— 652 —
it,,x _ ich weis, nicht, wie es kam — gerade in dem ^Augenblick M mir Schillers Blocke ei». Schillers Glocke hatten war in der Schule eben angefangen, und bte beiden ersten Strophen fnnnte ick> sckwn auswendig. Hurra, das war eine feine >^dee. Hatte nicht der Aussatzlehrer gejagt, Schillers Glocke sei em Meisterwerk? Unb ein Meisterwerk ist doch gescheit, denk ich? Also lös — ich sah mich noch geschwind nach allen Seiten um — nein, kein Mensch war in der ganzen Allee weit und breit M sehen — ich brauchte mich kein bissel zu gemeren. Vor trat ich, Atem holte ich, und eine wilde Handbewegung machte ich und
deklamierte:
„Festgemauert in der Erde
Steht die Form aus Lehm gebrannt.
Heute muß die Glocke werden, Frisch, Gesellen, seit zur Hand! Von der Stirne heiß Rinnen muß der Schweiß, Soll das Werk den Meister loben; Doch der Segen kommt von oben.
Bei dem Segen, der von oben kommt, hatte ich meine Stimme aus die in einer Allee hochzulässige Höhe erhoben und die Milch- frau-Zenzi siegreich angeblickt.
„Jawohl," sagte sie.gutmütig, „das war sehr schon — so, und jetzt der nächste."
Der nächste, der war der Erdmann Heinrich. Der Erdmann Heinrich hatte während meiner Deklamation scharf nachgedacht, um etwas Extragescheites zu sagen. Sv scharf hatte er nachgebachh und mit verhältnismäßig so bescheidenem Erfolg, daß ihm der Schweiß in meiner zweiten Strophe auf seine Stirn getreten war. Utid jetzt trat er doch entschlossen vor und sagte laut:
Kaiser Konrad der Zweite von 1024 bis 1039, Kaiser Heinrich der Dritte von 1039 bis 1056, Kaiser Heinrich der Vierte von 1056 bis 1106, Kaiser Heinrich der Fünste von 1106 bis 1125!
Wahrhaftig, der Erdmann Heinrich sagte die salisich-fräMchen Kaiser auf. Heute, wenn ich's nachgeschichtlich überdenke, finde ich ja auch, daß das nicht sehr gescheit war. Aber damals war eme Stammtafel der salisch-fränkischen Kaiser tatsächlich das Gescheiteste, was uns der Geschichtslehrer zu bieten glaubte Und einen solchen Nachdruck hat er auf das Auswendiglernen gelegt, daß es dem Erdmann Heinrich damals wirklich nahelag, sie als was Gescheites aufzusagen. Dazu kommt: Sagen Sie einmal etwas Gescheites, wenn Sie einer plötzlich auf der Straße darum bittet. Das ist verflucht fchtoer, mein Lieber — verflucht war damals gleichbedeutend mit verdammt und sehr und kolossal.
Sei's wie's sei — die Milchfrau-Zenzi hörte sich die Frankenkaiser ruhig an und sagte freundlich: „Das ist sicher auch gelehrt und schön — jetzt der dritte, bitte."
Der dritte war der Himmelhofer Maxl. Der war am verlegensten von uns. Während wir geredet hatten, kramte er un- schlüsiig in seinen Hosentaschen, förderte ein Taschentuch zutage, einen Hosenknopf und zwei Radiergummi und sonst noch allerhand. Was Gescheites aber war da nicht darunter. Das sah er enu Und als jetzt an ihm die Reihe war, blickte er hilflos nuf die Milchfrau-Zenzi. Die muß den Mick in einer Art zurückgegeben haben, daß er sich einen Ruck gab, einen Wurschtigkeitsruck ins Land der Unbekümmertheit. Und was tat der Himmelshofer Maxl? Es fiel ihm gar nicht ein, bis auf alte Kaiser zurückzugreifen, ,e§ fiel ihm gar nicht ein, auf den Dichterruhm von Schiller zuruck- zugreisen, sondern unbekümmert griff er in die Gegenwart, unbekümmert nahm er meinen Auszählspruch, der ihm noch im Ohre lag und sagte frank und frei:
„Eene, beene, Fickel, fackel. Dünnere schnackel. Zittere boo, Außi, du bist draußi!"
Der Milchfrau-Zenzi Augen waren bei den geheimnisvollen Lauten groß geworden, hatten einen Glanz bekommen, sahen unverwandt auf den Himmelhofer Maxl — uns stand das Herz still, was sie sagen würde.
Nun, es war ganz kurz, was sie gesagt hat. „Das ist das beste", hat sie knapp gesagt. Den Himmelhofer Maxl hat sie bei der Hand genommen, uns beiden hat sie flüchtig noch „Also adieu", gesagt, und fort .waren sie .alle gtoei, gegangen in der Richtung nach der Pettenkoferallee, 6a, wo die gelben Blumen fielen
Und ihre Stickerei hat sie liegen lassen. Da hat der Erdmann Heinrich in blanker Wut die Stickerei genommen, auf den Boden geschmissen hat er sie und vier bleischwere Worte dazu gesagt: „Das ist eine Schwei—ne—rei!" hat er gesagt, denn diese Worte waren grab zu jener Zeit aus Norddeutschland zu uns gekommen und als Auspuffventil in schwierigen Rebefällen sehr beliebt geworben. Ich aber bin noch bei der Gemeinheit geblieben, bei der heimatlichen Hunbsgemeinheit, unb habe nur bemerkt, baß es eine Hunbsgemeinheit sei, mir nichts bir nichts meinen Dünnere
schnackel fortzustehlen und mit meinem Fickel fackel unreelle Siege zu erstreiten.
Auf bem Nachhausewege aber, als wir ruhiger geworden waren, ich unb der Erdmann Heinrich, hat eben dieser Erdmann Heinrich zu mir gesagt: „Weißt du, ich glaube, der hätte irgend etwas sagen können — schaftikum von mir aus, ober Gummi elastikuni — ber hätte doch gewonnen."
Unb ich habe bem Erdmann Heinrich zugestimmt. Damals. Heute würbe ich es nicht mehr so sicher tun. Heute, wo ich selber Kinber habe — nicht von ber Milchfrau-Zenzi, möchte ich be- merken — heute, wo ich selber Kinder habe, bie an hellen, warmen Tagen unter meinem Arbeitsfenster spielen, und bie jetzt eben mieber laut unb gewichtig auszahlen, daß ich es hören kann:
„Eene, beene, Fickel, fackel, Dünnere schnackel. Zittere boo ..." , .
heute, wo diese geheimnisvollen Laute schmeichelnd und zittere boo aus der versunkenen Jugendzeit zu mir, herübertönen, heute bin ich wieder unentschieden geivorden, ob nicht damals doch die Milchfrau-Zenzi den runenhaften Worten ans altersgrauer Vorzeit erlegen ist, dem Fickel fackel und dem Dünnere schnackel, in die junge Köpfe so viel mehr hineinlegen und hineingeheimnmen können als in Schillers Glocke oder in die fränkilch-salifcheit Kaiser. ______________
Vermischtes.
* Berliner Humor. Eine köstliche Blütenlese vorn Berliner Witz bringt Reinhold Jülicher in dem „Groß-Berliner Kalender" für 1914, ber soeben bei Karl Siegismund erßchieneu ist. Wir geben einige Proben daraus wieder: O, biese Dienst- mäbchen. Hausfrau: „Jetzt haben Sie schon wieder etwas zerbrochen, werfen Sie doch das Geschirr nicht so herum. Köchin: „Na, wissen Sie, gnädige Frau, ick will bloß nächstens Tennis spielen, da übe ick mir man bloß." — Aus der Hausfrau bescheidene Frage: „Minna, ist es richtig, baß Ihr Bräutigam wahrend Unserer Mwesenheit hier gewohnt hat?" antwortet die;e frech: „Na, Madame, ick habe et vor richtig gehalten!" — 9hd)t minder frech ist Juste, der ihre Hausfrau sagt: „Sie müssen doch immer das letzte Wort haben!", worauf sie bie Antwort bekommt: „Kann ick denn wissen, det Sie nischt mehr sagen wollen?" — Neues von der Berliner Range. Ein Herr erzählt: Neulich frage ich an der Ecke Leipziger und Friedrich-Straße einen kleinen Berliner Lehrjungen: „Kleiner, kannst du mir nicht sagen, tote ich nach der Mittelstraße gehe?" Der Junge lächelt mich, an, steckt die Hände in die Hosentaschen und antwortet: „Nu jtbt et in Berlin bald drei Millionen Menschen — aber ausgerechnet müssen Se mir fragen!" — Eine Berliner Lehrerin fragt auf ber Straßenbahn einen achtjährigen richtigen Berliner Jungen, der ein wenig appetitliches Näschen zeigt: „Sage mal, Junge, em Taschentuch hast du wohl nicht?" Da stellt er sich in Positur — Hande tn die Hüften gestemmt — und sagt selbstbewußt: „Ja, ick habe eens, aber bet verborge ick nich." — Häuschen bekommt em lebeubiges. Kätzchen geschenkt, und als bas Tierchen zuui erstenmal schnurrt (spinnt), ruft er freudig bem Vater zu: „Papa, meine Mieze pro- Ipellert!" — Von Dummen. Von einem, der nicht gerabe reich mit Mutterwitz bedacht ist,. behauptet der Berliner drastisch: „En Kind, wat oknie Kopp geboren ist, bleibt zeitlebens em Krüppel! — Nicht minder deutlich ist das hübsche Gleichnis: „Wenn Dummheit weh bäte, hörte man bir schreien bis Potsdam!" — Redensarten. Anschauliche Bilder stehen dem Berliner zu Gebote, wenn er sagt: „Die Glühstrümpfe sind jut für kalte Füße", oder, um jemanden zur Ruhe zu verweisen: „Halten Sie Ihre Speije- anstalt (ober Futterluke)." — „Wer eine Waise heiratet, genießt seine Schtoiegereltern kalt", heißt es philosophisch, und wenn man bei einem Besuch keine Aufwartung bekommen hat, berichtet man darüber: „Er hat mir mit de Neese uff de Dischecke traktiert!" Von einem Pockennarbigen sagt man wenig zartfühlend: „Der hat mit dem Gesicht auf dem Rohrshuhl gesessen", und von einer Ge- sellschast, in der man sich langweilt: „Et is ja feen Verein, tecui Mensch hat Lause!"
Ergänzungsrätsel.
P.ob.n g.bt e. .w.i, b..i.n.n S..h b.. M..n b..ä.ren ..ß: B .. d .. . r. ei. r.. h. B.. i. n.
B.. in G.. i. ß.. rr S.h..ß.
Auflösung in nächster Wummer.
Auflösung bes magischen Zahlenauadrats in voriger Nummert
15
134
338
245
245
338
134
15
134
15
245
338
338
245
15
134
Reaktion: K. Neural h. - Rotationsdruck unb Nmlag ber Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße».


