Mo — Nr. (98
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Donnerstag, ven 18. Dezember
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Tante Bertas Weihnachtsgabe.
Bon ErnstGeorg y.
(Nachdruck verboten.)
(Schluß.)
Jetzt erschreckte Matchen noch mehr. „Welcher Hahn? Mama, komm doch zu dir!" —■:(—i Mm lachte Iran Weber: „Ach, du hältst mich für trank, du Närrchen!? Nein, ich rede klar. Unser älter Hahn ist in Berlin und bei mir gewesen, und der Hannes fontntt Zurück und soll Pfarrer werden, und ich schwöre darauf, in den Möbeln liegen Schätze für euch. Und heute abend kommt Hahn zur Bescherung her imd bringt einen Amtsrichter mit. Ach, Matchen, wenn ivtr - - wenn ich Tante Berta unrecht getan hätte?" Das ernste Mädchen hatte von all dem Gerede nur eins verstanden. Amalie war sehr bleich ge- tvorden und presste die Hände auf das stürmende Herz. Sie eilte in das Nebenzimmer, das sie mit ihrer Mutter teilte und trat au das Neuster, wls sie die plötzlich brennende Stirn gegen die kalte Scheibe lehnte. Draußen rieselte der Schnee. Sie sah es nicht. Sie dachte nur der wenigen Briefe des jungen Geistlichen, den sie seit frühester Kindheit geliebt hatte. Immer hatte er nur Sachliches geschrieben. Nur am Schlüsse seiner Zeilen war stets eine Bemerkung gewesen, di? von seiner Treue, seiner Ausdauer und' seinem Hoffen sprach. Galt das ihr? Meinte er damit ihr späteres Glück? Warum erwähnte er nie offen seine Liebe zu ihr? Warum erinnerte er sie nie au sein Versprechen aus der Studentenzeit ? Amalie kämpfte wie seit Jahren schwer mit sich. Sie wußte nur, daß sie ihn noch liebte, daß sie ihiu die Treue gehalten; aber nicht, ob er sie nach der langen, langen Trennuugszeit noch als seine Braut ansah! Also nun nahte die Entscheidung? Was galten ihr Geld und Gut angesichts dieser Tatsache! —
Später kam auch Franz Weber aus dem Geschäft. Er hatte seine Braut, die Waise Ivar, gleich aus ihrer Stellung als Buchhalterin, das heißt aus ihrem Kontor, abgeholt. Der jungt Mann ivar in gehobener Stimmung. Seine Chefs hatten ihm eine ansehnliche Weihnachtsgrati- stkation gegeben. „Ich pfeife auf Tante Bertas Mammon," strgle er bitter. „Mag sie das Kapital für ihr Stift an- egeit, das sie ja auf Rompelswert erbauen wollte. Heute haben sie es mir fest zugesagt: Zu Ostern werde ich Prokurist und bekomme ein so anständiges Gehalt, daß wir heiraten können! Jetzt habe ich mich an Berlin uitb meine Gefängnismauern gewöhnt. Nicht, mein Lieschen, wir heirate,! zu Ostern und werden glücklich werden auch ohne die Tante?" — „Gewiß," entgegegnete das niedliche bleiche Mädchen und schmiegte sich an ihn, „aber schön wär's doch, wenn wir noch einen Batzen Geld bekamen. Dann brauchte Muttchen nicht so zu sparen, wir könnten ihr und uns das Leben leichter machen!"---
M war merkwürdig: aber der Anblick der Möbel schien die ganze Familie erst recht igegen die Verstorbene auszu-
bringen. Nur die alte Frau Weber äußerte sich njcht. Ihre Wangen glühten wie im Fieber. Sie verging vor Neugier und geheimer hoffender Unruhe. Die andern verbitterten sich gegenseitig immer mehr. Amalie Hing mit verträumten Augen umher. Es war gut, daß die Vorbereitung für die Bescherung alle in Anspruch nahm und die Aufmerksamkeit von ihr ablenkte. „Es ist eigentlich etwas stark, daß der alte Hahn uns heute einen stockfremden Menschen aufhalst!" murrte Franz. „Wo er nur bleibt?" rief Lieschen. „Wenn er bis sieben Uhr nicht da ist, fangen wir an! Nicht, Muttchen?"--- „Ach ja, wir ivollen ans immer
unsere Gaben überreichen, damit lvir nachher Ruhe haben!" — — Jeder in dem kleinen Kreise hatte das Jahr über gespart, um den andern am Weihnachtsfeste Freude machen zu können..
Der alte Regulator zeigte die siebente Stunde. Nun ließ sich die Ungeduld des Brautpaares nicht mehr zügeln. Die Mutter musste den Christbaum anzündeu. In gehobener Stimmung schleppte jeder seine unter Tüchern versteckten Gaben herbei und baute sie freudestrahlend auf. So bescheiden die Geschenke waren - sie waren mit Ucberlegung gewählt und mit Freuden dargereicht: darum fanden sie auch Anklang. Franz- hob die von seiner Braut gestiftete Schreibtisch-Garnitur in die Höhe und trat lächelnd zu den, Schreibtisch. „Im vorigen Jahr hat uns Tante Berta ja huldvollst das erste Stück in unsere neue Wirtschaft gespendet. Ich hatte zwar in meinem llrurinnersten stets auf das schöne Rompelswert gehofft. Na, damit ist es nun nichts! Aber Lieschen, wir lassen uns die Laune nicht verderben, nicht, Schatz? Wir werden doppelt stolz sein, wenn wir uns unser Nestchen so Stück für Stück zusammengetragen haben! Ich verzeihe heute der Tante Berta, daß sie uns so schmählich übergangen hat. Möge sie sanft ruhen!"--Unwillkürlich schwiegen alle. „Da in der
Sofaecke saß sie noch heute vor einem Jahr," meinte Amalie sinnend. „Ich weiß nicht, aber ich mochte sie gern. Sie Ivar ja immer so kalt und verbittert: aber mir tat sie leid. Ich sehe immer noch die Tränen in ihren Augen schimmern, als sie im letzten Jahr vor ihren Aufbau unter den brennenden Weihnachtsbaum trat!" —
Frau Weber hatte vorsorglich die Kerzen ausgelöscht. Sie tonnte nirgends still sitzen und verfolgte unablässig den Gang der Zeiger. Ihre Wangen glühten. Ihre Augen glänzten. „Muttchen ist ganz selig, weil unser alter Hahn kömmt!" rief die Schwiegertochter neckend. „Ja, Lieschen, das bin ich auch! Mir ist's, als müsse er das Christkind selber mitbringen!" entgegnete sie tief atmend. Dann sah ie nach dem Abendbrot und nach dem kleinen Aufbau, den man noch für die beiden unerwarteten Gäste zurechtgemacht hatte. — Endlich klingelte es. Die alte Dame zuckte schreckhaft zusammen und eilte hinaus. Ihre Kinder folgten. Das kleine Dienstnrädchen hatte schon geöffnet. „Hier sind zwei Schneemänner, Zwei Knechte Rupprecht. Dürfen sre nach hinein?" rief der Pfarrer dröhnend. „Willkommen alle


