Ausgabe 
18.12.1913
 
Einzelbild herunterladen

791

und ich sehe sie vor mir, die qualverzogenen Gesichter jener Ausgestoßenen mib unter ihnen ein holdes junges, dos Evas Zuge trägt.

Ein schweres Schicksal liegt auf dem ahnungslosen Kinde: seiner Mutter Leben vergeht hinter den Mauern einer Anstalt, in unheilbarer Schwermut siecht sie dahin. Und nun das häßliche Wort ans dem Munde ihres Kindes.

Behutsam stelle ich meine Fragen.

Narren, das sind die Verrückten, die Fratzen schnei­den nud die Glieder verrenken, die brüllen wie die Tiere und die man entsperren muß. Und Menschen gibt es, die tun nur so, als ob sie Narren sind. Menschen, die gestohlen haben oder Mörder sind und Angst vor der Strafe haben, die stellen sich verrückt, toben und schreien, bis sie aus dem Gefängnis heraus und in eine Anstalt kommen. Dort sind sie ganz toll, wenn jemand bei ihnen ist, aber wenn sie allein sind, sitzen sie ruhig da mtb freuen sich, wie schön sie die Seilte anführen. Die sind aber schlauer, gucken bur.ch rin winzig kleines Fensterchen irgendwo in der Tür und dann wissen sie gleich, daß der drinnen nur schwindelt.

Sollte das nicht genügen? Eva weiß aber auch noch, daß einmal ein irrsinniger Lehrer in eine Schule ein- gedrungen ist und beit Lehrer und zehn Kinder totgeschossen hat! Ter Herr Breiter hat selbst gesagt, nun müsse man eigentlich immer die Klassentüre zuschließen.

Wie weh tut es, wenn Kinderlippen die tiefsten Tragö­dien menschlichen Schicksals verkünden!

Mein Herz schluchzt auf in Mitleid für das Kind an meiner Seite und für die, von denen es sprach. Und so finde ich die rechten Worte, die seinem Verständnis zugänglich sind; Worte, die genügend klären, um die wachen Kinder- sinne zu befriedigen und die doch schonend verhüllen, was Kinderwissen nicht fassen kann. Die erregten Augen werden ruhig, während ich spreche und als ich zu Ende bin, schim­mern sie in inniger Bewegung zu mir auf und eine kleine Hand greift suchend nach der meinen.

Ich aber frage mich: Muß denn das sein? Was mag einen Lehrer dazu bringen, die Stunden achtjähriger Kin­der mit derartigen Schreckensbildern zu füllen? Ist es sorglose Gedankenlosigkeit, die in'S Erzählen kommt, wie es wohl bei Erwachsenen sein mag, wo keine Auswahl nötig ist? Oder läßt er sich von heißen Kinderaugen verführen, sie in immer größerer Spannung glänzen zu lassen?

Wie darf man Kinder füttern mit der überwürzten Kost raffinierter Feinschmecker! Bald werden sie selber be­gehrlich die Hände danach ausstrecken und das, was ihren Jahren zukommt, werden sie unerträglich reizlos finden.

Oder ist es ein Lehrer, den es treibt, aufkläreudev Psychologe zu sein und den Schleier wegznziehen von den Geheimnissen des Lebens? Es ist ein gefährlich Ding, in dieser Weise junge Herzen hart zu machen für die grau­samen Möglichkeiten der Welt. Härte kann zur Stumpfheit führen, die alle frischen Lebenskeime im Werden erstickt.

Kindergedanken gehen eigene Wege, wir können sie nicht führen: aber wir haben die Macht, Licht mitzugebeu oder Schatten. Und es ist nicht gut, im Dunkeln sein, wenn man jung ist und wachsen soll!

Laßt Sonne in das Kinderleben Und keine Schatten tragt hinein! Licht, Liebe, Freude sollt Ihr geben, Wollt Ihr der Kinder Freunde sein! H.S.

vermisstes»

* Weihnachten in Südwestafrika! Der heilige Abend war hereingebrochen. Als deutsche Soldaten ließen wir es uns nicht nehmen, auch hier, mitten im Feindesland, fern von der Heimat, das Weihnachtsfest nach alter deutscher Sitte mit einem Weihnachtsbaum zu schmücken. Ein entsvrechender Baum war bald gesunden. Eigentlich war es ein Strauch und kein Baum. Erst waren wir nm den Schmuck verlegen. Woher sollten wir den in der Wildnis nehmen? Aber ein Kamerad wußte Rat. Alte leere Konservenbüchsen, buntes Papier und Verbandswatte wurden herbeigeschafft und recht bald war ein weihnachtsbanmähu- liches Gebilde geschaffen. Lichter hatten wir feine; deshalb wurde vor dem Baum ein Feuer entzündet, welches die Kerzen ersetzen sollte. Im Halbkreis umstanden wir das sonderbare Gebilde. Allein recht bald zog echte Weihnachtsstimmung in unser Herz ein. Recht kindlich wurde es uns zu Mute, als nun umgeben vom Feinde, aus rauher, deutscher Soldatenkehle dasIhr Kin­derlein kommet" zum Himmel emporschallte. Fröhliche Gesichter sah man allenthalben alsO du fröhliche, o du selige Weih­nachtszeit" angestimmt wurde, und nie habe ich den erfrencitbciv

Einfluß des Liedes so emp'chnden wie damals in der Wildnis von Südwestafrika. Unsere Gedanken schweisten weithin übers Meer in die traute Heimat. Im Geiste saheu wir die Unseren in geheizter Stube sröhlich uuterm Weihnachtsbaum versammelt. Sie gedachten gewiß unserer, wie wir umgeben von Gefahren mit Ihnen im Geiste die frohe BotschaftFriede auf Erden" an unser Ohr schallen ließen. Nur an unser Öhr? O geht, sie ging tief in unsere Herzen hinein. War es nicht Hohn, Friede auf Erden? mitten im Krieg-? Ach nein, friedevolle Stimmung zog in unser Herz trotz des drohenden Kampses. Endlich einmal würde auch Friede werden in Südwestafrika. Der Wachtmeister hielt eine kernige Ansprache und ließ noch einmal alles, was wir im fremden Land erlebt, au ynserm Geist vorüberziehen.Friede aus Erden", ach, möchte die Verheißung Wahrheit werben, so schallte es jetzt wieder in meinen Ohren, als wir der gefallenen Kameraden gedachten. Tiefe Stille herrschte unter uns und als nun einer der Kameraden das LiedStille Nacht, heilige Nacht" anstimmte, da erfüllte mich eine stille, feierliche Wehmut und ein heißes Gebet stieg aus meinem Herzen zum Himmel aus, wie in Kindertagen. Der Ernst des Augenblicks erinnerte uns aber daran, daß vielleicht auch uns bald der Tod bevorstand. In diesem Bewußtsein stimmten wir das Reiterlieb:Morgenrot, Morgenrot, leuchtest mir zum frühen Tod" an. Der Heimat galt aber auch unser Gruß bei der friedlichen und. erhebenden Feier. Mit dem eindrucksvollen SiebGruß an die Heimat" endigte der Abend. Wir feierten ein Fest des Friedens mitten! im Krieg; rüstend zum neuen Kampfe.

* Gute B ü ch e r. Hinter dem künstlerisch wertlosen Sen- sationsroman Der Tunnel und dem noch unbedeutenderen Kriegsroman v. Blo eins bleiben die wirklich wertvollen Romane dieses Jahres ziemlich unbeachtet. Wir wollen deshalb nachdrücklich lich aus das gute Werk eines bekannten Dichters Hinweisen, nämlich auf bie soeben erscheinende Gesamtausgabe von WiH. Raabes Wer­ken, die soeben in derfVerlagsanstalt für Literatur Und Kunst (Herrn. Klemm, A.-G. Berlin-Grunewald) zu erscheinen beginnt. Eine aus­führliche Würdigung dieser bedeutungsvollen Ausgabe behalten wir uns für später vor und weisen heute nur kurz aber nachdrücklich auf die hohe Bedeutung Raabes und seiner Schriften hin, der einer der Größten unserer Zeit war. Der soeben erschienene erste Band der Gesamtausgabe enthält die unvergleichliche Chronik der Sperlingsgasse und den gewaltigen Hungerpastor in einer gut ausgestatteten, erfreulich einfachen Art, wie sie glücklicherweise immer mehr Brauch wird. !

ff. Warum I bsen leine n Tec m o chte. Aus Ibsens römischen Tagen weiß die Komödie eine hübsche Anekdote mlt- zuteilen: zwei Fürsten von königlichem Geblüts aus irgend einem deutschen Hause baten den schwedisch-norwegischen Gesandten, ihnen Gelegenheit zu verschaffen, Ibsen kennen zu lernen. Sie meinten, er solle ihnen in der Gesandtschaft ein Frühstück geben und Ibsen dazu einladen. Das ging aber dem Gesandten gegen seine Begriffe von Etikette. Wie sollte er Ibsen zum Frühstück einladen, da dieser weder adelig war, ' noch ein öffentliches Amt bekleidete, noch mit einem Orden geziert war, noch Akademiker war oder: ähnliche Vorzüge auszuweisen hatte. Der Diplomat beschrankte sich daher darauf, Ibsen zu einem Tee einzuladen, den die Ge- laudlschast zu Ehren der beiden Fürsten gab. Ibsen aber hatte von der Geschichte Wind bekommen. Er lehnte die Einladung daher sehr höflich ab:Exzellenz mögen mich entschuldigen, wenn ich bie Einladung nicht annehmen kann: ich wäre gern zu einem Frühstück gekommen, das die Gesandtschaft den jungen Fürsten gibt, die meine Werke mit verständiger Bewunderung ehren. Ich werde zu dem Empfange nicht kommen, weil ich Tee durchaus nicht vertragen kann."

viichertisch.

Die Dürer-Bibel. Es fehlt bis jetzt an einer muster- aültiqcii deutschen Taschenausgabe der Bibel, des größten Buches der Menschheit. Denn wo ist die Ausgabe, die nicht nur billig und handlich, die vor allem charaktervoll, edel und deutsch ist durch und durch. Eine edle deutsche Schrift, gutes Papier, einfache,'einheitliche Ausstattung und schöne biegsame Entband«, das sind die offenen Geheimnisse der starken Wirkung der Durer- Bibel des Einhorn-Verlags in München.

Christliche Ku nst pflegt vorzugsweise der Verlag für Voltskunst, Rich. Keutel in Stuttgart, der eine ganze Reihe beachtenswerter Bilder, Konfirmaiidcnscheine und Waudipruche herausgegeben hat, unter denen jeder Liebhaber für billigen Preis wertvolles finden wird. Unter den Neuerscheinungen dieses JahreS sind außer einer Anzahl vaterländischer Bildwerke vier reizeiide K i n d e r f r i c s c von Gertrud Caspari erschienen, die vier Jahres­zeiten, die nicht nur vorzügliche Kunstwerke sind, sondern auch in Ütrt Form und Farbe dem Kinde wertvolle Eindrücke bemuttern und' von dauernder Bedeutung find. Von den älteren Werken des Verlags ist der köstliche Brautzug im Frühling von L Richter in einer farbigen Ausgabe für 1. Mark zu erwähnen, sowie eine ganze Anzahl anderer Bilder von Richter. Auch Uhde und S ch tot n d, der Wundervolle, sind sehr gut vertreten. Bur- nand, der meist biblische Stoffe behandelt, Schüz mit guten Genrebildern. Gebhardt und Ster n b «nie n. sowie Leonardo