Ausgabe 
19.2.1913
 
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Natürlich. Und heute abend reisen wir nach Wien. Eine Ringsttaßenwohnuiig kann ich dir selbstredend nicht anbieten und die paar Sachen, welche noch in Dopvlanyi And, zählen nicht, da sie verkauft werden müssen, um die dringendsten Schulden zu bezahlen. Wir werden also eine möblierte Mietwohnung beziehen in einem billigeren Viertel."

Meta antwortete nicht mehr, ließ aber alles über sich ergehen, was Montelli anordnete.

Mit dem Nachtzug reisten sie nach Wien. Schon unter- ivegs, als Monlellis Mick einmal auf den schlafenden Konrad fiel, kam es wie unwillkürlich über seine Lippen:Wenn das Kind da nun stürbe, dann wärst du seine natürliche Erbin."

Das Herz blieb Meta still stehen vor Schreck über diese Worte. Ganz fassungslos blickte sie Montelli an. Was meinte er denn? Hoffte er auf den Tod ihres Kindes? Wollte er sie darum etwa nicht freigeben?

Er lächelte über ihren entsetzten Blick.

Nun es war nur so ein Gedanke, der mir gerade durch den Kopf fuhr... es stirbt kein Mensch an Ge­danken."

Aber dann, als sie in der engen kleinen Mietwohnung im 9. Bezirk saßen, billige fremde Möbel um sich und kahle Brandmauern mit Schloten vor den Fenstern, als Montelli sich vergeblich um irgend eine Beschäf.igung um­sah und gezwungen war, die Großmut ehemaliger Freunde In Anspruch zu nehmen, da sprach er diesen Gedanken aber- mals ans.

Und diesural klang es nicht scherzhaft.

Die Tage vergingen entsetzlich langsam. Meta führte Las Kind an die Luft, mittags stumm mit Montelli das Essen, welches man aus einem billigen Speisehaus holen ließ, und verbrachte die Abende meist allein, da Montelli, angeblich nur um die Beziehungen zu ehemaligen Freunden sufrecht zu erhalten und so leichter eine passende Stellung zu finden, in Restaurants ging.

Meins Schmuck, ihr Silber, überhaupt alle Wertgegen- Mude waren bereits versetzt von Montelli.

Sie war überzeugt, daß er 'heimlich spielte, hielt es aber für zwecklos, ihm Vorstellungen darüber zu machen.

Es wunderte sie manchmal, daß sich von seinen Gläu- Vigern bisher keiner gemeldet hatte, und sie zitterte Tag kür Tag davor. Was sollte sie ihnen erwidern? Womit sie vertrösten? Reinspergs Anerbieten damals hatte sie ab- gelehnt in der Hoffnung, diese Schulden selbst bezahlen zu Rinnen.

Nun hatte er seine Reise nach Tibet bereits angetreten, wußte vielleicht gar nicht, daß Frau Bettina gestorbnen war Und glaubte alles geordnet.

Ihn brieflich um Hilfe M bitten, schien Meta gänzlich unmöglich. Die Stunde, wo sie es vielleicht mündlich hätte tun können, ohne sich zu erniedrigen, war vorüber.

So standen die Dinge, als sich eines Tages in Montellis Mwesenheit ein Herr bei ihr melden liest dessen Name ihr wie ein Schreck durch alle Glieder fuhr.

Ferdinand Maier" stand auf der Karte. Sie erinnerte sich, daß Montelli von einem Wechsel gesprochen, den er diesem Manne ausgestellt hatte mib der am 1. August fällig war.

Es fehlten nur mehr sechs Tage zum 1'. August. Was um Gotteswillen sollte sie ihn: sagen?

Ehe sie noch recht überlegen konnte, stand Herr Maier schon vor ihr. Er sah sehr reputierlich aus und benahm sich dnraus höflich.

Er komme, sagte er, um der gnädigen Frau den Wechsel zu präsentieren, Elchen sie und ihr Gatte ausgestellt hatten. Daß von Herrn von Montelli momentan nichts zu bekommen sei, wisse er schon, aber der Wechsel sei ja von ihr mit unterschrieben und garantiert, ob er darauf rechnen könne, das Geld zu dem fälligen Termin richtig zu erhalten? Es seien ihm Gerüchte zu Ohren gekommen über gewisse Testa-- mentsbesttmmnngen, die er indessen vorläufig nicht glauben wolle ... es würde ihm sehr leid tun, gerichtlich Vorgehen zu müssen, wenn die Gerüchte auf Wahrheit beruhten, aber das wäre dann ja heller Bettug . . .

Was er noch weiter sagte, hörte Meta nicht mehr. Sie starrte auf das Papier, das groß und deutlich ihren Namen trug, und alles andere begann sich vor ihren Angen zu drehen.

Da war es nun, was sie UM jeden Preis hatte der- nretden wollen: der öffentliche Skandal, das nakte Ver­brechen.

Nicht einmal davor war er zurückgeschreckt. Sie strich sich mechanisch Wer die Stirn. Wie eine Vision ftmti)1 plötz­lich die Zeit vor ibr, da Montelli als eleganter Offizier sich in den Salons der alten Petermanns bewegt hcitte^ ein vornehmer Mann, den alle achteten

Konnte der Mensch so tief sinken?

Und was nun? Was nun? fragte sie sich verzweifelt.

Herrn Maiers Stimme riß sie brutal in die Wirklich­keit zurück. Er fragte, ob die Unterschrift ettea nicht echt sei, da sie so bestürzt scheine?

Und mut kam mit einem Male eine seltsame Ruhe und Klarheit über Meta.

Sie begriff, was sie längst hätte ernennen sollen daß sie überlauter Grübeln das Handeln vergessen hatte,, daß sie geschont und getragen hatte, wo sie längst hätte! aufgeben sollen.

Ihr ganzes Leben hindurch hatte sie sich treiben lassen von den Verhältnissen, ohne ihrer ein einziges Mal Herr zu werden.

Wie ein Weib hatte sie gehandelt nur wie ein Weib, wo ihre Lage einen ganzen Menschen erforderte.

Sie stand auf und blickte Herrn Maier fest an.

Meine Unterschrift hier ist gefälscht," sagte sie klang- los,ich werde versuchen, Ihnen irgendwie zu Ihrem (Selbe zu verhelfen . . . wenn es mir nicht gelingen sollte, dann . . . kann ich Sie nicht hindern, von Ihrem Rechte, Verant- worttmg zu verlangen, Gebrauch zu machen. Darf ich einstweilen um Ihre Adresse bitten?"

Herr Maier schrieb die Adresse auf ein Matt Papier und verbeugte sich schweigend. Melas Ruhe imponierte ihm, ihre Verstörtheit tat ihm leid aber schließlich: Geschäft bleibt Geschäft.

Nachdem er gegangen war, holte Meta das Kind aus dem Nebenzimmer und kleidete es mechanisch an.

Als sie beide zum Ausgehen bereit waren, trat sie noch für einen Moment bei der alten Frau nebenan ein, von welcher sie die Wohnnitg gemietet Hutten.

Wentt mein Mann heimkommt, und nach mir fragt, Frau Wardein, dann sagen Sie ihm, bitte, daß er nicht auf mich märten möge."

Die Frau sah ihr verwundert nach. Was sollte das denn mm bedeuten? Meinte Frau von Montelli, daß sie überhaupt nicht wicderkäme?

Ehe sie eine weitere Frage stellen konnte, war Meta indessen schon verschwunden und stieg mit Konradchen die Treppe hinab.

(Fortsetzung folgt.)

Abenteuer der Brigadier Gerard.

Voit C. Doyle. x.

Wie sich der Brigadier bei Wat er loo aus zeichnete^ (Fortsetzung.)

Wer ein kleines Abenteuer unterbrach die Monotonie dieses langen Wartens. Ich saß an meinem Guckloch und freute mich, das; das Korps bald vorbei, und der Weg bald für meine Reise frei sein mürbe, als ich plötzlich aus französisch einen lautert Wortwechsel in der Küche hörte.

Sie haben nichts oben zu tun!" schrie eine Frauenstimme.

Ich sag Ihnen, daß ich trotzdem 'naufsteige!" erwiderte ein Mann, und dann klangs wie eine Balgerei.

Sofort guckte ich durch die Ritze in der Küchendecke. Itnten an der Leiter stand die kräftige Wirtin wie ein treuer Wacht- Hund, während der junge deutsche Arzt, bleich vor Zorn, und mit aller Gewalt 'rauf in die Höhe steigen wollte. Mehrere der deutschen Soldaten, die sich wieder von ihrer Ohnmacht erholt hatten, saßen am Stoben und sahen bem Streit mit dummen, aber aufmerksamen Gesichtern ruhig zu. Der Wirt war nirgends zu fetal.

Es ist kein Branntwein droben," sagte die Frau.

Ich will auch gar keinen Branntwein; ich brauche .Helt ober Stroh, um diese Leute hier drauf zu legen. Warum sollen sie auf den harten Steinen liegen, wenns Stroh oben gibt?"

Ta liegt keins."

Was ist denn oben?"

,Leere Flaschen."

,,Sonst nichts?"

Nein."

Einen Moment Iain mies vor, als ob der Arzt von feinem Vorhaben ab stehen wollte, aber einer von den Soldaten deutete nach der Decke. Ich konnte seinen Wotten so viel enhiehuien, daß