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seinen Armen und bedeckte ihren Mund und ihre Augen mit Küssen.
Hedwig lag wortlos an seinem Hals und hielt Erich immer wieder die durstigen Lippen hin.
„Du Lieber, Du Guter, ich habe Dich so lieb", stammelte sie zwrschen seinen Küssen.
Dann ließ sich Hedwig langsam ans den Stuhl nieder. Da stürzte Erich vor dem Mädchen auf den harten Boden auf die Knie und barg seinen Kopf in ihrem Schoß. Ein heftiges, konvulsivisches Beben erschütterte seinen Körper.
Weich und kosend strich Hedwig ihm über das volle braune Haar, beugte sich hin und wieder zu ihm herab und druckte einen Kuß auf das Haar.
Indessen nahten draußen auf dem Gang, auf den das geöffnete Fenster mündete, leise, schleichende Schritte, ein dunkler Kopf erschien sekundenlang am Fenster, verschwand dann aber blitzschnell. Die schleichenden Schritte verhallten Jedoch nicht wieder, der Lauschende schien am Fenster Rast gemacht zu haben. Hedwig bemerkte von dem allen nichts, weil sie sich nur mit Erich beschäftigte.
Da ertönte vom Treppenslur her zweimal der schrille Klang der elektrischen Glocke, das Sigiial, daß Hedwig von entern der Gäste gewünscht wurde.
_ . Das Mädchen und Erich sprangen beide auf, Hedwig strich sich schnell die Hgare glatt, welche die ungeschickten Hande Erichs stark in Unordnung gebracht hatten, und wollte davoneilen. Doch impulsiv umschlang sie den Jüiigling noch einmal mit ihren runden Armen, preßte ihre heiße Wange an die seine und flüsterte ihm hastig, in leidenschaftlicher Erregung zu:
„O du liebster, liebster Mann. Ich möchte dich küssen und immer wieder küssen. Küsse auch du mich. Wieder. Und immer wieder. Ohne Ende. Komme heute abend, wenn alles ruhig ist, dann wollen !vir uns lieb haben und küssen. Ach komine. Liebster. Ja, koinme, du — — du--"
Die Glocke ertönte zum zweitenmal, diesmal lange und ungeduldig. Hedwig machte sich los und eilte davon, denn draußen auf dem Korridor hörte man laute, uäher kommende Schritte.
(Fortsetzung folgt.)
wie sind Baudenkmäler zu betrachten?
Non Professor Dr.-ing. Paul Klopfer (Weimar).
Die Ruine der Klosterkirche Paulinzella, nordwestlich vvn Schwarzburg in Thüringen, wird jährlich von Tausenden biefuchp Fragt man den oder jenen, der dort war, was er gesehen hat, dann wird er sicher begeistert antworten, daß sie großartig sei, oder malerisch: und wenn er seinen Bädcker durchgelesen hat, wird er zufügen, daß sie „romanisch" sei, daß mehrere der Säulen aus einem einzigen Stücke wären und daß die Fran Truchseß Paulina, die Tochter des Ritters Moricho, das Kloster um 1111 (diese Zahl ist leicht zu merken) gegründet hätte.
Von der in der letzten Hälfte des vergangenen Jahrhun- bert# erbauten Dorfkirche in Tausenburg unweit Dornburg berichtet der Reiseführer durch Thüringen, sie wäre „gotisch". Sie hat nämlich einen spitzen Turm mit einer Kreuzblume, Strebepfeiler und Spitzbogenfenster.
Der Reisende, der nicht Architekt oder sonst bildender Künstler ist, der also in die Geschichte der Baukunst tieferen Einblick nicht gewonnen hat, wird auf seinen Wegen, sobald sie ihn durch alte Städte, in Kirchen Und Schlösser führen, oft genug vor den alten und ebenso sehens- wie merkenswerten Denkmälern über die Art und Weise in Verlegenheit geraten, wie er die Eindrücke in seinem Hirn festlegen könnte. Er sieht wohl die Herrlichkeiten in den Formen, die Feinheit der Abmessungen in den Teilen, er empfindet wohl gar die Sprache des Raumes', aber er weiß das alles nicht in ein seinem Innern verständliches Idiom umzusetzen. Er wird eine Lücke in sich selbst gewahr, die ihm zwar bisher im Geschäft,. im Leben und Borwärtskommen überhaupt nicht ausgefallen ist, bie er aber, wenn er tiefer und weiter denkt, nur zu gern und möglichst gründlich ausfüllen möchte.
Nun kauft er sich wohl ein dickes Buch über die Geschichte der Baukunst. Sicher wird er schöne Stünden damit verbringen, die Probe aufs Exempel aber wird ihn belehren, daß das Studium aus dem Buche heraus mit dem vom Steine her in den lKoPf zwei verschiedene Dinge sind. Fehlt ihm nur das geistige Maud.
Nun ist keineswegs zu tierneitten, daß die Kenntnis der Bauwerke eine äußerst schwierige Wissenschaft ist — ausgebreitet Und aufgebaut auf den Tiefen der Menschengeschichte und hinein- Gewölbt bis in luftigste Höhen rein Persönlichen Formenempfin-
dsns — aber ihr Weg ist klar und logisch. Und wenn aus unseren S^^^eWÄ^chMe einmal mehr die Beziehungen von Kultnr und Geschichtsgaug brächte an Stelle der vielen Schlachtenzahlen und tfelMterrennamcn, bann wäre dem Verständnis für die gewaltigste Kultursprache, für die Architektur, der Boden schon etwas geebnet. Denn wie die Schlachten ihre Ursachen und Ver- anlapungen haben, die unter Umständen sehr tief hineinsübren koniien in die Kulturgeschichte eines Volkes, so liegen auch für die Baukunst die Wurzeln in Kultur und Weltgeschichte, und diese kenneii, heißt schon die größte Voraussetzung für das Verstehen der Bauwerke erfüllt haben.
Was Hilsts nun aber, wenn wir wissen, daß Paulina die Ge- mahliu des Truchsesses Heinrich IV. das Kloster Paulinzella in den tiefsten Einsamkeiten der Thüringer Berge gegründet hat? Vor den großen Säulen finden wir von dem Berichte des Geschichtsschreibers zu den Steinen der Klosterkirche immer noch keine Beziehung. Fehlt das geistige Band.
Es ist auch in Fachkreisen gar nicht so lange her, daß der Suche nach dem geistigen Band Tinte und Papier in Mengen geopfert wurde. Die Architekten unserer Tage entstammen ja wohl alle den Jahren, in denen „die akademischen Regeln in konstruktiver und dekorativer Hinsicht alles waren, die Wirkung nichts". (P. Behrens.) Die Sehnsucht nach dem Ganzen in der Baukunst ist noch jungen Datums. Zwar war das vergangene Jahrhundert vor allen anderen reich an wissenschaftlichen Äuf- nahmen der alten Bauwerke, aber arm an Verständnis für das Gewonnene, das durch „Reilovierung" und „Rekonstruktion" Und „Restauration" zu einem artigen und langweiligen Neubau ergänzt wurde; zwar konnten die kunstgeschichtlich Gebildeten an einem Steinmetzzeichen, an einer Blattbiegimg Meister und Schule und Jahreszahl sagen — aber der Begriff des ‘ Ganzen, des Raumes, das Empfinden für seine Wirkung, und die Wißbegier oder wenn auch nur Neugier, den Gesetzen für diesen Raum nachzufpüren, war bei biefeit Gelehrten nicht zu finden.
Und doch ist gerade die Kenntnis dieses Teiles unserer Baukunst am ersten imstande, im Latien den Sinn für das Bauen zn wecken und ihm einen bleibenden Gewinn aus dem Gesehenen zu sichern.
Unseren Reisehandbüchern ist zumeist eine kunsthistorische Einleitung beigegeben, in der der Verlauf der Architekturperioden in den wichtigsten Erscheinungsformen därgestellt wird. Abgesehen von einer Unmenge fachlicher Ausdrücke, die der Laienwelt natürlich fremd find, fehlt diesen kunsthistorischen Exkursen Kürze und Uebersichtlichkeit — sie verlieren sich leicht in Feinheiten, die die Aufnahmefähigkeit des Lesers erlahmen — und außerdem fehlen ihnen ein paar klare Skizzen.
Bleiben wir, nm ein Beispiel zu nennen, bei der Klosterkirche Paulinzella: die Grundrißskizze einer romanischen Basilika, etwa 'noch ein Querschnitt, der das Verhältnis der Seitenschiffe zum Hauptschiff zeigte, darunter eine kurze Erklärung der raumtech- nifdjen Ausdrücke, genügte. Im Texte selbst könnte ohne weiteres auf den Prototyp verwiesen und in wenig Worten könnten die davon abweichenden Eigenheiten des genannten Baues hervorgehoben werden (fünf Absiden, runden Chorabschluß, Säulen statt Pfeiler). Besonders wichtig aber für das Raumverständnis wären nun noch Angaben über die Verhältnisse der Breiten nnd Höhen int Bau. Mir itottrben daraus erfahren, daß jtoir es', chic hei allen ernsten Werken der Baukunst, auch hier mit ureinfachen Räümgesetzett zu tun hätten, die hier auf dem Prinzip der Quadratur beruhen, und int Grundriß wie im Aufriß in ganz klaren Zahlenwerten geradezu „auszurechnen" sind. Die Breite der Kirche ist gleich der Höhe und gleich der halben Länge — die Säulenabstände untereinander gleich der halbe» Weite des Mittelschiffs' üsw. Das Prinzip der romanischen Baukunst, dieser einfachen Rechnerin int Stein, wird uns ohne weiteres dem Bau gegenüber selbständig und verständnisvoll machen. Wir lernen das Werk nun gleichsam auswendig, erringen es zu bleibendem Besitz. Und das ist wohl auch der Zweck unserer Reise gewesen, als wir Paulinzella auffudjten!
Freilich, die Automobilhast ist in unseren Tagen dem Sich- hineindenken in so langsamlebige Zeiten abhold. Die fromme Tochter des tapferen Ritters Moricho würde sich wohl oft genug in ihrem Grabe umzudrehen haben, weit» sie wüßte, mit welcher Hast ihr Werk angesehen und abgeurteilt wird! Je nun, es gibt doch soviel noch zu machen heute, sag'en die Autofahrer — dann gchts nach Blankenburg, wo in Löschers Hall („hall" muß eS heißen, nicht Gasthaus) „diniert" wird, bann weiter die Saale abwärts, um schnell noch Klosterlaußnitz, Thalbürgel und die anderen romanischen Kirchen abzumachen, und in Jena bet einer kälten Ente länger zu verweilen als in den Ruinen sämtlicher Klosterkirchen Thüringens zusammen.
Für diese Reisenden ist der Bädeker noch viel zu wissenschaft- lich. Für die attderen aber mürbe wie gesagt, eine Redaktion der Führer durch Skizzen Nnd Türte Angaben über die wichtigsten Ranmmcrkmale recht von Nutzen fein.
(Aus der Dürer-Bundes-Korrespondenz.)


