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dem Kornfelds ausmerzen möchte. Denn schon der fünfzigste Teil der Radekörner färbt beispielsweise das Mehl der Brotfrucht schwärzlich und verleiht ihm eine Schärfe, die sich durch Reiz und Brennen verrät imb aus den Giftstoff zurückgeht, der in dein prächtigen Unkraut cnthallcn ist. Im Mittelaller erhob man gegen die Rade noch schwerere, freilich unberechtigte Vorwürfe: in. den roten, zungenförmigen Blunrenblättern ivollte man lodernde Flamiuen erblicken, die den Brand iin Getreide verursachen sollten, und das bloße Ansehen der Rade sollte Augenschmerzeu Hervorrufen.
Die vielbesungene Kornblume mit ihrem leuchtenden Blau ist vielleicht die schönste Blume unter asten Schätzen des Kornfeldes. Sie hat eine eigentümliche Geschichte, denn in der altdeutschen Zeit war sie das Sinnbild des Wankelmutes uttb der Untreue, während sie uns heute das Gegenteil, das Sinnbild der Treue _ und Beständigkeit ist, und in diesem Sinne haben Schiller, Rückert und andere Dichter sie besungen. Eine hübsche Erklärung , dafür, warum der Deutsche sie besonders liebt, hat Peter Rosegger einmal gegeben: „Sie war die Lieblingsblume der Königin Luise, die unter den Franzoseneinfällen so gelitten. Dann hat ihr Sohn, Kaiser Wil- Helm, die Kornblume erwählt und dabei wohl kaum geahnt, daß die liebliche blaue Blume das Sinnbild seines weltgeschichtlichen Werkes werden sollte. Welch ein deutscher Fürst immer das Reich zur Einheit geführt haben würde, diese und gerade diese Blume hätte sein Symbol werden müssen. Weiß wohl auch jeder, der die Kornblume im Knopfloch trägt, wie sie gestaltet ist? Einen Kranz von vielen Sonderkrönlein vereinigt sie zu einer Krone. So wie Wilhelm I. die deutschen Fürsten vereinigt hat zum deutschen Kaiserreiche. Die Kornblume ist das Zeichen der politischen Einheit Deutschlands, der Wiederaufrichtung des Deutschen Reiches.
Die große Beliebtheit der Kornblume in Deutschland geht übrigens nicht allein auf die Königin Luise zurück, sondern findet sich schon in früherer Zeit. Die Kreuzzüge haben sie wahrscheinlich mit dem Mohn zusammen in unser Klima versetzt und im 16. Jahrhundert wurde sie wegen der Schönheit ihrer Blütensarbc allgemein in Gärten gezogen. In anderen Ländern spielte sie übrigens auch eine Rolle: bei den Deutsch-Böhmen ist sie natürlich Sinnbild des Deutschtums, in Belgien dagegen ist sie das liberale Abzeichen, und in Frankreich wird sie von den Antisemiten getragen. Tie Mohnblume oder Mahnblume, wie Lessing sie noch nannte, ist, wie bereits angedeutet, auch eine Orientalin. Ihr Lob haben fast ebenso- viele Dichter gesungen, wie das der Kornblume.
„Golden prangt die Ernte schon, Durch die schlanken Halme lauschen Blaue Blumen, roler Mohn, Morgen wird die Sichel rauschen", so singt Riickert, und bei.Goethe heißt es:
„Fern erblick ich den Mohn; er glüht. Doch komm ich dir näher, Acht so seh ich zu bald, daß du die Rose nur lügst."
Für das leuchtende Glührot des Mohns hat Masius einmal die folgenden treffenden Worte gefunden: „An der Sonnenlohe selber hat er seine flatternden Blätter angezüudet und in diesem Brande eilt nun auch das Korn zu retten.* Die volkstümliche Beliebtheit der Mohnblume stammt ebenfalls aus ziemlich alter Zeit. Im Jahre 1540 erzählt schon Leonhard Fuchs: „Die Kinder haben ihre Kurzweil mit den Blumen, indem sie mit den Blättern Schnallen in der Hand oder Stirn machen". Noch heute ist es allgemein verbreitete Sitte, daß die Kinder die dünnen, seidenglänzenden Blütenblätter über den au§ Daumen und Zeigefinger gebildeten Ring legen imb mit der anderen flachen Hand darauf klatschen. Die Blumenschatzkammer des Korittelbes ist mit diesen drei Blumen natürlich lange nicht erschöpft : sie enthält unter den größeren noch die Kamillen, die große Wucherblume und den prächtigen blauen Rittersporn; im Kornfeld wächst das niedere Volk der Wicken, der Winden, Vergißmeinnichtarten, Stiefmütterchen usw. bis zu den ganz kleinen, den Vogelmieren imb dein Ackergauchheil abwärts.
Vermrschts».
* (Sine Sprachecke a u s ocm Jahre 184 9. Am Am 28. Oktober 1849 fand in Zwickau die erste öffentliche Schwurgerichtsverhandlung statt. Obgleich aber das diesen großen Fortschritt bringende Gesetz, wie so viele Veröffentlichungen jener bewegten Zeit, in gutem Deutsch abgesaßt war, gefielen sich Richter und Verteidiger so sehr in reichlichem Gebrauch von Fremdwörtern, daß ein Leser des Zwickauer Wochenblattes seinem Ingrimm hierüber in einem Eingesandt Luit machte. Das Eingesandt, das man als einen Vorläufer unserer Sprachecken ansehen kann, ist noch heuie lesenswert. Es heißt da: Viele Rechtsgelehrte sind leider daran gewöhnt, sich einer Menge fremder Ausdrücke aus der Gelehrtensprache zu bedienen, weil sie bisher nur für Gelehrte — schrieben. Im öffentlichen Verfahren aber müssen sie für das Volk und für Männer aus dem Volke, sirr die Geschworenen reden. So sehr mau auch von letzteren einen gesunden Verstand und allgemeine Bildung erwarten kann und muß, so ist ihnen doch weder zuzutrauen noch zuzumuten, daß sie Latein und Griechttch verstehen, weil sie eben meistens keine Gelehrten, sondern einfache Bürger sind und in einem deutschen Gerichte ihr Urteil sprechen. Die Pflicht aller bei den Verhandlungen als Redner Auftretenden
rst es daher, deutsch und somit für die Geschworenen verständlich zu reden. Geschieht dies nicht, so leidet die Sache darunter, inbetrt die Geschworenen das Verhandelte nicht getreu und richtig auf» fassen können. Ausdrücke, wie wir sie vernommen haben: „Mein Tuend", „Mein Defendend", „a priori statuieren", „ich brauche die Negatwe nicht zu beweisen" und vieles dergleichen sind für den einfachen Bürger und Bauersmann nicht deutlich. Kann man nicht sagen: „Mein Schützling", „von vornherein annehmen" usw>? Tie deutschen Ausdrücke tun hier und in allen Fällen der Sache keinen Eintrag. Mau muß sich nur bemühen, für die lateinischen Floskeln die entsprechenden deutschen Ausdrücke zu finden; man wird nie vergeblich suchen. — Möge bei künftigen öffentlichen Gerichtssitzungen der mir aus Teilnahme für die gute Sache ausgesprochene Wunsch Beherzigung finden: Redet vor dem deutschen Volke deutsch! Nau (Zwickau).
Büchertisch.
— D a s Biedermeier int Spiegel seiner Ze i t. Briefe, Tagebücher, Memoiren, Bolksszenen und ähnliche Dokiw mente gesammelt von Georg Hermann. Deutsches Berlagshaus Bong & Co., Berlin. — Wie ein glückliches Eiland, eine -onsel, auf der noch Frieden und Stille, behagliche Lebensfreude und harmlose Heiterkeit zu Hanse ist, so erscheint uns heute die Biedermeierzeit, und unsere Sehnsucht zieht uns zurück zu jenen noch gar nicht fernen und doch schon so fremden Jahren zwischen! 1815 und 1848. Damals, als Dampf und Elektrizität snoch nicht unser Leben in eine lärmende Hetzjagd verwandelt hatten, als es noch keine Millionenstädte in Deutschland gab und sogar Berlin ein deutlich gegliederter, charakteristischer und gemütlicher Ort war, damals — so kommt es uns vor — gediehen auch originellere und herzlichere Menschen, die es verstanden, ihr Heim mit Möbeln und Geräten geschmackvoll und sinnreich auszustatten, die gerne zu harmlosen Vergnügungen zusammenkamen und einen Schatz besaßen, der uns allen verloren gegangen ist: Zeit. Mit diesen Menschen geistigen Umgang zu pflegen, gehört zu den köstlichsten Genüssen. Voll Freude nehmen wir daher das obengenannte Buch in die Hand, das ebensogut ein Buch über die Biedermeierzeit wie eines aus der Biedermeierzeit genannt werden kann. Georg Hermann, der sich in seinem vielgelesenen Roman „Jettchen Gebert" . als der beste Kenner jener Epoche erwiesen hat, schüttet hier die ganze Fülle seiner Kenntnisse aus, um in originalen Zeugnissen wie Briefen, Tagebüchern, Memoiren, Zeitungsberichten, Volksszenen, Gassenhauern usw. die Zeit selbst unmittelbar zu uns sprechen zu lassen. Von ihm geführt, betreten wir die großen lavendelduftenden Zimmer mit den geblümten Tapeten und steifen Möbeln, mir wandern durch das damals noch so stille Berlin, besuchen die berühmten Konditoreien und gemütlichen Gartenlokale, wir freuen uns an dem derben und schlag- fertigen Berliner Volkswitz; aber auch Wien, als der zweite Mittelpunkt der Biedermeierzeit, wird uns vorgeführt; wir lernen die Welt des Theaters, der Literatur und Kunst kennen; die sozialen Verhältnisse, die geistigen Strömungen kommen zu Worte, und so werden wir allmählich auch mit dem Ernst der Epoche bekauntgemacht, sehen die Reaktion am Werke und erleben die ersten Sturmzeichen der Märzrevolutiou. Mit diesem entzückenden Buch, von Georg Hermanns gewandter Feder eingeleitet, wird die rühmlich begonnene Sammlung „B o n g s S ch ö n Süd) er ei" aufs beste fortgesetzt. Der Vorzug origineller und dem Inhalt angepaßter Buchausstattung ist auch diesem Werke eigen. Als besonderer Schmuck find fünf ganzseitige Neproduktionen zeitgenössischer Bilder wiedergegeben, welche uns graziös und geschmackvoll das echteste Biedermeier sichtbar vor Augen führen. Dabei beträgt der Preis wiederum nur zwei Mark. Wann immer wir dieses Buch in die Hand nehmen, und an welcher Stelle tvir es auch aufschlagen, stets werden uns die köstlichen Dokumente einer reizvollen Zeit belehren und unterhalten und uns über dir Gegenwart hinausheben.
Rätsel.
Man hat mich der Gottheit Geschenk genannt, Bei allen Völkern bin ich bekannt.
Ich bin beliebt und unentbehrlich, Sobald der Winter fällt beschwerlich.
Erheb ich mich aber und wachse an, So flieht und haßt mich jedermann.
Ich brachte manchen um sein Gut, Der nicht vor mir war auf der Hut.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des magischen Dreiecks in voriger Nummer: CHINA HAHN IHR N N A
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen-


