Ausgabe 
18.1.1913
 
Einzelbild herunterladen

38

Rieke Tweern.

Skizze pon Albert Petersen.

Es war zu der Zeit, da die Hütsumer Bürger stolz daraus wäre«, daß statt der rötlichen Petroleumflammen jetzt unruhige,- breite Gaszungen hinter dem Glas der Laternen die Straßen er­leuchteten. In keiner Stadt der ganzen Westküste war man schon soweit. Mr einige geizige Nörgler .knurrten über Verschwen­dung und unerhörten Luxus. Wenn.von der Gasse her die Töne einer Drehorgel in die Werkstatt drangen, rief der Meister den Gesellen und Lehrburschen zu, man wolle auf die Straße gehen, um recht deutlich zu hören. Denn.die Frau Meisterin hatte dem Leierkastenmann sicher einenSößling" gegeben, und man wollte doch was für sein Geld haben. An den Bürgerstammtischen kannegießerte man nur noch, wann die Dänen wohl den Preußen die Herzogtümer wieder abnehmen tvürden. Nur im Houoratiorcn- zimmcr zeigte man schon Verständnis für die Politik des Nord­deutschen Bundes. Das eleganteste Gefährt, welches Hütsnms holprige Gassen durchratterte, war noch immer die alte Staats- kutsche des früheren Amtmanns, und die interessanteste Persönlich­keit, ein Genie in aller biederen Bürger Augen, der englisch« Ingenieur Cunning, der die Messungen für die erste Dampfbahn vorzunehmen hatte. Und in jedem Sommer hatte Hütsum sein Ereignis", wenn die .Kronprinzessin ans der Durchreise nach dem Bade Wyk auf Föhr in Hütsum übernachtete. Da riefen die Hütsumer brausendHurra", als wären sie nicht erst drei Jahre, sondern drei Jahrhundertegut brandenburgisch", und die liebens­würdige Fürstin dankte so herzlich, als hätte ihre Wiege nicht an der Themse gestanden, sondern M den Bnchcugestaden der Ostsee. , _ .

Der gute Bürger trug Gehrock und gewaltigen Zylinder, Frau Doktor und Fräulein Propst stolzierten im rundlichen

schrieb sie,und- so bleiben mir noch fünf bis sechs Sinn- i den für Extraverdienst..." |

Motas Herz- krampfte sich zusammen, wenn, sie sich dies Leben vorstellte: , r , .

Arme kleine Berta ' der hatte die Ehe auch ctit schönes Glück gebracht!

Meta schüttelte plötzlich energisch den Kopf.

Nein, nein," dachte sie,das war ja kerne Ehe I alles sind Ehen rings um mich. Die Leute heiraten ein­fach, das ist alles. Aber Ehe...?"

Sie hatte viel über die Sache nachgegrübelt und war I endlich zrl der Erkenntnis gekommen, daß Isa Nenners Worte, die ihr einst so verrückt erschienen waren, doch einen Sinn hatten. o

Es war ivie 'bei den Berufenen rind Auvertvahlten. B-erheiratet fein war ein vom Staat gewünschter. und sanktionierter Zustand. Die Ehe ab-er ivar etwas Göttliches, Heiliges, das kein' Priester am Altar und kein Gesetzes­vertreter schaffen konnte.

Zerstreut griff sie nach dein Weiten Brief. Ah der I war ja von Isa! Und ans Genua? Wie kam sre denn dort I hin? Sie hatte lange nicht geschrieben: Meta öffnete neugierig und las die wenigen Zeilen:

Meine liebste Meta!

-Diese Zeilen sollen Dir meine letzten Grüße aus Eu­ropa bringen. Morgen schiffeii wir uns alle ein nach Japan, wo mein- Rudolf einige größere Bauten leiten soll. Du staunst, nicht wahr? Ja, es kam sehr rasch, und wir I mußten uns sozusagen über Nacht entschließen. Wie es uns drüben gehen, wird, weiß ich natürliche nicht, aber da lvir alle vier beisammen sind, ist es ani Ende auch! gleichgültig. Ob- -es nun pekuniär der große Schlager wird oder nicht Glück und Heimat nehmen wir doch! überall hin mit, wo wir vier er, ich und die Milder beisammen sind. Die Scholle, mt der wir festkleben, ist- teilt Stuck Erde, sondern -die liebende Gemeinschaft, welche uns wie ein Sh,eres Schiff diirch- das Meer dieses Lebens trägt. Meine abhs, die kleinen, fröhlichen Zigeunerkinder, sind wohlauf, Mein Mann voll bester Hoffnungen, und darum mache auch sch mir. keine Sorgen. ,

Lebe wohl, liebste Meta, und vergiß nicht ganz Deine immer -getreue Isa Ellermann."

Meta legte den Brief nachdenklich beiseite. Ein kleiner Seufzer stahl sich dabei über ihre Lippen.

Eine wenigstens hatte keine Niete gezogen in dem großen Lottospiel des Lebens. . .. I

Der dritte Brief trug- ein unsauberes Aussehen: Schlechtes Papier, eine ungeübte Hand- wahrscheinlich 'ein Bettelbrief...

Meta riß das Kuvert -auf. Nein, doch nicht. Ern bitte­res', verächtliches Lächeln kräuselte ihre Lippen. Schon wieder -eine anonymeWarnung".

Wie viele hatte sie nicht in bei« paar Jähren erhalten, seit sie Nikis Gattin war!

Anfangs hatte -es sie immer -erregt. Scham und Em­pörung! waren aufgeflammt, daß Fremde wußten-...

Jetzt ließ es ste so ganz gleichgültig.

Gnädige-Frau!

Wenn Sie wissen wollen-, mit wem Ihr Gemahl das Weihnachtsfest in Paris zubringt, so begeben Sie sich dorthin, und fragen Sie intHotel Metropole" nach rhm.

Ein treuer Freund."

Nein, sie wollte es wirklich nicht wissen. Eine Edith Torloni oder -eine andere... was lag ihr daran? Der treue Freund" wär wahrscheinlich- eine ehemalige Freun­din Nikis, die selber gern nach Paris gereist wäre.

Gleichgültig ballte sie das Papier zusammen und warf es in die Flammen des Kamins.

Die Hauptsache war: sie konnte den Heiligen Abend allein mit ihrem Kinde verbringen!

Wenn dieses Mud hätte lachen und plaudern können wie andere Kinder, sie hätte sich nichts, gar nichts ge­wünscht ans Erden. Sie hätte ent Ziel gehabt und eine Seele, die ihr in Liebe entgegenwuchs zu treuer Lebens­gemeinschaft.

So freilich ach, dis Einsamkeit wär so bitter. Dte>e völlige, riesige Einsamkeit...

Am Nachmittag- ging sie zu $erta, um deren Kinder einige Kleinigkeit-en zu bringen-.

Auch dort gab -es verstimmte Gesichten

Es hatte einen Krach mit dem Dienstmädchen gegeben und der kleine-Erwin, hatte den S-uppentopf zerschlagen. Darüber war das Mittagessen, verdorben worden.

Herta saß, die -einjährige Mimi auf dem Schoß, ver- w-eint am Fenster. Doktor Raff ging erregt im Zimmer auf und nieder.

Beide- ergingen sich Meta gegenüber in leideitschaft- lich-en Klagen gegeneinander. Sie fucEjite zu beruhigen, aber es half nicht viel. Zuletzt brach! Herta in Tränen aus.

Und keinen Menschen habe ich, zu dem ich mich ans- sprecheu könitte!" schluchzte sie.Die Müder sind noch zu klein und Adolf... o, Adolf hat mich nie verstanden!"'

Meta fand, daß sie sich soeben genügendausgef- sprvchen" hatte, aber sie schwieg.

Nun noch die Geschichte mit Isa was sagst du zu diesem Wahnsinn, M-eta?"

Nun, Isa scheint doch- sehr glücklich, trotz alledem!?"-

Glücklich? Unverantwortlicher Leichtsinn ist es! Hier hatte Ellermann sein sicheres Brot Isa war versorgt. Statt dessen zigeunern sie nun in der Welt herum - -. ein Glück, daß Papa dies nicht mehr erlebte! Er glaubte uns beide gut versorgt... nun- ist es eine schöne Versorgung! -geworden!"

Sie warf -einen vorwurfsvollen Blick auf ihren Mann, der schweigend -an seinem Schnurrbart kaute.

Aber so geht es, wenn man sich nicht zu ducken ver­steht und sich mit niemand verträgt! Adolf könnte auch noch -am Sanatorium sein, wenn er besser verstanden hätte, sich zu fügen."

Nun höre doch 'endlich- auf!" sagte Raff ärgerlich: Immer kommst du mit derselben Geschichte! Obwohl du gut weißt, daß ich als ehrlicher Mensch keinen Teil habeit wollte an diesem Schwindel"

O, wenn man Weib und Kind hat"

Braucht man kein Schuft zu werden !"

Dazu heiratet man! Wirklich eine nette Versorgung!"- schluchzte Herta hartnäckig:

Ich denke doch, wir haben aus Liebe geheiratet? Lneh, Herta deine Schwester dachte gewiß nicht an eine bloße Versorgung"... und ich tue doch-, was ich kann..."

.M-eta fand -es gräßlich, diesen Auseinandersetzungen länger zuznhören, gab ihre Geschenke ab und empfahl sich so schnell als.möglich-.

Als sie zu Hause ankam, brachte ihre Zose ihr eine Karte.

Der Herr wird 'morgen vormittag wiederkommen."

Meta las erstaunt:Viktor v. MouteM, Rittmeister a . D."

Montelli war also wieder hier. Und außer Dienst? Wie kam das?

(Fortsetzung folgt.)