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an ihn dachte, dann senkte sie wo-h-l den schönen Mund mit einem recht bitteren Lächeln: nun bleibt er stumm und fern! Nun ift's zn Ende mit seiner heißen Liebe! Ich bin ja nicht mehr die vernachlässigte, betrogene Frau, mit derer ein Abenteuer suchte!
Er ging noch lange am Seeufer aus und ab unter dem blassen Sternenhimmel.
Sollte er ihr schreiben? Ihr sagen, wie tief er es nun bedauerte, daß er so ganz, verschollen gewesen, daß er nichts mehr gehört hatte von dein, was in der Welt vor- O"'^Dvch nein! Es Ivar schwer, ‘hie rechten Worte zn finbien.
Würde nicht, während er seiner Teilnahme Ausdruck gab, der heimliche Jubel durch seine Zeilen klingen: nun bist du frei!
Nein! Er wollte warten hier an diesem gottbegnadeten Gestade, bis sie kann In dieser milden Lust, in dieser wunderbaren Bläue, unter diesem lachenden Himmel mußte ihr ja wieder Lebenslust erwachen. Hier mußte sie an einen neuen Frühling, an eine bessere- Liebe glauben lernen!
Ihm schienen freilich die Tage endlos, trotz ihrer zauberhaften Herbstschönheit, und er freute sich, so oft die Sonne sank. Mit solcher Ungeduld, mit solcher Sehnsucht bangte er ja dem Wiedersehen entgegen, daß ihm die Gegenwart wie -eine mühvolle Last war, die sich nur langsam, o so langsam von ihm ablöste!
Es war ihm in seiner erwartungsvollen Stimmung immer eine willkommene Zerstreuung, wenn die junge Wirtin [mit ihm plauderte.
Sie hatte Marianne in ihrer Häuslichkeit gekannt, sie hätte ihm so vieles sagen können über die Frau, die ihm ja doch so fremd geblieben war.
Freilich war er viel zn feinfühlend, Fran Stockmann über ihre einstige Herrin auszuhorchen, um nur den Namen der Baronin zu nennen und ein Gespräch über' sie herauszaisordern.
Aber Frau Stockmann ließ in ihrer Gesprächigkeit wohl selbst ein Wort einflößen, erzählte ihm, wieviel die Baronin für die Armen tue, wie sie ihr hier gleich ein paar recht bedürftige Familien empfehlen wolle.
-„Ich glaube, wenn die Frau von Nassau ihren kleinen Paul nicht hätte, sie täte jetzt Krankenpflegerin werden."
„Am ersten November kommt die Frau Baronin!" das war die interessanteste Bemerkung, die sie ihrem Gast hatte sagen können, wenn er auch an sich halten mußte, üml nicht ungeduldig cmfKuseuszeu: „Noch zehn Tage!"
Er machte Ausflüge, weite Wege, um sich z!u zerstreuen, imt die Zeit herumzubringcu.
Als er eines Abends nach längerer Abwesenheit sein Hotel wieder erreichte, hatte die junge Wirtin verweinte Augen, ©ie war zwar freundlich und aufmerksam zu ihren Kästen wie sonst, aber Man sah es ihr an, daß sie von einer Sorge gequält wurde und sich anstrengen mußte, um auf all -die kleinen Wünsche und Befehle zu achten, die ihre anspruchsvollen Hausbewohner an sie richteten.
Grönberg fand sie dann später draußen im kleinen Garten hinter dem Hotel, wo sie ganz trübselig auf einer Bank saß und die sonst so rührigen Hände schlaff im Schoß siegen hatte.
-„Was ist denn mit Ihnen, Frau Stockmann? Sie sind ja heute ganz verstimmt," fragte er freundlich.
„Ach, Herr Grönberg, ich bin so dankbar, daß Sie mich darum aureden. Nun kann ich doch einem Menschen meinen Kummer erzählen. J-hüen habe ich ja schon gesagt, wie ich mich um meinen Bruder sorge, der als Leutnant verabschiedet worden ist. Aber nun, denken Sie, kommt her Unglücksmensch hierher! Gestern habe ich den Brief gekriegt. Er wüßte gar nicht mehr, was er anfangen solle. Er findet nirgends eine Stellung. Ich wäre seine einzige Zuflucht und Rettung. Ich habe noch nicht die Eourage gehabt, es meinem Mann zu sagen. So gut er ist, — ich glaube, wenn ich von meinem Bruder anfange, dann wird er fuchsteufelswild. Wenn er den Martin einfach zum Hanse hinausjagt, das wär' doch schrecklich, unsere arme Mutter müßte sich jim Grabe hernmdreheu! Und ich Klein, wie soll ich ihm denn helfen?"
>„Ja, liebe Frau Stockmann, das ist freilich eine recht schwierige Sache, in der sich nicht gut raten läßt. Ich meine doch, es ist am besten, Sie reden mit Ihrem Mann. Er sieht gar nicht wie ein Wüterich aus, und es macht mir
stark den Eindruck, als wäre er eigentlich ein bißchen unter Ihrem Pantoffel."
Sie lachte wieder fröhlich auf.
„-In kleinen Dingen ja. Da gibt er immer nach. Er hat. auch nur um meinetwillen einen solchen Haß auf Martin. Aber Sie staben wohl recht. Mit dem Geheimhalten! und Hinausschieoen quält man sich nur. Heute Abend sage ich's ihm in Gottes Namen!"
Sie sah am nächsten Tage wieder frischer und heilerer aus, und es dauerte auch nicht mehr lange, so begegnete Grönberg einem blassen, jungen Menschen auf der Treppe, der sich scheu an ihm vorüb erdrücktes der aber in einem Hausanzug herumging, als wäre er keineswegs nur auf der Durchreise, sondern als gehörte er zu dem Personal des. Hotels.
Es gab sehr viel zu tun; die Zimmer füllten sich mit Wintergästen, und er hatte mehrere Tage lang keine Gelegenheit mehr, sich mit der jungen Wirtin zu unterhalten.
Am Sonntag traf er sie dann, als sie eben in ihrem schönsten Stadtanzug aus der Kirche heimk'am.
„Guten Morgen, Herr Grönberg," sagte sie vergnügt. „Ich habe mich wirklich einmal los machen müssen, um unserm Herrgott zu danken, weil mir eine solche Angst, eine solche Sorge vom Herzen ist. Ja, überhaupt, weil ich eine» gar so guten, braven Mann hab'. Sie glauben gar nicht, wie vernünftig, wie nett er war. „Das ist sehr einfach," hat er gesagt. „Wenn dein Müder arbeiten und sich nützlich machen ivill, dann soll er nur dableiben. Daß wir einen Faulenzer nicht ernähren können, das wird er selber einsehen." — „Wenn Sie mir die Buchführung ab- nehmen, Herr Schmidt, dann haben Sie hier Kost. und Logis und einen B-uchhaltergeHalt." — Das hat er Meinem Brüder ohne viel Umstände auseinandergesetzt, als er vor -etlichen Tagen spät abends, ganz elend und gedrückt, hier angenommen ist."
„Und er hat natürlich angenommen?" fragte Grönberg mit einem heimlichen Schauder über diese rasche Wendung in einem- jungen Dasein.
„Ach, ganz rührend ist's gewesen, wie dankbar er war! Denken Sie, was er getan hat: er hat mir die Hand geküßt. So hai's kommen müssen!" fügte sie mit einer stolzen Kopfbewegung hinzu. „Der Herr Leutnant, her einmal so hoch droben war, daß er unsereins nicht einmal gegrüßt hat, ist jetzt abhängig von meinem guten Willen, von der Gusti, die daheim immer das Aschenbrödel gewesen ist. -Du liebe Zeit! Wenn das die Mutter erlebt hätte!"
Es war unverkennbar: bei aller gutmütigen Freude darüber, daß sie dem Bruder helfen konnte, genoß sie doch auch ihre Rache an dem Exleutnant.
(Fortsetzung folgt.)
Einsamkeit.
Skizze von Maurice Level.
Aut. Uebersetzuug von Gulti Alse» (Königsberg).
Sie hieß Felicitas. Und war ein armes, alterndes Mädchen! ohne jck>e Schönheit.
Am Abend, wenn alle Lüden und Arbeitsstuben sich leerten,- ging sie auf die Straße hinunter und schritt hier mit der Miene einer einwandsfreien Hausfrau einher. Bisweilen verlangsamte sie ihren Schritt unmerklich. Dann nahm sie wieder ihre frühere: Gangart an. Für die Kinder, die spielend nach ihr griffen, hatte sie mütterliche Gebärden und für ihre Mütter ein gerührtes Lächeln. Sie liebte weder Geschwätz noch Geräusch und mischte sich nur unter größere Menschenmengen, uni weniger auffällig zu wirken. Die Nachbarn begrüßten sie im Borübergehen, lind da sie für sich allein lebte, aller großen Freuden und allen großen Kummers bar, so bewahrte sie selbst bei ihrem traurigen Gewerbe eine solche Sanftmut und eine so natürliche Demut, daß niemand sie mißachtete. Vielleicht hatte sie vor langer Zeit, wie so viele andere, den brennenden Wunsch nach Luxus und die Hoffnung auf ein fröhliches Leben gehabt. Wer das alles lag jetzt so weit hinter ihr, daß sie sich ergeben damit begnügte, ihr Leben fristen zu können.
Als sie an einem Abend, — nachdem es den ganzen Tag hindurch geregnet hatte und die Nacht nun über die nassen Straßen hereinbrach, — nach Hause zurückkehren wollte, wurde sie von einem Manne, einem Herrn fast, angesprochen:
„Guten Tag, Felicitas." -
„Guten Tag, mein Herr."
„Erkennen Sie mich denn nicht wieder?"
Aus Höflichkeit murmelte sie: „Doch," und da er dann hinznsügtc: „Es regnet stark, kommen Sie unter meinen Schirm


