Donnerstag, den 17.3uli
H'lrgwg'
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„Da sorgen's Jhna nur uet drum," mahnte der Alte, gemächlich weiterschreitend. „Die -Hauptfach' is, daß der Herr sich nit abstrapeziert. Es soll ja doch a Freud' sein, aus die Berg' zu gehn, nit L Quälerei. Nur a kleines Bissel no, nacher san ma droben auf'm Plateau. Do geht's dann halt immer eben furt, bis an die.Spitz 'nan. Do hol'n ma dann das Fräula scho leicht wieder ein."
Es war Bessow sehr tröstlich, zu hören, daß der vermaledeite Hang bald ein Ende haben würde, und so stieg er denn mit neuer Hoffnung weiter, bemüht, mit dem Bergstock nach Stadlers Anweisung zu verfahren.
Unterdessen war Gottliebe mit dem Spängler-Toni schon an den ersehnten Punkt angelangt. Noch ein paar letzte, rüstige Schritte, und nun standen sie droben auf dem. Plateau des Eben-Ferners. Er trug seinen Namen mit Recht: weithin dehnte sich das weiße Feld des Gletschers, kaum merklich weiterhin zur Geisterspitze ansteigend, die sich nun dem Auge hinten am Horizont als ein kleiner Kegel zeigte.
Zur Linken schweifte der Blick hinein ins langgestreckte Trafoier-Tal und seine Quertäler; aber verwundert weiteten sich Gottliebes Augen: Was war das? Wo waren die vom gestrigen Ausstieg wohlbekannten grünen Hänge, wo die gelbe Zickzacklinie der Stilfser Jochstraße? War da nicht über Nacht plötzlich ein Meer entstanden, ein weiß-graues, dichtgewelltes Meer, das sich tief drunten das Tal entlang streckte, soweit der Blick reichte, und dem Zuge der Berge folgend in jedes Quertal, in jede Schlucht floß, daß die dunklen Flanken des Gebirges- scharf av- gezeichnet, direkt aus diesem weißen Meer aufstiegen?
Fragend schaute Gottliebe auf ihren Begleiter: „Wolken?"
Toni nickte nur stumm. Das ihm so wohlbekannte Schauspiel gewann, wie es sich so in des Mädchens staunend erregten Zügen-spiegelte, auch für ihn etwas Besonderes.
So schauten sie beide schweigend in das Tal hinab. Wie schwer, wie wuchtig dies Wolkenmeer da drunten lastete! Wie war es nur möglich, daß Unter dieser massigen Decke die Menschen atmeten und nicht wie in einem riesigen, düsteren Grabe erstickten?
„Wie groß! Wie wunderbar!" löste sich endlich Gott- liebes andächtiges Staunen in Worte. „Was seid ihr eigentlich zu beneiden," wandte sie sich an Toni, „daß ihr das tagtäglich genießen könnt!"
Der Spängler-Toni wußte nichts recht zu erwidern. Gewiß, schön war das ja wohl, wenn er sich das so recht anschaute — es mutzte sogar gewiß sehr schön sein, weil das Fräulein so gar entzückt war — aber es lvar ihm bisher noch nie in den Sinn gekommen, daß er darum zu beneiden fei. Sein Beruf lvar doch eigentlich ein recht harter und armseliger. Die paar Wochen im Jahre, lvo Saison war, verregneten zum Teil auch noch immer; da reichte das bißchen Verdienst kaum hin, uin Mutter und acht Geschwister so durckzübringen. Er lvar ja zwar trotz-
ffirnenraulch.
Roman von Paul Grabein.
'Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
So schritten sie vorwärts, mit gleichmäßig ruhigem Schritt ansteigend auf dem Hang des Gletschers, der in bläulichem Schatten dalag. Mit leichtem Schlag des Pickels schlug Toni hier nnd da, ivo die Stufen versagten, einen Tritt für den Fuß Gottliebcs, daß es jedesmal einen hellen, harten, (metallischen Ton gab un.d flirrend die Etssplitter ' wegstoben. Schweigend tat er sein Werk, dann und wann den Kopf nach seinem Schützling zurückwendend. Der nickte ihm 'mit eifrig geröteten Wangen und strahlenden Augen zu. Wie famos das ging und wie leicht — der reine Spaß! Wenn weiter nichts dabei war!
Much der alte Stadler sah prüfend zu Gottliebe hinauf, wie sie leicht mit sicherem, ruhigem Schritt anstieg.
„Das Fräula steigt ja wie a Gamsl. Mit der hat's keine Not," lobte er, während er gleichzeitig mit fester Hand das Seil anzog. Sein Herr war schon wieder einmal in der Stufe ausgeglitteu und hielt sich nun krampfhaft am Seil fest, anstatt von seinem Bergstock Gebrauch zu machen. Geduldig hielt der Alte den plötzlichen Ruck aus; er stand wie auf stählernen Beinen.
„Stützen Sie Jhna nur immer schön auf den Stock, mein Herr. Und immer den Stock hinter Jhna halten, am besten mit allen zwoa Händen — so! Da wird's scho bald ganz gut gehn!" ermutigte er gutmütig den Regierungsrat.
Bessow lvar nichts lveniger als rosiger Laune. Das Steigen verursachte ihm bereits jetzt Herzklopfen, dazu dies elende Ausgleiten in den glatten Eisstufen es war, weiß Gott, kein Vergnügen. Mit sehr gemischten Empfindungen blickte er zu dem andern Paar oben hinauf, das schon einen ziemlichen Vorsprung gewonnen hatte. Das Teufelsmädel stieg lvahrhaftig ja, als ob es für sie eine Spielerei wäre!
Ein Aerger überlief ihn, über sie und sich selbst. Es war ja im Grunde gar kein Wunder, daß ihn die Geschichte hier höllisch mitnahm. Wenn man ewig nur über den Akten hockte und dann sich die halben Nächte in den Gesellschaften um die Ohren schlug! Dazu der Tabak, der Alkohol — das sollte wohl nicht über die Nerven gehen! Aber gleichviel, auch das Mädchen da lebte doch das Leben der großen Welt und war Strapazen nicht gewöhnt. Daß nun sie, mit ihrer zarten Erscheinung, da spielend hinaufkletterte, wo er sich abquälte es war doch eigentlich ein Skandal, beschämend für ihn.
Unid Bessow gab sich einen Ruck. Zum Donnerwetter! Er wollte sich nicht schlapv vor ihr zeigen.
„Nur zu, Stadler!" drängte er. „Wir kommen sonst M sehr ins Hintertreffen."


