Ausgabe 
17.9.1913
 
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in Dienst muß, es ist schon sechF Uhr und da geht die Arbeit an. Schreibe mir bald, wie es Dir geht und behalte lieb Deinen Dich küssenden treuen Sohn .Erich.

(Fortsetzung folgt.)

DK Ursachen der ArLerienvsrkaltung.

In einem Vortragszyklus über Herzkrankheiten, den Privatdozent Dr. Max Herz-Wien in derMedizini­schen Klinik" veröffentlicht, verbreitet sich der Verfasser auch ausführlich über die Ursachen der Arterienverkalkung. Bei der großen Verbreitung der Arterienverkalkung beanspruchen die klaren und geistvollen Ausführungen des bekannten Arztes allgemeines Interesse. Die Arterienverkalkung defi­niert Dr. Herz allgemein als einen die Arterienwand ver­ändernden Prozeß, der von der innersten Schicht des Gefäßes seinen Ausgangspunkt nimmt. Bezüglich der Entstehung dieser Veränderung genoß eine Zeitlang die T r a u b e sche Theorie großes Ansehen. Dieser berühmte Forscher glaubte, daß zuerst Blutdrucksteigerungen im Gefäßsystem aüftreten, welche die Gefäßwand in höherem Grade in Anspruch neh­men und so zu deren Verkalkung führen.

Dieser Gedanke war zwar sehr einfach, aber die darauf sich technisch rasch entwickelnde Blutdruckmessung zeigte bald, daß die Blutungssteigerung gar nicht unbedingt zum Bilde der Arterienverkalkung gehört. Nunmehr tauchte die Theorie auf, die Arterienverkalkung seit eine Abnütznngskrankheit, eine Auffassung, die sich ziemlich allgemeine Anerkennung erworben und als sehr fruchtbar gezeigt hat. Die Gefäße, die zu stark in Anspruch genommen werden, verändern sich. Doch tritt die Arterienverkalkung nicht als ein ausgleichen­der Vorgang auf, der das Organ funktionstüchtiger macht (etwa wie die, Vergrößerung des Muskels durch Uebung), sondern als ein solcher, dessen Endprodukt sich uach Prof. Romberg treffend mit der schwieligen Hand des Arbeiters vergleichen läßt. Aber nicht jeder Mensch, der ein verkalk­tes Gefäß besitzt, leidet an Arterienverkalkung. Der Begriff der Arterienverkalkung im Sinne des praktischen Arztes setzt voraus, daß wichtige Gefäßgebiete verändert sind. Eine geschlängelte Schläfenarterie gibt noch nicht das Recht, den betreffenden Menschen auf Arterienverkalkung zu behandeln. Die Beachtung des Arztes verdienen nur die Veränderungen, welche die Gefäße lebenswichtiger Organe betreffen, vor allem die Veränderungen der Gehirngefäße, der Herzgefäße und der Nierengefäße.

Ueber die näheren Ursachen der Arterienverkalkung herrscht unter den Aerzten große Unsicherheit. Trotz der vor- auszusehendcn Schwierigkeiten hat sich Dr. Herz vor zwei Jahren mit einer Rundfrage über die Ursachen der Arterien­verkalkung an die Gesamtheit der österreichischen Aerzte ge-' wandt. Das Ergebnis dieser Umfrage war sehr nieder­drückend. Bei ganz gleichem Krankeumaterial tauchten völlig entgegengesetzte Behauptungen auf.Von zwei Aerzten, die in derselben , Gegend tätig sind, sagt z. B. der eine: Ich prak­tiziere seit vielen Jahren in einer Weingegend: ich kann die Verhältnisse genau beurteilen; der Wein ist an allem schuld. Der andere leitet ebenso ein, aber er kommt zu dem entgegengesetzten Schluß: Der Wein ist sicher nicht die Ur­sache, der Arterienverkalkung. Soweit gehen die Meinungen auseinander. Nur ein Gesichtspunkt hat sich zumeist als Rich­tung gebend in den Auffassungen der praktischen Aerzte er­wiesen und zwar gerade derjenigen, der bei den Klinikern wenig oder gar nicht beachtet zu werden pflegt: die Seele des Kranken. Von den Faktoren, die überhaupt für die Ent­stehung der Arterienverkalkung in Betracht gezogen werden müssen, pflegt vor allem die körperliche Arbeit erwähnt zu werden. Daß tatsächlich körperliche Arbeit Arterienverkalkung Hervorrufen kann, ist ganz sichergestellt. Bei Menschen, die mit den Händen sehr viel arbeiten, sind sehr häufig die be­treffenden zuführenden Gefäße verkalkt. Bei Bäuerinnen, die viel auf dem Felde arbeiten und ihre Beine anstrengen müssen, tritt die Arterienverkalkung häufig an den Beinen auf, welche Lokalisation bei der Städterin außerordentlich selten ist. Diese Ursachen erklären aber nicht die Verkalkung der Herz-, Nieren- und Hirngefäße, die wir bei der arbei­tenden Bevölkerung antreffen. Nach Dr. Herz ist es nicht gerade die, Arbeit an sich, die diese Verkalkung herbeiführt, sondern die mit der schweren Arbeit einhergehenden Um­stände, vor allem ungenügende Ernährung und Sorge und Kummer. Daß unter anscheinend ganz gleichen Verhältnissen

nur einzelne Individuen an Arterienverkalkung erkranken, erklärt sich nach neueren Autoren aus einer meist erblichen Anlage der Gefäße der Arterienverkalkung. Das Gefäßsystem verhält sich bei vorhandener Anlage ähnlich wie das Zentral- Nervensystem bei der Rückenmarksschwindsucht. Der Rücken­marksschwindsüchtige ist durch die Syphilis veranlagt, in dem Teil seines Nervensystems zu erkranken, der am meisten in Anspruch, genommen wird. Werden die Beine am meisten beansprucht, erkrankt er zuerst an diesen. Ein ähnliches Ver­halten zeigt auch die Arterienverkalkung. Diejenigen Gefäße aber, welche am, lebhaftesten auf die großen Ereignisse im Reiche des Gemüts reagieren, sind gerade die Hirn-, Herz- und Nierengefäße. Außer der körperlichen Arbeit kommen für die Entstehung der Arterienverkalkung auch Stoffwechsel­störungen, vor allem Zuckerkrankheit in Betracht. Auch die Ernährungsweise spielt eine gewisse Rolle. Von den Genuß­mitteln wird vor allem der Alkohol angeklagt. Nach Dr. Herz verdankt aber die Arterienverkalkung weder dem Alko­hol no chdemNikotin ihre ungeheure Verbreitung. Was den Alkohol betrifft, so ist eine Statistik aus Südfrankreich, die aus einer Gegend stammt, wo schon die Kinder Alkohol erhalten und wo, Frauen und junge Burschen täglich 3 bis 5 Liter Wein trinken, sehr lehrreich. Dort ist nämlich die Arterienverkalkung nicht häufiger als anderswo. Nicht so günstig ist die Statistik bezüglich des Schnapses im all­gemeinen und, der alkoholischen Getränke in den großen Städten. Da die erwähnte Landbevölkerung nur unverfälsch­ten Eigenbau genießt, vermutet Dr. Herz, daß die Fuselöle des Schnapses und des verfälschten Weines, also nicht der Methylalkohol, die schädliche Wirkung ausüben. Bezüglich des Nikotins gilt ähnliches wie für den Alkohol. Wenn auch nicht geleugnet werden kann, daß Nikotin tatsächlich Arterien-Ver- kalkung erzeugt, so ist es doch unwahrscheinlich, daß das Rau­chen die Schuld an der großen Verbreitung der Arterien­verkalkung trägt, denn man findet bei Leuten, die an Ar­terienverkalkung leiden, ebensohäufig Tabakabstinenten und mäßige Raucher, wie stärksten Tabakmißbrauch bei sehr ge­sunden Greisen. Im Gegensatz zu den in der gelehrten Lite­ratur in den Vordergrund gerückten Ansichten, betrachten die meisten erfahrenen Praktiker die nervöfe oder seelische Ursache für äußerst wichtig. In der Praxis bieten sich nach Dr. Herz oft Bilder dar, die so imposant und überzeugend sind, daß unter ihrem Eindruck niemand zweifeln kann, daß seelische Verletzungen Arterienverkalkung erzeugen können. Dr. Herz erwähnt das Beispiel einer Frau, die früher voll- kommen gesund war, bis ihr eine ihrer Töchter verdarb. Der Gram verzehrte sie fast buchstäblich und sie starb unter den hysterischen Schreien ihres zu spät bereuenden Kindes an Verkalkung der Herzgefäße.

Derartige Fälle sind häufig. Eine solche seelische Theo­rie der Arterienverkalkung entspricht durchaus dem Stande der modernen Wissenschaft, die zahlreiche Beweise dafür hat, daß Gemütsaffekte körperliche Veränderungen Hervorrufen können. Dr. Herz erwähnt auch einen erst kürzlich gehaltenen Vortrag des berühmten Forschers Siegmund Exner über die körperlichen Aeußerungen der Gemütsaffekte. Exner hat da­bei auf Experimente hingewiesen, die beweisen, daß selbst beim Tiere Zusammenhänge zwischen dem Bewußtsein und dem Kreislauf bestehen. Beim Menschen sind diese Zusam­menhänge zwischen dem Gemüt und dem Gefäßsystem ja längst bekannt. Beim Zorn oder bei der Freude erweitern sich die Gefäße und die Haut wird rot. Bei Affekten pein­licher Natur wird die Haut blaß. Bei gewissen Erregungen wird Harndrang hervorgerufen oder Herzklopfen und auch der Darm wird häufig stark beeinflußt. Es ist klar, daß bet intensiver und häufiger Einwirkung solcher Impulse leicht Abnutzungserscheinungcn der Gefäße auftreten können und zwar am leichtesten in den eben erwähnten Regionen. So erklärt sich also, wie Gemütserregungen nicht nur zu einer Verkalkung der Gehirngefäße, sondern auch der Nieren-, Herz- und Darmgefäße führen können.

Vermischte».

kf. Das amerikanische Susfragettenkostüm. Die amerikanischeit Suffragetten haben jetzt die wichtige Toiletten- srage gelöst und einSuffragettenkostüm" ausgearbeitet. Der ganze Charakter dieses Kostüms liegt, wie zu erivarten stand, in der Anähnlichung der Frauentracht an die der Männer. Glatter, sußfreier Rock, darüber eine unten spitz zulausende Weste, aus deren hohem Ausschnitt Kragen und Krawatte hervorsehen, wie beim Manne. Darüber ein dreiknöpfiges, halbrmtd abgeschnittenes