Samstag, den 18. Januar
W — Nr. 10
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Äon Frühling ;u Frühling.
Roman von Erich Eb enst e in.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Hastig steckte Meta noch ein paar Kerzen an beit Baum. Es würde ja doch wieder nichts sein, aber ver- suchen mußte man «es doch.
Die alte Frau erhob sich.
„Ich will noch zu Konradcheu hinüber." An der Tür blieb sie stehen, auf ihren Stock gestützt, und wandte das gelbe, runzlige Gesicht nach Meta um.. Ein Schimmer von Mitleid lag darauf.
„Wenn es dir bange ist. Meta, dann komme zu mir übermorgen, wenn das Kind schläft. Mir wollen dann nicht daran denken, daß Weihnachten ist, und von alten Zeiten plaudern."
Meta putzte mechanisch an dem Baum weiter. Dabei dachte sie, wie Weihnachten wohl dort in Galizien begangen werden würde, ganz fern im Osten an der Grenze, wo Münster war.
Und plötzlich, ganz unvermittelt, tauchte vor ihrer Seele wieder das Bild des kleinen Häuschens an der Friedau auf, mit bett, grünen Läden und dein Wald dahinter.
Sie hatte lange, lange nicht daran gedockt.
Dort würden sie wohl fröhlich sein. Vielleicht kam der Sohn auf Urlaub hin.
Der Baum war fertig, keine Kerze mehr im Körbchen dunkel im Zimmer. Unter den duftenden Zweigen, die wie schwarze Arme sich in die Dämmerung streckten, saß Meta und weinte bitterlich.
Eine halbe Stunde später öffnete sich die Tür und jemand rief ungeduldig in die Finsternis hinein: „Meta, bist du hier?"
Hastig erhob sie sich. Es wär die Stimme ihres Mannes.
„Fa," antwortete Meta und segnete die Finsternis, die ihr verweintes Gesicht verhüllte; denn Tränen waren Petermann verhaßt.
„Zum Kuckuck, was machst du denn da im Dunklen? Ueberall suche ich dich schon."
„Ich habe den Baum geputzt."
„Unsinn! Als ob das nicht jemand von der Diener- schaft hätte machen können... übrigens-stehe ich gar nicht um einen Christbaum."
„Für Konradchen."
„Na, meinetwegen, wenn's dir immer noch Spaß macht, auf ein Fiasko hinzuarbeiten."
„Wünschest du etwas von mir, Niki?"
„Nein —• das heißt ja. Ich wollte dir nur sagen, daß ich heute abend noch nach Paris reisen muß. Geschäfte
... und daß du somit fiir die Feiertage nicht auf mich! rechnen kannst."
Seine Stimme klang nicht ganz sicher.
Meta atmete erleichtert auf.
„Du hast doch nichts dagegen?" fragte er noch.
„Gar nichts."
„Lade dir Gäste ein — Freundinnen — wo steckst du denn eigentlich? Willst du mir nicht die Hand zum Abschied geben? Ich muß sogleich fort."
Langsam trat Meta vor Und reichte ihm die Hand. Durch die offene Tür fiel ein Lichtschimmer auf beide. Es fiel ihr auf, wie blaß und elend er anssah.
„Lebe wohl, Niki, und amüsiere dich gut in Paris."
„Ach was, .amüsieren!" brummte er verlegen. „Geschäfte hab ich, leb wohl!"
Er hauchte einen flüchtigen Kuß auf ihre Stirn und ging.
Als Meta später in das Kinderzimmer trat, hörte sie unten den. Wagen äbfahren, der ihn zur Bahn brachte.
Am nächsten Morgen zum Frühstück brachte ihr die Post nebst mehreren Ankündigungen drei Briefe.
Der erste war von Berta Malchow, das heißt der jetzigen Frau Burkhardt. Sie schrieb sehr häufig, die kleine Berta, seit vor einem halben Fahre ihr Mann! seinem Lungenleiden erlegen war und sie mit ihren kranken Kindern ohne Subsistenzmittel dastand.
Meta hatte ihr oft mit größeren Beträgen ausgeholfen, und zuletzt durch allerlei fürsprechende Mittelspersonen' eine Stelle in dem Bureau eines Advokaten verschafft, wo sie für 60 Kronen monatlich von 9 Uhr früh bis 6 Uhr abends mit zweistündiger Mittagspause an der Schreibmaschine beschäftigt war.
Ein schreckliches Dasein! Meta schauderte, wenn sie an das ununterbrochene Geklapper der Schreibmaschine dachte und an Bertas seelische Verfassung, die daheim die kranken Kinder liegen hatte...
Sie hatte ihr auch nun zu Weihnachten einen ansehnlichen Betrag gesandt. Wenigstens die Festtage sollte die kleine, fleißige Frau frei von Sorgen sein.
Dieser Brief enthielt nun den Dank dafür. Aber Metas Augen weiteten sich beinahe entsetzt während des Lesens — was hatte die Aermste für das Geld gekauft? Eine Schreibmaschine? Eine klappernde Schreibmaschine anstatt warmer Kleiber und kräftigender Festtagsbrateu...
Und dafür bedankte sie sich überschwenglich! Freilich, die 720, Kronen jährlich konnten nicht reichen. Das eine Kind laborierte fort an entzündeten Lhmpfdrüfen, das andere, kaum zweijährige, litt an hochgradiger Anämie. Arzt, Apotheke — alles kostete Geld. So war es denn eine heiße Sehnsucht der armen Berta, eine eigne Schreibmaschine zu besitzen, um, daheim noch Arbeit übernehmen zu können.
..Vier Stunden Schlaf täglich genügen mir vollauf,"


