Ausgabe 
17.5.1913
 
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Zwei Welten.

Roman von Emma Merk.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Hatte ihm nicht einmal jemaud eine ähnliche Geschichte erzählt, von einen, Offizier, der ans einer obskuren Familie gewesen, der als Kind schon immer in der Uniform hrrum- gelaufeu war, den die Mutter so abgöttisch liebte, auf Kosten ihrer übrigen Kinder? Wo hatte er das nur ge­hört? Wer hatte ihn, das so anschaulich geschildert, daß. er den kleinen Bengel deutlich vor sich gesehen und oben am Fenster die bewundernde Mutter in der Nachtjacke.

Ja, o ja!"

Er schlug sich mit der Hand vor die Stirn.

.Der Arzt, Doktor Weitring, der damals auf der Re- doute neben ihm in der Loge saß!, der hatte den Leutnant gekannt, drüben au Flassans Tisch.

Die Erinnerung stürmte wieder auf ihn ein, verdüsterte ihn, und sein Ton klang bitter, ats er sehr bestimmt w-ieder- holte:

Nein, das glaube ich nicht! Da machen Sie sich nur keine überflüssigen Skrupel! Ich besinne mich jetzt auf ihren Bruder. Dem war wohl nicht zu helfen. Per­sönlich habe ich ihn gar nicht gekannt, aber nach der. Ge­sellschaft in der er sich bewegte, muhte er wohl herunter-' schwinnnen, wenn er nicht ein reicher Manu war. Ich habe ihn öfters gesehen, meist init einen, geputzten Frauen- Kinrmer, das ganz den Eindruck machte, als' wäre sie nicht leicht abzuschütteln. Die ist Wohl auch sein Verderben geworden."

Die junge Frau schaute traurig vor sich hin.

Was nun Wohl aus ihm wird?" murmelte sie.

O, er hatte ja reiche Freunde, wie es schien. Viel­leicht nehmen sie sich doch seiner an und bringen ihn irgend wo unter als Agent oder sowas dergleichen," suchte Grön- berg die Schwester zu beruhigen.Die reichen Freunde sind ja immer gefährlich für einen schwachen jungen Menschen, der es ihnen gleich tun möchte. So eilt Lebemann wie der Baron Flassan!" .

Ja, ja, den hat er gekannt," bestätigte Frau Stock­mann eifrig.

Nicht zu seinem Glück wahrscheinlich!"

Die junge Frau schüttelte ernsthaft den Kopf.

Nein, der Herr Baron ist kein solider Herr gewesen. Mir hat die gnädige Frau oft leid getan. Aber von den Toten soll nm» nichts Böses sagen! Das hätte doch niemand gedacht, daß er sobald fort muß!"

Grönberg war aufgesprungen, heiser, mit großen Augen, mit glühendem Gesicht frag er:

Wer?- Wer ist tot?"

Ja, der Herr Barmt! Haben Sie das nicht gelesen? Es muß ja schon zwei oder drei Monate her sein. Im Juli war's! Ich habe noch die Todesanzeige. Ich kamt sie Ihnen zeigen.Plötzlich und unerwartet" hat tes geheißen. Schlecht ausgeseheu Hai er ja immer, der.Herr Baron. Und immer den starken Wein und die schweren Zigarren und keinen Abend zu Haus!"

Ich habe seit Monaten leine Münchener Zeitung zur Hand genommen," murmelte Gröuberg ganz verstört und gedankeuabw-esend.Aber daß mir auch niemand davon schrieb! .Ist es denn möglich? Irren Sie sich nicht in dem Namen?"

O nein, Mein Herr. Den Herrn Baron habe ich güt gekannt. Bei der Frau Baronin das war ja meine letzte Stelle, lind jetzt ist es doch so gekommen, daß Martin seinen Rock hat ausziehen Müssen. Aber ich hole die Zei­tung."

Grönberg war froh, daß die redselige Wirtin ihn für ein paar Minuten allein ließ, daß er sich fassen, sich be­sinnen konnte.

Marianne war Witwe!

Das Schicksal hatte die große Trennung vollzogen, das Schicksal hatte ihr die Freiheit wiedergegeben!

Alles, was er monatelang uiederzukämpfen, zu^ ver­gessen gesucht, war tvieder wach gerüttelt, all feine Sehn­sucht, all sein heißes Verlangen!

Er sah wieder das schöne Gesicht vor sich, es blickte ihn an mit den traurigen Augen, die so sanft zu klageü schienen: warum ist das Leben mir das Glück schuldig ge­blieben?

Er konnte tvieder nichts anderes mehr denken, wün- schen, begehren, als von diesen Weichen Lippen alle Trauer und Enttäuschung, alle bitteren Erinnerungen fortzuküssen.

Die Wirtin kam zurück und legte einen ZeituitgsauK- schuitt vor ihn hin, die schwarzumräuderte Todesanzeige, auf die er mit starren Augen hi »blickte, während die junge Frau eifrig erzählte:

Ich habe ja auch einen Brief von der Frau Baronin. Sie war ja immer so gut zu mir, sie hat mir auch noch eilt Hochzeitsgeschenk geschickt. Darum habe ich gleich einen Alpeurosenkranz binden lassen und kondoliert, auch an- gefragt, ob die Frau Baronin int Winter nicht hierhiev- läute; ich mürbe mir alle Mühe geben, damit sie sich hier recht erhole.' Darauf hat sie mir dann von Reichenhall gv- fchrieben. So freundlich hat sie mir gedankt und sich zwei Zimmer bestellt, die ich von Ende Oktober au für sie freihalteu soll, weil sie mit Pauschen kommen will. Ich freue mich so auf die Frau Baronin und auf den lieben, herzigen Buben!"

Grönberg hatte nur mit halbem Ohr zu gehört.

Es fiel ihm schwer aufs Herz, daß er kein Wort der Teilnahme, kein Zeichen des Mitgefühls für die geliebte Frau gehabt, während alle ihre Freunde und Bekannten sich mit einem ernsten Gruß einfanden. Wenn sie noch