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Firnenrsulch.
Roman von Paul Grabe im
'Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
In der Halle, wo Anselm und die alte Magd die Herrin snit einem Handkuß begrüßten, stand weiter zurück auch Gottliebe, sich leicht verneigend. Wie Frau v. Malmort ihrer ansichtig wurde, stutzte sie unwillkürlich und nahm die Lorgnette aus Auge. Äh, was war denn das für eine neue Erscheinung — überraschend modern und Weltdame für diese Entourage! Denn die Person da war ja doch wohl Rehes Gouvernante.
„Bon jour, Demoiselle!“
Ehe noch Malmort die Vorstellung ausführen konnte, sagte sie es schon, und mit herablassender Freundlichkeit nickte sie im Vorbeigehen dem vermeintlichen Fräulein zu.
Ein leises Rot schoß in Gottliebes Wangen, und Malmort zuckte zusammen.
„Pardon, mein , gnädiges Fräulein!" Zum erstenmal gebrauchte er die formelle Anrede Gottliebe gegenüber, und zwar mit einem besonderen Nachdruck. „Erlauben Sie, daß ich Sie mit meiner Frau bekannt mache? — Fräulein Rhyn- gaert, ein lieber Gast unseres Hauses, —< «eine Freundin unserer Rehe."
„Ah!"
Höchlichst überrascht griff Ninon Malmort noch einmal zur Lorgnette. Eine Freundrn der Meinen,^des Kindes da, die doch fast doppelt so alt wie Rehe war? Sonderbar, dies merkwürdige Freundschaftsverhältnis!
Mit leis ungläubigem Lächeln musterte sie Gottliebes Züge, mit einer Ungeniertheit, die dieser einen Ausdruck unverhüllten Unmuts in die Stirn trieb und in Wulfrin Malmorts Augen ein Wetterleuchten aufblitzen ließ. Er schämte sich für seine Frau; aber seine Lippen preßten sich fest aufeinander.
„Freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen," mit einer nachlässigen, leichten Bewegung streckte Frau v. Malmort nun Gottliebe die Fingerspitzen hin, die diese nur mit äußerstem Zwange flüchtig berührte.
„Sie sind Deutsche — nicht?" Ihr Blick streifte dabei Gottliebes einfache Bluse und den Touristenrock.
Nur ein stummes Kopfneigen war die Antwort Gottliebes, zu der jetzt Rehe, sich zärtlich anschmiegend, trat, als wolle sie die Taktlosigkeit der Mutter eben gut machen.
Frau v. Malmort bemerkte es wohl, und ein mokanter Zug erschien nnt ihren reizenden Mund.
„Sie sind wohl schon lange mit Rehe befreundet?" forschte sie.
„Wir kennen uns erst seit vier Tagen."
„Tiens! Das ist ja schnell gegangen!"
Leise lachte die schöne Frau auf; aber aus der glockenhellen ©ttmme klang unverkennbar der Spott.
Da traf sie ein Blick Gottliebes, scharf, durchdringeiid und kalt, ein Blick voll einer überlegenen Geringschätzung. Univillkürlich wandte da Frau v. Malmort die Augen fort. So etwas war ihr immer fatal. Im regelrechten Frauen> kampf — in boshaften, eleganten Sticheleien unter liebenswürdigem Lächeln — war sie Meisterin; aber wenn ihr einer entgegentrat, der mit kalter Gelassenheit zufaßte, da war sie entwaffnet. Solch plumpem Drauflosgehen — wie sie es bei sich naumte — war ihre zierliche Geschmeidigkeit nicht gewachsen. Schnell wandte sie sich daher jetzt dem Gatten zu.
„Aber gehn wir nun! Ich habe einen guten Appetit bekommen von der langen Fahrt. Hoffentlich hat eure alte Bärbe recht was Gutes in Bereitschaft."
Und mit leichten Schritten eilte sie seideknisternd die Treppe zum ersten Stock empor.
*
Gottliebe saß allein in dem Gastzimmer. Sie hatte sich alsbald nach dem gemeinschaftlichen Abendessen zurückgezogen. Nun saß sie hier in der Dunkelheit am Fenster uud hing ihren Gedanken nach.
Trüben, wehmutsvollen Gedanken!
Es war ja nun gekommen, wie sie es geahnt hatte gleich heute morgen bei der Ankunft der Depesche._ Die schöne Harmonie zwischen ihnen allen war gestört. An ihrer Stelle eine gezwungene Konversation, ein ängstliches Sichzurückhalten — keiner sagte mehr, was er dachte.
Was sollte das? Wozu blieb sie denn noch? Sie zu ihrem Teil brauchte doch wenigstens diese traurige Komödie nicht mitzuspieleu.
Wenn sie wenigstens wirklich Rehe oder ihrem Vater mit dem Opfer ihres Bleibens hätte nützen können! Aber wie sollte sie das? Ihr war ja als Gast dieses Hauses der Mund einfach verbunden gegenüber dieser Frau, hinter deren bestrickendem Lächeln so viel Bosheit lauerte.
Ärmer Malmort! Was mußte er leiden unter dieser Frau! Gerade er, der vornehme, ernste, gütige Mann!
Wie hatten sich diese zwei so grundsätzlich verschiedenen Naturen nur jemals finden können? Uud wenn nun doch — warum tat er nicht den einzigen Schritt, der ihn befreien konnte von dem Unheil seines Lebens ? Was trennte er sich nicht von dieser Frau, die seiner so wenig wert war, die ihm ja nichts mehr galt, ja, die selbst ihrem eigenen Kinde eine völlig Fremde geworden war?
Dunkle Rätsel — wer gab ihr die Lösung?
So starrte Göttliebe, immer tiefer in ihre Gedanken versinkend, vor sich hin. Sie achtetemicht darauf, daß drüben die Lichter int Hauptbau des Schlosses allmählich verloschen und es gattz finster um sie wurde.
Da plötzlich ein leises Pochen an ihrer Tür!
Stuf ihren Zuruf huschte es leicht herein, sie sah mchts, aber sie wußte, wer.
„Rehe?"


