Ausgabe 
18.10.1913
 
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Und natürlich kam es zu einer regelrechten Rauferei hinter der Theresienwiese neben der Bavaria. Es Ivar sicher eine helden­hafte Rauferei und mindestens so ernst gemeint Ivie ein Duell mit der Bestimmung, so lange Kugelwechsel, bis einer kampfunfähig auf dem Platze bleibt. Aber >vir hatten keinen Kugelwechsel. Wir hatten nur einen Faustschlagwechsel. Und nach einer guten Viertel­stunde Ivar noch reiner gänzlich kampfunfähig. Rur unsere Röcke waren es rind unsere Kragen, unsere Fäuste uicht. Denn wir waren alle ziemlich gleich stark.

Mag sein, daß wir's in der zweiten Viertelstunde dennoch I ausgetragen hätten. Aber der Bavaria-Wächter hinderte uns daran. Der Bavaria-Wächter mit der grünen Mütze und dem krummen Stocke fuhr zwischen uns und schrie:Ihr Lausbuam, ihr drecketen, ihr verschandelt 's ja die ganze Bavaria mit einer Rauferei, mit eiter saudummen, mit eiter dappeten, eiter da­mischen, eiter blödsinnigen . ,

Er hätte sicher noch viel mehr Eigenschaften für unsere Rauserei gemußt, aber es io ar nicht mehr nötig. Schon bei der saudummen hatten wir aufgehört, bei der dappeten liefen wir so weit davon, daß uns die grüne Mütze mit dem krummen Stock nicht mehr erreichen konnte, bei der damischen ordneten wir not­dürftig unseren Rock und Kragen und bei der blödsinnigen unter­brachen wir bereits den Bavaria-Wächter aus der Ferne mit: Vanswurscht grüngselchter, ausg'stopfter!" Das sagte der Erd­mann Heinrich. Und ich ergänzte ihn mit:Schuft hundsheitener, verdraahter, ausgsuuzelter!" und schlug damit den Erdmann in der Schimpferei uni die volle Nasenlänge eines Adjektivs. Worauf der Himnielhofer Maxl ein wenig unsicher nachklappte mit:Rhino­zeros saudumms, damisches, dappets, blödsinnigs!" Und es ist richtig, in der Zahl der Adjektiva hätte er auch mich geschlagen, wenn ihn nicht der Erdmann Heinrich zurechtgewieseir hättet Kamel!' schrie er,des hat ja der Greane. selber scho alles gsagt."

Das kam aber nut davon her, weil der Himmelhofer Maxl so wemg Phantasie hatte, daß er sogar in der Schimpferei sich die sastigsten Ausdrücke erst bei anderen leihen mußte. Und wenn unsere Hiebe für die Milchfrau-Zenzi mit einer ordentlichen Schirnp--- ferel hätte ausgetragen werden können, der Himmelhofet Mark Ware elendiglich durchgefalleu.

Aber in dem Buch ans der Leihbibliothek stand nirgends was davon, daß eilte Schöne mit Schimpfen zu erobern war. Sondern gleich hinter dem feinen Satz, in dem einer zuviel auf bet 9Se£t war, hieß es:Gut, so soll Pauline, unsere Königin, selbst enticheiden!"

Und mit einem Male wußten wir es auch: Gut, so sollte die Milchfrau-Zenzi, unsere Königin, selbst entscheiden. So beschlossen wir, sofort zu ihr zu gehen.

Hinter der Anlag an der Liiidwurmstraßen ist sie heut zu 'EN, sagte der Himnielhofer Maxl mit seinem milchweißen Gesicht, und schaute uns offen an.

Das mußte ich sagen, es wurmte uns ganz hundsgemein hundsgemein ersetzte uns damals das dürre Wörtlein sehr es wurmte uns hundsgemein, daß der Himmelhoser Maxl so mir n«Öt8 btr nichts immer wußte, wo die Milchfrau-Zenzi gerade zu finden war. Aber wir sagten nichts, sondern gingen schweigend über die Bavariawiese in der Richtung nach der Lindwurmstraße.

Auf einmal sagte der Erdmann Heinrich:Halt, wir müssen erst ausmachen, wer von uns zu ihr reden foll."

Ja, das war richtig, das mußte erst ausgemacht werden. Aber tote macht man so was ans, wenn ein jeder gern geredet hätte zu der Milchfrau-Zenzi? Feindselig sahen wir einander an. Viel fehlte nicht, und wir hätten es wieder mit den Fäusten aus­zumachen gesucht, wenn sich nicht der Erdmann Heinrich noch rechtzeitig umgedreht hätte:Obacht!" rief er,dort kommt der Lindwurm-Wachter."

Der Lindwurm-Wächter, das war ein Manu mit einer blauen Mütze, feer die Anlagen in der Lindwurmstraße vor Papierschnitzeln, Wursthäuten, Orangenschalen und bösen Buben behütete. Und der sah jetzt so drohend auf unsere kampfbereiten Stellungen herüber, daß mir plötzlich etwas anderes einfiel:Wir zählen einfach ans!" rief ich.

. Auszählen mit dreizehn Jähren noch sehr beliebt, und es gibt viele Arten des Auszählens.

Endel, Hendel, witcl, Weh,

Eiben, keiben, dolden, schnee, * ' Uecker, bücker, knitter, knatter,

Knoll oder knüll.

Aber den hatten die Schwantalerhöhler. Der wär für uns Nicht zu gebraucheii. Hm, da war noch

Endete, hendele, Sierede fa, Rippede, bippede Schnipp.

Aber der war zu gespreizt. Dem verwandten die höheren! Töchter, die fabelt Gäus, wie wir damals sagten. Und Gott sei Dank war die Milchfrau-Zenzi keine höhere Tochter, sondern die Milchfrau-Zenzi. Da fiel mir auf einmal noch ein Spruch ein, den ich gehört hakte, als ich bei einer Base in Mittelsranken zn .Besuch war. Er hieß:

Eene, becne, Ficket, fackel. Dünnere, fchnackel. Zittere boo,

' Außi, du bist draußi.

, , *3) s»h es deutlich an den leuchtenden Augen des Himmel- Hofer Maxi, der Spruch machte auf ihn einen kolossalen Eindruck, und er war auch sofort dafür. Auch der Erdmann Heinrich sagte er sei gut.

Und so kam es, daß am Rand der Lindwurmaltee nach meinem Dünnere fchnackel-Spruch ausgezählt wurde. Es ging alles ganz glatt, nachdem drei Meinungsverschiedenheiten darüber, bei welcher tioi;0cIj^.enre11 Faust die Auszählung beginnen sollte, durch ein nahes Räuspern des Lindwurmwächters erledigt wurden. Feierlich zahlte ick) ans, und ich konnte ganz deutlich hören, wie der Himniet- hoser Maxl den nagelneuen Auszählspruch begeistert mitbrummte.

Und es traf auch den Himmelhoser Maxl. Bei dem letzten Zittere boo und Außi, du bist feraußi, war er allein übrig ge­blieben. Das war also das erste Gottesurteil. Das zweite, das entscheidende, hatte jetzt noch die Milchfrau-Zenzi zu fällen. Und wer gingen brav und klopfenden Herzens die Lindwurmallee ent­lang, um sie zu finden, s

Endlich sahen wir sie. Ganz am anderen Ende der Allee saß sie auf einer Bank und machte sich an einer Handarbeit zu lchaffen.

Halt!" rief der Erdmann Heinrich,halt! Bevor mir hin­gehen, müssen wir noch etwas ausmachen!"

SBaS denn noch, du fader Depp," sagte ich ungeduldig faber Depp hieß damals so viel wie lieber Freund. (

Halt dei'n Schnabel, du doppeltes Schaf du," sagte der Erdmann Heinrich doppeltes Schaf war 'damals ein zweiter saftiger Ersatz für lieber Freundhalt dei'n Schnabel, bat dreidoppeltes Schaf, du, und schaug nur in des Buch aus der Leihbibliothek, ob da nicht drin steht, daß derjenige, der wo nicht erwählt worden ist, von der Pauline, sich nachher selber hat erschießen müssen als amerikanisches Duell, mei Lieber."

Hm, erschießen müssen als amerikanisches Duell? Wir sahen einander an. Ob wir das nachher auch noch machen müßten? Und weil ein jeder felsenfest davon überzeugt war, daß auf ihn die Wahl der Milchfrau-Zenzi fallen würde, während sich die beiden anderen als amerikanisches Duell zu erschießen haben würden, hatten wir gar nichts gegen einen solchen Ausgang nach dec Leihbibliothek einzuwenden, sondern erklärten düster, das gehöre nun einmal dazu.

.Und dann standen wir vor der MilchsrauZenzi, die uns ein wenig erschrocken ansah, wie wir auf einmal so feierlich vor ihr auftauchten.Was is denn?'" fragte sie, legte die Handarbeit aus die Bank und schaute von iins dreien, ausgerechnet dew Himmel­hofer Maxl ins Gesicht ausgerechnet sage ich erst, seitdem ich einmal durch Berlin durchgesahreu bin.

Und der Himmelhofer Maxl sah die Milchfrau-Zenzi wieder I an und sagte nichts, kein Wort sagte er.So red' doch!" flüsterte ich und stieß ihn heimlich in die Seite.Dich hat's doch getroffen, damischer Deifi!" ergänzte der Erdmann Heinrich und zwickte ihn von hinten.

Auf Grund des damischen Deisi richtete sich der Himmelhofer Maxl straff auf und sagte steif, tonlos und hochdeutsch:Fräulein I Zenzi, wir haben beschlossen, daß Sie zwischen uns wählen müssen, I zwei von uns sind zuviel auf der Welt!"

Jessas, was is jetzt des für a Schmarrn," sagte die Milch- frau-Zenzi liebreich.Und überhaupts," fuhr sie fort,warum redst beim jetzt auf einmal so gschwolln daher, und warum sagst beim du jetzt Sie zu mir, wo mir doch per Du seit gestern sau?".

Ah, per Du seit gestern per Du seit gestern per Du mit dem Himmelhoser Maxl? Mir kam's auf einmal vor, als wenn die Entscheidung schon gefallen wäre. Aber wie's nun einmal ist so knapp vor einem Riefenunglück: man glaubt nicht dran, man muß cs deutlich haben, Schwarz auf Weiß, und klammert sich bis dahin an einen Strohhalm:Fräulein Zenzi," sagte ich gemessen,der Emst der Situation gebietet (der Ernst der Situation" stand auch in der Leihbibliothek) gebietet, daß Sie Ihr Urteil fällen wählen Sie!" (Wählen Sie!" stand auch in der Leihbibliothek).

Nun wurde die Milchfrau-Zenzi doch verlegen. Sie empfand es, daß sic ein gerechtes Urteil fällen müsse. Ein gerechtes Urteil? Aber wonach? Wir waren alle drei fast gleich schön wir waren alle drei fast gleich stark, wir waren alle drei fast gleich schwer . . . Also uacha," sagte die Milchfrau-Zenzi zögernd,wer von euch drei jetzt das Gescheiteste sagt, der is mir (und hier wurde sie trotz ihrer resoluten Veranlagung dennoch rot) der is mir der Liabcre.

Das Gescheiteste sagt?" wiederholte der Erdmann Heinrich verblüfft,also schön, wir werden uns bis auf morgen besinnen Und-"

Nix da," sagte die Milchfrau-Zenzi,da wird lief lang um- ananderzogn, jetzt gleich auf der Stell wird die Geschicht fertig» gmacht des kann ich lief leiden, wenn man sich erst auf was Minnen muß." Und dabei sah sie uns reihum mit ihren schönen stahlblauen Augen so frisch ins Gesicht, daß wir sie gern haben mußten, so ober so. Hub es war schon der Mühe wert, geschwind etwas gescheites zu sagen, dachte ich.