ich kam, so schon kaum- die Segel bewältigen," fuhr er fort. „Eins von den Booten ist 'nuntergelassen, unb bieser Mann wird Sie an Land rudern und warten, bis Sie zurückkommen. Das' Licht, was Sie sehen, ist tatsächlich das Licht von Longwood. Mhe Menschen in diesem Hause sind Ihnen wohlgesinnt, und auf alle können Sie zählen, daß sie Ihnen bei der Flucht des Kaisers helfen. Es ist zwar uM das Haus ein Kordon englischer Wachtposten aufgestellt, aber die sind ziemlich Weit ab davon. Wenn Sie erst so weit sind, übermitteln Sie dann dem Kaiser unsere Pläne, geleiten ihn ans Boot und bringen ihn an Bord."
Der Kaiser selbst hätte seine Instruktionen nicht kürzer und klarer geben können als Kapitän Fonrneau. Es war kein Augenblick zu verlieren. Das Boot mit dem Matrosen wartete längsieit. Ich stieg ein und wir stießen ab. Unser kleines Fahrzeug tanzte über die dunkle Flut, aber vor meinen Augen leuchtete stets das Licht von Longwood, das Licht des Kaisers, der Stern metner Öoffnung! Bald kratzte der Boden unseres Nachens über die Steine; wir waren ani Ufer! Es war eine verlassene Stelle, und keine Wache rief uns an. Ich ließ den Seemann beim Boot und kletterte den Hügel hinaus.
Ein schmaler Ziegenpfad wand sich zlvricheu den Felten burd), so daß es mir nicht schwer wurde, meinen Weg zu finden. IN St. Helena konnte man mit Recht sagen, daß alle Pfade zum Kaiser führten. Ich kam an ein Tor. Keine Wache — rch ging durch. Noch ein Tor — wieder keine Wache ! Ich! wunderte mich, was aus dem Kordon geworden sein möchte, von dem Fourneau gesprochen hatte. Ich war nun auf der Höhe angelangt, denn gerade vor mir brannte das Licht. Ich verbarg mich unb schaute mich nach allen Seiten um, aber ich konnte noch immer


