Ausgabe 
19.2.1913
 
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}«. das Heu durch bte Risse in 8er Decke durchsetzen konnte. Die Frau protestierte nunmehr vergeblich. Zwei Soldaten, die sich wieder besser rühren konnten, zerrten sie beiseite und hielten sie fest, während der junge Doktor die Leiter 'raussprang, die Tür auf stieß und auf den Boden kletterte. Ms er die Tür aufmachte, schlüpfte ich dahinter, aber der Zufall wollte es, daß er fte gleich wieder hinter sich zuschlug, und so standen wir uns denn von Angesicht zu Angesicht gegenüber.

Ich habe nie im Leben einen so erstaunten jungen Mann gesehen.

-Ain, französischer Offizier?" keuchte er.

»Pst! pst!", machte ich.Kein lautes Wort." Ich hatte blank gezogen.

»Ich bin kein Kombattant", sagte er;ich bin Arzt. Warum bedrohen Sie mich mit dem Säbel? Ich bin nicht bewaffnet."

»Ich will Sie auch nicht verletzen, aber ich muß mich doch schützen. Ich habe mich hier versteckt."

»Ein Spion!"

,Ein Spion trägt keine solche Uniform, noch befinden sich Spione beim Stab einer Armee. Ich bin irrtümlicherweise mitten in das preußische Korps geritten, und habe mich hier in der Hoffnung verborgen, wenn es vorbei ist, zu entkommen. Ich will Sw nicht anrühren, wenn Sie mich in Ruhe lassen, aber, wenn Sie mir nicht versprechen, über meinen Aufenthalt hier keinen Ton verlauten zu lassen, werden Sie nicht lebend von diesem« Boden 'nunterkommen."

Sie können Ihren Säbel ruhig wieder in die Scheide stecken," antwortete der Arzt, und ich bemerkte ein freundliches Zwinkern in seinen Augen.Ich bin von Geburt ein Pole und fühle durchaus keinen Haß gegen Ihre Nation. Ich sorge nach besten Kräften für meine Patienten, aber das übrige geht mich nichts an. Husaren zu fangen, gehört nicht zu den Funktionen eines ®r»te§. Wenn Sie nichts dagegen haben, will ich nun mit Diesem Bündel Heu hinuntersteigen und für die armen Kerle drunten ein Lager zurechtmachen."

3ch hatte ihm' eigentlich den Eid darauf abnehmen wollen, aber ich habe die Erfahrung gemacht, daß wenn jemand die Wahrheit Nicht sagen will, er sie auch nicht schwört, und daher stab ich mich damit zufrieden. Der Arzt machte die Falltüre auf, warf soviel Heu hinunter, wie er für seine Zwecke brauchte, stieg daun die Leiter hinab ilud ließ die Tür über seinem Kopf jvieder zufallen. . Ich beobachtete ihn sehr eifrig, als er zu sDistDis Krankeii ging, und dasselbe tat auch meine Freundin, die < aber er sagte nichts und beschäftigte sich lediglich mit der Pflege der Soldaten.

Ich nahm bestimmt an, daß mittlerweile der Rest des Armee- iurps vorbei sei. Ich ging also an mein Guckloch, um zu sehen, ob die Luft rein sei, denn nm ein paar Nachzügler würde ich Mich nicht weiter kümmern. Tas erste Korps war tatsächlich auch vorüber, und ich konnte die letzten Glieder des Fußvolks iw,Walde verschwinden sehen; aber Sie können sich meinen Schrecken vor­stellen, meine Herrn, als ich aus demForst de St. Lambert" ein zweites Korps hermiskoMmen sah, ein ebenso starkes wie das serste. Ta konnte kein Zweifel mehr bestehen, daß die ganze preussische Armee, die wir bei Ligny vernichtet zu haben glaubten, im Begriff !var, sich aus unseren rechten Flügel zu werfen, während der Marschall Grouchh durch irgend eine Täuschung weggelockt morden war. Ta ich den Kanonendonner schon stärker hörte, sagte ich mir, daß die preußische Artillerie, die an mir vorbei- !gezogen war, schon in Aktion getreten fein müsse. Denken Sie sich nun in meine schreckliche Lage, Messieurs! Stunde um stunde verging; die Sonne sank bereits nach Westen. Dabei >var das verfluchte Wirtshaus, in dem ich versteckt lag, wie eine Keine Insel, rundum! von preußischem Militär umwogt. Es fvar von größter Wichtigkeit, daß ich Grouchh erreichte, Und trotzdem konnte ich nicht 'naus, ohne sofort gefangen genommen zu werden. Sie können sich denken, wie ich fluchte und mir die Haare ausraufte. Wie wenig wissen wir doch, was uns Vor­behalten, ist! , Während ich gegen mein widriges Geschick wütete, hatte mich dieses selbe Geschick zu einer weit höheren Aufgabe misersehen, als Grouchh einen Befehl zu übermitteln eine Aufgabe, die mir nie zuaefallen wäre, die ich nie hätte erfüllen können, wenn ich nicht in dieser Kneipe am Rand desForst de Paris" festgehalten worden wäre.

Zwei preußische Korps waren vorbei Und ein drittes zog herauf, da horte ich mit einem mal Lärm und mehrere Stimmen rm Gastzimmer. Ich legte mich auf den Boden und konnte durch feinen Spalt sehe», was vorging.

Ich «öblickte zwei preußische Generäle, die sich über eine auf deur Tisch ausgebreitete Karte beugten. Mehrere Adjutanten Und, Stabsoffiziere standen schweigend drum 'rum. Von den Zwei Generälen war der eine ein heftiger alter 'Mann mit weißem Haar und mit Furchen im Gesicht, mit einem wüsten grauen, Schnurrbart und -einer belfernden Stimme, Ter andere war Noch jünger, und ruhiger und vornehmer. Er maß mit dem Zirkel Entfernungen auf der Karte ab, während fein Begleiter mit den Füßen stampfte und rauchte und fluchte wie ein Hnsaren- wachtin'eister. Es war merkwürdig anzusehen, den Altmr fo feurig Und den Jungen so zurückhaltend. Ich konnte im Einzelnen ihr Gespräch nicht verstehen, aber im großen und ganzen war ich Usir klar darüber, was sie vorhatten.

. //Ich sage Ihnen, totr müssen vorwärts, immer Vorwärts!" [mie der alte Knabe mit einem drastischen deutschen Fluch.Ich habe Wellington versprochen, mit der ganzen Armee zu ihm zu Itonen, und wenn ich auf meinem Gaul mit Riemen festgebunden werden müßte. Bülows Korps ist in Aktion und das Zietheuschs soll ihm mit sämtlichen Mannschaften und Kanonen zu Hilfe kommen. Vorwärts, Gneisenau, vorwärts!"

Der andere schüttelte den Kopf. i

Sie müssen bedenken, Exzellenz, daß sich die Engländer wenn sie geschlagen werden, nach der Küste zurückziehen werden« /ölt welche Sage wollen Sie dann kommen, wenn Grouchh zwischen Ihnen und dem Rhein steht?"

Wir müssen sie schlagen, Gneisenau; der Herzog Und ich werden sie zu. Staub zermalmen. Drauf, drauf! ist die Losung. Der -ganze Krieg wird mit einem Schlag beendigt sein. Ziehen Sie Pirsch heran, so können mir sechzigtausend Mann in die Wag-. schale werfen, während Thiel-mann den Grouchh bei Wabern festhält."

. Gneisenau zuckte mit der Schulter; in diesem Moment trat eine Ordonnanz ein und meldete:

Ein Adjutant vom Herzog von Wellington."

Ha! ha!" rief der Mte;hören wir, was er uns bringt.^

Ein -englischer Offizier, Mit Schmutz und Blut bedeckt, wankte ins Zimmer. Er hatte ein blutiges Taschentuch um den Arm gebunden Und hielt sich am Tisch fest. Um nicht zu fallen.

Ich habe eine Botschaft für den Marschall Blücher," sagte cr.:

Der Marschall Blücher bin ich. Sprechen Sie, sprechen Sie!" rief ungeduldig der Alte.

Der H-erzog hat mir befohlen. Ihnen zu sagen, daß sich die englische Armee allein halten kann, und daß er um den Aus­gang keine Bange hat. Die französische Kavallerie ist geschlagen, zwei Infanterie-Divisionen sind vernichtet, nur die Garde ist noch in Reserve. Wenn Sie uns tatkräftig unterstützen, wird die Niederlage einem: vollständigen Ruin" Er sank in die Knie und siel rücklings zu Boden.

Das, genügt mir vollkommen!" rief Blücher.Gneisenau senden Sie sofort einen Boten,zu Wellington und lassen Sie ihU» sagen, daß -er sich voll und ganz- auf mich verlassen kann. Kommen Sie, meine Herren, wir müssen ans Werk!" Er stürmte hastig zur Tür 'naus, sein ganzer Stab klirrte hinter ihm' her, während zwei Soldaten den englischen ^libjutanten zum- Arzt brachten.

Gneisenau, der Generalstabschef, hatte noch eilten Augen­blick gezaudert; dann legte er einem1 der Adjutanten die Hand auf bie Schulter. Der Junge war mir schon ausgefallen, deust ich habe immer -ein gutes Ange für einen feinen Kerl. Er wap groß und schlank ,der richtige Typus eines Reiters; tatsächlich, in seiner Erscheinung lag etwas, das sie meiner nicht unähnlich machte. Er hatte ein verwegenes, kühnes Gesicht wie ein Falke, unter dichten, buschigen Brauen funkelten ein Paar trotzige Augen hervor, aber die größte Zierde war sein Schnurrbart, auf Grund dessen ich ihn in die Renommier-Schwadron meiner Husaren ein­gestellt haben würde. Er trug einen grünen Waffenrock mit weißen Aufschlägen und -einen Helm mit Pferdeschweif ein Dragoner, wie mir schien.

Hören Sie, Graf Stein," sagte Gneisenau zu ihw.Wem» der Feind auch vernichtet wird und der Kaiser entkommt, Nützt es nichts; er wird ein zweites Heer sammeln, und wir haben dieselbe Arbeit noch 'mal. Wenn es uns aber gelingt, den Kaiser zu fangen, dann ist der Krieg wirklich beendigt. Ein solches Ziel ist einer großen Anstrengung und eines großen Wagnisses wert."

Der junge Dragoner erwiderte nichts, sondern hörte auf­merksam zu.

Vorausgesetzt, daß sich die Worte Wellingtons bewahrheiten. Und die Franzosen in wilde Flucht geschlagen werden, wird der Kaiser sicher nach Genappes und Charleroi fliehen, well das der 'kürzeste Weg nach der Grenze ist. Wir dürfen wohl annehmen, daß er flotte Pferde hat, und daß ihm die Fliehenden den Weg bahiicn. Unsere Reiterei muß die Nachhut der geschlagenen Armee verfolgen, aber der Kaiser wird sich ganz vorne beim Gros befinden."

Der junge Dragoner nickte.

Ihnen, Graf Stein, möchte ich den Kaiser empfehlen. Wenn Sie ihn fangen, wird Ihr Name in der Geschichte fortleben. Sie stehen im Ruf, der beste Reiter in unserer Armee zu sein. Wählen Sie sich -einige Kameraden, welche Sie wollen zehn bis zwölf dürsten genügen. Sie sollen nicht in die Schlacht eingreifen, sich auch nicht der allgemeinen Verfolgung anschließen, sondern sich abseits halten und Ihre Kräfte für ein edleres Ziel auffstaren^ Verstehen Sie mich?"

Der Dragoner nickte wieder. Dieses Schweigen impo- nierte mir.

Die Details überlasse ich Ihnen. Greifen Sie nach feinem! anderen als nach dem Höchsten. Tie kaiserliche Kutsche können Sie nicht verwechseln, ebensowenig, wie Sie sich in der Person des Kaisers irren können. Nun muß ich dem Marschall feigen« Adieu! Wenn ich Sie je wiedersehe, so hoffe ich. Ihnen bei der Gelegenheit zu der Tat gratulieren zu können, deren Kunde durch ganz Europa bringen wird."

Der Dragoner salutierte, und Gneisenau eilte aus dem Ziist-- toer. Der junge Offizier blieb ein paar Augenblicke in tiefest