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Persönliches von Richard Dehmel.
(Zu seinem 50. Geburtstag, 18. November.)
Der 50. Geburtstag Richard Dehmels, des großen Lyrikers der heutigen deutschen Literatur, wird allenthalben von seinem weiten Verehrerkreis festlich begangen werden. Eine schöne Volksausgabe macht es sich zur Aufgabe, für die Verbreitung seiner Werke in noch stärkerem Maße zu sorgen, und ein aus persönlichstem Erleben und Verstehen ds Meisters geschaffenes Charakterbild bietet der Dichter E m i l Ludwig in der aus diesem Anlaß im Verlag S. Fischer erscheinenden Biographie „Richard Dehmel" dar. Viele intime Züge vom Werden und Wesen des sonst so verschlossenen, einem Bekennen außerhalb seiner Kunst abgeneigten Dichters werden hier mitgeteilt. In dem Kinde schon entfaltete sich ein geheimes inneres Leben; es war in sicht gekehrt, wenig mitteilsam, und „ein Schmerz mußte schon übergroß für mich sein, ehe ich damit zu Muttern ging." Dabei ivar er unbändig lustig, und die Jungen nannten ihn Kladderadatsch, weil er so viel lachte. Als Jüngling wurde er dann grüblerisch und „von allerlei krampfhaftem Spuk heimgesucht." Auch später noch hatte er sonderbare Sehkrämpfe, die er sich mit seiner eisernen Energie „aberziehen" mußte. Schwül/ schwer und düster war die Zeit, da er als Sekretär des „Verbandes deutscher Feuerversicherungsgesellschasten" das äußerlich so nüchterne Leben eines trockenen Rechners führte und innerlich der Dichter in ihm hervorbrach. An diese tragischen Jahre seines Ringens um den Künstlerberuf dachte er wohl zurück, wenn er einmal einen jungen Dichter staunend sragte: „25 Jahre sind Sie erst — und schon so heiter?"
Die ersten Anzeichen seiner Schöpferkraft, die er als Jüngling empfand, war ein visionäres Schauen gewaltiger Symbole, das ihn überfiel. „Mit 18 Jahren kam ich zum ersten Mal aus der Fläche der Mark nach dem bergigen Süden," so erzählt er von diesem Erwachen seiner Phantasie. „Da sah ich auf dem Kamme Wolken lagern. Das war mir nett, ich dachte: Hier sind ja so viele Kohlenmeiler. Aber als die Wolken zu wandern begannen, auf dem Kamm: da fiel mir ein, wie Gott dem Volke in einer Wolke erschienen! war. Davon war ich erschüttert." In der Schule des peinlichen Bureaudieilstes lernte er Selbstbeherrschung und fand endlich die Form, um diese Visionen zu bändigen und zu gestalten. Er gab seine ersten drei. Gedichtbücher heraus: „Es war mir also wie den Singvögeln ergangen, die erst im Käfig ihre volle Stimme entwickeln." Kurze Zeit stand er völlig unter den: Einfluß Nietzsches, der in dem von dem kranken Philosophen selbst noch mit Freude vernommenen „Nachruf" seinen Ausdruck fand. „Nietzsche hat mich einmal", erzählt er, „acht Tage lang völlig berauscht, die Kampfeslust der Zarathustra-Rhythmen riß mich hin. Dann trat eine ebenso völlige Ernüchterung ein. Vergebens sucht' ich nach den neuen Tafeln, ich fand nur alte Gemeinplätze in neuen Uebertreibungen, fast unwert eines so heftigen Kampfes. In dieser Ernüchterung, die einer Erschütterung glich, schrieb ich den Nachruf." Ward er hier von dem Künstler Nietzsche fortgerissen, so hat ihn später der Denker Nietzsche noch oft beschäftigt und die Grundlage zu seiner eigenen Weltanschauung geboten. Doch ist Dehmel trotz seiner höchst eigenartigen Lebenserkenntnis kein Philosoph und Prophet, sondern vor allem Künstler. „Ich will überhaupt nichts predigen!" rief er einmal aus, „schöne Verse machen will ich! Weiter nichts!" Echt dichterisch vollzieht sich sein Schaffensprozeß. Unbewußt keimt in ihm die Dichtung auf; die Form klingt in ihrem bezwingenden Rhythmus gebieterisch an; manchmal schafft er dann außerordentlich schnell tote im Rausch: so entstand ein großer Teil seines gewaltigen Romans in Romanzen „Zwei Menschen" in wenigen Wochen auf einer Nordseeinsel, und sein Drama „Der M i t me n sch" schrieb schrieb er in 31 Tagen. Häufig bietet ein Bild die erste Anregung, an die sich dann die bewußte Ausgestaltung schließt. So stand auf seinem Tisch längere Zeit eine griechische Vase, und er vertiefte sich oft in die Stellung der Bacchantin. Plötzlich stand das schöne Gedicht vor seiner Seele: „Leih mir noch einmal die leichte Sandale ...." Oder Rembrandts „Flucht der Proserpina" nimmt ihn ganz gefangen, vor allem der Glanz des goldenen Wagens. „Diesen goldenen Glanz," berichtet der Dichter, „schaukelte ich, sozusagen, in mir, ich weiß nicht, wie lange: bis mir eines Abends der Rhythmus hoch kam. Ich sehe mich noch immer, vom Abendessen aufspringen, um an meinen
Schreibtisch zu laufen und wieder eine Zeile zu schreiben. Aus der Proserpina machte ich den Apoll. Das ganze Gedicht ist also durchaus nicht aus einer Fieberstimmung entstanden, sondern kalt künstlerisch aus Bild und Rhythmus." Das so entstandene Gedicht war das berühmte „Der Bastard" aus den „Verhandlungen der Venus".
Trotz dieser starken Eiitdrücke der Kunst ist doch die Natur für Dehmel stets das Höchste. „Eines Abends," erzählt er, „kam ich in die Stadt und ging in 'ein Konzert. Viele Wochen hatte ich am See verbracht, und die beschneite Kette der Berge, die Fläche umglänztend, hatte sich wie ein Naturgefühl mir eingegraben. Nun tauchte plötzlich, nach langer Zeit zum ersten Male, Kunst an mein Ohr: Bach und Beethoven. Und Mit einem Male fühlte ich: Was will das alles, nach der Kette der Berge? Das Ewig-Stille ist nicht auszudrücken. Wozu ahmen wir es nach?" Er sucht die modernsten Erfindungen in seinen Strophen festzuhalten, und wie er selbst ein eifriger Alpinist geworden ist, so verherrlicht er Zweirad, Auto und Flugschiff. Er verehrt im Kinde die leichte Anmut und fühlt doch die Größe in der Schwere seines Ausdrucks, um derentwillen er sich einmal „ein geniales Monstrum" nannte. „Ich weiß sehr gut," schrieb er einem jungen Freunde, „was euch junge Jbykusse („Götterfreunde") an mir verdrießt; vielleicht ist es aber grade das oder doch die schlackenhafte Mitgift von dem, wodurch ich Allzumenschlicher immer noch jünger bin als ihr, durch meine erzgründliche Jnbrünstigkeit. Eines Tages, als alter Knabe, werde ich hoffentlich so geläutert sein, daß meine menschlichen Liebesgaben ganz auf eurer: jungen Göttertisch passen; aber die Inbrunst ist 6am: zum Teufel!" Und er strebt, immer leichter und lichter zu werden, um ins ganze Volk zu dringen. „Wer kennt' uns?" sagt er einmal melancholisch. „Eine schmale Oberschicht. Was kann die bedeuten, wenn sechzig Millionen die deutsche Sprache sprechen. — Da liegen die vielen Orte, uüd überall neue und überall Schicksal, — und man denkt: Diese alle ahnen garnichts von dem, was man macht... Und fühlt doch immer: für Alle!"
Des Deutschen Vaterland.
Deutschland in landschaftlicher, geschichtlicher, industrieller und kulturgeschichtlicher Hinsicht unter besonderer BerücksikbUgung bett Volkstums, unter Mitwirkung hervorragender Schriftsteller heraus- gegeben von Hermann Müller-Bohn. Mit Originalzeichnuugetk und Kopfleisten von Franz Stassen und Georg Eichbaum, Federzeichnungen von F. Fennel, einem Gemälde von R. Hellgrewe> zarbenphotographischen Aufnahmen von Hans Hildenbranü und nahezi: tausend Abbildungen, davon 17 Dreifarbentafeln, 8Dup!ex- tafeln und 16 Doppeltontafeln. Verlag der Chr. Belserschen Ver- laqsbuchhandlnng, Stuttgart. 2 Bände; auch in 45 Lieserungent ü 80 Pfg.
Der als Biograph sund historischer Schriftsteller bekannte Herausgeber dieses Werkes, Hermann Müller-Bohn, hat den glücklichen Gedanken gehabt, die Gauen unseres deutschen Vaterlandes durch hervorragende Schriftsteller behandeln zu lasset:, die in der betreffenden Gegend bodenständig sind. So weht uns aus jedem! Abschnitt dieses umfangreichen Werkes gewissermaßen Heimatlust an. Wir empfinden beim Lesen jedes Kapitels, hast der Verfasser mit ganzem Sinnen und Fühlen dabei gewesen ift als er diess Zeilet: nicdcrschrieb, die das Werden und Blühen seiner Heimat und seiner. Landsleute Branche schildern sollte. Der erste Band, der nahezu 700 Seiten in Groß-Format umfaßt, beschäftigt sich trach den geschichtlichei: und kulturgeschichtlichen Einleitungsabst schnitten von Hofrat Dr. C. Spiclmann (Zweitausend Jahre deut-! scher Geschichte), von Pros. Dir. O. Weise (Tie deutschen Volks- flamme) und von Pfarrer R. Reichardt (Deutsche Volkssitten und Festbräuche) in der Hauptsache mit Preußen und den norddeuti- schen Bundesstaaten. Eine sehr eingehende und liebevolle Würdigung erfährt — namentlich in den Kapiteln«, die der Herairs- geber Hermann Müller-Bohn geschrieben hat — die Mark, Brandenburg, -;die Wiege deS preußischen Staates", die in Poesie und Prosa wie in trefflich wiedergegebenen Bildern behandelt wird. Auch sein Berlin kennt der Herausgeber; in lebensvollen Schilderungen, in denen auch der Humor zu seinem Rechte kommt, entwirft er „einen Tag aus dem Leben der Reichshauptstadt", vom' frühen „Bolle"-Glockenzeichen bis zum letzten Zpitungsverkäusep aus der Friedrichstraße. „Berlin iuti> die B!erliner" hätte keinen! treueren und gerechteren Porträtisten finden können als den Herausgeber. >
Auch die Provinzen sind geschickten Schilderern anäertraut Ostpreußen hat in Walter Hey mann einen tiefgründigen, sachkundigen Darsteller gesunde«, Westprenßen in dem bekanntet: Reise- schilderet: und Dichter Josef Buchhorn. Die glänzende Dar- stellungskunst Buchhorns Tommt aber erst recht zur Geltung tit der Schilderung der Rheinprovinz, die er gemeinschaftlich mit bent bekannten Rheinpoeten Arthur Rchbein (Atz vom Rhyn) in fesselnden Kapiteln verherrlicht. Der bekannte Literarhistoriker!


