Ausgabe 
18.10.1913
 
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Freiherrn von Brank nm Verzeihung für bas unüberlegte Wort, das mir imKaiserhofe" entschlüpft ist; ich nehme es bereitwillig und meine Uebereilung tief bedauernd zuruck; cs war ein -Mißverständnis, und ich bin trostlos, daß ich memen höchst ehrenwerten Gegner, der mir kein Gegner mehr ist, zwiefach verwundet habe." ,

Auch meinerseits," fiel nun Brank em,£mt ich voll­kommen zufriedengestellt; ich habe Frieden und Freundschaft geschlossen mit meinem höchst ehren werten Gegner, der mir kein Gegner mehr ist. lind somit, meine Herren, erübrigt uns allen mir noch Verschwiegenheit. Was hier geschehen, das darf niemand außer uns erfahren. Die Herren Aerzte haben sich ebenfalls zu unverbrüchlichem Schweigen verpflichtet. Wo kein Kläger, da ist auch kein Richter; der Staatsanwalt", fugte er scherzend hinzu,wird doch nicht des Teufels sein und sich selbst anzeigen." , t

Herr Staatsanwalt! Sind Sie da, Herr Staatsan­walt? Gott sei Dank; Sie leben; Sie sind doch nicht etwa ver­wundet? O, was bin ich gelaufen, um nicht zu spät zu kommen!" . . _. r t n

Atemlos, keuchend und schnaufend fließ es nut hoher, fast kreischender Stimme Friedrich Just hervor, der hochroten Antlitzes aus der Richtung vom Forsthause her auf den Plan gestürzt kam und ohne irgend welche Rücksicht aus die anderen, ihm gänzlich fremden Herren zu nehmen den glücklich wieder Gefundenen mit zitternder Hand am ganzen Leibe betastete.

Ja, ja, mein lieber Inst, ich bin noch heil," sagte Tell auss peinlichste überrascht und den Zudringlichen gütig ab­wehrend,aber in des Himmels Namen, wie kommen Sie denn hierher?"

Bin Ihnen nachgefahren. Aber die Klepper meiner elenden Droschke kamen nicht vom Flecke; nur zu bald ver­loren wir Sie aus den Augen; durch zeitraubendes Aus­fragen Vorübergehender mußte ich erst immer wieder fest­stellen, welche Richtung Sie genommen hatten. So bin ich bis zum Forsthans gekommen, wo ich ausstieg und spähend und lauschend nach Ihrer Fährte suchte. Ich entdeckte Ihren har­renden Wagen ich hörte Schüsse fallen und da bin ich."

Verzeihen die Herren diesen Ueberfall, an dem ich wahrlich gänzlich unschuldig bin," bat Tell, verlegen lächelnd, die anderen, die den Ankömmling mißtrauisch betrachteten, Herr Just ist ein alter Freund meiner seligen Eltern, für dessen Verschwiegenheit ich jede Bürgschaft übernehme." Und sich wieder an Inst wendend:Woher wußten Sie denn aber, daß ich fortgefahren war?"

Ich habe doch seit Sonnenaufgang an meinem Fenster auf der Lauer gesessen und Ihre Haustür beobachtet. Hätte ich denu nicht gemerkt haben sollen, daß etwas los war? Als ich diesen Herrn da (er deutete auf den Maler) heut' früh schon so zeitig vor Ihrer Tür vorfahren sah, da wußte ich ganz sicher, daß meine Befürchtungen nur zu begründet waren, und als Sie beide darauf das-Haus verließen und davonsuh- ren, da stürzte ich ebenfalls auf die Straße unid warf mich in eine Droschke, nm Ihnen zu folgen." .

Warum denn aber?.Was beabsichtigten Sie bciui?".

Ich wollte Unglück verhüten, Herr Staatsanwalt, ich wollte Sie beschützen! Gott sei Dank, daß es nicht mehr nötig ist!" Er schaute den Wiedergesundenen mit einem Blicke an, wie ihn nur ein Hund für seinen Herrn hat.

Die anderen lächelten. Das aufgeregte Männchen mi« dem glattrasierten, frischen, energischen Gesichte und den leb­haften Bewegungen seines ein wenig zur Fülle neigenden Körpers machte ihnen einen fast drolligen Eindruck.

Wie hätten Sie denn eigentlich den Sohn Ihres Freun­des schützen wollen?" fragte der Freiherr, der nur noch auf den Wagen wartete, den sein Arzt herzuholen gegangen war.

Just sah dem Frager forschend in die Augen:

Sie sind der Gegner des Herrn Staatsanwalts gewe­sen? Ich sehe es an Ihrem verbundenen Arme und am be­pflasterten Ohre. Nun, mein Herr, wenn ich rechtzeitig hier eingetroffen wäre, ich hätte den Zweikampf nicht zugelassen. Ja, lächeln Sie nur, meine Herren! Ich bin noch heute ame­rikanischer Bürger und schere mich den Teufel um die An- schanungen und Gebräuche des alten Europa, ich hätte Lärm geschlagen und Sic ganz gewiß gehindert, diese Torheit zu begehen. Mit wein habe ich übrigens die Ehre..? Ich bin kein Geheimpolizist und werde Sie nicht verraten."

Der Freiherr verneigte sich leicht und versetzte gut ge­launt:Mein Name ist v. Brank."

Just prallte einen Schritt zurück, sah den anderen an, als ob dieser ein Gespenst wäre, und wiederholte:Brank?

,recht machte.

(Fortsetzung folgt.)

Brank v. Giesdorf? Sie sind der Freiherr Kurt Brank von Giesdorf?"

Sie kennen alle meine Namen? Das ist ja in der Tat äußerst merkwürdig."

Inst hatte sich zu fassen gesucht.

Nicht gauz so merkwürdig, als cs Ihnen erscheinen mag, Herr Baron", versetzte er ruhiger, aber immer noch mit unverkennbarer Verblüffung den Verwundeten anstarrend.

Nicht Baron," verbesserte Brank;ich bin Freiherr; die Könige von Preußen ernennen keine Barone."

Die selige Gattin meines Freundes Tell," fuhr Just mit einer Verbeugung fort, die den stuminen Dank für diese Belehrung ansdrucken sollte,hat mir so oft und so viel von Ihnen erzählt, daß mir Ihr voller Name ganz geläufig ge­worden ist. Ein Glück, Herr v. Brank daß Sie dem Herrn Staatsanwalt kein Leids zugefügt haben! Seine Frau Mutter hat ihn mir gewissermaßen als ein Vermächtnis hinterlas­sen, das ich treu zu hüten habe." ,

©eine Stimme klang weich und zugleich drohend; dabei strich er mit schmeichelnder Hand wiederholt über den Arm des Staatsanwalts, wie um sich von dessen llnverletztheit immer wieder zu überzeugen.

Das Wesen dieses Mannes blieb nicht ohne Eindruck auf beit Freiherrn, dem die Erinnerung an Viktorinc und den kindisch-seligen Traum feiner Jugeudjahre plötzlich wieder auflebte.

<Wir müssen uns Wiedersehen, Herr Just," sagte Herr v. Brank freundlich,besuchen Sie mich einmal in Giesdorf; Sic sollen mir jederzeit willkommen sein."

Das Knirschen von Rädern, die über dürres Gezweig rollten, machte sich hörbar; der Wagen Branks war her- angekommen.

Haben Sie nicht einen Schluck Wein?" fragte der Freiherr den Arzt,mir wird so schwarz vor den Augen." Er verfärbte sich und suchte mit der Rechten nach einer Stütze, die er auch an dem sofort hinzuspringenden Just glücklich fand.

Der Herr wird schwach," sagte Just besorgt,es kommt wohl vom Blutverlust."

Hier, Herr v. Brank, trinken Sie," ermunterte der Arzt, der dem von einer Ohnmacht Angewandelten ein Glas Rotwein an die Lippen hielt.

Brank kostete einen Schluck, dann wischte er mit dem Handrücken über seinen grauen Schnurrbart und sagte sich stramm aufrichtend:Mir ist schon wieder besser. Dummes Zeug! Man ist doch kein altes Weib; man wi d doch noch (inen Löffel voll Blut abgeben können."

Es ist wohl ein wenig mehr gewesen", meinte der Arzt, sagen wir: einen Tassen köpf. Jetzt bitte ich, eiitzustcigen, Herr von Brank; Sie bedürfen der Ruhe."

Er unterstützte den Verwundeten, indem er mit in den Wagen kletterte und dem Freiherrn einen bequemen Sitz zn-

Das Gescheiteste.

Von Fritz M älter, Cannero.

Das war in der Zeit, als wir die Zenzi liebten. Wir, das wären' der Himmelhofer Maxl, der Erdmann Heinrich und ich. Und die Zenzi, das war die Zenzi von der Milchfrau, llnb alt waren wir alle viere so um die dreizehn Jahre herum. Das ist ein Alter, in dem man noch keine Mehrzahl deshalb nnmoralisch finbet, weil sie eine Mehrzahl ift. llnb deshalb fanden wir auch unsere gemeinsame Liebe für die Milchfrau-Zcnzi ganz in Ordnung.

Und es war alles schön und gut, bis der Erdmann Heinrich eines Tages von seinem Bruder ein Buch aus der Leihbibliothek erwischte, worin der Satz vorläm:Ich liebe Pauline auch, mein Herr, einer von uns beiden ist also zuviel auf der Welt!"

Der Erdmann Heinrich zeigte uns diesen Satz, und ich muß es bekennen, der Satz gefiel uns. So heldenhaft war dieser Satz, so dunkel drohend, daß uns ein geheimes feines Gruseln überlief. Und bei dem Gruseln wäre es geblieben, wenn nicht der Himmel-- hofer Maxl plötzlich nachgedacht und gesagt hätte:Also nach« warn von uns gleich zuviel auf der Welt?"

Ja," sagte der Erdmann Heinrich,aber welche zwei?"

Ihr zwei," sagte der Himmelhofer und deutete aus den Erdmann und auf mich.

So? Warum denn wir zwei, ha?" brauste ich auf,warum denn nicht ihr zwei, he?" und deutete auf den Erdmann und Len Himmelhofer.

Oder ihr zwei," schrie der Erdmann und deutete so energisch auf den Himmelhofer und auf mich, daß sein Zeigefinger knackste.