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Muttersöhnchen, sagt Hedwig Gassen, weil ich manchmal weine, aber dann schäme ich mich und unterdrücke das Weinen. Sie ist unser Zimmermädchen und mit auf meiner Etage. Ich habe die vierte Etage, wo es fast keine Trinkgelder giebt und man gar nicht französisch lernen kann, weil alles deutsch spricht.
Aber jetzt muß ich aufhören, weil März schon wieder schimpft und will das Licht auslöschen und es morgen dem Direktor sagen. Ich habe so Sehnsucht nach Frohwinkel, liebes, liebes Muttchen und grüße und küsse Dich viele male als Dein treuer Sohn Erich Sanner.
Lausanne, den 12. Mai 1885.
Liebes Muttchen. Heute nachmittag habe ich frei und da will ich Dir gleich schreiben. Meinen letzten Brief hast Du doch sicher erhalten? Nun will ich Dir weiter erzählen, wie es mir noch auf der Reise ging, wo ich bei der Rudelsburg aufgehört habe. Gleich neben der Rudelsburg steht noch eine Burg, aber die ist nicht mehr da und steht nür noch ein Turm von Ihr. Dann ging es immer weiter und kamen wir nach Weimar, wo Schiller und Göthe gewohnt haben, die beide Dichter sind. Daß Fräulein erzählte mir, das Sie recht berühmt sind und Klassiker genannt werden, was ich nicht weis. Aber wir fuhren gleich wieder weiter und konnte ich Sie nicht besuchen weil Sie schon lange tot sind. In Erfurt hatten wir längeren Aufenthalt und da bin ich mit dem Fräulein in den Wartesahl gegangen und da haben wir gegessen und ein Glas Bier getrunken. Es war sehr schön und dann ging es wieder weiter. Aber ich habe mich recht amüsiert, weil an den Bahnhöfen immer so kleine Pikkolos herumliefen, die trugen Bier und warme Würstchen und sonst was und riefen immer das man es am ganzen Zug hören konnte: „Bierrrr! Warrrrme Würrrrstchen! Arrromatik!" fvas eilt Schnaps ist und gut für Leibweh sein soll. Er wird m Dietendorf gemacht, wo wir von Erfurt aus hinkamen und die Pikkolos wieder riefen: „Arrrromatik! Arrrromatik!" und gleich ganse Flaschen an die Kubees brachten.
Und dann kanten wieder Burgen, oder Ruinen, wovon aber eine noch steht und unbewohnt ist und drei Gleichen heißen. Dort hat ein Ritter gewohnt, der hat zwei Frauen zugleicherzeit gehabt und ist glücklich gewesen bis an sein seliges Ende, erzählte mir das Fräulein. Die Eine wahr eine Heidin und lag rechts, die Andere wahr eine Christin und lag links und der Ritter in der Mitte, wie es jetzt noch abgebildet wird und haben Sich nie gezankt.
Dann hat mir das Fräulein einen Berg gezeigt, der heißt Hörselberg und darin soll eine Frau Venuß wohnen mit einem Ritter Tannhäuser, den Sie nicht wieder rausläßt weil Sie ihn so lieb hat. Er ist gans kahl und sieht recht graußlich aus, weil gar keine Bäume darauf wachsen.
Und dann kam Eisenach mit der Wartburg, wo ein Ritter gesagt hat: Wart Berg, Du sollst mir eine Burg werden und da ist die Wartburg daraus entstanden. Dort hat die heilige Elisabeth gewohnt, die eine große Heilige wahr und Brot in Blumen verwandelt hat, weil ihr Mann so zornig wahr, das Sie zu den armen Leuten ging. Die Burg ist gans und gar hisdorisch, sagt daß Fräulein und ein Ju- wehl, was ich glaube, weil Sie sehr schön liegt und aussieht, wenn auch noch keine Blätter an den Bäumen sind.
Auf der Wartburg hat auch Doktor Martin Luther lange Zeit verborgen gelebt, wo er den großen Tintenklecks an die Wand gemacht hat, weil ihn der Teufel immer verfolgte. Daß soll aber gar nicht wahr sein, erzählte mir das Fräulein, weil der Klecks gar nicht mehr da ist und nur noch ein großes Loch in der Wand, was die Engländer gemacht haben sollen, weil Sie den Klecks zum Andenken immer abgekratzt haben. Sie müssen überhaupt komische Leute sein, die Engländer, und sollen für ein Stückchen von dem Klecks große Summen geboten haben. Wenn daß unser Herr Lehrer gewußt hätte, der über unsere Kleckse in den Heften immer so schimpfte? Aber ich weis nicht, ob die Engländer für unsere Kleckse etwas anderes geben würden, als der Herr Lehrer, nämlich Prügel.
In Eisenach soll auch ein gewisser Reuter gelebt haben, erzählte mir daß Fräulein, der so schön plattdeutsch schrieb, was ich aber nicht weiß wie daß ist. Aber er ist sehr berühmt, und wahr früher Inspektor Bräsig, ehe er Schreiber wurde.
Dann kamen noch ein paar Burgen und ich wurde müde, weil daß Fräulein auch in Bebra aussteigen mußte, um in einen anderen Zug zu gehen. Ich habe nun geschlafen und War dann in Frankfurt, wo ich mich recht geängstigt habe, weil der Bahnhof so groß ist, das man den Kölner Dohm
bequem hineinstellen kann, erzählte mir einer, der nach Frankfurt mit fuhr. Aber ich fand mich doch zurecht, weil ein alter Mann, ein Schaffner, mir half und brachte mich richtig an meinen Zug, wo es dann wieder weiter ging. Wir sind immer durch schöne Gegenden gefahren, und habe ich' auch Weinberge gesehen, wo der Wein wie auf dem Felde wächst. Am Heidelberger Schloß sind wir vorübergefahren, was wieder eine großartige Ruine ist und von den Franzosen zerstört wurde.
An der Schweizer Grenze mußte ich meinen Koffer aufmachen und haben Sie darin herumgewühlt aber nichts fortgenommen und konnte ich dann wieder zu schließen. Das wahr so komisch, ich verstand die Schweizer gar nicht, die sprechen alle deutsch und doch ist es gans anders als wie bei uns. Mir komnit es so vor, als ob Sie mit dem Bauche reden, weil Sie die Töne immer gans hinten hervorholen, und klingt so rauh. Aber Sie sollen es nicht so meinen und gans gute Leute sein und Ihr Land sehr lieben, weshalb die Preise für die Fremden dort so teuer sind.
Dann wurden die Berge immer höher, und es wurde immer indressanter und ich habe mich mit dem ganzen Oberkörper aus dem Fenster gelegt, um Alles sehen zu können, obgleich daß streng verboten ist, aber es hats keiner gesehen.
So bin ich endlich nach Genf gekommen, daß am Genfer See liegt der auf französisch aber Lac Sem an heißt und doch gans deutsch klingt, denn Lehmann heißt doch unser Bäcker in Frohwinkel. Als ich daß hörte, bekam ich wieder rechtes Heimweh, aber ich habe es tapfer unterdrückt und jetzt kommt es nur noch manchmal ein bis'chen. Wir fuhren erst immer um den See herum und sahen Ihn oft tief unter uns leuchten, weil wir oben auf der Höhe fuhren. Es wahr wunderschön und wurde ich gans andächtig gestimmt, wie in der Kirche, so feierlich und ernst wahr mir zu Mute. Ich wahr fast gans allein in meinem Kubee und da habe ich still die Hände gefaltet und gelobt, immer.ein guter Mensch zu bleiben. Es wurde mir dann so leicht und froh ums Herz, wie es mir immer wahr, wenn ich mit Dir aus unserer Barfüßerkirche kam und der liebe Herr Pastor Töpfer so wunderschön gepredigt hatte. Weist Du Mutter, an den Herrn Pastor mußte ich immer denken, als ich durch' daß wunderschöne Land fuhr. Mir fielen seine Worte ein, die Er zu mir sagte, als ich Ihm Adieu sagte und nochmals für alles dankte, was Er mir und Dir erwiesen hat. Ueberall ist unsere Heimat, lieber Erich, wenn wir den Herrn im Herzen tragen. Denke daran, wenn Du Sehnsucht nach der Heimat bekommst, es wird Dich trösten. Als ich an diese schönen Worte dachte, kam mir das fremde Land mit einem Male so lieb und bekannt vor, als hätte ich immer dort gelebt und als müßte ich beim Aussteigen mein Mütterchen vorfinden. Daß fand ich zwar nicht aber ich wahr doch nicht gans verlassen, als ich in Genf ankam. Denn Mila Cernau, daß Fräulein aus Rüßland, daß vor einigen Jahren im „Schwan" in Frohwinkel wohnte, stand mit einem Herrn am Bahnhof und wahr gans überrascht, als Sie mich sah und ich natürlich auch. So hat der gute Herr Pastor schon recht gehabt und ich fand auch in der Fremde ein Stück Heimat, denn Mila Cernaus Mutter ist ja in Frohwinkel geboren, wie Du weißt. Ich war erst sehr traurig, denn der Herr bet Mila wahr Ihr Mann und sind Sie erst seit vierzehn Tagen verheiratet und auf der Hochzeitsreise. Sie wahren mit demselben Zug gekommen und wollten ein paar Tage in Genf bleiben. Herr Schmasow, so heißt Mila Ihr Mann, war sehr nett zu mir, nachdem Mila Ihm erzählt hatte, wer ich bin. Sie haben mich mit in Ihr Hotel genommen und hat Herr Schmasow auch für mich die Rechnung bezahlt. Abends haben Sie mich mitgenommen und wahren wir sehr lustig und vergnügt. Ich habe mich erst darüber gewundert, aber wenn ich es mir überlege, kann ich auf Mila doch nicht böse sein, denn Sie konnte wirklich nicht so lange warten, bis ich was geworden bin und dann hat Sie es ja auch gar nicht gewußt. Ich wahr immer zu schüchtern, es Ihr zu sagen und dann wahr Sie fort. Ihr Mann ist sehr gut zu Ihr und verwöhnt Sie und ich glaube, Sie hat Ihn auch gans lieb. Sie nannte mich immer noch Erich, aber ich habe mich nicht getraut Mila zu sagen und nannte Sie gnädige Frau, was ich in Frohwinkel schon gelernt habe und gans hübsch geht. Dann haben Sie Partien gemacht, und ich habe Sie nicht mehr wieder gesehen, weil ich ja so schnell nach hier reisen mußte.
So nun habe ich Dir alles erzählt, liebes Muttchen, was ich erlebt habe und will nun schließen, weil ich wieder


