Ausgabe 
17.11.1913
 
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Montag, den 17. November

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Laurrnblut.

ßiontan von Gerhart v. A m y n t o r (Dagobert v. Gerhardt).

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Als der Freiherr die Depesche gelesen hatte, sagte er Mr Tochter:Welch merkwürdiger Zufall! Denke nur, Ellen: Staatsanwalt Dell wird morgen mit dem ersten Zuge zu uns herauskommen; er bringt noch einen Kriminal- Kommissarins mit und bittet mich, ihm einen Wagen zur Station zu senden."

Ellen erschrak und machte ein strenges, finsteres Gesicht.

Der Vater bemerkt es und ergreift ihre Hand:Setz' dich einmal hier ganz dicht neben mich, mein Kind!" Er zieht sie auf den nahen Sessel nieder und streichelt mit seiner derben, aderstrotzenden, behaarten Rechten ihre schlanken, rosigen Finger:Wirst du morgen dem Staats­anwalt auch recht freundlich begegnen? Ja, mein Töchter­chen? Wenn er sein Geschäft beendet hat, werde ich ihn bitten, mit uns zu speisen'; mir liegt daran, daß er sich in meinem Hause wohl fühlt. Darf ich auf deine Untere stütznng rechnen?"

Er sieht sie prüfend von der Seite an und schmunzelt verstohlen, denn sie erscheint ihm heute lieblicher denn je, und dafür, daß sie dem Staatsanwalt grollt, möchte er sie am liebsten ans Herz ziehen und gerührt auf beide Wangen küssen, denn er weiß ja, sie grollt ihm nur wegen jenes Zweikampfes, in dem der Staatsanwalt, ihm, dem Papa, geg-enübergestanden hatte.

Nun?" wiederholt er dringlicher, da ihm noch immer keine Antwort wird.

Endlich überwindet die Gefragte das trotzige Herz und stößt gezwungen hervor:Er hat dir doch damals du weißt schon nach dem Leben getrachtet."

Aber, mein liebes Kind" der Freiherr hat ihr schnell einen zärtlichen Kuß auf die Stirn gedrückt, das Umgekehrte ist eigentlich der Fall, denn ich, ich habe ihn ja leider durch einen Irrtum zu diesem Zweikampfe gezwungen, er konnte gar nicht anders, als mich vor die Waffe fordern; ich würde ihn sonst als einen feigen, ehr­losen Menschen verachtet haben."

Du, Papa, der du immer so überlegt und rücksichts­voll bist? Wie konntest dil ihn denn so tödlich beleidigen? Was war denn vorgefallen?"

Potztausend! Was so ein wißbegieriges Fräulein auch alles fragen konnte! Der ehrbare Herr Papa konnte doch unmöglich seinem Töchterchen von den Irrfahrten und Liebesabenteuern des einstigen Ulanen-Leutnants berichten! Er fuhr sich mit den wirbelnden Fingern durch den dich­ten, graugesprenkelten Schnurrbart und sagte mit dem erzwungenen Tone des Gleichmuts, aus dem aber ein leichtes Beben der Verlegenheit herausklang:So gut wie

nichts, mein Kind; ein unbedachtes Wort, ein gering­fügiges Mißverständnis beim Glase Wein, die das ohnehin heiße Blut dieser jungen Leute noch mehr entzündet!. Er hatte irgend eine meiner Aeußernngen falsch aufgefaßt und verlangte eine Erklärung von mir; mich- ärgerte seine Ueberempfindlichkeit, ich weigerte das ausgleichende Wort, und die Differenz war fertig. Du darfst ihm dies wirklich nicht nachtragen! Er ist völlig unschuldig. Der Sünder, der allein einen Vorwurf verdient, sitzt hier neben dir!"

Jst's auch wirklich so, Papa?"

Wahr und wahrhaftig, mein Kind! Ihn trifft auch nicht der Schatten eines Vorwurfes."

Ein Strahl der Freude brach aus ihren Augen. Doch schon wieder zog sie die schöne Stirn in Falten und fugte zärtlich besorgt:Papa, das mußt du mir aber heilig versprechen, wenn dir einmal, was Gott verhüte, etwas Aehnliches begegnet, dann gibst du nach, ohne weiteres, schon aus Rücksicht für Mama und für mich! Ein zweites Mal, wenn man dich etwa wieder in deinem Blute herein- trüge. ich glaube, ich würde den Schreck nicht mehr überleben!"

Zärtlich bewegt streichelte ihr der alte Herr über das seidenweiche, dunkle Haar und suchte sie zu beruhigen: Ellen! Du wirst doch nicht weinen? Ich verspreche dir, es kommt nie wieder vor."

Nie wieder, Papa?" Sie sah, wie erlöst von einem schrecklichen Alb, in seine Augen, und der Born ihrer Tränen war sofort versiegt.

Nein, gewiß nicht! Nun versprichst du aber auch mir, daß du dis dumme Geschichte endlich vergessen willst, und daß du gegen den Staatsanwalt wieder höflich und freundlich sein wirst, tote früher! Ich bitte dich darum!"

Gern, mein Herzenspapa! Du sollst dich über mich nicht zu beklagen haben."

Sie hielt auch ihr Wort. Als am nächsten Morgen der Wagen mit dem Staatsanwalt und zwei anderen Herren in den wieder aufgeräumten Hof hereinfuhr, trat sie mit den Eltrnm in die Hallentür und empfing Herrn Dell mit freundlichem Gruße.

Willkommen, Herr Staatsanwalt! Aber sehe ich recht? Wen 6ringen Sie denn da mit? Herrn Just?"

Ganz richtig Friedrich Just", erklärte, sich selbst vorstellend, der Amerikaner, deut das Blut in die Wangen geschossen war, so daß das kleine, rundliche Männchen mit dem kurz geschorenen Graukopf und den dunklen, leb­haften Augen förmlich hübsch und rosig aussah;habe den Herrn Staatsantvalt mit dem Herrn Kriminalkommissär ganz zufällig auf dem Bahnhofe getroffen, und da touren die Herren so freundlich und gestatteten mir auch ein Plätzchen im Wagen. Ich habe von dem Einbruch in der Zeitung gelesen und will mich doch persönlich überzeugen, ob der Schreck auch niemandem geschadet hat. Doch ich sehe, Ihnen, gnädiges Fräulein, hat er nichts angehabtz