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intb Russen als dm Befreiern des Landes bereitete. Tse Tarnen schmückten sich bald mit spitzen Baschkirenmüden, die ein breitwogender russischer Foderputz umschattete; sie trugen oben ausgeschnittene russische Tschakos und huldigten der eleganten Erscheinung der östlichen Krieger noch in einer anbereit Weise, indem sie von ihnen — die Schnürbrust wieder übernahmen, die in der antikisierenden Tracht des Empire so streng verpönt gewesen war. Noch stärker verfielen die Männer der slawenfreimdlichen .Stimmung. Sie trugen die „russischen Pantalons", weite lange Hosen, die über den Knöcheln zugebunden wurden, aber gleichwohl mit ihren Bauschen noch den Boden berührten, legten dazu die mit Troddeln geschmückten engen und hohen Suwarow-Stiefel an, bequemten sich sogar zu dem damals höchst fremdartig erscheinenden Vollbart, der mit den hohen Vatermördern wunderlich kontrastierte. Bald erschien auch der lange mit Schnüren besetzte „polnische Rock". Ueberhaupt standen die Herren in der Betonung des neuen Zeitgeistes durch die Tracht hinter den Santen nicht zurück. Sie „Elegants" trugen Westen aus weißem Piqus, auf denen in gelblicher Farbe ein sog. „Vermicelle" prangte. Tiefe Westenverzierung wurde noch dadurch erhöht, daß auf bem Pique die Abbilder von Eisernen Kreuzen erster Klasse in symmetrischer Ordnung zugleich mit den Namm der Trager dieser höchsten Auszeichnung gedruckt waren. Die Frauen trugen ähnliche Garnierungen, bei denen das Luisenkreuz verwendet wurde. .An den Herrenuhrketten aus Eisen- oder Golddraht prangten patriotische Medaillons, auf den Tabakdosen die Brustbilder der siegreichen Feldherren in Eisenguß. Doch all diese Einzelheiten genügten nicht; bald schritt man dazu, eine „teutsche Na- t io naltra cht".zu schaffen. Der romantische Geist, rückwärts .gewandt nach den „alten Ritterzeiten", wollte auch die Kleidung, altdeutsch gestaltm, und so tauchte int Kreise der enthusiastischen Heldenjünglinge, zuerst von den Lützowern. ausgehend, eine der Militäruniform sich nähernde „altteutsche" Tracht auf. Ein samtenes Barett mit schwarzrotgoldener Kokarde und flatternder lieber zierte das Haupt. Der Leibrock von schwarzem Tuch ober Samt, der die Taille betonte und vorn mit Litzen nutz Knebeln geschlossen, wohl auch von einer breiten Schärpe, umwogt I war, ging mindestens bis zum halben Oberschenkel herab. An den Mermeln war er ziemlich weit und gepufft, am Hals mit einer Spitzenkrause versetzen, so daß der Hals entblößt war. Dieser offene Hals, der im! strengen Gegensatz zu den modernen Vatermördern stand, war ebenso wie das langfallende lockige .Haar, das dem sonst üblichen kurz geschnittenen Tituskopf widersprach, das Zeichen der Freiheit und des Deutschtums. Tie engen Hosen mit hohen Reitstiefeln verstärkten noch das Kriegerische, Kraftvolle dieses Kostüms, das später in der Restaurationszeit wohl seine Bedeutung verlor, damals aber als cjin echtes Symbol j der begeistert vaterländischen Stimmung erschien.
Und ebenso schufen sich die Frauen ihre Tracht. Wilhelmine | von Chszi und Caroline Pichler forderten eine Volkstracht für deutsche Frauen; Ernst Moritz Arndt trat mit seinem fortreißenden Eifer dafür ein, und so ward denn der Mode das „echt teutsche Fey er kleid" geschenkt, nach dem Vorbild 'der Reformationszeit als eine 'Art Gretchen-Kleid ausgeführt, durchaus schwarz, mit weißen Schlitzen, Puffen, Kragen und Federn, bis auf die Füße fallend und mit schmalem. Gürtel umschlossen. Ueber dem unter der Brust gerade abgeschnittenen, sehr Hoch liegenden Leibchen tvölbte sich ein ritterlich romantischer Stehkragen; über bem! gescheitelten Haar, das hinten in einem schneckenförmig gelegten Neste zusammengenommen war, Hrhol» sich eine faltige Toque mit weißen wallenden Febern. Meses durchaus nicht schöne, aber ernst feierliche Kleid wurde in der Zeit der Befreiungskriege von sehr vielen Frauen angelegt.
Um allen diese patriotische Mode zu ermöglichen, brachten findige Kleidermacher Leibchen auf den Markt, durch die jedes Kostüm sofort in ein „altteutsches" umgewandelt werben konnte. Als der Frieden ins Land zog, feierte irtait ihn durch solch ein Kleid aus himmelblauem Saint, und von den Hüten nickten wetzende Pal'menzweige. Selbst die Pariserinnen huldigten auf btefe Werse den verbündeten Heeren.
Vermischte».
— Neid. „Neid" ist ein allgemein und ausschließlich germanisches Wort; althochdeutsch: nid, mittelhochdeutsch int; vielleicht eines Stammes mit dem lateinischen Zeitwort nitb*— nach I ctma§ eifrig streben. Tatsächlich bedeutete das Wort ursprünglich Anstrengung. Eiter, Wetteiier; so noch im Heliand, dem altsächsischen Gedicht des 9. Jahrhunderts, wo nid der Eiter int Kampfe, oer Liitgeftitnt gegen den Feind, der Kampfgrimm ist. Daraus ent- wtctelte sich die Bedeutung der teindseligen Gesinnung, des Hasses, r r<t',.'Kovne?'?’.e ba§ QBort fdion in dem gleichzeitigen Hilde- brandvned und bei dem althochdeutschen Dichter Otfrieb hat. In
mittelhochdeutschen Nibelungenliede (12. Jahrh.) ist nit der feindselige, kriegerische Eiter, die Eifersucht, der Haß, z.B. derBrun- hilde und der Knemhilde („sit startens jämerliche von zweier edelen frouwen nit“). - Heute drückt „Neid" jene gehässige und tmierlich quälende Gesinnung, das Mißvergnügen aus, mit dem
man die Wohlfahrt und die Vorzüge anderer wahrnimmt, sie ihnett mißgönnt mit dem meist hinzutreteiiden Wunsche, sie vernichten oder selbst besitzen zu können; es ist also soviel wie Scheelsucht (lat. invidia). Diese schrieben die alten Römer und Griechen sogar ihren Göttern zu, die dem Menschen das Glück neideten, wie Schiller in seinem „9ihtg des Polykrates" und dies voriührt (, Mir I grauet vor der Götter Neide"). Ein Rest dieser heidnischen Vorstellung lebt noch heute auch im deutschen Volke. So sagt Friedr. Will;. Weber in „Dreizehnlinden": „Wäre nicht der Neid der Gotter, Menschen könnten glücklich werden." Und die „Deutsche Kolonialzestung" Nr. 17 vom 27. 4. 12 schreibt S. 272 in ihrem Bericht über die Eröffnung des Stuttgarter Linden-Museums, „ein neidisches Geschick" habe dessen Schöpser, den Grasen Karl v. Linden, die glanzvolle Eimveihungsieier nicht mehr erleben lassen. — Der Neid ist etwas schlechthin Verwerfliches. Das drückt unsere deutsche Sprache klar und bestimmt durch die stehenden Eigenschafts- und Beiwörter aus, die sie dem Neide beilegt; so spricht sie vom hageren, dürren, scheelen, giftigen Neid; sie n ennt ihn gelb, grün, bleich, blaß. Schon die dem 13. Jahrhundert entstandene Spruchsammlung des Freidank sagt: gel, grüene, weitin [= roeibfatbig, bläulich), daz sol diu nitvartve sin. Und noch Schiller spricht gleicherweise: „Und noch dazu die Wangen gelb und grün, des giit'gen Neides sichtbarliche ©träfe." Die Verwerflichkeit des Neides spricht sich aus in den Ausdrücken Neidhals, Neidkragen, Neidsack, Neidhammel, Neid Hund, Neidhart (Goethe: Der schlimmste Neidhart ist in der Weli, der jeden für seinesgleichen hält). Auch Brotneid, Handwerksneid, Handels nei b, Künstler- ueid schließen int Volksmunde einen Tadel ein. — DasSprich- wort verwirft den Neid: „Der Neid frißt seinen eigenen Herrn"; „Neid ist sein eigen Henker"; „Wer neidet, der leidet"; „Netd ist Eiter in Beinen" (Sprüche Sal. 14, 30). — Daß auch schon die Alten den Neid verworfen haben, ersehen wir aus der Fabel des Vhädrus (unter Kaiser Augustus und Tiberius): „Der geborstene (geplatzte) Frosch und der Ochse", von der unsere Redensart stammt: „vor Neid bersten (platzen)". Auch Ovid (ebenfalls unter Kaiser Augustus) schildert in seinen „Verwandlungen" (II 775) die Göttin der Scheelsucht (die Invidia);
„Blässe,wohnt im Gesicht und Magerkeit rings an den Gliedern; Seitwärts schielet der Bsick; gelb steh'n roll Rostes die Zähne; Grün ist von Galle die <£ruft, und von Gift umflossen die Zunge."
* Treue. Diener (eines tiefverschiflbeten Barons, vor einem Bordeauxfaß hockend): „Solang' von bem Weiüerl noch ein Tropfen da ist, verlaß' ich meinen lieben, guten Herrn nicht!"
Büchertisch.
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Magisches Dreieck.
In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben a a a b e e g gnnnnrss derart einzutragen, daß die einander ent- sprecheuden fvagerechten und senkrechten Reiheff gleichlauiend folgendes bebeuten:
1. Mädchennamen.
2. Ungarisches Komilat.
3. Nebenfluß der Donau.
4. Teil voif Spanien.
5. Einen Buchstaben.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Wer zfi sehr sich entschuldigt, beschuldigt sich.
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießet


