Ausgabe 
17.7.1913
 
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Kaus^ sind und gchcnrath haben, ist nicht zu loben, tvarum, sie sind dem Land untreu gemeßen." Der andre Brief, an den Gerichtsschöffen Linncnstruth gerichtet, sei wegen seines eigen­artigen Stils vollständig miedergegeben.Ich kau nicht unter­laßen, Sic durch Einige Zeilen zu berichten, indem wir gestern atzrnhain verlaßen haben, und feind nach Lautern Capon i----Qucck- born) und gcbenroth (--- Göbelnrod) verlegt worden, ich habe vor- gcnommcn gehabt, die verflossenen Feiertage Sie zu besuchen, weilten wir aber zweymal Cantonierung schanschiert haben, (= die Ortsunterkunft gewechselt haben) nemlich von atzenhain nach grünbcrg und wiederum nach atzenhain, so befand ich mich ge­hindert, sonsten hätte ich mich bei Ihnen eingetroffen. Ich hoffe aber unverzüglich einen Besuch bch Ihnen zu machen, wann weiter nichts neues vorfält, und wann Sie solten einmal sich in der Gegend befinden, so werden Sie mir große Gefälligkeit bei) leisten und mich zu besuchen. Ich loschier beh Johann Michael Wilhelm Schultheiß in Gcbenroth. Hirmit wünsche ich Ihnen wie auch Jhreni gantzen Kaust gute Gesundheit, glück heil und fegen, und verbleibe Ihr getreuer Freund Hornberger Sergant." Horn­berger hatte wochenlang hier in Quartier gelegen und cs hatte sich zwischen ihm und seinem Quartierherrn Linnenstruth ein freundschaftliches Verhältnis gebildet,

Im Dezember 98 hörten die Kricgsfuhrcn und -lieferungen aus, die Franzosen waren abgezogen. In einer Bekanntmachung an die thalischen Ortschaften gibt das Amt Gr.-Buseck diefrohe Nachricht" den Bewohnern zn wissen mit dem Bemerken,daß von nun an die hin und wieder befohlenen Fouragc-Licferungcn in die Magazine aufhören und kein Ort an das andre weiter etwas mehr zu leisten habe. Dieses ist sogleich von,Haus zu Haus be­kannt zu machen". Sv war denn Ruhe in unserm Dörfchen cin- gekehrt, und die Einwohner atmeten erleichtert auf. Doch hatten die Jahre 1796 bis 98 der Gemeinde so übel mitgespielt, daß noch in den folgenden Jahren bis 1803 Kriegssteuern erhoben wurden. Und wie lange sollte man sich des köstlichen Friedens freuen? Bereits 1805 rückte Napoleon seit 1804 Kaiser der Franzosen mit 5 Heeren in Deutschland ein, besetzte deutsche Länder und erhob ungeheuere Kriegssteucrn. Wieder begannen die Kriegslasten und drückten unsere Gemeinde. Auch in den Jahren 180609 mußten Bagage- und Fouragefahrtcn geleistet und Naturalien in die französischen Magazine geliefert werden. Nachdem Napoleon 1805 die Oesterreicher und Russen bei Austerlitz besiegt hatte, stiftete er 1806 den Rheinbund, dem auch Hessen beitretcn mußte. Als nun 1809 Oesterreich den Kampf mit dem Korsen nochmals wagte, da benutzte Napoleon die Rhein­bundstruppen als billiges Kanonenfutter. Auch aus unserem Dorfe mußten einige junge Männer das Gewehr für Frankreich tragen. Die Namen von 5 Teilnehmern, nämlich Johann Jakob Böcher, Faulstich, Bauernfeind, Ludwig Schneider und Chelius sind in einem noch int Original vorhandenen Feldbriefe des erstgenannten zn finden. Der interessante Brief lautet:Dachau, den 26. April 1809. Liebe Eltern! Wir sind jetzt deut Feinde schon sehr nahe gekommen und stehen fast an der Spitze dieser Flanke, ohngefähr 16 Stunden von Tyrol. 2 Tage vor unserer .Ankunft sind die feindliche Batrouillen noch hier gewesen, wir aber haben bis heut noch keine gesehen, nur einige Transport gefangenen. Unsere Garde Garde- und Leibfüsiliere, aber sind schon weiter, ohngefähr 40 Stunden vor, das heißt seitwärts. Die Throler Bauern sind sehr arge Spitzbuben, die haben den Bahern sehr großen Schaden getan, die Augen ausgestochcn, tobt geschoßen und noch auf mehrere Arten mißhandelt. Man spricht von 15 000 manu, welche die Bayern in dem garstigen Land cingebüßt hätten, ich kann cs aber nicht behaupten, ich glaub wenigstens, daß man was absetzen könne. Wir sehen aus dem Throlischen Gebürg noch alles mit Schnee überzogen, welches uns keine große Hitze auf den Vorposten verursacht. Tag und Nacht müssen wir bereit sein zum vorrücken. Denn die Throler Bande Batrouillirt stark in der Gegend von München, da haben wir nur 3 Stunden hin, die Kaiserlichen hatten es schon besetzt, aber jetzt sind keine mehr drinnen, sie schweben aber immer drum her, und wer weiß, ob wir nicht heute oder morgen dahin inüßen, um cs zn besetzen, oder wenn die Kaiserlichen wieder drinn sehn, cs ein zunehmen. Bis dato hat mich mein Gott noch Gesund erhalten. Er wird mich auch ferner hin beschützen, denn der Spruch sagt: Bau auf Gott in Kriegsgefahren, denn er weiß dich zu bewahren, Er kann machen, daß die Feinde werden deine besten Freunde. Hiermit wollen leit beschließen, der Faulstich, der Bauernfeind und der Ludwig Schneider sind noch Gesund, und der Chelius ist den 18. April vor Augsburg an uns vorbeymaschirt, da habe ich kaum ihm die Hand bieten, und ein Wort mit ihm sprechen können, und von den übrigen (also waren es mehr als 5) weiß ich. gar' tiichts. übrigens grüße ich euch alle vielmal was macht mein Kind und seine Mutter sehn sie noch Gesund, Ich schließe sie alle in diesen Gruß ein. Ledet wohl ich erwarte baldige Antwort und bin Euer getreuer Sohu Johann Jakob Böchcr 1. Bat: Lcib- regiment H. Zimmermanns Compagnie." Auch seinen letzten Sold hatte der Briefschreiber nach Hause gesandt. Kurz darauf sollte er ein beklagenswertes Ende finden. In mehreren Ge­fechten wurde Erzherzog Karl von Oesterreich an der Donau xurückgedrängt. In einem dieser Gefechte geriet eine Abteilung Lessen in der Dunkelheit in das berüchtigteDachauer Moos", i Me große Sumpfstrecke an der Donau, und kam elend

um. Dabei befand sich auch Böchcr. Brief und Soldmünzen werden von der Familie Graulich als teures Andenken auf- bewahrt. Wer von den übrigen Kriegsteilnehmern nicht wieder­kehrte, dessen kann sich niemand mehr im Dorfe genau erinnern, auch die Kirchenbücher zu Winnerod schweigen sich darüber aus.

Nach knapp 3jähriger Pause unternahm Napoleon 1812 seinen kühnen Zug nach Rußland, der die Welt in Erstaunen setzte. Ein Heer von 600 000 Mann, darunter viele Rheinbundstruppcn, setzte sich int Frühjahre in Bewegung. Wie Meereswogen, schier unwiderstehlich fluteten die vielen Tausende durch die Wetterau und die Dörfer des Buseckcr Amts, durch den Ebsdorfcr Grund nach Marburg hinauf. Die gewaltigen Durchmärsche und das herausfordernde Benehmen der übermütigen Franzosen hatte unsere Bewohner so eingeschüchtert, daß sie sich in den Kellern Und auf den Böden versteckten und nicht wagten, ihre Häuser zu verlassen. Sie fürchteten auch, als Wegsührer mit Gewalt mitgeschleppt zu werden. Wieviele und welche jungen Männern aus Bersrod mit nach Rußland zogen, läßt sich leider mit Bestimmtheit nicht mehr feststellen, denn in der Leute Erinnerung wurden bald die Teilnehmer von 1809 und 1812 verwechselt, was sich aus der Nähe der beiden Daten und dem Umstande erklären läßt, daß einige, die 1809 glücklich zurückkamen, 1812 das Gewehr wieder schultern mußten. Mit Sicherheit lassen sich nur noch 3 Namen melden: Spaar, Schneider (schon 1809) und Damm, der erst 18 Jahre alt war. Es sind ihrer aber mehr gewesen. Zurückgekehrt find nur Spaar und Damm. Wo die andern geblieben, wo ihre Ge­beine modern, locr vermöchte das zu sagen? Rührend war der Schmerz der Mutter des Schneider um ihren Sohn. Sie stieg ost auf den Boden des Hauses und schaute nach den Wolken, die von Osten zogen; sie kamen ja aus Rußland, wo ihr .Kind sein junges Leben gelassen hatte. Sie behauptete fest, einst fet ihr aus einer dorther kommenden Wolke ein Blutstropfen, gewiß von ihrem blutenden Sohne, aus die Hand gefallen. (Vergleiche hierzu:Der tote Soldat" von G. Seidl.) Von diesem Glauben war sie nicht abzubringen. Wieviel Tausenden von Mütter» ist es wohl ähnlich ergangen! Und alles Elend, aller Jammer hatte als Ursache den einen Mann: Napoleon. Doch auch er sollte erfahren: Wer Wind säet, wird Sturm ernten. Er kam, der Sturm, der mit Allgewalt denSchlächter der Menschheit" und das verhaßte Franzosenpack mit eisernen Besen zum deutschen Lande hinausfcgte. Die Völkerschlacht bei Leipzig ward geschlagen, Napoleons Macht zerbrochen. Zum Beweise, daß selbst Napo­leons alte Soldaten seinen Untergang vorausfühlten, sei hier eine kleine Episode in unserem Dorfe wiedergegcben. Bekanntlich zog der Kaiser vor der Leipziger Schlacht noch junge, ungeübte Trup­pen aus Frankreich heran. Unterwegs wurden diese ein wenig exerziert, um sie einigermaßen zu Soldaten zu machen. Ein solcher Trupp war auf_bcm Hinmärsche in unserem Dorfe ein- guartiert. Ein alter Sergeant übte die jungen Leute auf dem freien Platze inmitten des Dorfes ein. Neugierig schauten die Leute zu. Nichts wollte klappen. Aergerlich drehte sich der Korporal nach den Zuschauern um und rief:Es is nix mit de Buwe, is alles velorn!" Bald nachdem die Kunde von der Leipziger Schlacht hierhergedriingeit Ivar, erschietien auch die ersten Preußen in Bersrod, und nun folgte Einquartierung auf Ein­quartierung. In bunter Reihenfolge erschienen die glorreichen Streiter von Leipzig: preußische und österreichische Linientruppen, sächsische und Hreußischc Landwehr, Russen und Kosaken. Als die ersten Russen sich dem Dorfe näherten, , eilten die Weid- buben erschreckt heim und rieten:Die Russen kommen! Die Russen kommen!" Sie leben in der Erinnerung als im allge­meinen gutmütige Leute fort. Ihr Lieblingsgericht forderten sie mit dem WortKapustcr", ein Gemisch von Sauerkraut und Kartoffeln. Ueberhaupt waren sie int Essen nicht wählerisch und feinschmeckerisch wie die Franzosen, aber man sah mit Staunen, welche Branntweinmengen in den rauhen Kehlen, besonders beiten der Kosaken, verschwanben. Unsre Torfschrnicbe haben bamals, da bie Kosaken alle beritten waren, viel Arbeit mit dem. Be­schlagen der struppigen Kosakeitpferde gehabt, wie die Kriegs- rechnung anführt. Hufeisen dieser Pferde, an ihrer kleinen, runden Form kenntlich, wurden und werben noch des öfteren hier ge­funden. Wenn die Russen auch äußerlich rauh und borstig waren, so sollen ihnen die Preußen in der Grobheit doch über gewesen fein. So wäre cs mit 2 preußischen Untcrofsiziercn, die als Quartier- machcr hier zu tun hatten, beinahe zu einer blutigen Schlägerei gekommen. Sic waren bei dem Bürgermeister Stroh, im, heute Graulichschcn Hause, einquartiert und verlangten, in dem in der warmen Wohnstube stehenden Bett zu schlafen, was aber der Bürgermeister in Rücksicht auf seine betagten Eltern nicht dulden wollte. Er versprach ihnen eine gute Streu in der warmen Stube, die Preußen aber bestanden auf ihrem Wünsche. Doch Stroh hatte auch einen harten Baucruschädel und gab nicht nach. Drohend und fluchend drangen die beiden auf ihn ein. Stroh war kein Schwächling und wehrte sich, indem er die ihm zugedachten Hiebe auffing. Da schrie die Nachbarin zum Fenster heraus:>chr Leut stürmt! stürmt'."Das alte Aas!" rief einer der Preußen. Die Bauern aber kamen zusammen gelaufen mit Aextcn, Sensen und sonstigen bei einer Schlägerei nicht zu verachtenden Waffen. Der Bürgermeister jedoch rief ihnen zu:Ich werde fchon fertig mit ihnen!" Angesichts derBürgerwehr" gaben bte Preußen klein bei und waren nun mit der Streu zufrieden.