Mittwoch, den 17. September

BSU

autg~H'.Noii~77lassen?

röSollol

ÄMW

ÄjAWfilVr ®ÄMi

'MW

ML

[; iaw».wa^ii«igniK<ii>saHi;

Dom Pikkolo zum Millionär.

Heitere Erzählung von Harry Nitsch.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Lausanne, 8. Mai 1885.

Mein liebes Muttchen. Nun will ich Dir gleich ant­worten, weil ich Deinen Brief bekommen und mich sehr dar­über gefreut habe, und gans froh und vergnügt damit die Drevpe herauf gesprungen bin, als der Konziersch, so nennen sie hier nämlich den Hotelportjeh, mir den Brief unten ge­geben hat. Nun will ich Dir auch erzählen. Wie ich von Frohwinkel weg wahr, habe ich noch tüchtig geweint und zwei Herrn, die mit im Kubee waren, haben gelacht, aber eine alte Frau hat mich gestreichelt und mir zugesprochen und da wahr rch gleich viel froher und habe nicht mehr geweint. Wo ich nach Dresden kam wahr der gute Onkel an der Bahn und sind wir überall gewesen. Im zoologischen Museum waren lauter ausgestopfte Tiere, Löwen, Tiger und Bären und daß sah recht indrcssant und schön aus. Ich habe mich erst ge­fürchtet, aber daun nicht mehr und hätte die schönen Tiere gestreichelt, aber daß ist verboten, weil sie giftig sind und Sie sonst die Hahre verlieren, sagt der Onkel, der gar keine Hahre mehr hat und Dich grüßen läßt.

Auch in der Hofkirche wahren wir aber die ist gans ein­fach und haben dann im Restaurant Mittagbrod gegessen, wo der Onkel mir eine ganze Porzjohn Sauerbraten mit Vogtländer Klößen und ein Glaß Bier gekauft hat. Und dann hat mir der Onkel eine Ziehgarre gegeben, aber da machte der Onkel nur Spaß, er hat Sie dann selbst geraucht, weil Ich noch gar nicht rauchen kann.

In Loschwitz wahr es sehr schön. Dort hat Schiller ge­wohnt, der die Glocke von Schiller gemacht hat und über­haupt ein Dichter wahr sagt der Onkel. Wir haben lauge oben auf dem Berg gestanden, drüben über der Elbe liegt Blase­witz mit Schiller seinem Garten, der deshalb auch Schiller­garten heißt und ganz und gar hisdorisch ist sagt der Onkel. Aber so hoch wie hier sind die Berge lange nicht, vielleicht halb so hoch und nicht einmal, weil dies hier die richtige Schweiz ist und bei Dresden noch nicht einmal die sächsische Schweiz, die erst hinter Pirna anfängt.

Dann bin ich von Dresden wieder abgereist. Der gute Onkel hat mich auch an die Bahn gebracht und hat mir das Billet gekauft und hat dem Schaffner eine Ziehgarre ge- geschenkt, damit ich gut ankomme. Der hat Sie eingesteckt und dann gings loß, wobei der Onkel so lange mit seinem Schnupftuch winkte bis ich weg wahr. Und da wahr ich wie­der recht traurig und mußte weinen und habe so an Dich gedacht. Dann kamen wir nach Leipzig, da wahren wieder viele Leute, die stiegen ein un'd aus und wahr es wie ein Biehnenschwarm. Aber mit mir wahren alle gut, uud einer hatte eine Drehorgel mit, und hat gespielt und da haben

die andern getanzt und gesungen, was aber nur in der vier­ten Klasse erlaubt ist wo man lustig sein darf. Einer hat Zaubern können und hat gezaubert. Darauf wahr einem andern seine Uhr weg und der Zauberer auch und da haben sie alle geschimpft und geflucht und den Orgelspieler ver> hauen und gesagt er sei schuld weil er ein Spitzbube sei und mit dem Zauberer unter einer Decke stecke.

Er wollte dann mit mir freundlich sein und schielte immer nach meinem Koffer und meinte ich thät wohl aus­wandern, weil ich so viele Sachen hätte, aber ich habe ihm nicht viel geantwortet und dann stieg er aus.

Ein junges Fräulein, die zu ihrem Bräutjam fuhr, war sehr freundlich zu mir uud gab inir ihr halbes Butter­brot und erklärte mir die Gegend. Das ging, als ob wir Vögel wären, und ist so komisch, weil es ganz so aussieht, als ob inan feststeht und nur die Bäume und die Felder vorüberfliegeu. Das Fräulein nannte das optische Täuschung und ist ein gelehrtes Fremdwort, !vas ich nicht verstand. Die Telegrapheudrähte rieben dem Zug gehen immer auf und nieder, und das sieht ganz komisch ans und machte mir viel Spaß.

Dann kamen wieder Berge und die sahen alle so kahl aus, weil es Laubbäume sind und ja noch kein Laub darauf ist. Nur einige hatten schon Helle grüne Blätter, und sahen sehr hübsch aus mit den Tannen dazwischen, die immer grün sind, weil sie Nadeln haben.

Auf einigen der Berge stehen alte Häuser mit Türmen, die sind ganz zerfallen und heißen Ruinen, weil Sie früher Burgen waren, wo Ritter wohnten und das Land beherrscht haben. Das Fräulein zeigte mir die Rudelsburg, die liegt gleich wenn man nach Thüringen hineinkommt, an der Sahle, was ein Fluß ist und wo ein Dichter, aber nicht Schiller, den ich aber nicht kenne, das Lied gemacht hat:

An der Sahle Hellem Strande, Stehen Burgen fest und kühn. Ihre Mauern sind zerfallen, Und der Wind streicht durch die Hallen, Wolken ziehen drüber hin.

Du kennst ja daß Lied, weil wir es immer in der Schule sangen und daß ist die Rudelsburg, die ich nun selbst ge­sehen habe. Sie ist sehr schön, hat einen spitzen Thurm, viele Mauern und sieht gelb aus. Aber Wolken zogen keine drüber hin, weil blaner Himmel wahr.

Aber jetzt muß ich wieder aufhören, weil mein Kollege schimpft, ich soll das Licht ausmachen, weil wir nach elf Uhr keins mehr brennen dürfen und es schon ein halb zwöls ist. Wir wohnen zu Zweit in einem kleinen Zimmerchen und ist Er ein langweiliger Mensch, der immer nur schlafen will, und nichts sagt außer schimpfen. Er ist auch Kellner und neunzehn Jahre alt aber versteht gar nichts und wird wohl bald wieder fliegen sagen die andern. Morgen schicke ich den Brief ab und schreibe Dir bald wieder, was ich alles ge­sehen habe. Mir geht es gut und Dir hoffentlich auch. Ich habe immer noch großes Heimweh und wäre ein rechtes