Ausgabe 
18.10.1913
 
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1U5 - Nr. 165

Samstag, den |8. Oktober

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Lauernblut.

ßloman von Gerhart v. A m h n t o r (Dagobert v. Gerhardt).

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

In Tells Wangen kehrte die Farbe zurück; ein Seufzer der Erleichterung weitete seine Brust.Aber welch' Wi­derspruch des menschlichen Herzens!" zu gleicher Zeit suhlte er die heftigste Unbefriedigung, daß ja, genau betrachtet, die Sachlage jetzt keine andere war als vor dem Kampfe. Man würde nach Hause fahren, der Freiherr würde bald genesen, und dann war alles beim alten geblieben.

Die Schmach seiner Herkunft, der unwiderlegte Vorwurf gegen seine Mutter bestand nach wie vor, und seine Stellung diesen Zeugen gegenüber war um kein Haar gebessert. Und hatte ihn der Freiherr nicht wiederum geschont? Hatte er ihm damit nicht bewiesen, daß er ihn eigentlich nicht einmal eines Schusses Pulver für wert erachtete? Eine heiße Blut­welle stieg ihm zu Häupten; er ballte die Faust und schritt ingrimmig auf den Kiefernadeln hin und her.

Der Freiherr hatte sich erhoben, sein unbekleideter linker Arm ruhte jetzt in einer weißleinenen Mitellan, die ihm die Merzte geschickt zurecht gesteckt hatten; nur über den rechten Arm hatte man ihm wieder den Rockärmel gezogen und den Vorderteil des Rockes mit Bindfaden leicht znsammenge- bunden.---

Herr v. Gotenberg ergriff das Wort:Ich frage die beiden Herren Gegner, ob sie sich jetzt für befriedigt er­klären."

. Der Freiherr verneigte sich leicht und deutete mit einer kurzen Bewegung der Rechten nach dem Staatsanwalt, als ob er diesem die Entscheidung anheimstellte.

Wenn, wie es den Anschein hat, mein Gegner noch kampffähig ist," stieß Teil unversöhnlich hervor,so bestehe ich auf Fortsetzung des Kampfes, jedoch unter der Bedingung, daß Herr v. Brank auf sein Ehrenwort versichert, mich nicht mehr schonen zu wollen."

Ein unwilliges Murmeln der Sekundanten folgte dieser Erklärung.

Völker redete leise auf den Staatsanwalt ein:Sind Sie des Teufels? Wollen Sie sich denn um jeden Preis un­glücklich machen? Was sollen denn die anderen von Ihnen denken? Das wäre ja gar kein ritterlicher Zweikampf mehr, das wäre der Blutdurst eines Korsen!"

So sagen Sie dem Herrn da drüben", versetzte Tell, daß ich meinerseits in die Luft schießen werde, daß ich aber die Kugel für mich verlange, die er mir gegen alle Abma­chung bisher vorenthalten hat."

Ueber Völkers unwillig verzogenes Gesicht flog ein Schimmer der Hoffnung:Das ist es also? Nun, lassen Sie mich nur machen; ich bringe die Sache in Ordnung."

Er eilte zu Tollen, der neben dem Freiherrn stand und mit diesem eifrig sprach.

Meine Herren," bat er dringlich,beurteilen Sie um Gottes Willen den Herrn Staatsanwalt nicht falsch!"

Der Herr Staatsanwalt verlangt nur deshalb eine Fortsetzung des Kampfes", fuhr Völker fort,weil, wie er behauptet, er von seinem Gegner wiederum geschont worden sei; er trägt kein Verlangen nach Rache mehr, nur sein eige­nes Leben will er darbieten."

Fragen Sie den Herrn Staatsanwalt," versetzte Brank nach kurzer Ueberlegung,ob er mir ein paar Worte unter vier Augen gestatten will; auf einen weiteren Kugelwechsel könnte ich mich heute kaum noch einlassen, ich bin kein gleich­wertiger Gegner mehr."

Bald standen die beiden Gegner abseits int heimlichen Zwiegespräch.

Was ich Ihnen, Herr Staatsanwalt, vor unserem Kampfe nicht sagen wollte und konnte, denn es hätte den Schein erwecken können, als suchte ich mich durch Ausflüchte meiner Verantwortlichkeit zu entziehen, das kann ich Ihnen jetzt nach dem Kampfe ohne Bedenken ntitteilen. Der Ehre Ihrer Frau Mutter bin ich nie, Gott ist mein Zeuge, ir­gendwie zu nahe getreten; ich habe sie viel zu innig geliebt, als daß sie nicht allzeit für mich eine Heilige gewesen wäre; zu meinem rechtmäßigen Weibe wollte ich sie machen, und ich war gerade dabei, ihr mehr und mehr die Notwendigkeit einer Scheidung von ihrem ungeliebten Gatten nahezulegen, als die Katastrophe hereinbrach, die mir die unvergeßlich teure und hochgeachtete Frau auf immer entführte."

Völlig überrascht vernahm dies der andere; wenn das, was er da hörte, auf Wahrheit beruhte, dann war ja alle seine Wut und Verzweiflung gegenstandslos gewesen, dann traf seine Mutter kaum ein Vorwurf, daun hatte er nichts zu rächen, dann mußte er vielmehr seinerseits den Freiherrn um Verzeihung bitten, daß er dessen Benehmen so unüberlegt für nicht ehrenhaft erklärt hatte. Halb noch zweifelnd, halb noch tief beschämt, schaute er in das Antlitz des älteren Herrn, der ihn mit seinen großen runden Augen offen und ehrlich, fast wohlwollend, ansah.

Herr v. Brank," stammelte er endlich überwunden und den letzten Rest von Mißtrauen fahren lassend,ich glaube Ihnen, denn Sie sehen aus wie ein Ehrenmann. Gott sei gelobt!; Vergeben Sie mir, was ich gesagt und getan habe; ich nehme jedes verletzende Wort zurück; die Kugel, die Sie verwundete, kann ich leider nicht mehr zurücknehmen; ich wünschte, sie hätte mein eigenes Herz durchbohrt."

Na, na, na! Was für pessimistische Anwandlungen? Lassen Sie uns einander die Hände schütteln: vergeben und vergessen! Ich habe Sie achten gelernt, mein braver Herr Staatsanwalt!"

Tell schlug in die dargebotene Hand ein.

Meine Herren," rief er den anderen zu, die erwar­tungsvoll näher traten,der Kampf ist beendet und ein ehren­voller Friede geschlossen. Ich bitte hier vor Ihnen allen den