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beide!" schrie Franz. — Amalie Weber stand in der er- lenchtenden Tür und schaute beklommen auf die Eintretcn- den. Plötzlich sanken ihre Arme schlaff herab, sie wurde kreideweiß und starrte mit weitausgerissenen Augen auf den schlanten Manu, dessen Gesicht so dunkelgebräunt war wie der Bart, der cs umrahmte: „Hannes!" sagte sie nur wie im Traume.
Und da war er neben ihr und streckte ihr beide Arme entgegen. „Malchen!" Ta gab es kein Halten mehr. Benn Klang dieser lieben, heißentbehrten Stimme schluchzte sie nur auf und warf sich an seine Brust. Der junge Prediger preßte sie so gewaltig an sich, als wollte er sie nie wieder von sich lassen. ---„Nanu," schalt der alte Hahn lachend,
ergriffen, „was soll denn das heißen? Heute hole ich mir meinen Jungen von der Bahn, um ihn in Amt und Würde zu bringen, und nun denkt er, nachdem er kaum den Fuß auf deutschen Boden gesetzt hat, an weiter nichts als an Liebe?"--Johannes Hahn hob den Kopf: „Ach, Vater,
an meine Liebe habe ich ja die ganzen sechs Jahre in der Fremde gedacht. Da kannst du es mir nicht verdenken, daß ich sie mir sosort leibhaftig in die Arme nehme. Malchen, meine Braut, mein Lieb, so bist du mir treu geblieben?" --„Ach, Hannes!" — Mehr vermochte sie
noch nicht zu sagen. —
Dann ging man in die trauliche Stube, die von dem ganzen deutschen Weihnachtsduft erfüllt Ivar. Iran Weber zündete wieder die Lichter an der Tanne an. Der alte Hahn aber setzte sich vor das wacklige Klavier: „Mir.fehlt meine Kirche und meine Orgel," sagte er. „Kommt, Kinder, laßt uns einmal unser altes Lied singen!" — Er griff in die Aasten. Und sie sangen mit zitternden Stimmen tief, ergriffen: „O du fröhliche, o du selige, gnadenbrin^ gende Weihnachtszeit". Franz und Lieschen fest aneinander gelehnt. Tas neue Brautpaar aber Auge in Auge, Hand in Hand, die Herzen erfüllt von Glück und Seligkeit. ..... End
lich verklang das schöne Lied. — Hahn richtete sich empor und fuhr über die feuchten Augen: „Nun haben wir nn- fereilt Vater im Himmel gedankt für seine Gnade. Jetzt, meine Lieben, habe ich noch eine heilige Pflicht gegen eine Verstorbene zu erfüllen. Ich bin gewiß, sie ist im Geiste unter uns. Ich wünsche und hoffe es, daß sie Zeuge sein wird des Segens, den sie unter uns verbreiten wird !" — Er hielt an. Frau Weber ließ sich atemlos und schwach in einen Stuhl sinken. Ihre Kinder schauten den alten Herrn erwratungsvoll an.
Er wandte sich tnt Franz und Amalie und reichte jedem einen Schlüssel, den sie erstaunt empfingen: „Hier," sagte er, „ich habe euch getauft und eiugesegnet. Ich hoffe euch, mit Gottes Hilfe, auch vor dem Traualtar zu segnen! — Kein Zweiter kennt wie ich eure guten, braven Herzen! Dennoch habe ich euch heute einen schweren Vorwurf zu machen. Ja, Franz — ja, Malchen! Keiner fand es von euch nötig, Tante Berta am letzten Weihnachten um die Schlüssel zu ihren Geschenken zu bitten! Ihr schafftet die alten Möbel auf die Bodenkammer und ließet die arme enttäuschte Geberin mit den Schlüsseln wieder ab reifen. — Dafür habt ihr euer eigenes Glück um ein .Jahr hinausgeschoben. Das fei eure Strafe! — Eure Tante Berta aber war edler und großmütiger, als ihr sie taxiert. Sie hat euch eure Gleich- gültiakeifi nicht nachgetragen. Auf dem Sterbebett gab sie mir diese Schlüssel für euch und sendet euch ihren Segen. Nun geht und öffnet!"--Franz und Amalie standen
in tiefer Beschämung wie zwei Schuldige da. Ganz langsam erst hoben sie die Häupter und schritten zu den Möbeln. Franz'schloß die Rollwand des alten Schreibtisches und fand die innere Schublade geöffnet. Ein versiegeltes, großes Kuvert leuchtete ihm entgegen. Mit zitternden Fingern schnitt er den Umschlag auf. Ein großes Alten Toknm 'nt kam zum Vorschein. „Herr Pfarrer?" rief er fragend. — „Ja, mein Junge, es ist so! Du bist Herr des schöneip schuldenfreien Gutes Rompelswert. Was du da hältst, ist bie gerichtliche, unanfechtbare Schenkungsurkunde!" — —
„Mutter!--Lieschen!" — — schrie Franz Weber
beseligt. —
Inzwischen hatte Malchen mit Hannes Hahns Hilfe ihren Nähtisch geöffnet. Auch für sie fand sich ein gerichtlich beglaubigtes Dokument und ein kurzer Brief der Heimgegangenen vor. Das junge Mädchen vermochte ihn nicht au lesen. Sie war zu stark erschüttert. Darum nahm ihr Bräutigam das kurz« L-chreiben und las es mit bewegter Stimme vor: „Meine liebe Nichte! Tn wirst in Rompels
wert nicht bleiben. Ans den regelmäßigen Briesen meines Patensohnes Johannes Hahn weiß ich, daß er Dich treu liebt und zn seinem Weibe machen wird, sobald er heim- lehrt. Darum schenke ich Dir meinen gesamten Besitz an Barvermögen. Ich bitte nur, daß Ihr mir, so lange Gott mir noch das Leben schenken wird, ein Plätzchen in Eurer Mitte gönnt. Bei mir daheim ist es einsam und liebeleer. Bei Euch aber wohnt das häusliche Glück und der Frieden --" ,
„Und wir ließen sie fortreisen und allein sterben!" — jamwerte Malchen und schlug die Hände vor das erglühende Antlitz.
„Wir haben ihr nicht die Freude gegönnt, uns tit ihrer Gegenwart mit ihren großherzigen Gaben zu erfreuen! Wir haben ihr nicht einmal gedankt!" sagte Franz beschämt. Seine Mutter schluchzte nur vor sich hin.
Der alte Pfarrer überließ die Erben.ruhig eine kürze Zeit ihrem Schmerz und ihren Selbstvorwürfeu. Dann aber klopfte er Fran Weber auf die Schulter: „Frau Berta war klug. Sie hat alles verstanden und entschuldigt. Sie hat auch die' Wonne dieses heiligen Festabends vorausgeahnt und! mich darum nach Berlin gesandt, um Ihnen allen rechte Weihnachten zu verschaffen. Das Andenken dieser verkannten Frau wird in uns allen fortlebeu' ■ Nun aber lassen Sie den Weihnachtskärpfen auftragen, liebe Freundin! Das Leibliche verlangt sein Recht!"--- —
Mutz kenn das sein?
Ich habe eine kleine Freundin, die mich viel besucht und mir getreulich ihre Erfahrungen Und Erlebiiisse berichtet. Sie geht seit ein paar Jahren zur Schule, und ihre Stunden und die Unterhaltungen mit den Freundinnen bilden unseren nimmer endenden Gesprächsstoff. Am meisten liebt sie die Religionsstunde! Das Wort kann gar nicht feierlich genug ausgesprochen werden: Re-li-gion.
Merkwürdig, was da den kleinen Köpfen zngemntet wird! Erst defiSündenfall im Paradies, dann Abel, Kain und der Brudermord, Joseph, den die Brüder verkaufen. Viele Stunden werden der Sündflut gewidmet. „Tante, weißt du, warum der Rabe nicht wiedergekommen ist?" „Vom Raben weiß ich nichts, nur die Taube ist mir noch bekannt." „Ja, natürlich, der Rabe kam nicht, der hatte zu viel zu fressen." „Aber Eva," sage ich, „es gab doch gar nichts, es war doch überall Wasser!" „Aber, Tante, der Rabe konnte doch an all den ertrunkenen Menschen fressen" und mein entsetztes Gesicht sehend, „es ist wirklich wahr, der Herr Breiter hat es heute erzählt." Nun, allzu gefühlvoll scheint dieser junge Lehrer nicht zu sein!
Daß Abraham seinen Sohn töten will, empört sie sehr. „Der hätte doch wahrhaftig wissen können, daß der liebe Gott nie so was Böses sagen kann!" Für sie steht es fest, daß Abraham sich irrte, als er meinte, die Stimme des Herrn zu hören. Ihr Gott ist nur gut und kann nicht grausam fein.
Die Biblische Geschichte ist nun freilich nicht anszu- jchalten, mit ihr müssen wir uns abfinden. Die Verwirrung, die sie manchmal in den jungen Geschöpfen anrichtet, löst sich in der ruhigen Luft des Elternhauses, unter den klaren Augen von Baker und Mutter.
Vor kurzem haben die Kinemalographen den großen neuen „Prachtfilm" Quo vadis? gebracht. Ta kommt Eva eines Tages sehr erregt zu mir in das Zimmer gestürmt: Ob ich wisse, was lebende Fackeln sind? und ehe ich noch antworten kann, sprudelt sie alles Gehörte heraus.....von
den Greueln Neros, von den brennenden Christen und dem rasenden Kaiser .... wie er langsam durch die. Reihen fährt, um das Schauspiel zu genießen und tote er selber Oel aufgießt, wo ihm die Flammen zu dunkel leuchten.
Sie haben es in der Stunde erzählt bekommen, arme kleine Du. r; nun mischt es sich in ihre Träume und das Entsetzen wird der Gefährte ihrer Nächte.
Wie schon oft, haben wir neulich einen Spaziergang zusammen gemacht. Da läßt sich besonders schön plaudern. Sie hat mich dann ganz für sich. Mein Haus ist lebhaft und sie findet mich selten allein.
Ob es hier auch ein Haus gibt, wo die Narren sind? Tas Wort macht mich stutzig. Narren! wie das? sie macht eine Bewegung nach dein Kopf, die ich nicht mißverstehen kann, und lacht. Unheimlich gellt mir das Lachen in's Ohr


