Ausgabe 
17.12.1913
 
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Sie war ja lange genug in Berlin, bei, uns, bei seinen Chefs. Sie hat sehen müssen, wie er sich nach Lust und Licht heimlich verzehrte, wie unglücklich er sich in den vier Kontorwänden fühlte; aber sie, die reiche Erbtante, half ihm nicht. Noch mehr, sie sah, daß der arme Junge sni) in seinem Idealismus mit der armen Lieschen Burger versprach. Sie sah das Brautpaar sich in seiner Sehnsucht von Jahr zu Jahr schleppen; aber sie gab nicht entert Pfennig her von ihrem Mammon!---Ach, Herr Pfar­

rer, Gott soll mich nicht strafen; aber ich kann nur mit Bitterkeit am meine Schwägerin Berta denken!"

Frau Weber sprang auf und eilte im Zimmer auf und ab.Franz und Lieschen altern und warten. Malchen arbeitet sich um ihre Gesundheit an der Gemeindeschule, klaglos und freudlos. Um meinetwillen, weil sie mich er­nähren müssen, komnten die beiden kreuzbraven Kinder um ihr Leben und Glück! Und Frau Berta Lange stirbt, und ihr schönes, schuldenfreies Gut wird zu einer Stiftung, und ihr Geld--"--Nun, und ihr Geld?"

---Was weiß ich, Herr Pfarrer? Nur eins weiß tch, wir haben es nicht bekommen! Wir nicht! Berta i)t doch bald acht Wochen tot. Wenn wir die Erben wären, so hätte man uns doch benachrichtigt! Nicht wahr?" Sie stand vor dem alten Freunde still. Er schüttelte sanft den Kopf.

Liebe Frau Weber, wie unrecht tun Sie alle der Seligen! Sie alle haben die einsame, kinderlose, verbitterte Fran stets verkannt. Ich selbst habe sie erst, zu meiner Schande sei's gesagt, auf dem Krankenbett verstehen lernen! Frau Berta hungerte nach Liebe. O, wie hat sie, die Reiche, die arme Frau Weber um ihr Heim, um ihre Kinder be­neidet! Ganz elend kam sie von Berlin, nach dem letzten Weihnachten, in Ihrem Kreise!" ---So?" fragte die

alte Frau erbittert.Auch das noch? Und wie haben wer sie gehegt und gepflegt, die gute Erbtante, die so nach Versöhnung rang. Was haben wir ihr aufgebaut!" --Ich weiß, die Verstorbene hat mir alles mit tränen­den Angen gezeigt. Hat sie Ihnen, Franz und Malchen nichts geschenkt?" i Der alte Hahn rieb seinen weißen Bart und schaute im Zimmer umher.--Frau Weber

wurde etwas verlegen.Doch," meinte sie,ich bekam ihren Pelz, den ich ja auch trage. Franz erhielt meines Schwagers alten Schreibtisch und Malchen ihren alten Näh­tisch." ---Und wo stehen die Sachen?"---Wieder

errötete die alte Dame.Lieber Gott," sagte sie,unsere Wohnung ist ohnehin so klein und vollgepackt. Wir mußten die großen Stücke auf den Boden schaffen!"Ach so! /Sagen Sie mal, liebe Freundin, taten Sie das gleich? Ich meine, noch solange Frau Berta in Berlin war?" Wir mußten ja, sonst hätten wie uns nicht rühren können! Schon am ersten Feiertag schleppten wir die bei­den Stücke hinauf!"--Der Pfarrer erhob sich.Dar-

itut auch, so so! Nein, teure Frau, das hätten Sie nicht' tun dürfen! Frau Lange hing mit wahrem Kultus an jedem Stück ihres Besitztums. Wenn sie sich schon von zwei Möbeln trennte, so war das für sie eine ungeheure Tat. Wie muß es sie geschmerzt haben, als ihre Gaben so lieblos beiseite geschafft wurden!" Frau Weber schwieg betroffen.Aber sie kannte ja die Räumlichkeiten. Sie sah doch, daß wir nicht aus noch ein wußten! Wir entschuldigten uns genug, und Malchen weinte sogar. Sie freute sich wirklich und hatte sich lange einen Nähtisch ge­wünscht. --Es ging doch nicht, sie sah es selbst ein!"

meinte Frau Weber alsdann.Sie wollen doch nicht fort? Herr Pfarrer?"--Ich muß noch einmal in die Stadt,

liebe Freundin, ich treffe mich mit einem jungen Amts- brnder," entgegnete der alte Hahn, nach der Uhr sehend. Aber Ihre Einladung für den heiligen Abend nehme ich an. Den möchte ich nicht ohne Weihnachtsbaum im Hotel verleben. Ich habe sogar eine große Bitte."Und die wäre?"Darf ich meinen lieben jungen Freund mitbringen? Er ist hier auch fremd und wäre sicher glück­selig, wenn Sie es erlaubten." ---Frau Weber zögerte.

An solch intimem Familienfest ist man lieber unter sich. Aber sie kannte ihren alten Freund und willigte etwas zurückhaltend ein. Der alte Geistliche wandte sich zur Tür. Sie geleitete ihn und half ihm in seine Uebertleidung. Schon stand er auf dem Treppenvorplatz, da kehrte er sich noch einmal um.Frau Weber," sagte er.Sie müssen mir noch einen Gefallen tun. Ich schicke Ihnen Ihren Portier hinauf, das ist ein kräftiger Mann. Der kann

Ihnen helfen, den alten Schreibtisch und den Nähtisch vom Boden zu holen!" ---Nanu?" stieß sie überrascht her­

vor.Ja, das hilft nun nichts! Es muß sein!" sagte er energisch.Da an der Ofenwand und neben dem Groß- väterstuhl ist noch Platz für beide Möbel!",Aber "Kein Aber, teure Freundin, es muß sein! Ich bin, das wissen Sie eben noch nicht, Testamentsvolk- strecker des letzten Willens Ihrer verstorbenen Schwägerin. Ich habe die Schlüssel zu den Möbeln bei mir und Ihnen etwas mitzuteilen! Also eilen Sie, ich schicke Ihnen den Mann sogleich hinauf!"

Damit stampfte er treppab und ließ die alte Dame bestürzt zurück. Ehe sie noch Acht zur Besinnung kam, erschien schon der Hausmeister und sagte:Na, gnädige Frau, da bin ich. Also Sie wollen die ollen Kisten wieder 'runter vom Boden haben, die luir letzten Weihnachten hinaufgeschleppt haben? Der Herr hat es mir schon ver­raten!" Und dann fand sich Frau Weber eine Viertel­stunde später mit ihrer kleinen Magd auf dem Fußboden kniend. Beide staubten und lederten das Nußbaumholz gründlich ab, bis auch dieses spiegelblank war. So fand sie ihre Tochter Amalie, die mit Paketen hochbeladen aus der Stadt heimkehrte.Das ist ein Wetter, brr, Mamachen! Dabei ganz Berlin auf den Beinen!" rief sie schon im Vorflur und fügte eintretend überrascht hinzu:Aber, Ma­machen, was machst denn du da? Was soll denn das?. Die Mutter schickte das Dienstmädchen fort und schaute erregt die Tochter, ein hübsches, kräftiges Mädchen von sechsuudzwanzig Jahren, an.Ach, Kind, Kind, mein Kopf schwirrt! Ich fiebere ordentlich vor Erwartung. Paß auf, hier sind Schätze für euch drin aufbewahrt. Mir ahnt so etwas!"Mamachen," sagte das Mädchen und musterte besorgt die alte Dame.Doch, doch, Tu wirst es ja sehen. Hahn weiß etwas. Hahn ist Testamentsvoll!- strecker. Hahn will es doch haben!"

(Schluß folgt.)

Das ZchMwer Schloß.

Eine liebreizende Idylle hat das dämonische Element blind zerstört, indem es sich auf das Schweriner Schloß warf. Begucm nud behaglich breitet sich die Residenzstadt Schwerin, von blauen Seen umgeben, in der Nicdernng ans, nicht eben reich an groß­artigen Bauwerken, wohl aber an gemütlichen, guten alten Bür­gerhäusern, und ansgezeichnct durch jenen feinen Zug gepflegter Kultur, der all diesen kleinen deutschen Residenzstädten ein so eigenes und reizendes Gepräge gibt. Hat der Besucher die saubere Stadt schlendernd durchwandert, so erwartet ihn das schönste Bild, das Schwerin zu bieten hat. Auf einer Insel.zwischen dem Burgsee und dem Schweriner See, gleichsam unmittelbar ans dem Waner aufsteigend und nur durch eine Brücke mit dem Lande verbunden, erhebt sich, türme- und erkerreich, höchst malerisch das Großherzvg- liche Schloß, auf allen Seiten umrahmt vom dichten Grün der Parkanlagen und wiedergespiegelt im stillen klaren Wasser der Seen. Die Stätte, wo es steht, lud durch ihre Natur schon srlih die Herren des Landes ein, sich hier eine wahrhafte Residenz zu errichten; auf eine alte Wendenfeste folgte später ein stattliches Nenaissanceschloß, an dem besonders Herzog Albrecht I. gebaut hat. Nur noch be­scheidene Reste von diesem alten Schlosse, dessen interesfanteste Uebcrrestc die Terrakotten sind, die im Schweriner Museum auf­bewahrt werden, sind in den Neubau mit übergegangen. Es ist der Großherzog Friedrich Franz II. gewesen, der, als das alte Schloß in einigen Teilen schon sehr baufällig geworden war, sich zu einem umfänglichen Neubau entschloß, in dessen Plan von vorn­herein auch die schönen Parkanlagen am Ufer des Burgsees mit einbezogen wurden. Der Mann, dem der Neubau anvertrant wurde, war der tüchtige Hofbaurat Georg Adolf Demmler. Es war die Zeit, da man für jede bankünstlerische Aufgabe großen Stils nach Vorbildern in der Vergangenheit suchte; Gottfried Semper, der übrigens zur Begutachtung der Demmlerschen Pläne nach Schwerin berufen wurde, hatte das Verständnis für die Schönheit der Re­naissance erweckt, und so war es denn der Stil der französischen Renaissance aus der Zeit Franz I., der für das Schloß gewählt wurde. Demmler reiste zum Studium dieses Stils eigens nach Frankreich, wo er besonders die Schlösser von Blois und Chambord eingehend besichtigte. Man sagt gewöhnlich, daß das Schweriner Schloß sich in erster Linie an das Vorbild von Chambord anlehne; das ist indessen nur teilweise richtig. Eine gewisse äußere Aehn- lichkeit besitzen beide Bauwerke allerdings, wie Ludwig von Hirsch- seld bemerkt, in den großen runden Ecktürmen, die die Fassade flankieren. Während indessen Chambord einen symmetrischen Bau auf dem Grundrisse eines regelmäßigen Viereckes darstellt, ist der Grundriß des Schweriner Schlosses ein. unregelmäßiges Fünfeck mit fünf gänzlich verschiedenen Fassaden. Auch der große Haupt- 1 turnt, die zwei Kuppeln und die mannigfaltigen Aussprünge, Erker,