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dem nicht unzufrieden mit feinem Los — es war doch iminerhin eine Ehre, so feine Herrschaften geschickt und sicher zu führen und ihre warme Anerkennung zu ernten — aber so manchmal hatte er doch insgeheim gedacht: Ach, wär's auch so leicht hätte wie diese reichen Stadtleut'! Und nun erschien diesem vornehmen Stadtsräulein plötzlich sein Beruf, sein Leben beneidenswert!
Uc'berrascht begann der Toni nachzudenken: Warum mochte sie so sprechen? Konnte einem Menschen wirklich das da — er sah auf das Wolkenmeer hinab' — so viel wert sein? Es ging dem Toni schwer in den Sinn, sich das v'orzustellen. So mußte das Fräulein doch eigentlich ganz anders empfinden als er. Heimlich schaute er nach ihr hin.
Gottliebe hatte den Blick wieder in die Ferne gesandt, Wer die Firnen und Gipfel hin zürn blauen Aether, den die uussteigende Frühsonne zu durchleuchten begann. Halb zju sich sprach sie, in heimliches Sehnen verloren:
„Wie klar und- groß müßte der .Mensch hier oben werden, weltenfern vom Staub des Alltags!"
Dann besann sie sich wieder auf sich selbst, und mit einem leisen Seufzer riß sie sich aus ihrem Schauen los; soeben tauchten auch die Gestalten der beiden andern überm Rande des Gletscherhangs aus.
„Kommen Sie," bedeutete sie Toni, weiterzugehen.
Schweigend fetzten sie ihren Weg fort. Dem jungen Führer war ganz eigen zumute, fast traurig. Vorher dal hatten sie so lustig geschwatzt wie ein paar gute Kamee radeu. Da war es ihm gewesen, als wäre sie seinesgleichen; da hatte er gar nicht daran gedacht, was für eine vornehme Dame sie war. Nun aber war ihm das da eben in her Minute stillen Schauens deutlich wieder zum Bewußtsein gebracht worden.
Ihre Worte hätten ihn einen Blick in eine ihm ganz fremde, unverständliche Welt tun lassen. Er war ja zu unwissend und grobgeschaffen, um das überhaupt zu verstehen, was sie gemeint Hatte. Nur das empfand er deutlich: Sie war ein Wesen feinerer, höherer Art, und es schickte sich gar nicht für ihn, daß er so mir nichts, dir nichts mit ihr drauflos schwatzte, wie er das bisher getan hatte. Er wollte das auch nicht mehr tun. Aber schade war's doch ! Es war so lustig gewesen vorher. Namentlich wäun ihn ihre Augen so angelacht hatten. Und still schritt der Toni seines Wegs weiter; ein Trost war es ihm nur, daß er in seiner Linken das Seil spürte, das sie mit ihm verband. So war doch etwas Gemeinsames zwischen ihnen.
In Gottliebe hallte die große, ernste Stimmung noch leise nach. Trotz aller Sprunghaftigkeit ihres Wesens war sie doch nicht oberflächlich.. Ihrer Art fehlte nur das Einheitliche, Gefestete. Von Hains her aus widersprechenden Elementen zusammengesetzt, durch mangelnde Erziehung in Eigenwillen und Launen noch bestärkt, empfand Gottliebe im Innersten nur zu gut selber den Mißgriff der Natur bei der Prägung ihres Charakters. Sie war unglücklich darüber, versuchte durch Selbsterziehung einen Ausgleich der Gegensähe in sich zu bewirken, aber auch diesen Versuchen fehlte die Stetigkeit und Energie. So hatte sie es denn schließlich aufgegeben, sich anders zu machen, und mit geheimer Ssslbstironie ließ sie sich gehen, wie sie eben war, sich von Stimmung zu Stimmung treiben.
Allmählich aber verdrängten dann die neuen, frischen Eindrücke der Wanderung die leise Melancholie in ihr wieder.
Tie anregende, schier moussierende Gletscherluft, das Flimmern der Milliarden Schneekristallchen in der horizontal auffallenden Morgensonne, das allenthalben winzigfeine, gleißende, regenbogenfarbene Strahlen aufschießew ließ, nahm unwillkürlich die Sinne und bald aueh die Gedanken gefangen.
So kehrte Gottliebe bald die frohe Lust an der Berg-, fahrt wieder und das Bedürfnis, sich mitzuteilen.
„Hallo, Toni! Sie sagen ja gar nichts mehr!"
Der scherzende Zuruf, von ihr nur als eine landläufige Redensart gebraucht, machte den jungen Führer aus seinem Sinnen auffahren. In seiner schweren Art hatte er sich noch immer nicht freigemacht von seinen ernsten Gedaukengängen. Zaudernd überlegte er, was er ihr auf diese gerade aufs Ziel schießende Frage erwidern sollte. Aber sie zog ihn selbst aus der Verlegenheit, die ihm sein gerader, eiytr- licher Sinn und seine Weltuilgewandtheit bereiteten.
ist ja zü jchön, zu wounig hier oben! .Die Brust
wird einem so weit — o! Hinausschreien möchte man vor Vergnügen, gelt, Toni? Können Sie nicht jodeln?"
Er schüttelte den Kopf. „Jodeln tun wir hierzuland nit."
„Was?" Sie sah ihn ungläubig au. „In den Bergen, wohnen und nicht jodeln? Was tut ihr denn hier, ihr langweiligen Menschen, wenn euch das Herz vor Vergnügen schier springen möchte?"
„Dann tun wir nur juchzen."
Gottliebe lachte hell auf. „Köstlich! Nur juchzen! Na, dann juchzen Sie mal los, Toni — aber recht forsch und schneidig, daß unser Freund dahinten," sie zwinkerte ihm ausgelassen mit Schelrnenaugen zu, „vor Schreck sich gleich hinsetzt!"
Ihre sonnige Art scheuchte mit Siegergewalt dem Toni alle Grillen fort. In seinen Augen blitzte der Widerschein ihrer Blicke auf, und hell schmetterte sein Juhschrei durch die lautlose Einsamkeit, mehrfach von den Talwänden drunten zurückgeworfen.
„Bravo!" klatschte Gottliebe. „Das wär ja großartig, Toni — famos!"
Ihr Lob spornte ihn an, ihr weiter zu gefallen; ihre ganze sprudelnde Art riß ihn überhaupt mit fort, so daß er ganz die ihm sonst anhaftende ernsthafte Schwere des Wesens verlor und selber leicht und lustig wurde. Er scherzte und lachte mit ihr um die Wette; die geringfügigste Kleinigkeit, eilt Ausgleiten auf der ungefährlichen Schneebahu oder ein Rückblick auf den verdrossen hinter ihnen her- stampfenden Regierungsrat genügte, sie in größte Heiterkeit zu versetzen. Es war wie ein Rausch über den Toni gekommen, so schön war es ihm ja noch nie auf den Bergen vorgekommew Ein Glücksgefühl dürchströmte ihn, so daß sich ihm noch manch Juchzer von selbst auf die Lippen drängte.
So waren die zwei nach einftünbigein Wandern, das ihnen aber wie im Flug dahingegangen war, an den Fuß des Kegels gekommen, der ihr Ziel war. Nun begann! ernstere Arbeit für den Toni. Es hieß für jeden Tritt eine Stufe in die ziemlich steil attsteigeitde Gletscherdecke zu schlagen, die den Kegel bis kurz unterhalb der Spitze um-! hüllte.
Mit wuchtigen, kurzen Hieben schlug Toni zu, so kraftvoll und schnell, daß sie nirgends stehen zu bleiben brauchten, sondern sich in langsamem Tempo Schritt für Schritt immer höher schräg auf die Spitze hinaufarbeiteten. Tas Plaudern war nun verstummt ; aber sckwe geitd sah 6'oft iebe auf den jungen Führer vor ihr, wie er oyne Ermüdung feine kraftvollen Streiche führte. Sein schlank gewachsener, sehniger Körper bot bei dieser energischen Bewegung in der Tat einen prächtigen Anblick, ein Bild frischer, froher Jugendlraft. Zum erstenmal kam Gottliebe bei diesem Schauen die kraftvolle Schönheit des männlichen Leibes zum Bewußtsein. Was sie bisher auf Renn- und Tennisplätzen oder im Balb- saal gesehen hätte, das war nur geschmeidige Eleganz, nicht abeydie Entfaltung imposanter Kraft au der Erscheinung'des Mannes gewesen.
Unwillkürlich drehte sich Gottliebe nach dem weit zurückgebliebenen Regierungsrat um, der sich offenbar nur müh- sam herausquätte. Wenn sie diese beiden Männer so verglich, so spielte der Vertreter vornehmer Eleganz doch eigient* lich eine recht tragikomische Rolle neben diesem einfachen Sohn des Volkes in seiner jugendstarken, sicheren Art. Wje ein Herrscher schritt dieser hier aufrecht durch sein Reich schneeverbrämter Hochzinnen, durch das der andere da nur ängstlich gebückt hinschlich! Wie doch hier vor der Hoheit einer großzügigen Natur die Maßstäbe menschlicher Wertschätzung sich verkehrten; wie h'ohle Ueberwertung in sich zusammenbrach!
(Fortsetzung folgt.)
Aus alten versröder Ariegsrechnungen, besonders der IahreiryZbis MSund andere mündliche Erinnerungen aus dieser Zeit.
Von Lehrer Wolf- Bersrod.
(Schluß.)
Bor dem Friedensschluß mit Oesterreich 1797 waren deutsche Landeskinder hier und in der Umgegend einquartiert, die teils in französischen, teils in österreichischen Diensten standen. Von ihnen sind uns noch 2 Briefe erhalten, der eine ab-, der andre urschriftlich. In dem ersteren stehen folgende bezeichnenden Sätze; „Schon 5: Monate haben wir keine Bezahlung von unsxrm Solds' erhalten und ich weiß nicht die Ursach. DM meine Prüder M


