Ausgabe 
17.5.1913
 
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und geben Sie mir den Arm," so faßte sie ihn unter. Die Straße lag vereinsamt da, sie schritten ganz allein dahin, und ein dumpfes Bedauern darüber, daß niemand sic so gehe» sah, stieg in ihr auf. Er sprach sehr freimdlich mit ihr. An einer Gas­laterne schlug sic die Augen zu ihrem Gefährten empor und be­trachtete ihn. Er mochte etwa fünsundvierzig Jahre alt sein. Obgleich er nicht schön war, berührte sein gutes, ein wenig trauriges Gesicht sehr angenehm, und es kam ihr vor, als ob sie ihn in der Tat schon kannte. Sie waren an ihrer Türe an­gelangt, und sie blieb nun stehen:

Hier wohne ich . . ."

Er antwortete:Es ist zu spät, und ich speise heute ber Freunden. Wenn Sic nicht sehr eilig Ivären, würde ich Sie darum bitten, noch ein >venig mit mir zu plaudern."

Das verwirrte und entzückte sie. Er sprach so höflich und so liebenswürdig mit ihr, wie man zu achtbaren Frauen zu sprechen pflegt, und sic beeilte sich, ihm zu versichern:Durchaus nicht, ich bin gar nicht eilig, ich bin Herr meiner Zeit."

Sie machten sich wieder aus den Weg. Er erzählte ihr ein wenig von seinem Leben, v! nichts besonderes, von feinen Beschäftigungen, seinen Burcaustundcn, von dem kleinen Restaurant, in dem er zu Abend, und sie lauschte ihm! . . . Wie lauge war cs her, daß man so zu ihr gesprochen hatte? . . . Sic erzählte nichts von sich, eine furchtsame Scham war über sie gekommen. An einer Straßenecke verlangsamte er den Schritt.

Hier wohnen meine Fremidc. Ich freue mich, den Weg mit Ihnen zusammen gemacht zu haben. Wir haben heute Diens­tag, nicht wahr? Was haben Sie am Sonnabend vor?"

Nichts."

Wenn es Ihnen nicht lästig ist, so werde ich Sie gegen fünf Uhr besuchen. Aus Wiedersehen, Felicitas."

Aus Wiedersehen."

Während sie nach Hanse zurückkehrte und an jedem Tage, der nun folgte, dachte Felicitas immer wieder:Wie anständig dieser Herr ist," und am Sonnabend ging sie, ihrer Gewohnheit entgegen, gar nicht aus. . Während sic auf ihn wartete, kostete sie den Reiz, ruhig in ihrem gut durchwärmten Zimmer zu sitzen, voll und geruhsam aus. Gegen fünf Uhr erschien er. Er hatte Kuchen mitgebracht, und der Tisch, an dein sie ihren Tee eiu- nahmen, hatte ein Aussehen von Wohl anständig kcit und Bürger­lichkeit angeuommeu. Er verließ sic nm sieben Uhr. Die Zeit war allzu rasch verflossen. Am folgenden Sonnabend kam er wieder und so alle Sonnabende, die nun folgten. Es Ivar jetzt ein festes Abkommen zwischen ihnen. Einmal wöchentlich, am selben Tage, zur selben Stunde kam Herr Cacheux, sie nannte ihn selbst in ihren GedankenHerr" mit seinem Küchen. Man plauderte. Sie erzählte allerhand Geschichten, die sie früher gehört hatte, doch nur andeutungsweise, um überhaupt etwas zu sagen. Er sprach ihr von allen Neuigkeiten aus seinem Bureau. Sie interessierte sich für seine Geschäfte, er nannte ihr die Namen seiner Kvllegen und besprach die Hoffnungen seiner Ge­haltserhöhung mit ihr. Zuweilen las er ihr auch aus Zeitungen vor, und wenn sie ihn alle Vorkommnisse so deutlich erklären hörte, wunderte sie sich darüber, ihn in jeder Hinsicht so wohl unterrichtet zu finden.

Unmerklich wurden diese ruhigen Sonnabendnachmittagsstunden ihr zur Gewohnheit. Sie wartete darauf die ganze Woche hin­durch und freute sich, wie man sich als Kind auf Feierstunden freut. Sie umgab ihn mit den liebevollsten Aufmerksamkeiten. Da er eines Abends mit durchnäßten Füßen angekommen war, stickte sie ihn: Pantofseln. Und nun fand er die jedesmal, sobald er erschien, durchwärmt am Kaminfeuer vor. Der Frühling kam und dann der Sommer. Zwei oder dreimal waren sie an schönen Abenden nach ländlich gelegenen Wirtschaften gegangen, die ein wenig entfernt von ihrem Viertel lagen, damit man sie nicht erkenne.

Zuweilen fragte sie sich:Liebe ich ihn?"

Doch wenn sie sein gutes, ein wenig trauriges Gesicht be­trachtete, sagte sie sich, daß sie ihn nicht liebe. Sie empfand nur ein großes Vergnügen, ihn erwarten zu können, ein großes Wohlbehagen, wenn er bei ihr war . und einen gewissen ruhigen Stolz, seine Vertraute zu fein. In ihrem Leben, das so lange Jahre hindurch weder Zweck noch Ziel gehabt, in ihrem Leben, in dem ein gleichförmiger Tag dem andern folgte, wurden diese beiden Stunden am Sonnabend ein fester Stützpunkt, und wenn sie im Laufe der Woche irgend einen Aerger hatte, so tröstete sie sich in dem Gedanken, daß es jemand gab, mit dem sie darüber sprechen konnte.

So flössen zwei Jahre dahin, die beiden friedvollsten Jahre ihres Lebens. Wenn er kam, so sagte er immer noch:Guten Tag, Felicitas." Und immer verließ er sie mit dem nämlichen: 7,Auf Wiedersehen nächsten Sonnabend." Niemals hatten sie regend einen Streit. Sie billigte stets alles, was er ihr erzählte. Es war wie eine kleine Glücksrcnte auf Lebenszeit. Niemals hatte sie daran gedacht, daß dies einmal enden könnte.

Eines Abends kam er früher, als sonst. Das ivar etwas so Außergewöhnliches, daß sie erschrack. Schon auf der Schwelle sagte er chr:Guten Tag, Felicitas."

Und es kam ihr vor, als ob er diese cinsachcu Worte in einem ganz seltsamen Tone, mit einer ganz veränderten Stimme späche.

Er legte seine Kuchen auf den Tisch und blieb stehen. Sie schob ihm einen Stuhl hin:Setzt du dich nicht?"

Er setzte sich und streckte seine Füße nach dem Kaminscuer ans. Da reichte sie ihm seine Pantoffeln. Doch er wies sie sanft zurück und sagte:Nein, Felicitas, ich bin heute ein wenig eilig und außerdem habe ich mit dir zu sprechcu . . . Felicitas, ich werde dich niemals mehr besuchen können. Ich will mich verheiraten. Ich habe ja nicht mehr das rechte Alter dazu, das weiß ich sehr gut, aber gerade in meinem Alter braucht man ein eigenes Heim, braucht mau jemand, der um einen ist."

Sic schwieg gesenkten Hauptes.

Ich habe das niemals so sehr empfunden, als in den verflossenen zwei Jahren. Im Umgang mit dir ist es mir zum Bewußtsein gekommen. Ich freute mich darauf, dich am Sonn­abend zu treffen, über alles mit dir zu Plaudern und meine Pantoffeln am traulichen Kaminfeuer vorzufinden. In unserem Alter, nicht wahr, meine gute Felicitas? ist man nicht mehr verliebt. Aber mau sehnt sich darnach, ein wenig verwöhnt, ein wenig verhätschelt zu werden . . . Jst's nicht so?"

Felicitas nickte beistimmcnd mit dem Kopfe. Diese Zu­stimmung galt eben so ihr selbst, wie ihms Er hatte ihr soeben das erklärt, was sie selbst unklar empfunden. Diese zwei Stun­den der Woche waren zwei Jahre hindurch, für ihn das Abbild, für sie die Illusion des häuslichen Friedens gewesen. Er sprach immer noch. Doch sie hörte kaum auf ihu. Er schwieg schließ­lich, nahm einen Hnndertsranksschein ans seiner Brieftasche und gab ihn ihr:

Kans dir ein hübsches Kleid dafür."

Wie lieb auch dies wieder von ihm war! Er hätte plötzlich fortbleiben und jhr nichts geben können. Bis zum Schlüsse war er gütig und voller Rücksichten für sic. Er küßte sie ans beide Wangen:

So leb denn wohl, Felicitas. Ich kann nicht länger bleiben, laß' es dir immer gut gehen."

Und er ging. Felicitas blieb allein zurück. Die Uhr schlug einmal. Es war erst halb sechs. Sie dachte:Ich werde ein wenig ausgehen," Doch sic fiihlte sich sehr matt. Es regnete draußen und die Leute beeilten sich und strebten ihten Zielen zu. Im Kamin verglomm das Feuer. Sie setzte sich und drehte den Geldschein in ihren Händen hin und her. Mechanisch blickte sic nm sich und ihre Augen irrten von den gestickten Pantoffeln zu dem Paket Kuchen, das auf einer Ecke des Tisches lag. Es schlug sechs. Sic sagte sich:Ich bin wirklich ganz unver­nünftig. Ich müßte ausgehen."

Dennoch blieb sie sitzen. Ihre SB eine schienen ihr ganz kraft­los geworden. Tic letzten Kohlen erloschen. Nacht legte sich über alles, eine langsam anbrechcnde Nacht, die nur noch ein klein wenig trübes, schmutziges Tageslicht von draußen erhielt. Durch das geöffnete Fenster sprühte der Regen auf den Fußboden des Zimmers. Felicitas' fühlte sich so allein, plötzlich ganz verlassen. Noch einmal sagte sie sich:Ich müßte ausgehcn!" und lehnte sich dabei ans Fenster.

Sie sah von der Höhe ihres fünften Stockwerks auf dis Straße hinab, ohne etwas zu sehen, ohne zu denken. Unauf­haltsam murmelte sie:Ich langweile mich! Ich langweile mich. . ." Boni vierten Stockwerk tönte Lachen herauf. Dort unten waren sie glücklich. Der Manu hatte am Tage vorher eine sehr gute Anstellung in dem Hause, in dem Herr Cacheux 'arbeitete, gefunden. Sie hatte keine Zeit gehabt, es ihm zu er­zählen, und er hatte ihr nicht mehr gefaxt, ob sein Geschäfts­bericht Anerkennung gefunden. Ganz' plötzlich, mit einem Male, war sie von der ganzen Welt abgeschuitten. Nie mehr wi'irde sie jetzt jemand etwas erzählen, nie mehr würde man ihr etwas erzählen. i

Sie murmelte:

Wie ich mich langweile! Wie einsam cs um mich ist! Wie einsam cs werden wird!" . . . Nun war es ganz dunkel ge­worden. Der feuchte Schatten und das Schwergen des Meinen Simmers hinter ihr legten sich wie eine schwere Last auf ihre chultern und stießen sie sachte, unwiderstehlich, der Straße zu, die bei den flackernden Lichtern der Gasflammen leuchtend, immer beweglich, sich von ihr zu entfernen schien. Noch einmal

seufzte sie:

Wie einsam ich bin! . . ."

lind ohne jede Anstrengung, ohne jedes Bedauern, säst ohne es zu wollen, beugte sic den Oberkörper vor, neigte sie den Kopf immer tiefer. Dann stieß sie eine schwache Klage aus

und fiel.

Sie hieß Felicitas. Und war ein armes, alterndes Mäd­chen, ohne jede Schönheit.

Die Reichsuhr.

Int Berliner HaupttelegrapheuMnt pochen und klopfen nNd WnUiern die Apparate am Tage und in der Nacht unaufhörlich. Fortwährend sind von dieser Zentralstelle aus Nachrichten in die Welt zu senden, niemals sind die Morse-, die Hughes'-, die Murrah-Apparate ohne Material. Der Windhund Nachricht hat keinen Augenblick Ruhe: immer gibt es einen Ort, zu dem er dringend laufen muß. Ter telegraphische Verkehr, der von Ber­lin aus mit den anderen wichtigsten Orten Deutschlands und des