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Mttlvoch, den (7. Dezember
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Taute Bertas Weihnachtsgabe.
Bon E r n-ft Georg y.
(Nachdruck verboten.)
rcilt Weber hatte mit bet» blutjungen Dienstmädchen Die ganze Woche vor dem Fest hart gearbeitet. Jetzt leuchtete die r lei nc^ Wohnung dafür auch bis in die verstecktesten Wiu- m. vor Sauberkeit. Im Wohnzimmer hatten sie ein Tischchen vor den altmodischen Spiegel gestellt und den dürftigen Tannenbauin auf die weiße Decke gehoben. Mit Plätt-, bolzen, die unter Tauneureisern mühsam versteckt wurden, hatte man das ivackelnde Miumchen sorglich gestützt. — Die blaße kleine Magd verschwand in ihrer Küche, wo es noch viel zu scheuern und zu putzen gab. Frau Weber selbst holte aus einem Schubfach der Kommode den großen Pappkarton hervor, in dem sie von Jahr zu Jahr den billigen Baumschmuck aufbewahrte. Nachdenklich, freudlos begann sie die goldenen Papierketten, die bunten Lichthalter und die Wachs- engelchen in den schwachen Zweigen zu befestigen. Dann schraiibte sie die Kerzen fest und steckte den großen Stern auf die Spitze. Nun war das Werk getan! — Die alte Dame .trat ein paar Schritte zurück, betrachtete den Christbaum lange Zeit in Gebauten versunken und seufzte tief. —
Gerade wollte sie aus der große» Markttasche Aepfel, Misse und Pfefferkuchen in einige bereitgestellte Schüsseln sortieren, als draußen au der Eingangstür der Wohnung die. Klingel heftig und lange gezogen wurde. Frau Weber erschrak und horchte, nach einem Blick auf die Uhr, hinaus, Berta öffnete und sprach mit einem Fremden, dessen tiefe, heisere Stimme der Lauscherin bekannt erschien. Gleich darauf kam das Mädchen herein: „Frau Weber, da ist ein Herr aus Pommern. Der will Sie spreche». Er fei der „alte Hahn", sagt er. Mehr wär' nicht nötig!" — „Hahn?! Unser alter Hahn?" Frau Weber schrie förmlich vor Aufregung und stürzte hinaus. — „Herr Pfarrer, Herr Pfarrer — schluchzte sie und streckte dein großen, starken Mann, der in Pelzmütze, Pelz und lieberschuhen schneebedeckt wartete, beide Hände entgegen. — Er eilte zu ihr und, selbst erschüttert, lachte er nur rauh und stieß die paar Worte „Liebe alte Freundin" schwer heraus. —
Endlich hatte sie ihm aus seinen Umhüllungen geholfen und ihm im warmen Zimmer neben dem Ofen ihren Lehnstuhl angewiesen. Geschäftig, freudestrahlend eilte sie hin und her, um deiu Durchfrorenen eine heiße Tasse Kakao auf dem Schnellkocher zuzuberciten. „Nun erzählen Sie, Herr Pfarrer, ivas hat Sie bei dcui furchtbaren Wetter nach hierher gelockt? Ich freue mich ja unglaublich, ich lasse Sie auch nicht fort! Franz und Matchen iverden ja selig sein über das unerwartete Weihnachtsgeschenk. Nein, Sie bleiben bei uns und verleben den heiligen Abend bei uns. Bescheiden, aber einfach und friedlich. Mehr können wir uns nicht gestatten!" — — Sie schwatzte erregt und hörte erst aus, als sie die dampfende Tässe vor ihm auf ein Tisch«
I chen gestellt und sich neben ihm niedergelassen hatte. „So sprechen Sie doch, Herr Pfarrer!" drängte sie.' Er lachte behaglich und rieb sich die Hände: „Ich will schon, liebe Frau Weber; aber ich komme ja nicht zu Wort. Also, ich habe auf dem Konsistorium ohnehin zu tun. Ich bin um meine Pensionierung eingekommen, und da dachte ich, es sei besser, wenn ich gleich persönlich für meinen Hannes ein paar gute Worte einten«. Er hat sich nun lange genug als Marineprediger in Südamerika aufgehalten. Man hatte ihm so fest eine gute Anstellung in Deutschland versprochen. Da hoffe ich denn, wenn ich ein bißchen uachhelfe, daß man ihn zu meinem Nachfolger ernennen wird. Der Hannes in meinem Amt, auf meiner Kanzel! Ich glaube, daß Sie und die ganze Gemeinde sich mit mir freuen würden, nicht wahr, meine alte Freundin?"
Tie Gefragte nickte lebhaft mit dem Kopfe: „Es wäre nur natürlich und richtig!" rief sie. Jedoch auf ihren faltigen Wangen lagen zwei rot abgezirkelte Flecken. Zwischen dem Hannes Hahn und ihrem Matchen lag etwas Unausgesprochenes. Da hatte es früher etwas gegeben; gber er war in die Fremde gegangen. Fast sechs Jahre waren verstrichen. Das Mädchen sprach nicht mehr von dem Jugendgeliebten, und sie erwähnte ihn schon längst nicht mehr. Wozu auch?"----„So übertrug ich denn dem Hilssprediger
meine Vertretung für das Fest und dämpfte nach hier durch Schnee und Eis. Das ist einmal ein harter Winter. Unser Dorf ist ganz eingeschneit!" — — „Wie sieht es auf Tänuen- berg aus?" unterbrach sie ihn bitter. Hahn sah sie treu* herzig an: „Es sitzt Ihnen also doch noch im Herzen, trotz des schönen großen Berlins?" — r— „Ich bin ein Landkind, auf dem Gute bin ich geboren, erzogen. Dort hat sich mein Leben abgespielt, bis der Zusammenbruch kam. Mein Mann starb, und wir mußten fort!" —„Das Ende mit Schrecken war besser als der Schrecken ohne Ende, Frau Weber! Nach Ihnen ist schon der zweite Besitzer da und quält sich zu Tode. Tannenberg war total abgewirtschaftet!" sagte der alte Geistliche und trank vorsichtig den kochendheißen Kakao.
„Das ist auch eins von den Dingen, die ich meiner Schwägerin Berta über das Grab hinaus Nachträge. Gott schenke ihr den ewigen Frieden; aber sie durfte uns nicht in die Stadt lassen! Sie war die reiche Witwe, hätte sie Franz und mir noch' einmal geholfen, uns die Hypothek gegeben, wir hätten das Gut gehalten!" — — „Nie und niemals, Frau Weber! Sie hätten sich totgearbeitet und daran verblutet. Franz luar so jung und unerfahren. Was wußte der vom Leben, vom kaufmännischen Rechnen?" — — „Er hat es gelernt!" rief sie bitter.^ „Er ist der beste Angestellte, klug, tüchtig, gewissenhaft. Seine Chefs halten mehr von ihm als seines Vaters leibliche Schwester!" — — Der Pfarrer nahm ihre zuckende Hand. „Sie sind ungerecht, liebe Freundin!" sagte er ernst. „Ihr lieber Junge hat sich erst im Leid gefestigt und durchgerungen. Jetzt ist er ein ganzer Mann. Glauben Sie, daß Berta das nicht gewußt'hat?" — — „Natürlich hat sie es wissen müssen.


