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mit dem jungen Luft versprochen? Gratulier, das glaub ich:— Schwiegermutter von einem Preester —"
Die Witwe wurde kreidebleich über .den versteckten Hohn/ und die halbe Nacht hindurch mußte das weinende Mädchen die keifenden Scheltworte der.Mutter anhören. Als Rieke schließlich aber gar so herzzerreißend schluchzte und sich nicht beruhigen lassen wollte, siegte bei der Mutter das Mitleid, sie kletterte ans den: Bett und setzte sich zu der aufgeregten Tochter.
„Aber, Rieke, so schlimm meinte ich es doch nicht. Sieh, ich tveiß ja, wie dse Familie Luft ist- Der.Alte hat mich genarrt/ o daß ich erst so unglücklich war. Und das will ich dir doch paren, Rieke. Es ist ja doch bloß Liebe, Deern."
Tante Tweern nahm sich vor, so zu handeln. ^>u den nächsten Ferien sollte Johannes Lust ihre Tochter mcht in Dutum finden. ,
„Rieke, du mußt dich mal in der Welt umsehen, mußt mal ’n andern kennen lernen. Ich! habe an meine Schwester in Bors-, dörp geschrieben. Und sie will dich haben."
Arglos willigte Rieke ein, und ihr Onkel, ein Kätner vom Heiderücken, kam eines Tages vorgesahren, um seine Nichte nach dem weltabgeschiedenen Geestdorf zu holen. , , , , r,
„Aber eines versprichst du mir, Klaß, die Deern darf bloß au mich Briefe schreiben, und du duldest nicht, daß sie sonst von emandem welche kriegt." ,
„Ne, ne," versicherte der biedere Landmann erstaunt. — .
Als Johannes Lust in den nächsten Ferren nach Hache kam, wunderte er sich, daß er die Rieke gar nicht zu Gesicht bekam. Er schlich an den Fenstern vorbei, spähte über den Gartenzaun, die Geliebte war nirgends zu entdecken.
Eines Tages aber rief ihn Tante Tweern zu sich m den Laden. „O Johannes, du warst ja früher Mit meiner Rieke befreundet," erzählte sie scheinheilig, „da wirst du dich freuen, welch Glück sie hat; sie wird sich mit einem Landmann W- l06<®er junge Mensch starrte sie du Und! schlich dann verstört aus dem Laden. s ,
Tante Tweern aber meinte ein gutes Wert getan zu haben..
Der Student der Theologie ist in den Ferien Nicht Wieder nach Hause gefahren. Er müßte arbeiten, schrieb er an seinen Vater, und Meister Lust war so stolz,auf ,erneu fleißigen Sohu.
Rieke hielt ein Jahr voller Sehn,acht bei ihren Verwandten aus. Daun kehrte sie in freudiger Hostmmg, den Geliebten bald wiederzusehen, nach Hütsum zurück.
Die Zeit der Serien kam, immer ungeduldiger wartete das Mädchen, aber Johannes Luft blieb aus. Endlich konnte sicdie Ungewißheit und Qual des Wartens nicht mehr ertragen und
„Oh, Johannes arbeitet fürs Examen," Prahlte er und dachte im stillen: Die Deern heiraten? Ne, ein Kastor kannchoch andere Ansprüche^mache! Mädchen. Still und bleich wurde
Rieke. Aber — er arbeitet — er wird das Examen bestehen- W,lb Aber" in ihr war eine unbestimmte, quälende Angst. Und einmal rief Meister Luft über den Gartenzaun: „Rreke, Rieke, und hielt eine weiße Karte in der hoch erhobenen Hand, und da las das arme Mädchen, daß der Geliebte sich mit einer andern verlobt hatte. .
Also hatte Mutter doch recht gehabt?
Trotz ihrer Herzensqual hatte Rreke immer das Gefühl, als habe sie der Mutter etwas abzubitten, und sie wurde weich/ beinahe zärtlich gegen die harte Frau.
Still und klaglos half sie im Hausstand Und im Laden, Reich und vor der Zeit welk, wurde Rieke Tweern zur alten Si,n6ft imch Jahren, als der Pastor Luft mit Weibsund Kirchern bei seinem alten Vater zu Besuch war, traf es sich,, daß Rieke sich mit ihm aussprechen konnte. Und da erfühl sie, wie schändlich die Mutter sie beide um ihr Lebensglück betrogen hatte.
Eine leidenschaftlich erregte Szene zwischen Mutter undTochter folgte diesem Wiedersehen. So hatte bisher noch kern Mensch mit Taute Tweern geredet. Draußen aut der Strage blieben dre Leutck stehen und versuchten, einige der lärmenden Scheltworte auf- zusaiiqeii. Und die Gassenjungen druckten die schmierigen Geeichter gegen die kleinen Scheiben, um vielleicht zu entdecken,- was da drinnen vorging. '
Am nächsten Morgen meinte eine Kundin hämisch zu srante Tweern: „Nu, von jetzt hat deine Tochter wohl 's Regiment
Me^Witwe bekam einen roten Kopf und wußte nichts zu o"^Das"Verhältiiis zwischen Mutter und Tochter blieb gettübt/ Da die Mte eilt schlechtes Gewissen der Tochter gegenüber hatte- sand sie nicht mehr den Mut, ihr wie bisher hart und herrschsüchtig entgegeuzutreten. Und allmählich suhlte sie sich alt und kraftlos. Tas Haar bleichte, und mit der Arbeit gmg e» nicht mehr vorwärts, so daß sie immer mehr auf Rieke.angetmesen war/ Dann und wann versuchte sie allerdings noch, die L.ochter zu schelten - *
Ms nn einem Abend Mutter und Tochter sich ivieder cm°
Reifrock, daS Haar im Netz, durch die, Stadt. Von der Marsch her kamen die Bauernfrauen und schrieen kreischend: „Böbber, scheune Grasbodder — Eier, grote Höhnereier." Unb ber Geest- fätnet rummelte mit seinem Wägelchen durch die Gassen und brüllte: „Sand, seine Schüersand." Ungestört balgten die Düngen auf bet „Mittelstraße", und die Mädchen saugen ihr ,,Ringel- rangel-reigen". Nur in der Gegend, wo Norderstraße, ~sterende. Plan und Kuhsteig zusauiinenstießen, lautete der Text anders:
„Nadel, Garn nn Tweern Brukt jede fliedige Deern, Js ein Jung auch auch so grob, Brukt er mal ein Büxenknopp." .
An der Ecke des Osterendes und Kuhsteiges stand ein graues, einstöckiges Haus, in dessen kleinen, gewölbten Fensterscherben sich das dichte Grün der alten Lmden, die zu selten der rot- gestrichenen Haustür ragten, spiegelte. Es wat ^ru altes Haus -- gegenüber dem früheren Stadtkerker - und wie manchen Verbrecher hatte es wohl im Laufe der Jahrhunderte-durch den Kuhsteig zum Galgenberg hinausschleichen gesehen.
„Tante Tweern" wohnte mit ihrer Tochter in dem Hause. Sie hatte ein kleines Weißwareiigeschäst, verdiente ihr Brot „sößlingweise" an Nadeln, Garn und Zwirn, aber die Burger kauften sich bei ihr auch schöne, bunte Sonntags-Schnupftucher, und dann und wann ließ sich eine non der f„Hutwollee" im Laden sehen, denn Tante Tweern jnatfjte geschickte Strameiarbeiteu. Jedenfalls hatte Taute Tweern ihr Brot, und ihr Tochterlein Rieke lief mit dicken, roten Backen und lachenden Augen uuiher. Am liebsten tollte die Kleine zwischen den Obstbäumen GemMe- beeten und Blumen des länglichen Gartens, der auf der einen Seite durch eine Holzplanke vom Kuhsteig getrennt würbe, auf der andern mit einem niedrigen Zaun an des Nachbars Garten
^Mit dem „Nawer" war's solche Sache. Taute! Tweern mochte beu Schneider nicht leiden. In ihrxr Jugend sollen sie miteinander „versprochen" gewesen sein, dann aber war Theodor -utt einem andern Mädel nachgelaufen und hatte es geheiratet. Tante Tweern hatte schließlich ja auch noch einen rechtschaffenen Manu abgekriegt, der nur damals nicht nach seiner Frau Pfeife getanzt hatte, als der Tod an fein Krankenlager trat und ihm trotz der Frau Einspruch gebot, mitzukommcu. Abed ictnen „Puck hatte Tante Tweern immer noch auf ihren treulosen Freier, und „windige Kirl" murmelte sie jedesmal, wenn sie den letzt schon ergrauten Ritter der Nadel sah. Daher war es ihr eigentlich gar nicht recht, daß ihre Rieke am liebsten mit »dem gleichaltrigen Nachbarsohne spielte. Mochten sie sich schließlich Märchen erzählen, er sie wichtig belehren, daß zwei und zwei vier sind, ihr zeigen: dies ist 'n a, das ist 'n b. Aber wenn sie die beiden dabei ertappte, daß sie „Hochzeit" und „Mann und Frau spielten, rief sie ihre Tochter unwillig ins Haus.
Taute Tweern war überzeugt, der Junge würde genau solch windiger Snieder werden, wie der Alte; Schneider waren alle unzuverlässige Kerle. Und bei dieser Behauptung und ihrem Vorurteil' blieb sie auch, als Theodor Luft seinen Einzigen stolz in .die Lateinschule schickte. . ,
„Na," wetterte sie, „ber Alte ’n windiger Schneider, der Sohu ein windiger Av'kat." , ,,
„Aber, Mittler, Johannes Lust soll doch Pastor werden," verteidigte Rieke eifrig ihren Freund.
„Man gut, baß ich schon kumfamiert bin," meinte bie Witwe da, „von dem hätte, ich mich nicht kumfamier'n lassen mögen.
Aber die brannzöpfige Tochter war nicht zu überzeugen. Sic stand an lauen, traut dämmrigen Sommerabendeu mtt Johannes am Gartenzaun, im Winter schob er ihren Schlitten und spannte ihr auf dem Mühlenteich die Schlittschuhe unter. In der Kindertanzstunde War er ihr Kavalier, und selbst die Neckereien der Kameraden und Freundinnen vermochten sie nicht zu trennen. Als aber Rieke „aus der Schule kam" >uud bas lange Kleib trug, verbot die Mutter in ihrer bestimmten Art der Tochter, sich mit dein Sniederjung sehen zu lassen.
„Machst dich ja zunr Gespött der Leute. Auch über n Zaun weg, das gibt es nicht mehr, verstanden."
Heimlich nur trafen und sprachen die beiden sich.
Johannes trug schon die rote Primauermütze, unb bann kam ber Tag, da Rieke stolz und doch! so traurig der Mutter sagte: „So, Mutter, was sagst du jetzt, Johannes Luft hat Abitur gemacht und geht auf die Universität." _ . .
„Was ich sag?" fuhr die Witwe auf, „ich lag: em Doskopp war sein Vater auch nicht, aber windig, verstehst du, furchtbar windig." , .. . . ,
An einem lauen Frühlingsabend nahmen bie jungen Menfchen- kinder Abschied und sagten sich, daß sie sich nicht vergessen, daß sic sich lieb behalten wollten.
Schreiben konnten sie sich nicht; Tante .Tweern hatte die erwachsene Tochter schlagen können vor Zorn. In ben werten,aber sahen sic sich, unter allen möglichen Ausreden stahl Rieke sich aus dem Hanse. Und jftanb in Hand schritten die beiden durch die blumenübersäten, von goldenen Kornfeldern begrenzten H-elb- toege der Heimat. . v 0
Bis eines Tages eine stiebe Nachbarin beim Nadeleinkaus zu Tante 'Tweern sagte: „Gratulier, deine Rieke ist ja wohl


