Ausgabe 
17.4.1913
 
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M3 Nr. 60

Donnerstag, Sen \I. April

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Zwei Welten.

Roman von Emma M e r T.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Tränen der Beschämung traten in Hildegards Augen, -re sie tapfer niederkämpfte.

Sie wollte sich nicht reuevoll und niedergeschlagen Zeigen vor all diesen Verwandten, die sie mißbilligend, empört anblickten, die sich freuten, daß sie gründlich abge­kanzelt worden war. *

Nur Marianne drückte ihr im Vorübergehen mitleidig die Hand Und nickte ihr zu mit ihrem schönen, traurigen Ge­sicht.

In ihrer peinlichen Vereinsamung war es Hildegard ein Trost, daß Leutnant Schmidt sich ihr höflich näherte, sie vielmals um Verzeihung bat, daß er durch sein unge­schicktes Ausplaudern diesen Sturm heraufbefchworen hatte, und die Hoffnung aussprach, ihr recht bald wieder begegnen zu dürfen.

Er begleitete sie auch noch bis zum Wagen und drückte ihr beim Abschied warm die Hand mit einem einschmeicheln­den Blick und einem fast zärtlich klingenden:Auf Wie­dersehen!" i

Sie hatte in dem Augenblick;eitt freundliches Gefühl für ihn. In ihrer erregten Stimmung war sie so dankbar für ein wenig Aufmerksamkeit, für:etn bißchen Güte und Wohlwollen. i

Schweigsam und mißtrauisch saßen die Eltern im Wagen. i

Der Vater erwiderte kaum ihren Gutenachtgruß.

Die Mutter seufzte schwer. i

Die junge Rebellin aber dachte noch lange, schlaflos Wer ein Wort der Großsnutter mach:

Du gehörst nicht zu uns." (

Was bedeutete das ? 1

Hatte der mit so harter Stimme, mit so bösen Augen gesprochene Satz einen tieferen Sinn?(

Warum lag es ihr im Wut, daß sie anders war als die Anderen?

4.

Baron Flassan hatte seiner Frau höflich und galant den Abendmantel umgehängt, sich aufs liebenswürdigste um sie bemüht, solange die scharfen Augen feiner Schwieger­mutter auf ihm ruhten. Dann begleitete er sie an den Wagon:

-Ich gehe noch ein wenig aus, Marianne. Ein ange­brochener Abend für mich. Gute «Nacht!"

Sie nickte nur gleichgültig mit dem müden, ergebenen Nusdruck, der -etwas Fremdes, Auferzwungenes schien auf diesem- jungen Antlitz mit den -warmen, tiefen, zärtlichen Klugen.

Der Baron aber wurde ordentlich «jung und vergnügt, wie elektrisiert in freudiger Erwartung, als er von den Verwandten sich verabschiedet, die letzte Hand geschüttelt hatte. «

Nur der Offizier stand noch in der Haustür.

»Nun, Herr Leutnant, kommen -Sie nicht mit ins Deutsche Theater auf die Redoute?«Man muß sich noch ein wenig erholen nach dieser Unterhaltung -da oben, nicht?" fügte er lachend hinzu. i

Dem jungen Mann schien der Gedanke an die Redoute sichtlich verlockend. Aber -er sagte «ablehnend:

,,Unmöglich leider, Herr Baron.-Ach bin in Uniform."

-,,Ah, bah! Sie ziehen sich «eben rasch um. Wo wohnen Sie denn? In der Augu stenstraß-e?«Na, das ist ja kein Um- weg. Ich fahre Sie hin, sehen Sie, hier kommt gerads eine Droschke. Heda! Sie Kutscher. Bis Sie fertig sind, kann ich gerade meine Havanna «zu Ende rauchen."

Zu liebenswürdig, Herr Baron! Ich «fürchte nur ich weiß nicht , es würde bei den Damen vielleicht keinen guten Eindruck machen,

Flassan lachte. ' «,

Verstehe, verstehe! Sie haben meiner Mchte Hildegard ein wenig den Hof gemacht.! Aber woher soll sie es denn er­fahren? Von Mir doch nicht! «Ich bitte Sie, mein Lieber, Diskretion unter Leuten wie wir einfach selbstverständlich. Kommen Sie nur, wir haben «einen reizenden Tisch. Ich möchte fast sagen, einen Stammtisch, «lauter gute Bekannte. Werden sich amüsieren. Reizende Dominos!"«

Er schnalzte begeistert mit den «Fingern.

Sie unterhielten sich im Wagen «so gut miteiuander und erkannten sich bald so als Seelenverwandte und Ge- siunungsgenossen, daß der Baron in «vergnügter Laune rief:

^Wahrhaftig, es ,wäre ein Segen, - wenn in die (ang- weilrge Spießbürgerfcimilie meiner Frau ein lebensfrisches Element hereinkäme. Es freut mich, «Herr Leutnant, daß Ihnen meine Nichte gefällt. Das Mädel ist nicht so ohne. Sie hat Temperament. Sie erstickt -ja auch in Langeweile. Sehen Sie nur, daß Sie -sie kriegen! Meine Frau muß Sie -einmal zusammen «eiuladen. Das «arrangieren wir schon." !

-Als die beiden im Deutschen -Theater ankamen, war die Stimmung schon auf ihrem -Höhepunkt eine Rausch- Atmosphäre. ! (

«Eben .wurde eine Francaise getanzt, oder vielmehr getobt. Singend, jauchzend- umschlangen sich die Paare beimtour de mains und -wirbelten, drehten sich dicht aneinander gedrückt, in ganz wahnsinnigem Tempo.

' Aus den glitzernden Gewändern der Damen, aus äll den falsche» und echten Steinen, die -an den weißen Nacken, an den Hüten und Haaren, an den schmalen Schulterbändern schimmerten, schienen tausend tolle, sinnverwirrende Funken hervorzusprühen; schon hing« da und-dort eine leichte duf­tige Schleppe in Fetzen herab, - lose flatterten die Haare und tiefer sanken die .Hullen, aus «den Masken und Schleiern