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Stott jeher Antwort ein leises Aufschluchzen, und im nächsten Augenblick hielt sie dos Mädchen, das fassungslos vor sich hinweinte, in ihren Armen.
Gottliebe ließ sie eine Weile ruhig so gewähren; donn zog sie die Schmerzerschütterte zu sich ouf einen Diwan.
„Sprich dich aus, meine Rehe, erleichtere dir dein Herz. Du weißt ja, ich verstehe olles und ich hab- dich lieb, so lieb/ meine arme, kleine Rehe!"
Do umschlang dos Mädchen sie und klagte verzweifelt:
„Mich zerreißt so ein furchtbarer Zwiespalt! Du kennst ja nun meine Mutter und wirst verstehen, wie es bei uns ist, daß mein Vater und ich die unglücklichsten Menschen find' — durch sie!"
„Ach, es ist ja so entsetzlich! Seine Mutter bei Lebzeiten zu verlieren, nein, sie überhaupt niemals besessen zu.hnben! Seit ich denken kann, war es.so wie jetzt. Die Mutter auf Reisen irgendwo draußen in der Welt, und mein armer Vater einsam hier mit mir. Ein verbitterter, freudloser Mann, ein menschenscheuer Einsiedler."
„Und dos alles nur durch sie! Früher ist er ganz anders gewesen, von unserm alten Anselm und der Bärb-e- weiß ich es. Frisch und froh war er da und gern in heiterer Gesellschaft. Er hatte viel Freunde, namentlich unter jungen Künstlern, mit denen er lange in Italien zusammengelebt hatte. Die waren dann nachher oft hier bei ihm zu Gast — das sollen herrliche Tage hier auf Molmort gewesen sein!
Wer alles das war dann vorbei mit der Heirat. Meine Mütter hat ihren Mann, statt ihn glücklich zu machen, fast zugrunde gerichtet. Er ist ja jetzt nur noch ein Schatten von sich selbst. Und fie ahnt es nicht einmal, was sie ihm angerichtet hat. Lächelnd kommt und geht sie, wenn die Laune — Sehnsucht nach mir, wie sie sagt! — sie nach jahrelanger Frist einmal wieder hertreibt, als ob nichts gewesen sei. Oj wie ich sie hasse, wie ich sie verachte!"
In einem leidenschaftlichen Ausbruch ballte Rehe, krampfhaft am ganzen Körper bebend, die zarten Hände.
,Mcht doch, nicht!"
Erschrocken Wer die furchtbaren Worte^ hielt ihr Gottliebe hie Hgud aus den.zuckenden Münd.
-Wiedei machte die leidenschaftliche Erregung einem völligen inneren Zusamtnenbrechen bei dem armen Geschöpf Glitch. Schluchzend Und weinend lag sie nun, wie aufgelöst, in den Armen der Freundin.
Dann richtete sie sich wieder auf.
^.Siehst, du, -das ist es ja gerade, was mich so martert im Innersten !— dieser entsetzliche Zwiespalt: Ich kann meine Mütter nicht achten und lieben — und ich soll sie doch lieben und ehren; die Natur, die'Religion fordert es, sss ist -das heiligste aller Gebote. Wie verworfen bin ich, daß ich gegtn dieses Verbot verstoße! Wie soll mir Gott jemals solche Todsünde verzeihen?"
Kn zitternder Pein bebte alles an dem jungen Leibe.
Erschüttert schwieg Gottliebe eine üßetle, nur liebevoll beruhigend das tränenfeuchte Antlitz an ihrer Brust streichelnd. Wgs sollte sie der Aermsten erwidern? Endlich sand sie aber die rechten Worte.
„Du hast recht, Rehe!" Sehr ernst sprach sie es. „Das heiligste aller Gebote ist das: du sollst deine Mütter lieben und ehren; die Mutter, die mit Einsatz ihdes Lebens dir das deine geschenkt hat. Darum mußt du deine Mutter mit anderen Augen betrachten als bisher. Was deine Mütter auch ün deinem Vater gefehlt hat, d u bist nicht berufen, es zu richten."
Uehe zuckte leise zusammen, und- mit dem Gefühl, daß sich ihr mit diesem Wort plötzlich! ein nie geahnter Licht- schimtner, einAusweg aus dem Wirrsal ihrer Empfindungen böte, hluschte sie weiter den Worten der Beraterin.
„Lerne deine Mütter als eine arme, schwache Frau betrachten, der das Schicksal die schöne CharakierfeMgf- keit, all die herrlichen inneren Gaben deines Vaters versagt^ hat. So glänzend sie erscheint mit ihrer blendenden Schönheit, so arm ist sie im Innern. Was hat sie, das ihr das Herz warm, das sie wirklich zufrieden macht? Ihre innere Unruhe, ein ewiges Sehnen nach Neuem, nach- Genüssen treibt sie unstet umher; sie ist im Grunde nur ein bedauernswerter Sklave ihrer Triebe, für die sie doch nichts kann, die die Natur in sie hineingelegt hat, ohne ihr das Gleichgewicht eines festen, sittlichen Willens zu geben."
„Sie ist also, sie muß- so sein, wie sie ist. Darum, Rehs, richte du nicht Wer sie! Sei im Gegenteil freundlich
Und milde zu ihr, suche das @ktte, das doch auch- irgendwo' in ihr steckt — kein Mensch ist ja ganz schlecht — zu wecken, zu stärken mit deiner Kindesliebe — werde du, die Starke, die Garte, die Führerin deiner blinden Mutter auf dem Wege zum Bessern ! Tas, meine Rehe, muß fortab deine Aufgabe sein. Nimm sie ernst und groß-, so wird der Zwiespalt in deiner Seele schwinden. Und solltest du dich wirklich- vergebens mühen, so wirst du still sein im Bewußtsein, voll getan zu haben, was deine Pflicht war."
Rehe antwortete nicht gleich.
„Sag, Kind-, hab ich denn nicht recht? Fühlst du es nicht auch?"
Zärtlich besorgt, wie eine Mütter zu ihrem Kinde, beugte sich Gottliebe zu ihr nieder. Da fühlte sie plötzlich 6ren* uend-e Küsse auf ihrer Hand.
„Bleib bet mir, Gottliebe — immer, immer! daß ich gut werde wie du!"
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„S-ehu Sie, da! — jetzt lugt der Gipfel durch — da! haben Sie den „Garten her Saligen".
Malmort wies auf einen wildgezackten, mit silberigem Firugeäd-er durchzogenen Felsenkamm, der durch den Einschnitt in den Vorbergen plötzlich- hoch -oben vor ihnen sichtbar wurde
Gottlieb musterte die kühnen Bergzinnen mit aufleuch-^ ten-hem Blick. Ein doppeltes Interesse boten sie ja für sie. Dort droben hin verlegte ja die Volkssage -das Reich der „Saligen Fränlein", der geisterhaften Bergfrauen, deren eine die ©tammutter des Geschlechts Ma-lmort geworden sein sollte. Aber noch wehr reizten sie die wilden Schroffen als Bergsteigerin.
Waren sie doch ihr Wanderziel und hatte sie doch von Malmort gehört, daß der „jardiz delle domntzelle"/ der „Garten der Saligen", eine Tour ersten Ranges sein sollte, obwohl seiner Lage wegen in dem unerschlossenen Bergwinkel hier in Alpinistenrreifen noch kaum ber-auuk. Wer der Aufstieg, besonders über die schwindelnde Süd> wand, die „Diavolezza", sollte -ganz seinen Mann fordern.
Schweigend, doch mit beschleunigtem Herzschlag, in prickelnder, kühner Erwartung des kommenden Kampfes, grüßte Gottliebes Auge die Hochburg, die es zu nehmen -galt.
„Es ist keine leichte Arbeit."
Noch einmal überflog Malmvrt mit ernstem Blick die schlanke Gestalt der Begleiterin, gleich ihm in voller Berg-, ausrüstung, in Beinkleid und Gamaschen, wie, forschend/ ob sie auch wirklich dem Kampfe .gewachsen sein mochte. Wer sie sah ihn fest an:
„Sie können sich auf mich- verlassen wie auf einen Mann."
Ihre Blicke trafen sich einen Moment.
„Dann vorwärts!"
Mit einem frohen Schein im ernsten Antlitz nickte er ihr zu, und eifrig stiegen sie die Geröllhalde hinauf, die es zunächst zu passieren galt.
(Fortsetzung folgt.)'
Pilgerfahrt in Angkor.
Die Ruinenstadt im Walde.
Von Pierre Loti.
In Zeiten, die nichjtj mehr genau M bezeichnen sind, wlar das ÜUn schon Jahrhunderte ljang Völlig begrabene Angkor eine der Herrlichkeiten der Welch So wie der alte Nil allein durch seinen Schlamm in seinem Tat eine prächtige Kultur erblühen! ließ, schuf hier der Mekong, dessen Gewässer sich alljährlich kus- breitet-en, den Reichtum, und so erstand das prunkvolle Reich! der Kherms. In der Zeit Alexanders von Mazedonien lieh sich ein aus Indien eingewandertes Volk an den Ufern des Mekong nieder, nachdem es die furchtsamen Eingeborenen, Menschen mit kleinen Augen, Schlangenanbeter, unterjocht hatte. Die Eroberer führten die Götter der BrahmaneNlehre ein, die schönen Legenden des Ram-ayana, und wie ihr Reichtum auf diesem fruchtbaren Bvden wuchs, so erhoben sich schnell überall riesenhafte Tempel« in die Tausende -von 'Figuren hineingemeihelt waren.
Später — einige Jahrhunderte später, man weiß es nicht genau, denn das Dasein dieses Kolkes ist in der Erinnerung der Menschen fast äusgelöscht— sahen Anglers mächtige Herrscher aus dem Westen Missionare in gelben Gewändern nahen. Ma'N war hier -auf das Höchste über die Träger der neuen Erkenntnis verwundert: Buddha kam, uni Indien aufzuklären, und seine Ab- gesandten verbreiteten sich bis zu den äußersten Punkten Asiens, um hier eine Lehre des Mitleids und der Liebe zu predigen, wie sie


