Ausgabe 
18.9.1913
 
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Jetzt hatte Hedwig eine leidenschaftliche Zuneigung zu Erich ergriffen, das Reine, Unberührte an Erich lockte und fesselte das sinnliche Geschöpf und brachte ihr Blut in Auf­ruhr. Ihr kluger Sinn sagte ihr, daß sie ihn vielleicht für immer verlieren könnte, wenn sie ihn behandelte wie die an­deren Männer vor ihm, denn sie wußte wohl, daß Erich in ihr nicht das Weib suchte und sah wie jene. Ihn abstoßen und erschrecken, hieß ihn verlieren. Deshalb zwang sie sich dazu, eine Andere, Bessere zu werdeu. Während sie Erich in heißem Begehren gern an ihr stürmisch klopfendes Herz gezogen hätte, scherzte und lachte sie harmlos mit ihm und teilte ihm spie­lend ihre Kenntnisse der französischen Sprache mit. Da Erich und Hedwig auf derselben Etage waren, hatten sie Gelegen­heit genug, sich in dem kleinen, für das Personal bestimmten Office zu sehen. Diese Gelegenheit wurde namentlich von Hed­wig durch allerlei Heute Liste« vermehrt.

Auch Erich fühlte sich trotz der Warnung der Mut­ter, die ihn wohl einige Tage ängstigte, zu dem liebenswür- digeu Mädcheu hiugezogen. Hedwig erschien ihm wie ein Stück Heimat, an welcher er mit allen Fasern seines Herzens hing. Schon deshalb suchte er jede Gelegenheit, mit dem lustigen Mädchen zusammen zu sein, um mit ihr von Frohwinkel zu sprechen, welches Hedwig von einem flüchtigen Besuch her kannte.

Dann war Erich der Verkehr mit Hedwig noch in ande­rer Beziehung nützlich. Weil sie ihn lieb hatte, suchte sie ihn ntännlicher, steifnackiger zu machen. In fernem. Beruf war Schüchternheit schlecht angebracht, Hedwig bekämpfte daher diesen Charakterzug Erichs mit einem sehr wirksamen Mit­tel: sie lachte ihn aus und verspottete ihn, wenn er sich wieder einmal von seiner schwachen Seite gezeigt hatte.

Dann suchte sie ihn auch noch in andrer Beziehung um­zumodeln. Erich war nicht etwa dumm, er hatte sogar einen scharfen Verstand, schnelle Auffassungsgabe und vor allem den Trieb zum Lernen. Seine Schnlkenntuisse waren aber leider sehr mangelhaft. Während feiner Lehrzeit hatte er we­nig oder keine Gelegenheit, diesem Mangel abzuhelfen, und so war er in allen Dingen, die ein besseres Wissen und eine bessere Vorbildung vvraussetzen, von einer rührenden Un­erfahrenheit.

Hedwig gab ihm gute Bücher, die sie gelegentlich von Hotelgästen geschenkt erhalten und mit Verständnis gelesen hatte. Doch damit nicht genug. Sie weckte seiu Verständnis für das Gelesene auch dadurch, daß sie mit ihm den Inhalt der Bücher besprach, das ihm Unverständliche, so ioeit sie es selbst vermochte, erklärte und mit bei ihr sonst fremder Geduld und Unermüdlichkeit seinen Fragen Rede und Antwort stand. So wär sie- zunächst noch Erichs guter Genins.

Die andereu männlichen Angestellten des Hotels betrach­teten dieses merkwürdige Verhältnis natürlich mit schelen Augen. Die schöne Hedwig war in ihren Kreisen als heiß­blütiges, liebebedürftiges Weib bekannt, sie glaubten daher nicht an den freundschaftlichen, rein kameradschaftlichen Ver­kehr der beiden. Unter Erichs Kollegen war auch ein junger Italiener, ein leidenschaftlicher, rachsüchtiger Mensch. Gio- vanm Gerasimi, so hieß der vierundzwanzigjährige, dunkel­äugige Jtaliano, war zugleich Erichs direkter Vorgesetzter, denn er war der Erste auf dessen Etage. In der internatio­nalen Sprache der Hotels wird dieser Posten mit Ches d'ötage bezeichnet. Gerasimi hatte ans verschiedene Annäherungs­versuche von Hedwig stets ziemlich brüske Ablehnung erfah­ren, er war deshalb auf Erich, dem er die Schuld beimaß, sehr schlecht zu sprechen. Wen« er diesem etwas in den Weg legen konnte, so tat er es. Allerdings machte Erich ihm dies ziemlich schwer, denn der junge Zimmerkellner besorgte sein Service tadellos und kam willig und stets freundlich jeder Anweisung seines Chef d'otage nach. Um so eifriger war Gerasimi dem Verhaßten auf der Fährte, um ihn womög­lich bet einer Ungehörigkeit zu ertappen.

Es war an einem Freitag nachmittag zwischen drei und vier Uhr, einer Stunde, zu welcher trotz der augenblicklich im Hotel herrschenden Hochsaison wenig zu tun war, deshalb batte Erich sich in das winzig kleine Office zurückgezogen, m welchem den ganzen Tag Licht brannte, weil der Raum nur ein einflügeliges Fenster nach einem dunklen Gang hatte. Der junge Mann las eifrig in einem französischen Roman, den er von Hedwig erhielt. Neben ihm lag ein Wörterbuch, yiß und wieder suchte Erich mit feiner Hilfe sich über ein nicht verstandenes Wort Aufklärung zu verschaffen. Das Fenster wH geöffnet, denn der heiße Sommertag hatte, unterstützt von der brennenden Gasflamme, in dem kleinen Kämmer­

chen eine Temperatur erzeugt, die an eine russische Dampf­badzelle erinnerte!

Erich war so in sein Buch vertieft, daß er das Oeffuen der Türe ganz überhörte. Er faß an dem kleinen Tisch, der zum Abstellen des Frühstücksgeschirres der Hotelgäste etc. diente und drehte dem Eingang den Rücken zu.

Erschreckt fuhr Erich daher auf, als ihm plötzlich zwei weiche Hände die Augen zuhielten, während eine verstellte Stimme fragte:

Wer bin ich?"

Fräulein Hedwig natürlich," rief Erich amüsiert, und suchte sich von den weichen Fesseln zu befreien. Trotzdem Hedwig doch schwerere Arbeiten zu verrichten hatte, waren ihre Hände doch weich und gut gepflegt, die Nägel stets sau­ber, rund geschnitten und glatt poliert. Auch in ihrer Klei­dung stach Hedwig von den meisten ihrer Kolleginnen vor­teilhaft ab. Sie trug nur helle Waschkleider, eine weiße Schürze mit koketten Volants und breiten Bändern, wäh­rend das glänzende, seidenweiche Blondhaar von einem zier­lichen Spitzenhäubchen gekrönt war. Beim Treppensteigen hob Hedwig stets kokett den Kleiderrock, und zeigte dabei ab-, sichtlich oder unabsichtlich weiße, nette Unterkleider, zierliche schwarze Halbschuhe, gut geformte Knöchel und zuweilen auch eine runde, schön gezeichnete Wade.

Lachend, mit immer noch verstellter Stimme, entgeg­nete Hedwig auf Erichs Ausruf, iudem sie seine Befreiungs- Versuche abwehrte:Falsch geraten, mein Herr. Hedwig Gas­sen würde es im Traum nicht einfallen, einem jungen Men­schen tote Erich Sanner die Augen znztthalteu. Da sucht sich Hedwig Gassen andere Kerle aus, uicht solchen schüchternen, gleichgiltigen Dachs."

Und es ist doch Hedwig Gassen," rief Erich triumphie­rend.Ich kenne die Stimme viel zu genau."

Unsiun! Ich bin ein Mann mit einem riesigen Schnurrbart. Wollen Sie sich vielleicht selbst davon über­zeugen, junger Herr?"

Gewiß, Fräulein Hedwig, denn Sie sind es, ich weiß es ganz sicher." ,

Gewiß? Sie sind Ihrer Sache so sicher, mein Herr? Nun warten Sie mal---"

Blitzschnell hatte Hedwig sich zu Erich geneigt und ihre roten, frischen Lippen auf seinen warmen Mund gepreßt. Mit einem tiefen Atemzug rief sie dann, die Hände von Erichs Gesicht wegziehend:Nun, mein Herr, haben Sie den Schnurrbart gefühlt?"

Erich war wie mit Blut übergossen. Lautlos blieb er auf feinem Stuhl sitzen und starrte wie geistesabwesend ins' Leere. In seinen Augen stieg ein schimmernder Glanz auf und die Nasenflügel bebten.

Hedwig!" wie ein Schrei rang sich der Name von den Lippen des Jünglings los, in dessen Brust ungeahnte, nie gekannte Gefühle mit einander stritten. Der Mann in ihm war geweckt, geweckt von den heißen Lippen des jungen Weibes.

Hedwig zog sich einen Stuhl neben Erichs Sitz und ließ sich darauf nieder. Ihre Brust hob und senkte sich stürmisch, sie suchte es aber zu verbergen und brach in helles Lachem aus:Eine gelungene Ueberraschung, nicht wahr? Nun habe ich doch keinen Schnurrbart gehabt. Das tut Ihnen wohl leid, Erich? Sie machen wenigstens ein Gesicht, als ob Ihnen Küsse von beschuurrbarteten Lippen lieber wären. Haben Sie überhaupt schon mal ein Mädchen geküßt? Ich meine an­dere Mädchen als Ihre Schwestern ---ach so. Sie haben

ja keine, na, dann, waren Sie noch nie verliebt?"

Ich glaube nicht," kam es leise von Erichs Lippen.

Natürlich, Sie Goldsohn, wie konnte ich bloß fragen. Wenn Ihnen mein Kuß unangenehm ist, können Sie ihn mir wiedergeben. Wie?"

Ihre Augen blitzten ihn so heiß an, von ihrem warmen jungen Körper ging ein solches Liebessehnen aus, daß Erichs Pulse fieberhaft schlugen. Sein Hals war rauh, seine Zunge und Lippen so trocken, als wäre ein glühender Wind vorüber­gestürmt und habe Erichs Innerstes ausgetrocknet. Er wollte reden, brachte aber keinen Ton hervor, die Zunge klebte ihm! am Gaumen.

Nun, wollen Sie den Kuß wieder haben, Erich?" fragte Hedwig nochmals, aber diesmal nicht lachend und spöttisch, sondern weich und lockend. Ihre Stimme hatte einen Klang angenommen, der an das Liebesklagen der Nachtigall er­innerte.

Erich preßte die Hände auf die Augen. Plötzlich sprang er heftig auf, riß Hedwig mit sich empor, umschlang sie mit