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auch Euern Zorn und Eure Erbitterung gegen Linthardt von Nltenlohe verstehe und mit Euch teile, so verstehe rch doü) nicht, wie Ihr konntet, ohne meinen und des Schultheißen Rat zu hören, hierher ziehen und mit Gewalt einem Menschen edle Gesinnung aufzwingen wollen, oder viel^ keicht gar gegen ein paar wehrlose Damen, die wahrscheinlich auch noch in ihrem guten Rechte sind, Feindseligkeiten eröffnen. Denkt doch an Euern guten alten Freiherr^, der ein Menschenalter für Euch sorgte wie ein Vater für seine Kinder, und nehmt uni seinetwillen Rü.cksicht auf seinen Erstgeborenen. Tas Schicksal wird ihn strafen, verlaßt Euch darauf. — Und nun geht an die Arbeit! Schleppt Stroh herbei aus den Gemeindescheuern, und jeder Häusler gibt selbst zwei Bund von seinem eigenen Stroh, ich selbst schicke zwanzig Bund herüber. — Jeder bringt fern Stroh auf das Schultheißenamt, wo Ihr Quittung darüber erhaltet. Und alles in Ruhe und Ordnung und ohne Feindseligkeiten gegen die Soldaten!"
Ohne Murren hatten sie diese Standrede des Torspfarrers über sich ergehen lassen, und ohne Murren gingen sie auseinander.
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Die französische Armee hatte sich am Tage nach dem eigentlichen Gefecht wieder gesammelt und sich in der Richtung auf Wessel und Heidehorst zurückgezogen, immer verfolgt von Dorcks Kavallerie und beunruhigt von kleinern Plänklerabteilungen, gebildet aus dem Bataillon Reihenstein.
Werner und Paul Wintzer, beide unverletzt, marschierten wieder im Bataillon des Majors Reitzenstein, der die Aufgabe hatte, die feindliche Armee beim Beziehen der Quartiere zu stören, überhaupt in jeder Weise zu beunruhigen, damit die Hauptmasse Iorcks Zeit gewönne, noch einen letzten, vernichtender- Schlag gegen den Kern des französischen Heeres zu wagen.
Lange, unendlich lange Reihen Wagen verwundeter, stöhnender Soldaten, klagender Verstümmelter und. in dumpfer Ergebenheit auf dem blutigen Stroh, liegender Halbtoter zogen von Wessel, das keinen Raum mehr für die Aermsten hatte, nach Heidehorst und nach den andern Dörfern nnd Herrensitzen der Umgebung. Etwa vierzig Wagen mit zweihundert Verwundeten fuhren auch in Schloß Heidehorst ein. Dieses Bild des größten Jammers erweichte selbst das härteste Herz des glühendsten Franzosenhassers, und jeder im Dorfe eilte herbei, zu bringen, was ihm der Krieg noch gelassen an Leinwand und Wäsche und Nahrungsmitteln. Hier gab es nicht Freund noch Feind, nicht Franzosen nicht Deutsche, hier gab es nur ein großes Mitleid von diesen leidenden Menschen.
Ein Regimentsarzt und ein Feldscher, das war alles an ärztlicher Hilse, die diesem Transport von zweihundert Menschen zur Verfügung stand, dieser Menschen, deren einziges Wort, was die siebernden Lippen noch sprechen konnten, ein Flehen und Jammern um Linderung der Schmerzen war. -Außerdem gab es noch ein Dutzend Krankenträger. Die Dörfler griffen wacker mit zu, die Verwundeten aus den Wagen zu heben und auf das Stroh in die Säle des Schlosses zu betten, und manche der Frauen, die Blut und Wunden nicht scheuten, halfen mit verbinden, vielleicht im Herzen die Hoffnung, daß ihr eigner Junge, der mit im Felde stand und der jetzt vielleicht auch in Blut und Schmerzen irgendwo jammerte, eine mitleidige Seele finden werde, die ihm Hilfe nnd Linderung verschaffen werde.
Da, mitten in dieses Werk der barmherzigen Liebe, ertönte der Ruf: „Die Preußen! Die Preußen!!" Die einheimischen Pfleger rannten, so schnell sie konnten, nach ihren Wohnungen, um sich zu verbarrikadieren und zu verstecken, obgleich ste doch selbst von ihren eignen Landsleuten nichts zu besürchten hatten. Tie eben in die Quartiere eingerückten Soldaten der französischen Armee eilten zu ihren Waffen und Sammelplätzen, und nun ging es wieder hinaus, zum Tode erschöpft, frierend und hungernd.
Ein feiner Regen riefelte aus den grauen Wolken hernieder. Die Erdschollen der halbbestellten Felder klebten an den Stiefeln, so daß die Krieger wie aus Stelzen einherschritten. Die Gräben am Feldraine und längs der Straßen waren mit lehmigem Wasser angefüllt, und diese Stellung mußten die Franzosen besetzen. Bis an die Hüften standen sie im Wasser oder knieten in schlierigen Tümpeln.
Der Orts- und Lagerkommandant, ein blutjunger, durch seine Tüchtigkeit im russischen Feldzug. schnell beförderter
Oberstleutnant, befehligte die Verteidigungsstellung. Vom Hauptquartier war ihn: Befehl zugegangen, Ort und Schloß Heidehorst unbedingt so lange zu halten, bis Verstärkung und Entsatz eingetroffen sei. Jetzt lagen sie in den nassen Gräben und spähten nach dem Feinde, der am käunr acht« hundert Meter entfernten, düstern Waldrande erscheinen mußte.
Dort knirschte und knackte es von tausend Fußtritten, ein hastiges Vorwärtsdrängen, ein Zwängen durch das Gestrüpp, ein Klirren von Waffen und Montierungsstücken,- ein Fluchen und Kommandorufen, mit einem Worte: Kriegsmusik.
Nun brachen'sie hervor. Himmel, fpieh denn die Erde Krieger aus? Wer säte diese Saat, die jetzt an hundert Flecken aufging, und schnaubte und stöhnte und jagte und- rannte, von wilder Gier erfaßt? Hei, Grüß Gott, alter Kirchturm! Grüß Gott, altes Schloß!
Und da drüben, das grüne Haus mit rotem Dach, stand da nicht meine Wiege und sang mir nicht unter jener Linde die Mutter traute Weisen?!
„Du, Kamerad, das ist mein Ort!" rief der eine dem andern zu. — Kameraden aus dem Bataillon Reitzen- stein waren es, Heidehorster Jungen, die vor Wochen aus- gezogen waren, die schon vorgestern bei Möckern so tapfer mitgefochten und die nun das Schicksal an den Rand des Heimatdorfes trieb. Das waren heimatliche Fluren, über die sie schritten, zehnmal von ihnen selbst bestellt, die Pslua- schar in die Scholle drückend, den Samen darübertragend-, — Jetzt trugen sie andres Eisen, spitz und blank, und andern Samen, den Tod! —
„Du, Kamerad, in dieser Kirche haben wir das heilige Mahl gekriegt und den Segen -von Pfarrer Tempel, ehs wir auszogen!"
Bum — Krach! — Rollen, Zittern — Donnern. --
Die preußische Artillerie hat das Wort, da schweigt alles still. Es ist ein Langes, ahnungsvolles Schweigen, das im Kriege den ersten Geschützdonnern folgt. „Welche Kirche! meinst Du, Kamerad? — Ich sehe keine," fragte der Nachbar, ein Hamburger.
„Mensch, bist Du blind, sieh doch dort!"
Er reißt jetzt selbst die Augen auf. — Ja, Himmel, noch eben stand ja dort der Kirchturm, noch eben hatte er ihn gesehen, und jetzt, jetzt stieg am selben Fleck eine schwache Rauchsäule auf.
(Fortsetzung folgt.)
Die schwedin.
Von Otto S t o e ß l.
Aus einer nordischen Reise kam der österreichische Ingenieur zu einer kleinen Halbinsel int südlichen Schweden, wo er eilt paar Wochen der Erholung zu verbringen gedachte. Diese Landzunge war wie die Spitze eines Pseilers in das Meer gebohrt,- mit steilen Graniiwänden absallend, oben dicht bewaldet. Es gab nur zwei halbwegs offene Plätze, die als Badestellen, und Häfen dienen konnten. Der eine lag einsam als eine winzige leere Bucht da und hatte bloß eine Badehütte und einen Landungssteg für die anlegenden Boote, der andere öffnete sich weiter und trug ein schmales Fischerdorf, das wegen der Stille der dahinter ansteigenden Buchenwälder und ivegen der klaren Luft von fremden Badegästen viel besucht wurde. Ihre meisten Wanderungen bewegten sich über den dicht bewaldeten, unablässig aus- und niedersteigenden, hochwelligen Rücken der Halbinsel, vont Dors zur andern Bucht und von dieser wieder zum Dorse zurück.
Unser Ingenieur war eben stundenweit allein gegangen und verspürte jenen leisen, doch- nagenden Durst nach Menschen, wie man ihn bei lange anhaltender Einsamkeit gar wohl empfinden mag, wo man, ohne näheren Umgang und Verkehr zu verlangen, doch wieder menschliche Gesichter, Stimmen, Lachen wahrnehmen will, um sich zu vergewissern, daß man nicht ganz allein auf der Welt verlassen ist. So trübselig und gleichsam von außen her zum Schweigen verdammt, erblickte der Ingenieur plötzlich den dunkleren Schimmer des Meeres neben dem helleren des Himmels durch die Stämme. Nach ein paar Schritten fand er sich auf dem abspringenden Granitfelsen des Randes etwa sünfzig Meter über der kleineren Bucht. Und er sah dort unten ein Menschenkind, ein schönes noch dazu. In einem Bademantel saß ein schlankes Wesen, dessen kornsarbenes Haar in glatten dichten Strähnen über die Schultern bis zu den Hüften Heng, aus einer Klippe in der Sonne und schlenkerte mit den nacktem weißen Beinen. Die Fußspitzen berührten das Wasser. Der Ingenieur stand da Und schaute freudig erstaunt auf tue Helle Ueberraschnng. Jetzt sprach mit einem Mal fein Gemüt, das


