Doniurstas, den 18. September

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Vom Pikkolo zum Millionär.

Heitere Erzählung von Harry Nitsch.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Frohwinkel, den 28. Mai 1885.

Mein lieber Sohn. Deine beiden lieben Briefe wollte ich Dir schon lange beantworten, aber meine Augen wollen nicht mehr so mit und auch die Hände. Seitdem Du bon Frohwinkel fort bist, bin ich recht schwach geworden und habe sogar drei Tage im Bett liegen müssen, weil ich so Herz- krämpfe hatte. Aber jetzt geht es wieder besser und brauchst Du Dich nicht zu ängstigen. Es freute mich recht, daß Du, so viel schönes gesehen hast. Bleibe nur immer brav und ehil ch, dann wirst Du Deinen Weg schon finden. Herr Pastor Töpfer war gestern bei mir, und ich habe ihm Deine Briefe lesen lassen, lieber den letzten hat er sich herzlich gefreut und soll ich Dich grüßen. Wer Hedwig Gassen ist fragte er und ob sie jung oder alt sei. Ich wußte es nicht und da sagte er, Du solltest Dich hüten, Hedwig gefiele ihm nicht. Du solltest fleißig arbeiten und lernen und Dich an Deine gut­gesinnten Kollegen halten. Nicht au die Mädchen, denn vom Weibe komme vieles Schlechte, wobei er mich aber nicht meinte, setzte er hinzu. Ich glaube Herr Pastor hat recht, findest Du einen Kollegen, der Dir französische Stunden vielleicht gibt. Aber Du wirst es schon recht machen, denn Du warst ja immer mein guter Sohn und vielleicht ist Hedwig Gassen schön alt und kann Dir Deine ferne Mutter ersetzen, die Dich recht herzlich grüßt. Nimm Dich nur vor Erkältungen in acht, und gehe nicht in den Zug, wenn Du geschwitzt hast. Ich habe noch zwei Hemden von Dir gefunden, welche ich Dir aber nicht schicken will, weil das Porto zu teuer ist sagt der Herr Pastor und auch der Zoll noch dazu käme.

Laß bald von Dir hören. Es grüßt und küßt Dich viel­mals Deine Dich liebende Mutter.

Lausanne, den 2. Juni 1885.

Mein gutes, liebes Muttchen. Mit Deinem letzten lieben Brief hast Du mich recht erschreckt. Ich hoffe aber, das es Dir nun schon wieder besser geht und Du gans gesund bist. Hattest Du auch Jemand, der Dich gepflegt hat? Ich habe mich recht gesorgt und mir Vorwürfe gemacht, das ich nicht in Frohwinkel geblieben bin und mir dort ein Stelle gesucht habe, um bei Dir zu sein. Jetzt macht mir daß hier gar keine Freude mehr, wenn ich Dich nicht mehr gesund weis.

Mit den Hotels hier daß ist aber doch ein gans gewal­tiger Unterschied gegen Frohwinkel. Die feinen Leute hier, ich sage Dir, daß kann ich Dir gar nicht beschreiben. Die Damen alle in Seide und daß knistert und rauscht immer nur so, wenn Die an einem vorüber gehen. Die Zimmer­mädchen sagen, das die feinen Damen auch die Unterröcke und iogar die Wäsche aus Seide haben. Was sagst Du dazu? Ind Trinkgelder geben Sie, so nobel. Ich merke ja aller­

dings nicht viel davon, weil ich in der vierten Etage bin, wo fast nur Turisten und deutsche Beamte und dergleichen wohnen, die nichts bezahlen wollen und immer über die Trinkgelder schimpfen und am liebsten umsonst wohnen möch­ten. Ob die Leute gar nichts davon wissen, das wir Kellner alle keinen Gehalt bekommen und von den Trinkgeldern leben müssen? Ich kann mir jetzt fast gar nichts mehr sparen, denn ich bekomme nicht viele Trinkgelder und die brauche ich für die Wäsche, welche so furchtbar teuer ist. Ich muß fast jeden Tag ein frisches Oherhemd anzieheu, sonst schimpft der Di­rektor.

Liebes Muttchen. Du schreibst auch, ich soll nicht mit Hedwig Gassen, sondern mit meinen Kollegen verkehren. Ich habe es versucht, aber ich komme mit meinen Kollegen nicht zu Rande. Biele denken fast nur ans Trinken und Spielen und wenn Sie spät abends nach beendeter Arbeit in Ihren verräucherten Kneipen sitzen, dann führen Sie immer so häß­liche Gespräche, von den Weibern und so schlechte Witze, das ich nicht mehr mitgegangen bin. Und dann haben Sie immer bis um zwei, drei ja sogar vier Uhr gesessen, währenh Wir doch nach der Hausordnung um zwölf Uhr im Hotel fein sol­len. Dann sind Sie im Hinterhaus durchs Fenster geklet­tert, was einer vorher immer aufgemacht hat. Und da sind manchmal auch eilt paar Mädchen, meistens Herdmädchen aus der Küche, dabei gewesen aber Hedwig Gassen nie. Und daß hat mir gar nicht gefallen und ich halte mich deshalb für mich, weshalb Sie mich den Sonderling schimpfen.

Hedwig Gassen ist noch jung, aber Sie ist so gut mit mir wie eine Schwester und unterhalten wir uns immer nur so miteinander. Sie läßt Dich auch schön grüßen. Nicht war, gutes Muttchen, Du schonst Dich recht, damit Du wieder gesund wirst und es auch bleibst? Denn Du sollst mir später doch mal mein Hotel leiten, wenn ich viel Geld verdient habe, denn ich heirate nie und will immer mit Dir zusammen bleiben.

Adieu, liebes Muttchen, es küßt Dich tausend Mal Dein treuer Sohn Erich Sanner.

Vier Monate war Erich Sanner bereits intOrientale" in Lausanne. Er hatte sich an die großen Verhältnisse ge­wöhnt und angefangen, seine kleinstädtische Schüchternheit abzulegen, die ihn bei jedem Wort erröten machte, das distin­guierte Fremde an ihn richteten.

Hedwig Gassen hatte dabei keinen geringen Anteil. Sie war ein merkwürdiges Geschöpf. Aus guten, geordneten Ver­hältnissen stammend, hatte sie die Bildung und Manieren eines Mädchens aus gut bürgerlicher Familie. Sie hatte Stunden heftigster, bitterster Reue, in denen sie über ihr verfehltes Leben weinte und jammerte, kurze Zeit darauf konnte sie wieder ausgelassen lustig herumtollen und mit irgend einLm hübschen Jungen kokettieren. Ihr heißblütiges Temperament machte das hübsche, kluge Geschöpf zum Spiel- ball wechselnder Launen. Der erste Schritt vom Wege war für Hedwig Der Anfang zum letzten, sie war nickt die Natur, welche sich leicht auf den geraden Weg zurückfindet.